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Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall – einige Gedanken

Cr. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer erscheinen in den Tageszeitungen immer wieder Artikel über die Greuel des Kommunismus, die ja mittlerweile bekannt sind. Hat das etwas mit dem Bundestagswahlkampf zu tun, bei dem die PDS klein gehalten werden soll? Die PDS ist schliesslich die einzige Partei, die sich gegen den Krieg und den dazugehörenden Neoliberalismus ausspricht. Sie hat für die Wahlen gute Karten: Die Finanzkrise hat ans Licht gebracht, worauf die westliche Wirtschaft in Wahrheit gegründet war: Seit dem Mauerfall speziell auf hemmungsloser Gewinnmaximierung und Spekulation, auf völkerrechtswidrigen Kriegen, auf falschen Versprechungen gegenüber den Völkern in Osteuropa. Nach einer «Schocktherapie» (Naomi Klein) in den 90er Jahren und einem lokal begrenzten Boom stehen viele Länder vor dem Staatsbankrott – wie Lettland, Estland, Ungarn, die Ukraine – oder im Westen Irland und Island. Die Stasi-Debatte vor der Bundestagswahl erscheint so wie der Kampf gegen die «Steueroasen» als ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Eine ehrliche Diskussion darf offensichtlich nicht aufkommen.
Schauen wir jedoch unbefangen auf die Zeit nach dem Mauerfall 1989 zurück und fragen beharrlich: Wie viele der DDR-Bürger sind durch eine verfehlte Politik des Westens arbeitslos geworden, indem man ostdeutsche Konkurrenzbetriebe in den nicht notwendigen Konkurs trieb? Wie viele sinnvolle Einrichtungen der DDR hat man verschwinden lassen? Wie viele Ostdeutsche hat man von oben herab behandelt, obwohl sie viel mehr «Anpassungsarbeit» leisten mussten als jeder Westbürger der BRD? Viele wurden arbeitslos und alleingelassen. Wie wenig Chancen hat man guten Fachkräften gelassen, im «Osten» zu bleiben, wenn man von vorneherein die Löhne auf 80% des Westniveaus herunterstufte? Wieviel Chancen gibt man – mit diesem Lohngefälle – mittelständischen Unternehmen im Osten, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden? War das «Verschwinden» jeglicher gesellschaftspolitischen Alternative zum «Westmodell» von vorneherein geplant? Warum hat man nicht von gleich zu gleich über die deutsche Einheit und eine neue Verfassung in allen Teilen Deutschlands diskutiert? Hätte man mit einer neuen Verfassung, in der auch die Bürgerrechtler der DDR zu Wort gekommen wären, ab Ende der 90er Jahre die Kriege unter deutscher Beteiligung führen können? Wäre da nicht auch im Westen mancher Privatisierungswahn in den Städten und Kommunen verhindert worden? Hätte man mit der direktdemokratischen, neutralen Schweiz so verleumderisch umgehen können wie in den letzten Monaten?
Wie war das damals beim Mauerfall? Hilfreich zum bilanzierenden Blick ist hier ein 2002 erstmals erschienenes Résumée von Jana Hensel.1 Die Autorin wurde 1976 in Leipzig geboren. Zehn Jahre nach der Wende hat sie ein erfolgreiches, vieldiskutiertes Buch über das Empfinden der «Wende» in ihrer Generation geschrieben: «Wir Zonenkinder.» Einfühlsam beschreibt sie, wie sich der Umbruch als schockartige Eroberung des Westens vollzog. Durch den Schock vergass man urplötzlich seine Herkunft und Identität: «Die Wende hatte uns alle zu Aufstiegskindern gemacht, die plötzlich aus dem Nirgendwo kamen und denen von allen Seiten eingeflüstert wurde, wo sie hin zu wollen hatten. Unser Blick ging nur nach vorn, nie zurück. Unablässig das Ziel vor Augen, taten wir gut daran, unsere Wurzeln so schnell wie möglich zu vergessen, geschmeidig, anpassungsfähig und ein bisschen gesichtslos zu werden. Dabei machte es keinen Unterschied, ob unsere Eltern Maler, Heizungsmonteure, Fotografen usw. waren. Wir waren die Söhne und Töchter der Verlierer, von den Gewinnern als Proletarier bespöttelt, mit dem Geruch von Totalitarismus und Arbeitsscheu behaftet. Wir hatten nicht vor, länger da zu bleiben». (73) So wurde die jugendliche Jana dazu gebracht, ihre Eltern zu bemitleiden, die die «Schocktherapie» (Naomi Klein) am härtesten erfuhren: «Wir waren nahezu die Einzigen, die nichts gegen unsere Eltern taten, so zumindest kam es uns manchmal vor. Sie lagen ja schon am Boden, inmitten der Depression einer ganzen Generation, und wir, die wir mit viel Glück und nur dank unserer späteren Geburt um ein DDR-Schicksal herumgekommen waren, wollten die am Boden Liegenden nicht noch mit Füssen treten. Die Geschichte der Wende hatte die Illusionen und Selbstbilder unserer Eltern zerstört und weggefegt.» (76) Jana Hensel erinnert sich auch an Positives in der damaligen DDR: Einübung in die Solidarität mit den Entwicklungsländern in der Schule, die Pflege des sozialen Miteinanders statt eines egozentrischen Konsumdenkens. Das Verständnis zwischen den Generationen, das in der DDR durch keine 68er Revolution getrübt wurde. Die vielen interessanten ausserschulischen Angebote in den Jugendclubs oder Ferienlagern. Heute dürfen sich auf diesem Gebiet seit langem die Rechtsradikalen tummeln.
Hensels Buch hat man nach einiger Zeit der Neugierde mehrheitlich zerpflückt – in den Medien, nicht in der Bevölkerung. Durfte keine Alternative zum Turbokapitalismus entwickelt werden? Musste ein Land lernen zu «verschwinden»?
Achten wir darauf, wenn heute wieder Staaten mit Medienkampagnen in Gut und Böse eingeteilt werden. Achten wir auch auf die, die unsere humanitäre direktdemokratische Eidgenossenschaft mit die Religionsfreiheit missachtenden Initiativen und rassistischen Abstimmungsplakaten dieser Bedrohung mutwillig aussetzen. Sie schützen nicht unser Land. Im Gegenteil: Sie spalten es, wenn es Geschlossenheit gegenüber vielfältigen Angriffen von aussen bräuchte.    •

Literaturempfehlung: Tom Kraushaar (Hg.). Zonenkinder, Reinbek 2004

1 Jana Hensel, Wir Zonenkinder, Reinbek 2002