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Eine Alternative: auf einem ethischen Kodex gründende Kreditmechanismen

Vorschläge und Ideen aus dem islamischen Finanzwesen für die Krise des Westens

von Loretta Napoleoni und Claudia Segre*

Wir publizieren grössere Auszüge aus dem Artikel «Kann der Islam dem westlichen Finanzwesen helfen?», der in der nächsten Nummer der Zeitschrift «Vita e Pensiero» erscheinen wird.

Es muss daran erinnert werden, dass sich bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Verfechter der Prinzipien und die Freunde des islamischen Finanzwesens wiederholt unzufrieden über das Vordringen des Kapitalismus in die muslimischen Länder äusserten. Es wurden verschiedene Rechtsgutachten (Fatwa) publiziert, um zu bekräftigen, dass Aktivitäten, die sich auf das Zinssystem der Banken der «Kolonisatoren» stützen, nicht mit der Scharia vereinbaren lassen. Die einzigen Banken in der muslimischen Welt waren westlicher Prägung. Die muslimische Bevölkerung musste davon Gebrauch machen, obwohl es sich von ihrem Standpunkt aus um unzulässige und von ihrem geltenden Religionsgesetz verbotene Aktivitäten handelte, die jedoch das gesamte sozial-ökonomische Gefüge ihrer Länder durchdrangen. Ab Mitte der 50er Jahre bis Mitte der 70er Jahre konzentrierten sich Wirtschaftswissenschafter, Finanziers, Gelehrte der Scharia und Intellektuelle auf die mögliche Abschaffung des Zinssatzes und versuchten alternative Finanzinstitutionen aufzubauen. Diese sollten «Scharia-kompatibel» sein und sich nach den islamischen Regeln des Zinsverbots, das heisst dem Verbot von Zinszahlungen als Belohnung am Tag des Ablaufs richten. Bei einem neuen islamischen Wirtschaftssystem wäre es ausserdem notwendig, die Verpflichtung der muslimischen Gläubigen, gemäss ihrem Vermögen Almosen zu spenden (Zakat), zu berücksichtigen, anstelle anderweitiger Finanzierungsformen der Pilgerfahrten nach Mekka. Die ersten vorgeschlagenen Lösungen im Bereich angewandter islamischer Wirtschaft kamen in den 50er Jahren in Kuala Lumpur in Malaysia und im südlichen Teil von Ägypten zur Anwendung. Der Versuch in Malaysia war von der Leitung und mit Geldmitteln der malaysischen Pilger gefördert und von der Regierung unterstützt worden. Diese überwachte unter anderem die Finanzinstitutionen bei der Anlage der Ersparnisse und den entsprechenden Investitionen in Übereinstimmung mit der Scharia. Das grundlegendste und bekannteste Element der Funktionsweise des islamischen Bankenwesens ist die Weigerung, Zinsen als Komponente bei Krediten oder als integrierten Teil anderer Operationen einzusetzen. So müssen alternative Wirkungsweisen gefunden werden, die in der Lage sind, die Rücklaufraten des Kapitals und der Investitionen unter Einhaltung der ethischen Grundsätze des Islams zu sichern. Die islamische Wirtschaft baut, anders als die herkömmliche Marktwirtschaft, auf den religiösen Prinzipien des Islams auf. Die Muslime müssen sich an die Scharia, das religiöse Gesetz, das ihr Leben steuert, halten. Die islamischen Aktivisten, die Intellektuellen, die Produzenten und die Religionsführer betonten immer die Gültigkeit des Zinsverbots, das Verbot von Glücksspielen und der Spekulation, verurteilten die Interessen der Darlehensgeber und klagten den Handel mit Wertpapieren an. Das Geld darf demzufolge nicht als Produkt an sich, um neues Geld zu generieren, verwendet werden. Kapitalanlagen, die alternativ verwaltet werden, und die gewöhnlichen und privilegierten Aktien werden von der islamischen Finanz vermieden, weil sie zur künstlichen Vermehrung von Geld führen. Das Geld soll produktives Mittel oder Instrument sein. Dies ist das Prinzip, das bei den sogenannten Sukuk-Anleihen Anwendung findet. Diese islamischen Anleihen sind immer mit einer realen Investition verbunden, beispielsweise um den Bau einer Strasse oder eines Gebäudes zu bezahlen, und haben keinen spekulativen Zweck. Dieses Prinzip entspricht der Scharia und den im Islam verbotenen, unethischen Aktivitäten (Haram), wie die Produktion und den Verkauf von Waffen, den Handel mit Tabak, Alkohol, Pornografie und das Glücksspiel. Im wesentlichen ist so mit der Suche nach einer ethisch vertretbaren und mit der Scharia verträglichen Form ein ausserordentlicher Zusammenschluss entstanden. Gut situierte Gelehrte und Wissenschafter, die der Scharia verpflichtet sind, begannen im Interesse eines stärkeren islamischen Finanzwesens zusammenzuarbeiten. Diese ungewöhnliche Interessengemeinschaft ist ein einmaliges Phänomen in der modernen Wirtschaft, hat aber tatsächlich das Fundament für ein neues Wirtschaftssystem gelegt. Die wichtigste Unterscheidung zwischen dem Ansatz des konventionellen Finanzwesens und der islamischen Finanz manifestiert sich im Konzept der Umma. Mit Umma wird die religiöse Gemeinschaft aller Muslime und ihre gemeinsame Anstrengung, wie ein Einzelwesen zu atmen, zu denken und zu beten, bezeichnet. Das ist die Seele des Islam. Der Individualismus ist im Islam unbekannt, weil er den Stammeskulturen fremd ist. Starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, die Pflicht, Freunde in der Not zu unterstützen, sowie das Akzeptieren der Autorität der religiösen Führer sind die traditionellen Werte dieser Kulturen. Diese Werte verpflanzten die Gelehrten der Scharia in die islamische Wirtschaft. Diese Prinzipien ermöglichten den Beduinen während Jahrhunderten, trotz der Rauheit der Wüstenumgebung ihr hartes Leben zu meistern. Wenn die Umma das Herz der islamischen Wirtschaft ist, ist der Gemeinschaftssinn sein Herzschlag. Wir denken, dass die islamische Finanzwelt Regeln zur Neugründung der westlichen Finanz beitragen kann, da wir eine Krise bewältigen müssen, die nach der Überwindung der ersten Liquiditätsprobleme vorrangig eine Vertrauenskrise gegenüber dem System geworden ist. Das internationale Bankensystem braucht Instrumente, die die Ethik der Geschäfte ins Zentrum rücken, Instrumente, die es ermöglichen, Liquidität zu sammeln, und die mithelfen, das Ansehen eines kapitalistischen Modells, das versagt hat, wiederaufzubauen. Die Leute wollen sichere Investitionen und beginnen darum wieder vermehrt, Regierungstitel zu kaufen. Aber die Renditen sinken ständig und befinden sich bald bei Null. Die westlichen Banken könnten das Garantiesystem der Sukuk (islamischen Anleihen) ändern oder direkt in dieser Form herausgeben, um zu erreichen, dass das wirtschaftliche Wachstum stimuliert wird. Die Sukuk könnten beispielsweise in der gepeinigten Autoindustrie zur Anwendung kommen oder zur Finanzierung der nächsten Olympiade in London. Gegenüber der Krise von 1929 bildete sich als Folge ein Überschuss an stillgelegter Liquidität, die in Bewegung gesetzt werden muss, und der Sukuk könnte ein dazu geeignetes Mittel sein. Die ethischen Prinzipien, die das Wesen der islamischen Finanz ausmachen, könnten die Banken wieder näher zu ihren Kunden bringen und ihre Dienstleistungen so ausgestalten, dass ein wirklicher Geist der Hilfeleistung jeden Bankdienst auszeichnet. •

