Was tun, wenn das Vertrauen in die «Eliten» zerrüttet ist?
von Karl Müller
Wohl kaum ein Text der letzten Jahre ist von einer solch grossen Bedeutung für eine grundlegende sozialethische Diskussion und Orientierung wie die Anfang Juli der Öffentlichkeit vorgestellte Enzyklika Caritas in Veritate (vgl. Beilage zu Zeit-Fragen Nr. 32 vom 10. August). Hier sind Grundlagen formuliert, die es wert sind, in alle Lebensbereiche und alle Disziplinen hinübergedacht zu werden.
Eine der Kernaussagen der Enzyklika ist die These, dass die menschliche Entwicklung durch einen Mangel an «Liebe in der Wahrheit», einen Mangel an fundierter Moralität, behindert wird.
Und in der Tat: Viele der heutigen Übel haben etwas mit einem Mangel an konsequenter ethischer Durchdringung des eigenen Fühlens, Denkens und Handelns zu tun. Dies liegt aber wohl nicht so sehr daran, dass ethische Grundlagen fehlen, sondern wohl mehr noch daran, dass solche Grundlagen zu wenig beachtet werden – was einige Fragen aufwirft, zum Beispiel:
• Warum werden diese Grundlagen nicht beachtet?
• Warum wird die Beachtung dieser Grundlagen zu wenig wirksam eingefordert?
• Was ist nötig, damit diese Grundlagen nicht nur geschrieben stehen, sondern auch eine solche Beachtung finden, dass sie unser Zusammenleben prägen?
Nur allein schon diese drei Fragen zu beantworten ist eine Menschheitsaufgabe. Aber diese Aufgabe muss dringend angegangen werden. Denn die Menschheit sieht sich mehr und mehr mit der Tatsache konfrontiert, dass nur noch kriminell zu nennende Gesinnungen und Handlungen nicht mehr nur im vom Staat verfolgten kriminellen Milieu zu finden sind und sonst die Ausnahme, sondern dass auch sehr einflussreiche Teile unserer «Eliten» in Politik, Wirtschafts- und Finanzwelt, in Militär, Medien und Kultur, um mit dem Kirchenvater Augustinus zu sprechen, zu «Räuberbanden» geworden sind, welche die Gerechtigkeit mit Füssen treten, ohne dafür vom Staat belangt zu werden.
Als besonders folgenreich dabei erweist sich, dass die vielen öffentlichen Lügen unserer «Eliten» immer mehr Vertrauen zerstört haben und der klassische Rechtsgrundsatz von «Treu und Glauben», der das Zusammenleben und Zusammenwirken auf die Voraussetzung baut, dass Menschen anständig und redlich handeln, in Frage gestellt wird.
Der Bogen von «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» bis hin zum «Tugendterror» aber ist keine Perspektive und auch keine überzeugende Alternative zum einmal zerstörten Vertrauen. Eine Wende zum Besseren fordert mit Sicherheit eine innere Orientierung an einer mitmenschlichen Ethik.
Wie sehr das Vertrauen zerrüttet wird, zeigen ein paar aktuelle Beispiele:
• Zahlreiche Untersuchungen haben zu Recht darauf hingewiesen, dass die verheerenden Auswirkungen der Weltfinanzkrise nicht zuletzt das Ergebnis einer Vertrauenskrise sind. Es wurde und wird nicht mit offenen Karten gespielt, und auch deshalb haben sehr viele ihre Kreditwürdigkeit verloren.
Was für die Finanzwelt gilt, gilt aber auch für andere Bereiche: Auch andere «Eliten» haben ihre «Kreditwürdigkeit» verloren – aber sie ziehen noch immer nicht die notwendigen Konsequenzen daraus. Deutschland zum Beispiel erlebt derzeit einen Bundestagswahlkampf, bei dem man den Eindruck gewinnt, die Spitzenpolitiker der Parteien hätten den Verlust ihrer Kreditwürdigkeit noch überhaupt nicht wahrgenommen beziehungsweise klebten trotzdem weiter an der Macht. Es ist kein Einzelfall, wie Spiegel Online am 12. August von einem Wahlkampfauftritt des SPD-Spitzenkandidaten Steinmeier berichtet: «Er setzte sich zu den Genossen, den örtlichen Intellektuellen, den Journalisten. Mit dem Volk aber sprach er kein Wort.»
