Ein gelungenes Schulprojekt zum Humanitären Völkerrecht
Ein Beitrag zur Gewaltprävention und Friedenspädagogik
von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG
Zeit-Fragen berichtet regelmässig über wertvolle humanitäre und soziale Hilfsprojekte in aller Welt und stellt dazu auch sinnvolle Schulprojekte vor. Gerade die neuen Schulstrukturen und -reformen enthalten vielfältige Möglichkeiten für besondere Projekte, mit denen der Schulstoff, der Lehrplan und die pädagogischen Ziele im ganzheitlichen Sinn umgesetzt werden können. So wurde in Zeit-Fragen Nr. 29 vom 20. Juli unter dem Titel «Das Humanitäre Völkerrecht – eine grosse Errungenschaft und Verpflichtung der Weltgemeinschaft zur friedlichen Konfliktlösung» ausgezeichnetes Informationsmaterial des IKRK und des EDA (Eidgenössisches Departement für Auswärtige Angelegenheiten) vorgestellt und auf die Bedeutung der Vermittlung des Humanitären Völkerrechts in Schulen hingewiesen. Da die neutrale Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konventionen eine besondere Verantwortung hat, ist die Friedenserziehung und gewaltfreie Lösung von Konflikten, gerade heute, eine wichtige Aufgabe für Schulen, aber auch eine Verpflichtung und zugleich eine erfreuliche pädagogische und fachliche Arbeit. Damit kann die Schule auch ihre staatsbürgerliche Aufgabe wahrnehmen.
Die Informationsmaterialien sind so gut, dass sich jeder Lehrer leicht in die Thematik einarbeiten und sie seiner Schulstufe anpassen kann. Sehr genauen Einblick bietet das hervorragende Unterrichtswerk «Entdecke das Humanitäre Völkerrecht» des IKRK.
Das hier vorgestellte Projekt «Das Humanitäre Völkerrecht» wurde anlässlich des alljährlich durchgeführten «Unesco-Tages» an einem Gymnasium in Zürich mit 14jährigen Schülerinnen (2. Gymnasium) gestaltet. An diesem Tag werden für alle Klassenstufen spezielle und sinnvolle Projekte angeboten. Für das 2. Gymnasium sind es Themen in der ganzen Breite der Unesco mit ihrem umfassenden Kulturverständnis: «Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.» (Kulturbegriff der Unesco, anlässlich der Weltkonferenz über Kulturpolitik 1982 in Mexiko-Stadt.)
Die Gymnasiasten konnten an diesem Projekttag aus verschiedenen Themen wie «Menschenrechte», «Unesco-Weltkulturerbe», «Technik, Ethik und Entwicklung», «Afrika-Hilfsprojekte» oder «Das Rote Kreuz und das Humanitäre Völkerrecht» auswählen. Der Tag wird von einer Lehrergruppe vorbereitet und gemeinsam mit allen Schülerinnen und Schülern begonnen. Es wird kurz über die Tätigkeit der Unesco informiert und dann ein Dokumentar-Kurzfilm einer Entwicklungsorganisation gezeigt, begleitet von dem Referat eines Experten. Dann arbeiten die einzelnen Gruppen in verschiedenen Räumen. Ein zusätzlicher Spendefranken für das gemeinsame Mittagessen in der Mensa der Schule kommt jeweils einem Hilfsprojekt zugute. Ein Kurzbericht über die Arbeiten und ein guter Dokumentar-Kurzfilm über ein humanitäres Projekt bilden den Abschluss des Tages. Das Echo der Schüler- und Lehrerschaft, aber auch der Elternschaft ist sehr erfreulich und hoffnungsvoll für mehr soziale Gerechtigkeit und Frieden auf unserer gemeinsamen Welt.
Der Tag mit der Schülergruppe (18 Teilnehmer) zum Roten Kreuz und Humanitären Völkerrecht wurde abwechslungsreich gestaltet. Nach einer Einführung wurde ein kurzer und informativer Film des IKRK zu seiner Tätigkeit gezeigt. Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität sind im Wirken des Roten Kreuzes und Roten Halbmondes die wichtigsten Leitlinien. Danach wurden die wichtigsten Inhalte des Humanitären Völkerrechts dargelegt und mit aktuellen Beispielen illustriert. Die Jugendlichen waren betroffen vom Schrecken und Unrecht des Krieges, der heute gerade die Zivilbevölkerung trifft. Sie zeigten sich aber auch angerührt von der tiefen Menschlichkeit des Anliegens des Humanitären Völkerrechts, der Pflicht, die Beteiligten auch im Krieg zu schützen und menschlich zu behandeln. Sie erfuhren auch, dass schon die Androhung der Gewalt und des Krieges einen Verstoss darstellt und dass Soldaten und Offiziere Befehle, die gegen das Humanitäre Völkerrecht und das eigene Gewissen verstossen, nicht durchführen dürfen. Ein Bericht über das Leben von Henry Dunant beeindruckte die Schüler ebenso. Zu dessen 100. Todestag werden 2010 im Dunant-Museum in Heiden/Appenzell viele Veranstaltungen auch für Schulen durchgeführt. (Siehe Zeit-Fragen Nr. 28 vom 13. Juli 2009, «Von Solferino zum Roten Kreuz».)
Die Zeichnung und den Text gestalteten die Jugendlichen nach einer ausgewählten Fotografie mit Text aus dem Faltblatt zum Humanitären Völkerrecht des IKRK (Fotokopie, vergrössert auf 13 x 18 cm) mit grosser Sorgfalt und grossem Interesse. Die Fotografie sollte in eine lineare Zeichnung, wie bei einem Comic, umgesetzt werden. Sie hatten nur zwei Stunden Zeit und durften Hilfsmittel (Transparentpapier) zum Durchpausen verwenden und die Bilder mit eigenen positiven Textergänzungen (Sprech- oder Gedankenblase) erweitern. Das Resultat war verblüffend und erfreulich, jede Zeichnung und jeder Text zeigen den persönlichen Stil, die Handschrift der Schüler. In einem roten Mäppchen konnten die Schüler dann alle 18 Zeichnungen mit Texten nach Hause nehmen. Das positive Echo der Eltern- und Schülerschaft ermutigt, diese Wege weiter zu beschreiten. Durch die Beschäftigung mit einem dieser wichtigen Teile des Humanitären Völkerrechts festigte sich auch das Bewusstsein für die Bedeutung des ganzen Rechtswerkes und die Verantwortung aller Staaten und Bürger für dessen Einhaltung. Damit wurde auch wertvolle Gewaltprävention und ein Beitrag zur Friedenserziehung geleistet. Bei Schüler- und Lehrerschaft kann das Interesse wachsen, sich mit dem Thema genauer zu befassen und allenfalls auch einmal einen Einsatz für das Rote Kreuz zu leisten. Gerade das Jugendrotkreuz bietet hier vielfältige Möglichkeiten. •