Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich

Tel. +41 44-350 65 50
Fax +41 44-350 65 51
Zeit-Fragen - Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung
Sie sind hier:   Startseite  >  2009  >  Nr.24 vom 15.6.2009  >  Plädoyers für neue Prioritäten Druckversion

Plädoyers für neue Prioritäten

von Gisbert Otto

Immer häufiger werden Missstände, die heute die Menschen plagen, auch von prominenter Seite genannt. Die Stellungnahmen kommen aus unterschiedlichen Bereichen – der Tenor ist jedoch bei allen gleich. Er betrifft die Würde des Menschen – die Würde aller Menschen. Im Casinokapitalismus, dem seit 30 Jahren immer noch gehuldigt wird, wird sie mit Füssen getreten.

Vandana Shiva, indische Umweltaktivistin

In einem Spiegel-Online-Interview kritisiert Vandana Shiva den Konsumwahn, der sich so zerstörerisch auswirkt. «Die Automobilindustrie produziert zu viele Wagen […], und die Banken spekulieren ständig mit neuen Papieren. Statt das zu korrigieren, wird alles getan, um rettend einzugreifen. Das ist so, als hätte ein Luftballon ein Loch, und man pustet trotzdem weiter Luft hinein. Aber ein kaputter Ballon ist kaputt.»
Die Chance für eine Umkehr sieht sie jedoch nicht bei den Regierungen – diese seien zu schwerfällig – sondern beim Bürger. «Es sind die einfachen Bürger, die andere Ideen haben und sich für diese einsetzen müssen.» Das kann zum Beispiel Gartenarbeit sein. «Gärtnern kann die Welt retten. Wir sind an einem Punkt, an dem Gartenarbeit viel ändern kann – materiell, emotional und politisch. Jeder sollte gärtnern.» Zum Vorwurf, dass das naiv sei, sagt sie: «Das ist nicht naiv, das ist die Art, wie unser Planet funktioniert. Andere Lebewesen schaffen die Grundlagen für unser Leben, darum haben sie ein Recht auf Gleichberechtigung. Bäume beispielsweise geben uns den lebensnotwendigen Sauerstoff und haben ein Recht auf Wasser. Es ist dumm und arrogant, zu sagen, der Boden, das Wasser, die Luft – all das gehört den Menschen. Denn damit zerstören wir unsere Lebensgrundlagen. Besonders Männer mit Macht sind gut darin – sie haben uns auch in die momentane Krise gebracht.»
Allerdings gäbe es kaum weniger Kriege, wenn Frauen die Welt regierten. «Man könnte hundert Margret Thatchers haben und hätte mehr Kriege als jetzt. Die Strukturen bestimmen zu stark, was eine Person in einer bestimmten Position tut. Frauen, die an die Macht gekommen sind, konnten das nicht ändern, aber Frauen an der Basis können daran rütteln – auch weil ihre Fähigkeit, sich zu kümmern, besser ausgebildet ist. Das Engagement von Frauen ist die stärkste politische Kraft, die wir im Moment auf der Welt haben.»

Rolf Dörig, Verwaltungsratspräsident der Swiss Life

Swiss Life ist die älteste Lebensversicherung der Schweiz; sie ist Marktführerin in der finanziellen Vorsorge.
In einem Interview mit der schweizerischen Handelszeitung plädiert Rolf Dörig für eine Wirtschaft, die wieder unternehmerischer werden muss und auch gesellschaftliche Ziele verfolgt; blosse Gewinnmaximierung reiche nicht aus. «Wir brauchen in erster Linie Arbeitsplätze in der Schweiz und müssen hier produzieren können. Langfristig nützt es unserem Land wenig, wenn wir die weltweit grössten Konzerne angesiedelt haben, diese letztlich nur am Kapitalmarkt Geld machen, aber ihre Arbeitsplätze im Ausland haben. Wir müssen als Wirtschafts- und Produktionsstandort Schweiz unsere Interessen besser wahrnehmen. Gegenüber dem Ausland sollten wir mit sehr viel mehr Selbstvertrauen als starke und eigenständige Schweiz auftreten. Ich habe wenig Verständnis, wenn wir unsere über Jahrzehnte hinaus gewachsenen Rahmenbedingungen vorschnell anpassen und mit vorauseilendem Gehorsam den Musterschüler spielen wollen, nur weil einige Länder jetzt starken Druck auf uns ausüben.» – Zum Beispiel wegen des Bankgeheimnisses. «Es geht nicht, dass wir uns von einzelnen Grossmächten vorführen lassen. Das haben wir nicht nötig. Die Schweiz braucht wieder mehr Stolz.»
«Wenn wir für den Finanzplatz kämpfen, dann kämpfen wir nicht nur für unsere wirtschaftlichen Interessen, sondern auch für unsere Gesellschaft, für unsere Werte, für unseren Werkplatz und unsere Arbeitsplätze. Wir haben Verträge, und wir dürfen von allen Seiten erwarten, dass diese eingehalten werden. Wir müssen wieder mutiger auftreten und unsere Standpunkte entschieden verteidigen.»

