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Wenn für «just in time» die Zeit davonläuft

Vor der japanischen Erfindung der «Just in time»-Lieferungen Mitte der 50er Jahre hielten die meisten Fabriken grössere Lagerbestände der für ihre Produkte notwendigen Komponenten. Diese Bestände ermöglichten den Firmen, auch bei vorübergehenden Lieferunterbrechungen weiter produzieren zu können. Das ist heute nicht mehr der Fall – die plausible wirtschaftliche Begründung lautet, dass das Halten grosser Lagerbestände Geld kostet. Heute halten die meisten Fabriken nur noch Lagerbestände für einen Produktionszeitraum von drei bis fünf Tagen – oder noch weniger.
Dies birgt die unmittelbare Gefahr in sich, dass ein massiver weltweiter Produktionsrückgang die Verbindungsglieder der globalen Produktionskette zerreisst. Eine Werkschliessung an einem Ort kann viele andere Firmen weltweit lahmlegen. Wenn der Hauptproduzent eines einfachen Teils, das für viele Produktionsprozesse benötigt wird, plötzlich seine Fabriktore schliesst, haben die verbleibenden Produzenten nicht die Kapazitäten, diese Produktionslücke zu schliessen. Tatsächliche Produktionseinstellungen sind andernorts die selbstverständliche Folge, und zwar so lange, bis das Teil irgendwo anders produziert werden kann. Das ist konkrete Realität – und eine unvermeidbare dazu.

Auch das Kreditwesen ist «just in time»

Gehen wir nochmals in die 50er Jahre zurück: Die meisten Betriebe stellten genügend flüssige oder sehr kurzfristig verfügbare Mittel bereit, um alle erwarteten Zahlungen für die kommenden 40 bis 100 Tage begleichen zu können. Damit besassen sie eine immense inhärente finanzielle Stabilität, wenn es bei einigen der Kunden zu Zahlungsverzögerungen kam. Heute hat das Prinzip des «just in time» auch hier die Oberhand gewonnen. Die meisten Betriebe haben nur noch das vorrätig, was «bar in der Kasse» ist. Die meisten nehmen nur sehr kurzfristig Kredite auf, wöchentlich oder sogar täglich. Die meisten modernen Betriebe verlassen sich auf  die Zahlungen ihrer Kunden, um ihre Kredite, selbst die kurzfristigen, begleichen zu können.
Deshalb ist die kritische Situation auf dem globalen Kreditmarkt so gefährlich für die Wirtschaft. Sie entwickelte sich von Kreditverzögerung zu einer Kreditkürzung und letztlich zu einer globalen Beschränkung der Kreditgeldmenge. Dieser Prozess hat die Firmen hart getroffen. Heute gibt es zahllose Firmen rund um die ganze Welt, die nicht mehr länger Zugang zu den üblichen «Just in time»-Finanzierungen bei ihren Banken haben. Da sie nur wenig bis gar keine liquiden Mittel haben, mit denen sie die normalen Zahlungen begleichen können, haben sie meist einen Zeithorizont von einer Woche bis zum Konkurs. Beraubt man sie ihrer kurzfristigen Geschäftskredite, dann haben sie keine andere Wahl, als ihre Tore zu schliessen, wenn all ihre Zulieferer nicht mehr länger auf die Zahlung warten können. Dies unterbricht die «Lieferkette» genauso wie die Situation bei den Lagerbeständen, nur geschieht es in diesem Fall aus finanziellen Gründen.
Heute suchen diese beiden Wirtschaftsereignisse die Welt heim. Das eine betrifft physisch die realen Güter. Das andere ist eine Finanzsache, aber in wirtschaftlicher Hinsicht genauso real. Zusammengenommen erklären diese beiden Merkmale den Zusammenbruch der weltweiten Produktion.    
«Just in time» bedeutet, dass Güter oder Bauteile von den Zulieferbetrieben erst bei Bedarf – zeitlich möglichst genau berechnet – direkt ans Montageband geliefert werden. •

Quelle: The Privateer, Nr. 624, März 2009
(Übersetzung Zeit-Fragen)