Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich

Tel. +41 44-350 65 50
Fax +41 44-350 65 51
Zeit-Fragen - Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung
Sie sind hier:   Startseite  >  2008  >  Nr.6 vom 4.2.2008  >  Wie geht es den Kindern im Irak? Druckversion

Wie geht es den Kindern im Irak?

Ein Gespräch mit einem irakischen Kinderarzt

as. Ein im Irak arbeitender Kinderarzt berichtet über die psychische Situation der Kinder im Irak.
Sein Bericht macht deutlich, dass die geschilderten Probleme nur gelöst werden können, wenn die Menschheit zur Vernunft zurückkehrt, wenn jeder sich seiner persönlichen Bilanz stellt, was er angesichts schwerer humanitärer Probleme tut oder unterlässt, sich berühren lässt oder abwendet, seine Stimme gegen den Krieg erhebt oder schweigt.

Zeit-Fragen: Sie kommen direkt aus dem Irak und arbeiten als Kinderarzt in einem Krankenhaus des Irak. Uns erreichen Nachrichten von schweren Gesundheitsproblemen der Kinder und dem Mangel an medizinischer Versorgung. Wie ist es um die seelische Situation der Kinder bestellt?
Dr. med. M.: Als Pädiater sehe ich Kinder, die wegen organischer Erkrankungen zu uns ins Krankenhaus kommen. Meist bleiben die Mütter bei ihnen und übernehmen pflegerische Tätigkeiten, die wir leider nicht leisten können. Sie leben im Zimmer zu 8 bis 10 Patienten und zusätzlich auch die Mütter.
Nicht immer können die Mütter ihre Kinder begleiten. Manche sind verwitwet oder auch wenn der Vater da ist, haben sie niemanden, der auf die Geschwister aufpassen würde. So sind auch Kinder alleine im Krankenhaus. Keiner schaut nach diesen Kindern während des Aufenthaltes. Oft nehmen sich zum Glück die Mütter von Mitpatienten dieser Kinder an. Die Familien leben überwiegend in grösster Armut. Die Armut ist so gross, dass viele Kinder nicht einmal ins Krankenhaus gebracht werden, weil die Fahrtkosten nicht aufgetrieben werden können.
Die Kinder, die ich im Krankenhaus sehe, haben häufig grosse Angst. Sie weinen lautlos in sich hinein, sind kaum ansprechbar, sie können nicht sagen, wie es ihnen geht. Wir haben sogar ein Spielzimmer im Krankenhaus. Doch meist gehen die Kinder nicht dorthin. Sie wollen oft über Tage nicht spielen, zeigen auch kein Interesse an anderen Kindern. Wenn sie sprechen, sprechen sie über den Krieg, Waffen, den Tod. Manche sind seelisch so niedergeschlagen, dass sie das Essen verweigern. Sie leiden sehr unter den unsichtbaren Verletzungen, die der Krieg verursacht hat. Sie sind traumatisiert. Ebenso sehe ich, dass Kinder aggressiv werden, auch sogar gegen ihre Angehörigen oder gegen Mitpatienten. Diesen Kindern wurde ihr Mensch-Sein gestohlen.

Die Kinder im Irak leben und erleben keine normale Kindheit. Wenn wir vorausdenken, was diese schweren seelischen Traumatisierungen für ihr späteres Leben bedeuten und für die Gesellschaft als Ganzes, ahnen wir, dass das seelische Elend nicht enden wird, wenn die Lebensumstände eines Tages wieder besser werden sollten. Können Sie uns von einzelnen Kindern berichten?
Ein 13jähriges Mädchen, das wegen eines Retinablastoms (bösartiger Tumor der Netzhaut) in unser Krankenhaus kam, weinte die ganze Zeit. Vermutlich begann ihre Traumatisierung vor 10 Jahren mit der Ermordung ihres Vaters. Ihre Mutter war verwitwet und muss­te sie alleine bei uns lassen, da sie niemanden hatte, der auf die kleineren Halbgeschwister aufpassen würde. Sabrin weinte, zeigte kein Interesse an anderen Kindern, 2 Tage lang verweigerte sie das Essen, bis die Mutter eines Mitpatienten den Zugang zu ihr fand und sie mit Essen versorgte.