Jean-Claude Juncker, luxemburgischer Premierminister

In einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung Die Zeit kritisiert Jean-Claude Juncker die Liberalisierung: das «soziale Europa» ist nur noch ein Lippenbekenntnis. Wir haben einen Binnenmarkt, aber Binnenmarktsozialregeln – Mindeststandards u. a. – haben wir nicht. So sei zum Beispiel das Dauerarbeitsverhältnis mittlerweile nicht mehr der Regelfall.
«Das ist doch so. Mein Vater war Stahlarbeiter, und wenn der alle sechs Monate um die Verlängerung seines Arbeitsvertrages hätte bangen müssen, wäre ich nie auf die Universität gegangen. Das sozialzivilisatorische Eis, auf dem wir uns bewegen, ist heute einfach zu dünn. Das gefährdet das europäische Sozialmodell. Ich kann deswegen gut verstehen, dass die Leute, die einen Zusammenhang zwischen Europa und ihrer Lohntüte herstellen wollen, frustriert sind.»
«Wir haben viel zu sehr der Doktrin der totalen Liberalisierung vertraut. Wir haben geglaubt, das angelsächsische Modell sei einfach auf Europa übertragbar. Wenn ich hin und wieder gewarnt habe, dass das schief geht, wurde ich als Arbeiterromantiker belächelt […].»
Auch die öffentliche Debatte innerhalb der EU ist härter geworden. «Mich stört enorm, wie viele Regierungen nach den Gipfeln ihren Völkern mit rabaukenhafter Haltung präsentieren, was sie erkämpft haben. Als ob man nach Brüssel führe, um die anderen niederzuringen. Da darf man sich dann nicht wundern, dass die Bürger ein völlig falsches Bild von der Europa-Politik bekommen. Es gibt in der EU keine Sieger und Besiegten, es darf sie nicht geben. Es gibt viele kleine Kompromisse.»

Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagt Robert Zollitsch, dass er über die wirtschaftliche Situation vieler Arbeitnehmer besorgt sei. Allerdings sei unsere Not noch auf einem hohen Niveau; anderen Menschen geht es weit schlechter, zum Beispiel in den Entwicklungsländern. «Aber ich hoffe auch zugleich, dass diese Wirtschaftskrise dazu führt, dass wir neu nachdenklich werden und entdecken, wovon wir wirklich leben. Es sind Werte, die nicht nur Geld sind. Es geht nicht nur darum, 15 oder 25 Prozent Gewinn zu machen, wenn ich Geld anlege, sondern mal darüber nachzudenken, wofür lohnt es sich zu leben. […] Das ist die Frage nach dem Sinn des Lebens […], dass ich an den anderen denke. Christlich gesprochen leben wir […] von der Nächstenliebe.» «Wir müssen […] mit weniger zufrieden sein und dabei auch an die anderen denken. Wir dürfen auch nicht auf Kosten der ärmeren Länder leben.»
«Eine Marktwirtschaft hat nur dann einen Wert für uns, wenn es eine soziale Marktwirtschaft ist, wenn man an den anderen denkt – da braucht es Vorgaben, Leitplanken im Sinne der Solidarität […]; zugleich ist es notwendig, dass diese Gesellschaft nicht eine Ellbogengesellschaft wird, sondern eine Gesellschaft, in der sich der Grossteil unserer Menschen wirklich aufgehoben weiss.» •

Der Kampf gegen gentechnisch verändertes Saatgut

go. Seit einigen Jahren engagiert sich Vandana Shiva besonders gegen die Patentierung von Saatgut durch internationale Konzerne. Bei gentechnisch verändertem Saatgut muss der Gensamen gekauft werden. So versucht die global operierende Industrie mit allen Mitteln, die Welt von ihren gentechnisch veränderten Pflanzen abhängig zu machen. Bereits haben Hunderttausende indischer Bauern Selbstmord begangen, weil sie Schulden aus dem Kauf von Gensamen nicht zurückzahlen konnten.
    Vandana Shiva hat 1991 die Organisation Navdanya ins Leben gerufen zur Sicherung von Saatgut traditioneller Nahrungspflanzen. Navdanya sammelt und sichert regionale Sorten und baut sie auf der Versuchsfarm im nordindischen Dehradun am Fuss des Himalaya an. Die Bewahrung und Tradierung der biologischen Anbaumethoden, die die Bauern schützen, die Bevölkerung mit guten Lebensmitteln versorgen und lokale Märkte stärken, konnte dadurch wieder gefördert werden. Navdanya installierte 46 Saatgutbibliotheken in ganz Indien und hat inzwischen nach eigenen Angaben rund 200 000 Bauern geholfen.