Die Killerspiele der US-Armee an ihren Ursprung zurückweisen
von Renate und Rudi Hänsel
In den 90er Jahren sind die Tötungssimulatoren, die zur Nahkampfausbildung bei der US-Armee und der Polizei verwendet wurden, vom Pentagon zur allgemeinen privaten Verwendung auf dem Markt freigegeben worden. In der Folge boomte die Computerspielindustrie, die von Anfang an eng mit dem Pentagon zusammengearbeitet hatte. Die sogenannten Killerspiele richteten seither unter Kindern und Jugendlichen grosses Unheil an.
«Kriegsspielzeug hat eine eindeutig kriegsfördernde Wirkung, der Schutz der Kinder ist höher zu werten als die Interessen der Spielzeugindustrie.»
Begründung zum Beschluss des Deutschen Bundestages am 23.6.1950
Diese elektronischen Trainingsprogramme der US-Armee zur Tötung von Menschen müssen zurück in die US-Kasernen, wo sie hergekommen sind. Aus der Zivilgesellschaft müssen sie vollständig verschwinden. Zur Ausbildung für Verbrechensbekämpfung und Landesverteidigung mögen sie geeignet sein, in den Kinderzimmern und Wohnstuben haben sie nichts verloren.
In Deutschland war man sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Gefahr, die davon ausgeht, dass man Kinder und Jugendliche mit Kriegsspielzeug Krieg spielen lässt, bewusster als heute: Frauen aus der CDU beantragten im Deutschen Bundestag die Ächtung von jeglichem Kriegsspielzeug. Diesem Antrag gab der Deutsche Bundstag am 23. Juni 1950 statt und beschloss ein «Verbot der Herstellung, des Vertriebs von Kriegsspielzeug jeglicher Art». Dieser Beschluss, der bis heute gültig ist, wurde folgendermassen begründet: «Kriegsspielzeug hat eine eindeutig kriegsfördernde Wirkung, der Schutz der Kinder ist höher zu werten als die Interessen der Spielzeugindustrie.» (www.schleidinger.com)
Heute ist der «mörderische» Einfluss von Killerspielen in unzähligen Studien eindeutig belegt, zuletzt in einer deutschen Längsschnittstudie (Hopf, Huber, Weiss, 2008): Von allen Faktoren, die Gewaltbereitschaft und Gewalthandlungen bei Kindern und Jugendlichen verstärken (Clique, Schule, Persönlichkeit, Elternhaus), ist der Einfluss von Gewaltspielen und anderer gewalthaltiger Medien der stärkste. Das heisst: Selbst wenn ein Jugendlicher nicht sozial vorbelastet ist, wirkt sich Mediengewalt direkt auf seine Gefühlswelt, seine Aggressions- und Gewaltbereitschaft aus. Das Spielen mit gewalthaltigen Computerspielen ist – nachgewiesen in dieser Studie – auch stärkster Risikofaktor für spätere Gewaltkriminalität. Auch der sucht- bildende Charakter der Computerspiele ist immer wieder nachgewiesen worden, zuletzt in einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), der grössten deutschen Jugendstudie zur Nutzung von Computerspielen vom März 2009. Die Hirnforschung (Hüther, Spitzer) hat diese Zusammenhänge ebenfalls erhärtet. («Wie das Gehirn Bildschirmgewalt verarbeitet»; «Neue Zürcher Zeitung» vom 21. Mai 2008)
«Es ist unerträglich, dass Hunderttausende Kinder und Jugendliche mehrere Stunden täglich gewaltverherrlichende Computerspiele konsumieren.»
Presseerklärung von Innenminister Joachim Herrmann, CSU, zum Gewaltmedienkongress in München vom November 2008; siehe Zeit-Fragen Nr. 50
In einer Analyse von 30 Schulmassakern seit 1995 kommt der Medienpsychologe Rudolf Weiss zum Ergebnis, dass fast in allen Fällen exzessiver Gewaltmedienkonsum eine herausragende Rolle spielte. Auch in den drei Fällen, wo eine psychotische Störung nachgewiesenermassen vorlag, spielten Gewaltspiele die die Tat auslösende Rolle.
All dies lässt nur einen Schluss zu, den der gesunde Menschenverstand schon lange gebietet: Die elektronischen Trainingsprogramme zur Tötung von Menschen müssen vom Markt genommen und von der Gesellschaft geächtet werden.
Dies fordern auch die Familien von ermordeten Schülerinnen aus Winnenden, dies verlangen der Deutsche Bundespräsident Horst Köhler sowie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Ebenso setzen sich für ein Verbot namhafte deutsche Kriminologen und Neurobiologen ein. Renommierte Medienwirkungsforscher aus Deutschland und den USA erheben diese Forderung schon seit Jahren.
In einem offenen Brief an Bundespräsident Köhler, Bundeskanzlerin Merkel und den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger schreiben die betroffenen Eltern von Winnenden: «Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden. Spiele, ob über Internet oder auf dem PC, die zum Ziel haben, möglichst viele Menschen umzubringen, gehören verboten.»
