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Erziehen ist gefragt!

von Dr. phil. Elisabeth Nussbaumer

Kürzlich brachte die psychologische Kolumne einer Zeitung folgende Frage einer Mutter: «Darf ich meiner 14jährigen Tochter vorschreiben, wann sie abends nach Hause kom­men muss? Sie ist der Meinung, wir Eltern hätten ihr nichts zu befehlen.»
Die Unsicherheit, ob Eltern überhaupt erziehen dürfen, ist weitverbreitet. Viele Eltern sind unsicher, ob sie ihren unmündigen Kindern etwas verbieten und ob sie von ihnen etwas verlangen dürfen. Als Folge der 68er Bewegung (Einfluss der Frankfurter Schule) war die Meinung weitverbreitet, Erziehen sei repressiv, Kinder müssten ihren Weg ins Leben selbst finden, niemand sollte ihnen dreinreden. Von der Antipädagogik wurde es zur pädagogischen Todsünde erklärt, den Kindern Grenzen zu setzen, Verbote auszu­sprechen oder von ihnen etwas zu fordern.
Inzwischen stehen wir vor den gesellschaftlichen Folgen dieser verfehlten Theorien, und zwar in einem Ausmass, dass viele nicht mehr wissen, wo sie mit der Schadensbegrenzung beginnen sollten. Erziehungswissenschaftler und Psychologen weisen schon länger darauf hin, dass Eltern das Fehlverhalten ihrer Kinder nicht dulden, sondern von ihnen Kooperation im Positiven einfordern sollen. Trotzdem sind immer noch viele Erzieher verunsichert. «Ja, kann ich denn meinem Sohn einfach verbieten, stun­denlang am Computer zu spielen, und kann ich von meiner 13jährigen Tochter verlangen, dass sie sich anständig anzieht und nicht mit nacktem Bauch und grossem Ausschnitt herumläuft?»
Jawohl, Eltern kön­nen, ja müssen dies tun! Sie haben die Auf­gabe, ihr Kind positiv zu beeinflussen. Das bedeutet, positives Verhalten ihrer Kinder durch Beachtung und Wertschätzung zu be­stärken und negativem Verhalten mit Festig­keit Einhalt zu gebieten. Das gute Vorbild der Eltern und Erzieher allein genügt nicht, auch wenn es als Grundlage der Erziehung sehr wichtig ist. Heranwachsende brauchen von Eltern und Lehrern klare und entschiedene Stellungnahmen. Sie sind heutzutage vielfäl­tigen negativen Einflüssen ausge­setzt. Die elektronische Industrie übt einen gefährli­chen Sog aus. Sie versucht, unsere Jugend für ihre eigenen Ziele zu benutzen. Computerspiele mit Gewalt- und Tö­tungstrainings sowie Handys sind nur zwei dieser Gefahren. Mit Handys, über die mittlerweile fast jedes Kind verfügt, können jenseits der elterlichen Kon­trolle Bilder, Mitteilungen und Musik transportiert werden, und die Kinder und Jugendli­chen können sich sekundenschnell kurzschliessen und absprechen.
Neben den Einflüs­sen der elektronischen Medien sind auch die Auswirkungen gewalttätiger Vorbilder und von Kriegsspielen kopierten Handelns unter den Kindern und Jugendlichen virulent. Es wird länger dauernder Bemühungen von Eltern, Schulen und des Freizeitbereiches brauchen, um bei unseren Heranwachsenden das Ausufern in schädigendes und kriminelles Verhalten wieder einzudämmen.
So müssen unsere Kinder ihren Weg ins Leben zwi­schen zwei Welten suchen: der familiären Welt des Normalen und der verführerischen elektroni­schen Welt bar jeder Wert­orientierung.
Um einen guten Weg zu finden, brauchen sie Koordinaten und ei­nen Kompass. Sie brauchen Eltern und Lehrer, die ihnen vermitteln, was richtig ist und was falsch, was gut und was schlecht ist, was fürs Leben taugt und was nicht. Sie brau­chen Erzieher, die es wagen, Verbote aus­zusprechen und von ihnen Kooperation, Ehrlichkeit und Leistung zu fordern, Erwach­sene, die ihnen gradlinig und entschlossen Orientierung und Halt geben. Sie brauchen Väter und Mütter, die keine Angst davor haben, ihre Kinder könnten beleidigt reagieren oder ihnen vorwerfen, sie seien autoritär.
Der Bericht einer 20jährigen zeigt deutlich, was unsere Jungen brauchen:
«Meine El­tern liessen mich über lange Zeit hinweg einfach machen. Sie sagten nicht, ich solle meine Schulaufgaben gewissenhaft machen und abends rechtzeitig heimkommen. Sie haben mir nicht verboten, mich fast jeden Abend beim Bahnhof herumzutreiben. Wenn ich morgens nicht aus dem Bett kam, hat mir die Mutter für die Schule eine Ent­schuldi­gung, die ich selbst geschrieben hatte, einfach unterschrieben. In dieser Zeit hatte ich das Gefühl, es sei meinen Eltern egal, wo ich mich herumtreibe, ob ich Drogen nehme, ob ich in der Schule immer schlechter werde und deshalb keine Lehrstelle finden werde.
Ich habe mich gefragt, ob ich für sie überhaupt wichtig bin, bis mein Vater eines Tages ein Machtwort ge­sprochen hat und ich gespürt habe, dass meine Mutter auch hinter ihm steht. Ich war damals 14jährig. Am Anfang reagierte ich empört und habe frech protes­tiert.
Aber ich habe auch gemerkt, dass sie recht haben, dass ich keinen Beruf lernen kann, wenn ich so weitermache. Heute bin ich froh, dass sie bei ihrer konsequenten Haltung geblieben sind. Von da an bin ich in der Schule besser geworden, und ich habe auch eine Lehr­stelle gefunden.
Heute bin ich Floristin und habe Freude an meinem Be­ruf. Kürzlich habe ich erfahren, dass mein Onkel meinem Vater Mut gemacht hat, als Erzie­her hinzu­stehen und – einfach zu erziehen.» •