Quelle: Erstveröffentlichung im Osservatore Romano vom 4.3.2009 (Übersetzung Zeit-Fragen)

*Loretta Napoleoni ist gebürtige Italienerin und arbeitet als Wirtschaftswissenschaftlerin für mehrere Banken und internationale Organisationen wie die UN in Europa und den USA. Daneben war sie als Auslandskorrespondentin für italienische Finanzjournale tätig. Sie ist Autorin u.a. von „Die Zuhälter der Globalisierung. Über Oligarchen, Hedge Fonds, ’Ndrangheta, Drogenkartelle und andere parasitäre Systeme“. Riemann Verlag, München 2008 und „Die Ökonomie des Terrors - Auf den Spuren der Dollars hinter dem Terrorismus“. Antje Kunstmann Verlag, München 2005   
Claudia Segre ist Finanzanalystin und Abteilungsleiterin einer Bank in Mailand. Sie ist Vizepräsidentin von Assiom (Associazione italiana operatori mercati dei capitali).

fg. In seinem Verbot der Verzinsung erinnert uns der Islam an die frühe christliche Tradition, die in der Summe der Theologie des heiligen Thomas von Aquin (geschriebenen zwischen 1266 und 1273) aufgenommen wurde. Thomas von Aquin stützt sich dabei auch auf die Lehre von Aristoteles, wonach das Geld keine Kinder gebären kann. Die Verzinsung wird als ungerechtes, entehrendes und naturwidriges Mittel, das Gut des Nächsten an sich zu raffen, charakterisiert. Jeder Zins, jeder zusätzliche Gewinn auf ein Kapital, das durch einen einfachen Kredit ausgeliehen wurde, ist verboten. Der Zins ist nur dann legitimiert, wenn ein Grund ausserhalb von diesem Kredit – z. B. ein Verlustrisiko des ausgeliehenen Betrags – vorhanden ist.