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Sind 150 alte ProSpecieRara-Sorten bald verschwunden?

von Béla Bartha, Geschäftsführer ProSpecieRara

Wie die Kartoffelsorte Patate Verrayes, könnten bereits nächstes Jahr rund 150 beliebte alte Kartoffel- und Gemüsesorten aus dem Schweizer Anbau verbannt sein.
Die Schweiz ist bis heute europaweit führend im Schutz der Vielfalt von Nutzpflanzen. Die Vielfalt an Gemüse- und Kartoffelsorten ist aber jetzt zusätzlich bedroht – nämlich durch die Illegalisierung der bisherigen Praxis «Erhaltung durch Nutzung». So sprach das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) im Frühling 2009 erstmals ein Handelsverbot für 5 ProSpecieRara-Kartoffel­sorten aus!

Die offiziellen Sortenlisten

Die heutige Vollzugspraxis des Bundes basiert auf der «Saat- und Pflanzgutverordnung des EVD»! (SR 916.151.1): Verboten ist generell das Inverkehrbringen (handeln, weitergeben, verkaufen) von Sorten, die nicht auf einer offiziellen Sortenliste stehen. Welche Sorten kommen auf die offiziellen Sortenlisten? Sie müssen sich von bereits gelisteten Sorten unterscheiden, sie müssen einheitlich sein, und ihre Eigenschaften müssen über Generationen hinweg stabil bleiben. Weiter müssen sie einen wirtschaftlichen Mehrwert bieten (höherer Ertrag, bessere Lager- und Transportfähigkeit usw.).

Passen ProSpecieRara-Sorten da hinein?

Während bei den Sorten-Auswahlkriterien von ProSpecieRara (siehe Kasten) Aspekte wie kulturhistorisches Erbe, Ernährungssouveränität und Angebotsvielfalt wichtig sind, stehen bei offiziellen Sortenlisten Faktoren wie Produktivität, technische Ernt- und Verarbeitbarkeit sowie Handelstauglichkeit für den grossen Markt im Vordergrund.

Kategorie «Lokal- und Landsorten» –eine vermeintliche Lösung

Für die «Lokal- und Landsorten» gelten nicht dieselben strengen Richtlinien wie für die offiziell gelisteten Sorten. Der Gesetzgeber versucht hier, eine Brücke zu bauen für Sorten, deren Herkunftsort bekannt ist und die über Generationen hinweg in der Schweiz angebaut wurden. Diese erfasst jedoch bei weitem nicht alle Sorten der Sammlung von ProSpecieRara! Und für diejenigen ProSpecieRara-Sorten, die in diese enge Kategorie hineinpassen, gelten dann sogar noch weitere Restriktionen! So dürfen «Lokal- und Landsorten» nur in einem geographisch begrenzten Gebiet (Herkunftsregion) angebaut werden – und dies erst noch in begrenzter Menge.

Beschränkung auf Herkunft birgt Gefahren

Aktuell dürfen 5 ProSpecieRara-Kartoffelsorten nicht mehr gehandelt werden, weil deren Herkunftsregionen nicht in der Schweiz liegen und sie demnach keine «Lokal- und Landsorten» sind. Gegen dieses Ablehnungsargument, welches einer Verschärfung der bisherigen Vollzugspraxis des Bundesamtes für Landwirtschaft gleichkommt, wehrt sich ProSpecieRara aus folgenden Gründen:
Die meisten Kulturpflanzen haben ihren Ursprung nicht in der Schweiz und sind irgendwann einmal in die Schweiz eingeführt worden. Hätte dieses Verbot schon vor Jahrhunderten bestanden, stünde es um unsere Kulturpflanzenvielfalt sehr schlecht.
Einige Sorten mit alpiner Herkunft müssen heute beispielsweise in anderen Regionen angebaut werden, weil der Ackerbau weitgehend aus den Alpenregionen der Schweiz verschwunden ist. Ein Anbau in der Herkunftsregion ist oft gar nicht mehr möglich. ProSpecieRara bemüht sich dennoch, ihre Kartoffelproduktion wieder in die Bergregion zurückzubringen. So werden zum Beispiel drei Sorten für Coop in Graubünden produziert.
Die klimatischen Veränderungen und die damit einhergehende Erwärmung werden dazu führen, dass gewisse Kulturpflanzen in ihren heutigen Herkunftsregionen nicht mehr gut gedeihen und wir hier auf Sorten ausweichen müssen, die aus anderen Regionen stammen.
Mit der Einschränkung auf Herkunftsregionen wird ein Zustand zementiert, der sowohl beim Blick in die Vergangenheit als auch in die Zukunft keinen Sinn macht, sondern vielmehr zur Reduktion der Sortenvielfalt führt und so letztlich auch unsere Ernährungssicherheit, deren Grundlage im Vorhandensein eines möglichst breiten Genpools liegt, empfindlich gefährdet.

Die Kampagne «Vielfalt für alle»

ProSpecieRara setzt sich mit der Kampagne gegen die neue Vollzugspraxis zur Wehr. Die alten wertvollen Sorten, welche die Stiftung erhält, sollen als Allgemeingut allen Menschen zugänglich sein. Neben dem freien Zugang fordert ProSpecieRara auch die Abschaffung von mengenmässigen und geographischen Beschränkungen für das Handeln dieser Sorten.
Seit Mai 2009 haben bereits rund 10 000 Befürworter und Befürworterinnen ihre Unterschrift unter unsere Forderungen gesetzt. Herzlichen Dank an dieser Stelle für Ihre Unterstützung! Diese Forderungen wurden zusammen mit den 10 000 Unterschriften offiziell an die Behörden und Repräsentanten des Parlamentes übergeben. Hierzu fand Anfang September eine Medienkonferenz unter dem Motto «Vielfalt ernten» auf unseren Kartoffelfeldern des Schaugartens Flawil statt.