Wie ist die Situation der Mütter?
Viele Mütter haben selbst den Lebensmut verloren, sie sind erschöpft, selbst traumatisiert. Haben ihr Zuhause verloren, sie haben keinen sicheren Ort mehr, an dem sie leben können, sie fühlen die Gefahr der unsicheren Umgebung. Viele leben vom Betteln oder dem harten Strassenverkauf von in Plastikbehältern abgefülltem Benzin oder ein paar Handarbeiten. Einige Frauen haben keinen Mann mehr, er wurde im Krieg erschossen oder kam krank oder behindert daraus zurück. Dann müssen die Mütter oft alleine für die Kinder sorgen, damit diese nicht verhungern. So wurde ein Junge von seinem 78jährigen Grossvater in unser Krankenhaus gebracht. Doch als dieser dann selbst krank wurde, konnte niemand den Jungen zu der dringend erforderlichen Nachbehandlung bringen, und er starb.
Wenn die Mutter selbst auf Grund der leidvollen Lebenssituation voller Angst ist oder depressiv, sehen wir, dass das Kind in der selben Gemütslage ist wie die Mutter. Es spürt die seelische Gestimmtheit der Mutter und hat auch Angst oder fühlt sich hoffnungslos.

Ist irgendwo dokumentiert, wie hoch der Anteil an seelisch traumatisierten Kindern im Irak ist?
Es ist eine Katastrophe, dass wir in unserem Land keine Kinder- und Jugendpsychiater haben und natürlich keine Traumatherapeuten, die mit unseren Kindern arbeiten könnten.
Eine statistische Erhebung liegt mir nicht vor. Wir haben keine Fachkräfte, die eine solche Untersuchung durchführen könnten. Wenn ich mit Kindern auch im Schulalter ausserhalb des Krankenhauses Kontakt habe, beobachte ich die Symptome seelischer Traumatisierung: Die Kinder bleiben eng bei ihrer Mutter, verstecken sich hinter ihrem Rücken. Sie zeigen wenig Interesse an ihrer Umwelt, weinen, ohne dass etwas vorgefallen wäre, sie sind traurig und niedergeschlagen. Ich gehe davon aus, dass nur etwa 20% der Kinder, die derzeit im Irak aufwachsen, überhaupt eine Kindheit durchleben, die nicht von ernsten seelischen Traumatisierungen gekennzeichnet ist. Selbst bei diesen 20% bin ich nicht sicher, ob sie frei von seelischen Beeinträchtigungen sind. In jedem Haushalt steht ein Gewehr, eine Waffe. Der Krieg ist allgegenwärtig und somit die Unsicherheit, die Not und die Angst.

Ihre Schilderungen machen uns sehr besorgt. Auf dem Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie von 2004 wurde die Traumatisierung der Kinder durch Terrorismus, Krieg und Katastrophen thematisiert. Dort wurde betont, dass die schwer traumatisierten Kinder unbedingt behandelt werden müss­ten, da ansonsten die Gefahr bestehe, dass sie ihr ganzes Leben unter den Folgen zu leiden hätten.
Unglücklicherweise ist unser Land in so schwerer Not, wirtschaftlich mit einer drückenden Armut, personell, weil etwa die Hälfte unserer Fachkräfte, wie Ärzte, das Land verlassen haben, sozial, weil viele Frauen verwitwet sind und ihre Häuser zerstört wurden, und gesundheitlich durch das Fehlen von medizinischer Versorgung wie Medikamenten, Injektionsnadeln. So bleibt die seelische Situation der Kinder unbehandelt. Wir bitten die westliche Welt auch hier um ihr Mitdenken, um ihre Hilfe.     ?