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Nur mit Ehrlichkeit wird der Graben zwischen «Nord» und «Süd» überwunden werden

Jean Zieglers Buch «Der Hass auf den Westen»

thk. Wer den streitbaren Professor Jean Ziegler, der heute im beratenden Gremium des Menschenrechtsrats der Uno in Genf Einsitz genommen hat, kennt, weiss um seine Eloquenz und seine Unerschrockenheit, Missstände anzuprangern und Ungerechtigkeiten zu benennen. Dass er dabei auch schon einmal über das Ziel hinausschiessen kann, liegt vielleicht in der Natur seines Engagements, das zweifelsohne Respekt verlangt. Besonders als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hat er sich nicht nur bei den Entwicklungsländern einen Namen gemacht, denn es ist unter anderem auch ihm zu verdanken, dass die zahlreichen Opfer der Ernährungskrise in den armen Ländern dieser Welt eine Stimme in der internationalen Gemeinschaft erhalten haben. Die Rücksichtslosigkeit des heutigen Neoliberalismus, u.a. vertreten durch WTO und Weltbank, wird genauso gegeisselt wie das unmenschliche System im kommunistischen China. Dort, wo Menschenrechte verletzt werden, erhebt Jean Ziegler seine Stimme.
So geschieht es auch in seinem neusten Buch «Der Hass auf den Westen». In eindrücklicher Weise versucht er darin, dem Leser verständlich zu machen, warum ein gedeihliches Zusammenwirken zwischen dem Norden (den Industrienationen) und dem Süden (den sogenannten Entwicklungsländern) bis heute nicht wirklich möglich ist.
Wer die Verhandlungen im Menschenrechtsrat verfolgt und unter anderem fassungslos miterleben musste, wie eine Verurteilung der Regierung von Sri Lanka für ihre gravierenden Menschenrechtsverletzungen gegenüber der tamilischen Minderheit am Veto der Entwicklungsländer scheiterte, der findet in Zieglers neustem Buch eine Antwort darauf.
Der Autor rollt die Geschichte des Imperialismus des weissen Mannes auf und geht dabei zurück bis in das dunkle Kapitel des Sklavenhandels. In dieser Zeit wurden zig Millionen von Schwarzen gefangen genommen, ihrer Familien entrissen und von Afrika nach Übersee verfrachtet. Wer die abscheulichen Bedingungen auf den Transportschiffen überlebt hatte, fristete als Leibeigener eines Bergwerkbesitzers oder Grossgrundbesitzers ein erbärmliches Leben, wenn man es als solches überhaupt bezeichnen kann. Nur wenige Sklavenhalter spürten ein mitmenschliches Gefühl und pflegten einen zivilisierten Umgang.

Keine Entschuldigung der Industrienationen

Die Liste dieser Entwürdigungen – begangen durch den weissen Mann – ist lang und führt dem Leser vor Augen, welche Spuren die sogenannten entwickelten Länder in Afrika, Asien, Lateinamerika und sonstwo auf der Welt hinterlassen haben.
Der Versuch der internationalen Gemeinschaft, mit der Uno-Welt-Konferenz gegen Rassismus in Durban die Wunden der Vergangenheit zu schliessen, scheiterte an der Arroganz des Nordens bzw. Westens und endete, wie Ziegler schreibt, «in einem Desaster». Die betroffenen Länder, die eine Wiedergutmachung der Verbrechen der Vergangenheit verdient hätten, erlebten einen Westen, der die Verantwortung weit von sich wies und mit Empörung und Ignoranz auf die Forderungen der geschädigten Länder reagierte.

Westliche Doppelmoral bei den Menschenrechten

In verschiedenen Kapiteln rechnet Ziegler mit den einzelnen Staaten und deren Verbrechen gegen die Menschlichkeit ab: mit England, Deutschland, den USA, Frankreich, der EU … Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund und verurteilt die unerträgliche Doppelmoral der Regierungen in bezug auf die Menschenrechte und deren Durchsetzung. Gerade Frankreich, das während des Zeitalters des Imperialismus in den nordafrikanischen Kolonien fürchterlich gewütet hat, konnte sich bis heute nicht durchringen, seine Schuld anzuerkennen und wiedergutzumachen. Das von Ziegler gewählte Beispiel des französischen Präsidenten zeigt es deutlich. Präsident Sarkozy erklärte im Jahre 2007 in einer Rede vor Hunderten von Studenten in Dakar: «Die Herausforderung Afrikas besteht darin, in die Geschichte einzutreten.» Was nichts anderes heisst, als dass die Länder Afrikas an ihrem Elend selbst schuld sind. Und weiter hält er den Afrikanern vor: «Wollt ihr, dass es keinen Hunger mehr auf afrikanischem Boden gibt? Wollt ihr, dass auf afrikanischem Boden nie mehr ein Kind verhungert? Dann bemüht euch um eine selbstversorgende Landwirtschaft.»
Wer weiss, wie beispielsweise die EU mit Exportsubventionen den schwachen afrikanischen Markt unterläuft, kann in diesen Worten nur eine Verhöhnung der afrikanischen Völker finden, wie es den ausgebeuteten Ländern durch Frankreich und andere Kolonialstaaten jahrhundertelang widerfahren ist.
Auch die Politik Israels und das Verhalten des Westens gegenüber den von Israel begangenen Menschenrechtsverletzungen kritisiert Ziegler scharf. Anhand verschiedener Abstimmungen im Menschenrechtsrat in bezug auf die Menschenrechtsverletzungen Israels, aber auch anderer Staaten, wird deutlich, dass die Industrienationen mit doppelten Standards arbeiten. Sie stimmen grundsätzlich einer Resolution, die die Vergehen Israels verurteilt, nicht zu und rechtfertigen dies immer mit der Einseitigkeit der Resolutionen. Geht es um die Menschenrechtsverletzungen in asiatischen oder afrikanischen Ländern, ist eine Verurteilung durch den Westen gewiss.

