Es reicht für alle – aber nicht für alles
von Gabriela Neuhaus
Mit seiner Forderung nach einer nachhaltigen, kleinbäuerlichen Landwirtschaft sorgte der Weltagrarbericht im April 2008 für Aufsehen. Hans Herren*, stellvertretender Vorsitzender des Weltagrarrates, ist seither rund um den Globus unterwegs, um dringend nötige Verhaltensänderungen – zum Beispiel in der Landwirtschaftspolitik, aber auch bei den Konsumenten – zu propagieren.
Eine Welt: Wie viele Menschen kann die Welt nachhaltig ernähren?
Hans Herren: Viele sagen, es gebe keine Limite – vor allem, weil man damit rechnet, dass wir in 50 Jahren nochmals 2,5 Milliarden mehr sein werden und die Bevölkerung danach wieder zurückgehen wird. Wir könnten heute schon genug produzieren – auch für zusätzliche 2,5 Milliarden Menschen, wenn man nicht die Hälfte dessen, was man produziert, vergammeln liesse. Dazu kommt all das, was heute schon von den Autos verfahren wird. Wir können genügend produzieren – es fragt sich nur wie, wo und zu welchem Preis.
Welches sind die drei wichtigsten Punkte für eine nachhaltige Ernährungssicherung?
Erstens: Die Landwirtschaft ist wichtig für das Überleben der Menschen, nicht nur wegen der Nahrung. Wasser, Luft, unsere ganze Umwelt braucht eine Landwirtschaft, die Ökosystem-Dienstleistungen gewährleistet. Zweitens müssen wir einen Lebensraum erhalten, in dem Menschen glücklich sein können. Das heisst, man will eine schöne, vielfältige Umwelt und nicht nur grosse Mais- oder Sojafelder in einer menschenleeren Landschaft. Und drittens brauchen wir eine Landwirtschaft, die den Entwicklungsländern hilft, die Armut zu überwinden. Das heisst auch, dass wir im Norden nicht mehr mit Hilfe von Direktzahlungen Überschüsse produzieren dürfen, die in den Süden fliessen und den Bauern dort die Existenz zerstören. Vor allem in Ländern, wo es an der Infrastruktur fehlt, ist es sehr schwierig, landwirtschaftliche Güter auf den Markt zu bringen – und auch die Inputs kommen vom Markt nicht auf die Felder. Da funktioniert der ganze Zyklus nicht. Das alles ist eine Frage der Investitionen.
Wo müsste man ansetzen?
Bauern müssen für ihre Dienstleistungen an den Ökosystemen bezahlt werden. Mit Investitionen in die Verbesserung der Böden, zum Beispiel auch mit dem Einlagern von CO2, könnte die Produktion enorm gesteigert werden – damit würden die Bauern gleich doppelt gewinnen. Mit solchen Massnahmen kann man schon morgen beginnen. Da braucht man nicht mehr lange zu forschen.
Als der Weltagrarbericht im April 2008 erschien, fand er grosse Beachtung. Mittlerweile ist er nicht mehr in den Schlagzeilen – wie beurteilen Sie seine Wirkung aus heutiger Sicht?
Das Interesse hat noch zugenommen: Heute gibt es Bestrebungen, die Arbeit des Weltagrarrates fortzusetzen und die Berichterstattung über die Entwicklung in der Landwirtschaft zu institutionalisieren. Im April 2008 war der Druck, angesichts der akuten Hungerkrisen sofort zu handeln, sehr gross. Leider haben unnachhaltige Methoden der Ernährungssicherung, wie die Lieferung von Dünger und Nahrungsmittelhilfe, immer noch einen grossen Stellenwert. Insbesondere die Industrie propagiert einmal mehr die Gentechnologie als Lösung für künftige Hungerprobleme. Dabei wissen wir heute, auch aus den Erfahrungen der grünen Revolution, dass solche Hungerzyklen immer wieder kommen, wenn man nicht nachhaltig arbeitet.
Sie plädieren für eine kleinbäuerlich strukturierte Landwirtschaft, die mit den Ressourcen der Natur arbeitet. Wie kann damit genügend produziert werden?