Die Debatte auf EU-Ebene

Das Inverkehrbringen alter Sorten wird zurzeit auch in der EU lebhaft diskutiert, und ProSpecieRara bringt sich hier aktiv ein. Im Oktober wird in Marseille ein Treffen stattfinden, an welchem über die restriktiven Saatgutverordnungen auf europäischer Ebene debattiert wird. Im Vorfeld hat ProSpecieRara zusammen mit ihren EU-Partnern ein Stellungspapier für alle mitwirkenden Entscheidungsträger ausgearbeitet, das die oben erwähnten Forderungen unserer Kampagne auf EU-Ebene aufnimmt.

Ihre Hilfe und Solidarität zählt!

ProSpecieRara steht seit der Lancierung der Kampagne in direktem Kontakt mit den Behörden, die sich bisher kooperativ gezeigt haben. Wenn wir weiterhin zeigen können, dass es ein breites öffentliches Interesse am Zugang zur Kulturpflanzenvielfalt gibt, dann werden wir Wege finden, die bisherige liberale Umsetzungspraxis beizubehalten und gesetzliche Hindernisse zu beseitigen. •

www.vielfalt-fuer-alle.ch
Quelle: ProSpecieRara | Herbstbulletin 2009

Die Kampagne «Vielfalt für alle»

Die verschärfte Umsetzung einer Verordnung bedroht unsere Gemüsevielfalt. Am ProSpecieRara-Setzlingsmarkt auf Schloss Wildegg vom 2. und 3. Mai 2009 haben wir die Kampagne «Vielfalt für alle» gestartet. Zeigen auch Sie jetzt Ihre Solidarität mit den traditionellen Gemüsesorten! Tragen Sie sich auf www.vielfalt-fuer-alle.ch ein!
«Was?! Das kann doch nicht wahr sein! Warum denn?» So oder ähnlich reagierten die meisten der rund 10 000 Besucher des Setzlingsmarktes. Denn für einmal empfing sie ProSpecieRara nicht nur mit einer fröhlichen Gemüsevielfalt, sondern auch mit einer unerfreulichen Nachricht: Der Anbau von 5 beliebten Kartoffelsorten wurde verboten: Corne de gatte, Vitelotte noire, Roosevelt, Highland Burgandy Red und Patates Verrayes dürfen per sofort in der Schweiz weder gehandelt noch darf deren Saatgut angebaut werden. Grund für dieses Verbot ist eine Verschärfung der Saat- und Pflanzgutverordnung des eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartementes. Die Ablehnung dieser 5 Kartoffel­sorten ist nur die Spitze des Eisberges. Wird die Verordnung tatsächlich so umgesetzt, gilt diese Einschränkung auch für alle Gemüsesorten. Rund die Hälfte der heute am Setzlingsmarkt angebotenen 500 Sorten könnte in Zukunft verboten sein.

Solidarität bekunden auf www.vielfalt-fuer-alle.ch

Die Besucher des ProSpecieRara-Setzlingsmarktes wurden mit einer Comic-Kartoffel, die ihr Bündeli packen und aus der Schweiz verschwinden muss, auf die Problematik aufmerksam gemacht. Sie wurden aufgefordert, ihre Solidarität mit den alten Sorten kundzutun und einen Protest-Flyer zu unterschreiben. Auch auf der Internetseite www.vielfalt-fuer-alle.ch kann man ab sofort seine Solidarität bekunden. Dort finden Sie auch ausführlichere Informationen zum Thema.
ProSpecieRara will mit möglichst vielen Unterschriften und Einträgen auf der Website dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), das für die Umsetzung der Richtlinien und für die Ablehnung der 5 Kartoffelsorten verantwortlich ist, aufzeigen, dass eine grosse Nachfrage nach diesen Sorten vorhanden ist. Denn wie das Beispiel «Blaue Schweden» zeigt, hat eine grosse Nachfrage einen Einfluss auf das Bewilligungsverfahren. Denn diese Sorte wurde zugelassen, obwohl bereits im Namen eine nicht schweizerische Herkunft klar wird. Dass sie bei Coop und anderen Händlern sehr gefragt ist, hat vermutlich dazu beigetragen.
Mit dem einsetzenden Kampagnen-Rummel hat das BLW auch bereits reagiert: Es ist dabei, die Verordnung nochmals zu überarbeiten und wird sie in ein weiteres Vernehmlassungsverfahren geben, zu dem alle Betroffenen noch einmal Stellung nehmen können. Da die konkrete Verschärfung der Umsetzung der Saat- und Pflanzgutverordnung erst in Diskussion ist, kann mit Druck von öffentlicher Seite noch viel erreicht werden.
Zeigen Sie jetzt Ihre Solidarität mit den alten Gemüsesorten. Besuchen Sie die Website www.vielfalt-fuer-alle.ch und zeigen Sie mit dem Eintrag in der Solidaritätsliste, dass auch Sie weiterhin aus einer grossen Gemüsevielfalt auswählen möchten. Jeder Eintrag zählt!

Quelle: ProSpecieRara;www.prospecierara.ch /Generator.aspx?tabindex=1&tabid=501&ItemID=613&mid=625&palias=default,www.vielfalt-fuer-alle.ch