Bei der Trauerfeier für die Toten von Winnenden gibt Bundespräsident Köhler den Eltern recht: «Tun wir genug, um uns und unsere Kinder zu schützen? [...] Wir wissen doch schon lange, dass in ungezählten Filmen und Computerspielen extreme Gewalt, die Zurschaustellung zerstörter Körper und die Erniedrigung von Menschen im Vordergrund stehen. Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum dieser Produkte schadet? Ich finde jedenfalls: Dieser Art von Marktentwicklung sollte Einhalt geboten werden. Eltern und Angehörige von Opfern haben mir gesagt: ‹Wir wollen, dass sich etwas ändert.›» (Spiegel Online vom 21.3.2009)
Anknüpfend an eine Bundesratsinitiative zu einem Verbot von Herstellung, Vertrieb und Kauf von Killerspielen des ehemaligen bayerischen Innenministers Beckstein (CSU) vor zwei Jahren fordert Joachim Herrmann, der heutige bayerische Innenminister (CSU), ein Verbot von Computergewaltspielen: «Es sind Killerspiele auf dem Markt, die ‹völlig unerträglich› sind und bei jungen Menschen Hemmschwellen herabsetzen.» (www.sueddeutsche.de)
Die gleiche Forderung erhebt einer der renommiertesten deutschen Kriminologen, der Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung, Prof. Hans-Dieter Schwind – von 1987 bis 1990 Vorsitzender der Anti-Gewaltkommission der Bundesregierung, seit 2002 Vorstandsmitglied beim «Weissen Ring» und Begründer des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Nach dem Amoklauf von Winnenden spricht er sich für ein Totalverbot von Computergewaltspielen sowie für eine weitere Verschärfung des Waffenrechts aus (Gespräch mit «Neuer Osnabrücker Zeitung» vom 12.3.2009).
Schon vor Jahren zog eine Gruppe von Medienwirkungsforschern, seit kurzem im Verein «Mediengewalt – Internationale Forschung und Beratung e.V.» (www.mediengewalt.eu) zusammengeschlossen, das Fazit, dass die gefährlichen Produkte der Spiele-Industrie nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen gelangen dürfen. In ihrer Presseerklärung zu Winnenden schreiben sie: «Was wir zumindest einfordern, ist ein gesamtgesellschaftlicher Konsens über die Ächtung menschenverachtender Gewaltmedien.»
Der Medienwirkungsforscher Professor Lukesch, Vorstandsmitglied des Vereins, will, dass aggressive Spiele geächtet werden: «Es ist kein kultureller Verlust, wenn dieser ganze Schrott verschwindet und solche Computerspiele (Killerspiele) vom Markt genommen werden. […] Für die Computerspielindustrie ist es an der Zeit, sich von den aggressiven Spielen zu trennen und diesen menschenverachtenden Schrott nicht mehr zu verbreiten. Es sollte in der Gesellschaft geächtet werden, wenn jemand mit solchen Spielen Geld verdient.» («Aggressive Spiele müssen verschwinden», Faz.net vom 12.3.2009)
Auch in der Schweiz wurde von politischer Seite von SP-Grossrat Roland Näf 2008 eine «Standesinitiative zum Verbot von ‹Killerspielen›» in der Bundesversammlung eingebracht: Die Bundesversammlung wird ersucht, «für das folgende Anliegen die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen: Verbot der Herstellung, des Anpreisens, der Einfuhr, des Verkaufs und der Weitergabe von Spielprogrammen, in denen grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen zum Spielerfolg beitragen.»
Standesinitiative zum Verbot von «Killerspielen»
Gestützt auf Artikel 160 Absatz 1 der Bundesverfassung sowie Artikel 79 Absatz 1 b der Kantonsverfassung wird die Bundesversammlung ersucht, für das folgende Anliegen die Rechtsgrundlagen zu schaffen: Verbot der Herstellung, des Anpreisens, der Einfuhr, des Verkaufs und der Weitergabe von Spielprogrammen, in denen grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen zum Spielerfolg beitragen.
Motion von Roland Näf-Piera, Muri (SP)
Es ist an der Zeit, diese Bemühungen einzelner Länder, unsere Jugend wirksam zu schützen, zu vereinen, um zu einer internationalen Ächtung dieser «Landminen für die Seele» (koelner.aufruf@gmx.de) zu kommen. Internationale Organisationen wie Uno und Unesco müssen dabei helfen. Dann wird sich wirklich etwas ändern. •
«Das Europäische Parlament wünscht sich zum Schutz der Kinderrechte die Schaffung eines angemessenen, effektiven und verhältnismässigen Regelungssystems mit Dialog, das für Provider, Medien (öffentliche und private Fernsehkanäle, Werbung, Presse, Videospiele, Mobiltelefone und Internet) und die Industrie gelten sollte, um unter anderem die Übertragung kindergefährdender Bilder und Inhalte (einschliesslich Cyberbullying) und den Verkauf von Videospielen mit gewalttätigem Inhalt zu verbieten, da dieser zur Gewalt und zum Sexismus anstiften und deshalb für die psychische und physische Entwicklung des Kindes schädlich sein könne [...]»
EU-Kinderrechtsstrategie – Entschliessung des Europäischen Parlaments vom 16. Januar 2008 im Hinblick auf eine EU-Kinderrechtsstrategie (2007/2093 (INI))