Man lese zudem die ersten 100 Seiten im neuesten Buch von Udo Ulfkotte («Vorsicht Bürgerkrieg. Was lange gärt, wird endlich Wut»), um einen kleinen Einblick zu bekommen, wie weit sich Teile der politischen Klasse in Deutschland von Moral und Anstand entfernt haben. Und dies mit Folgen, die weit über einen kleinen privaten Bereich hinausgehen, sondern verheerend sind für das Gemeinwohl.
Oder man lese das neu erschienene Buch von Thomas Darnstädt («Der globale Polizeistaat. Terrorangst. Sicherheitswahn und das Ende unserer Freiheiten»), um einmal darüber nachzudenken, was sich die herrschende Räuberbande ausgedacht hat, um zu verhindern, dass sie abtreten muss und vielleicht auch einmal zur Verantwortung gezogen wird.
Oder man denke an die mahnenden Worte des nun aus dem Bundestag ausscheidenden langjährigen Abgeordneten Willy Wimmer von der CDU, der seinen Parlamentskollegen überhaupt kein gutes Zeugnis ausstellen konnte (vgl. Zeit-Fragen Nr. 29 vom 20. Juli).
• In der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 8. August wird berichtet, der für die Terrorismusabwehr zuständige Berater des US-Präsidenten Obama habe seinem Präsidenten empfohlen, nicht mehr von einem weltweiten «Krieg gegen den Terror» zu sprechen. Die Politik des Obama-Vorgängers Bush habe nämlich dazu geführt, dass den USA vorgeworfen werde, sie wollten andere Völker in Armut und Entrechtung halten. Es komme deshalb jetzt darauf an, politische, ökonomische und soziale Anstrengungen zu unternehmen, so dass es den Gesellschaften, in denen bislang noch Terroristen heranwachsen, künftig nicht mehr an Sicherheit, Erziehung, Arbeit und Einkommen, nicht mehr an Selbstwertgefühl und Würde mangle.
Aber wie glaubwürdig ist das, wenn zugleich Tausende von US-Soldaten mehr in den Krieg nach Afghanistan geschickt werden; wenn der Krieg nach Pakistan getragen wird, um in beiden Ländern einen nur noch sinnlos zu nennenden barbarischen Krieg mit immer mehr Leid und Opfern immer weiter in die Länge zu ziehen; wenn kein einziges der diktatorischen Ausnahmegesetze in den USA aufgehoben wird?
• Die Anzeige der Fachjournalistin Jane Bürgermeister (vgl. die Texte in dieser Ausgabe) zeigt auf, dass wir es auch in der Gesundheitspolitik mit einem totalen Bruch des Rechts und einem fundamentalen Angriff auf das Menschenrecht auf Leben und Gesundheit zu tun haben. Aber auch mit einem Vertrauensbruch globalen Ausmasses: Unter der Vorgabe, Gesundheit zu schützen, wird bewusst und gezielt Gesundheit geschädigt.
Indes: Dass dies alles und noch viel mehr ans Licht der Öffentlichkeit kommt, dass immer mehr Menschen über derartige Vorgänge nicht länger schweigen, sondern ihrem Gewissen eine öffentliche Stimme geben, ist ein sehr gutes Zeichen. Dass zudem eine Institution mit einer weltweiten Bedeutung wie die römisch-katholische Kirche und der Papst einen solchen Text vorlegen wie die eingangs erwähnte Enzyklika Caritas in Veritate, ist ein noch deutlicheres Signal, dass sich die Welt im Wandel befindet. Die herrschenden Räuberbanden haben den Bogen überspannt. Vieles spricht dafür, dass sie ans Ende ihrer Sackgasse geraten. Die Natur des Menschen lässt sich nicht auf Dauer verbiegen. Oder, um einen berühmt gewordenen Satz zu zitieren: «Man kann das ganze Volk eine Zeitlang täuschen, und man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, aber man kann nicht das ganze Volk die ganze Zeit täuschen.»
Aber wie kann es gelingen, dass der Weg zu einer besseren Welt nicht noch weitere Opfer fordert neben den zahllosen, die der Weg in die Sackgasse schon gefordert hat? Auch die Suche nach Antworten auf diese Frage ist eine Menschheitsaufgabe. Einen ersten Schritt kann jeder Einzelne tun. Immanuel Kant sagte vor mehr als 200 Jahren: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Man muss nach dem, was man heute weiss, hinzufügen: Habe Mut, zu deiner Würde als Mitmensch und zu deinem Gewissen zu stehen. Und: Studiere, wie Völker in ihrem Streben nach Freiheit, Gleichwertigkeit und Solidarität, nach Selbstbestimmung und Souveränität gangbare Wege vorgezeichnet haben und vorzeichnen.•