Wichtig ist, dass die Bauern von ihren Produkten leben können, dass für sie der Preis stimmt. Die Menschen müssen sich daran gewöhnen, dass gute Nahrungsmittel etwas mehr kosten. Im Norden können wir uns das gut leisten, im Süden ist das anders. Trotzdem wäre es falsch, die Nahrungsmittel dort billig zu halten, weil dann der Bauer arm bleibt. Wir müssen in den Entwicklungsländern investieren, damit die Konsumenten Arbeit finden und mehr Geld zur Verfügung haben: Strassen bauen, Eisenbahnen und Industrien, welche die landwirtschaftlichen Produkte umsetzen. Heute wird das meiste als Rohmaterial verkauft und exportiert. In Kenia zum Beispiel verfaulen die Mangos unter den Bäumen, während das Konzentrat für den Mangosaft, der in den Supermärkten von Nairobi verkauft wird, aus Pakistan kommt. Die Transportkosten sind zu billig, deshalb lohnt es sich nicht, in Kenia oder im Sudan eine solche Fabrik aufzustellen. Das ist ein weiteres Problem: Freihandel fördert nicht die lokale Ökonomie.
Müssen wir Abschied nehmen vom weltweiten Handel?
Globaler Handel geht nur mit billigem Öl. Es ist ja schön, im Winter Erdbeeren zu essen. Aber wenn man die realen Kosten berechnet, kann man sich das gar nicht leisten. Kommt dazu, dass die Ressourcen nicht reichen, wenn alle so konsumieren wollten, wie wir es tun. Wollen wir aber jenen im Süden helfen, ein besseres Leben zu haben, müssen wir konsequent sein und selber zurückstecken.
Was heisst das konkret?
Wir müssen anders leben, zum Beispiel weniger oder gar kein Fleisch essen. Damit könnte sehr viel Landverbrauch eingespart werden. Zudem müsste mehr lokal produziert werden. Allerdings muss man genau überlegen, was Sinn macht, denn manche lokalen Produkte kosten mehr Energie als solche von etwas weiter her. Vielleicht brauchen wir auch ein neues Label, das zeigt, wieviel eine Kalorie bei einem gewissen Produkt kostet. Fest steht, dass wir handeln müssen. Denn wenn wir so weitermachen wie bisher, kann das vielleicht noch 10 oder 15 Jahre gehen – den Preis dafür werden unsere Kinder bezahlen. •
Quelle: Der Artikel erschien in der Nummer 1/2009 von Eine Welt, Magazin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza.
*Der Schweizer Agronom Hans Herren gehört zu den weltweit führenden Wissenschaftlern im Bereich des biologischen Pflanzenschutzes. Für seine bahnbrechenden Arbeiten in Afrika wurde er 1995 mit dem renommierten Welternährungspreis ausgezeichnet. Herren war u.a. langjähriger Direktor des International Centre of Insect Physiology and Ecology (ICIPE) in Kenia, wo er integrierte Programme für die Gesundheit von Mensch, Tier, Pflanzen und Umwelt entwickelte. Seit 2005 befasst er sich als Direktor des Millennium-Institutes mit der Erarbeitung von Programmen und Instrumenten zur Erreichung der Millenniums-Ziele in Entwicklungsländern. Zusammen mit Judi Wakhungu vom African Centre for Technology Studies leitete Hans Herren während vier Jahren zudem das Assessment of Agricultural Knowledge, Science & Technology (IAASTD), das dem Weltagrarbericht zugrunde liegt.
Der Weltagrarbericht
Der Weltagrar- oder IAASTD-Bericht wurde ursprünglich von der Weltbank in Auftrag gegeben, um – ähnlich wie beim Klimabericht – eine umfassende Analyse der Situation als Basis für künftige Entwicklungen in der Landwirtschaft zur Verfügung zu haben. Am vierjährigen Prozess zur Erarbeitung der Studie beteiligten sich Interessenvertreter aus allen betroffenen Bereichen, unter anderem Bauern-, Konsumenten- und Umweltorganisationen, die Privatwirtschaft sowie verschiedene UN-Organisationen. Die Publikation des Berichts im April 2008 sorgte für Schlagzeilen: Einerseits, weil zu diesem Zeitpunkt die Getreidepreise an den internationalen Börsen Höchststände notierten und in verschiedenen Regionen akute Hungerkrisen drohten, vor allem aber, weil er in seinen Empfehlungen der industriellen Landwirtschaft und der grünen Gentechnologie eine Absage erteilt und zum Schluss kommt, dass eine kleinbäuerlich strukturierte Landwirtschaft die beste Garantin für eine nachhaltige Ernährungssicherung sei.