Die britische Erfahrung
Am 5. März verkündete die Bank of England (BoE), dass sie ihre Leitzinsen um die Hälfte von 1,0% auf 0,5% herabsetze. Im wesentlichen werden mit diesem Schritt die britischen Sätze überhaupt gestrichen, und die britische Zentralbank schliesst sich damit ihren Pendants in den USA und in Japan in allem an, mit Ausnahme der Streichung des Diskonts, der Geschäftsbanken in Rechnung gestellt wird, wenn sie «Überschussreserven» der Zentralbank kaufen (Kredit aufnehmen) wollen.
Dieser Schritt war fast weltweit erwartet worden, und dieses Ereignis war den Medien nicht viel «Tinte» wert, um darüber zu berichten.
Viel «Tinte», ja ganze Ozeane davon wert war allerdings die Ankündigung des Gouverneurs der BoE, Mervyn King, die Bank habe entschieden, neues Geld direkt in die Wirtschaft zu pumpen, indem sie es drucken und dazu einsetzen werde, Staatsanleihen der britischen Regierung zu kaufen. Diese «Entscheidung» wurde gefällt, nachdem der britische Finanzminister Alistair Darling die Erlaubnis dafür zugesichert hatte. Wie Herrn Darlings Pendant auf der Oppositionsbank, der Schattenkanzler, hervorhob: «Das bedeutet wirklich Geld drucken, aber da alle anderen Massnahmen der Regierung nicht funktioniert haben, denke ich, dass die Bank of England keine andere Wahl hatte.» Wie man diesem Zitat entnehmen kann, wurde diese Entscheidung im wesentlichen von beiden Parteien getragen.
Nicht vergessen sollte man auch, dass Grossbritannien die erste angelsächsische Nation war, die mit dem Nationalisierungsprozess ihres Banksystems begonnen hatte, und zwar mit der Übernahme von Northern Rock im Februar 2008. Ein Jahr später, im Februar 2009, verkündete die BoE ihre neuerliche Senkung der Leitzinsen von 1,5% auf 1,0%. Viel zu wenig Beachtung in den Medien fand eine bemerkenswerte Besonderheit, nämlich der Proteststurm, den dieser Schritt bei der britischen Bevölkerung auslöste.
Der Protest war keineswegs auf diejenigen beschränkt, von denen man es erwartet hätte, Rentner und Menschen mit festem Einkommen; er ging quer durch die ganze Nation. Kleine Unternehmen waren dagegen, ebenso Lohn- und Gehaltsempfänger. Selbst eine grosse Zahl von Hypothekarschuldnern war dagegen, da sie sehr klar erkannten, dass jeder möglicherweise bei den Hypothekenraten eingesparte Betrag durch den potentiellen Fall des Wiederverkaufswerts ihres Eigentums mehr als aufgezehrt würde.
In den letzten Februar-Tagen wurde berichtet, dass die Sparer Grossbritanniens die Rekordsumme von 2,3 Milliarden Pfund von ihren Bankkonten abgehoben hatten. In der zwölfjährigen Geschichte der Erhebung war dies die grösste monatlich je zurückgezogene Summe, die den vorhergehenden Rekordmonat um 800 Millionen Pfund oder 53% übertraf. Man wies darauf hin, dass die BoE seit Mitte 2008 ihre Zinssätze von 5,0% auf 1,0% gesenkt hatte. Dies bedeutete, dass ein Sparer, der 100 000 Pfund als Einlage auf der Bank hatte, seinen jährlichen Nettoertrag von 3700 auf 290 Pfund fallen sah. Trotz der «Regierungsgarantien» lohnte es schlicht nicht mehr, Geld auf der Bank zu haben. •
Quelle: The Privateer, Nr. 624, März 2009
(Übersetzung Zeit-Fragen)
Die Gordon-Brown-Show
Gordon Brown ist Premierminister von Grossbritannien. Am 4. März, dem Tag bevor die Bank of England (BoE) ihre Entscheidung, Geld zu drucken, ankündigte, hielt er eine Ansprache vor dem US-Kongress. Die versammelten Politiker waren davon ausserordentlich angetan und spendeten ihm im Verlaufe seiner Rede 19mal stehende Ovationen. Seine Ausführungen bestanden aus der wiederholten Behauptung, die Welt werde sich bald aus der Asche der aktuellen Finanzkrise erheben, und zwar durch den «bold economic plan to restore prosperity» – den mutigen Plan zur Wiederherstellung wirtschaftlicher Blüte –, den er in Grossbritannien und Herr Obama in den Vereinigten Staaten so heldenhaft ausgeheckt hätten. «[…] dies ist kein blinder Optimismus oder künstliche Zuversicht, um die Menschen zu beruhigen», sagte Herr Brown, «es ist die praktische Bestätigung in unserer Zeit für unser Vertrauen in eine bessere Zukunft.»
Tatsächlich? Der Privateer hat sich jahrelang mit der Analyse und dem Erklären von «praktischen» Schritten beschäftigt, die von Regierungen und dem Zentralbanken- und Handelsbankensystem, das sie überwachen, unternommen worden sind. […]
Vor zehn Jahren war Gordon Brown Finanzminister unter Premierminister Tony Blair. Im Mai 1999 erteilte er der Bank of England die Erlaubnis, den Beginn von Gold-Auktionen anzukündigen. Zwischen Juli 1999 und März 2002 hielt die Bank of England 17 solche Gold-Auktionen ab, in deren Verlauf sie sich von insgesamt rund 400 Tonnen Gold trennte. Der durchschnittliche «Preis», der im Zuge dieser Auktionen für das Gold erzielt wurde, lag bei ungefähr 275 Dollar pro Unze. Man beachte, dass der Zeitraum, in dem die Auktionen abgehalten wurden – Juli 1999 bis März 2002 – nahezu perfekt dem Tiefststand des Goldpreises entspricht, von dem aus dann die gegenwärtige weltweite Goldhausse begann.
Zehn Jahre später hat Herr Brown wieder «entschieden». Diesmal druckt die Bank of England «Geld». Es ist dies eine letzte verzweifelte Anstrengung, um ein System zu retten, dessen Schicksal – insbesondere in Grossbritannien – besiegelt war, als die Bank of England vor fast einem Jahrzehnt begann, ganz offen Gold zu verkaufen und den Erlös dazu zu nutzen, US-amerikanische Schuldbriefe zu kaufen.
Quelle: The Privateer, Nr. 624, März 2009
(Übersetzung Zeit-Fragen)