Die Hungerkatastrophe in Biafra

Am Beispiel zweier Länder, Nigeria und Bolivien, zeigt Ziegler auf, wie die Regierungen dieser Staaten trotz formaler Unabhängigkeit lange Zeit und teilweise bis heute durch Korruption und wirtschaftliche bzw. finanzielle Verflechtungen weiterhin vom Westen abhängig sind. Vor allem die Fakten zum Biafra-Krieg in der 60er Jahren des letzten Jahrhunderts führen dem Leser vor Augen, was den Hintergrund dieser weltweit bekannten Hunger- und humanitären Katastrophe bildete. Dass dafür hauptsächlich europäische Staaten und westliche Ölkonzerne verantwortlich waren, wundert nach der Lektüre dieses Buches niemand mehr. Dreissig Monate dauerte der Krieg und hinterliess fast zwei Millionen Tote sowie ein Desaster, dessen Name zum Synonym für den Hunger in Afrika wurde.
Neben allen historischen und politischen Analysen verliert Ziegler, und das ist eine Qualität von ihm, das Leiden des einzelnen Menschen nicht aus den Augen. Das Beispiel eines fünfjährigen Mädchens, das von morgens bis abends in einem Restaurant mit roher Gewalt zum Abwaschen gezwungen wird, zeigt die desolate Situation dieser Menschen, aber verlangt auch unser Mitgefühl, verbunden mit dem dringenden Appell, etwas dagegen zu unternehmen. Jean Ziegler beendet sein Kapitel mit dem aufrüttelnden Hinweis: «Solche Kindersklaven gibt es Hunderttausende in Nigeria.»

Der Widerstand regt sich

Die Situation in Bolivien hat zumindest mit der Wahl des indigenen Präsidenten Evo Morales eine neue Hoffung bekommen. Eine schrittweise Befreiung vom Joch der Unterdrückung hat begonnen. Hier rollt Ziegler die Geschichte der Konquistadoren auf, die seit dem 16. Jahrhundert das Elend der Ureinwohner Lateinamerikas bestimmten. Wie überall auf der Welt sind hier bis heute die Spuren des weissen Mannes zu sehen. Dass Bolivien Dutzenden von deutschen SS-Offizieren und faschistischen Kadern Unterschlupf gewährte und sie unbehelligt leben liess, alles mit Wissen der USA, ist ein weiteres dunkles Kapitel dieser korrupten vom Westen abhängig gemachten Vasallenstaaten.
Doch nicht nur in Bolivien, ganz Lateinamerika war Opfer dieser brutalen Ausbeutung und Unterdrückung. Im Kapitel «Der wiedergewonnene Stolz», beschreibt Ziegler, wie durch die Wahl Evo Morales’ die Menschen wieder Hoffung geschöpft haben und zwar in vielen Ländern. Seine Wiederwahl mit über 60 Prozent legte ein klares Zeugnis darüber ab. Morales verfolgt, so Ziegler, «eine Dreifachstrategie: Rückgewinnung der Bergwerke, der Erdölvorkommen und der Plantagen; Kampf gegen das soziale Elend; Zerschlagung des Kolonialstaats und Aufbau eines Sozialstaats.» Auf welches Minenfeld sich Morales mit diesem Programm begibt, habe uns die Geschichte gelehrt. Und Ziegler verweist auf den iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh, der den Schritt zur Verstaatlichung der Ölfelder mit seinem Leben bezahlen musste. Drahtzieher des Komplotts 1953 waren, wie kürzlich Barack Obama öffentlich eingestand, Historikern jedoch schon lange bekannt war, die USA mit ihren Geheimdiensten, die den Schah Resa Pahlevi an die Macht brachten.
Wer genauer wissen möchte, worin «Der Hass auf den Westen» seinen Ursprung hat, darf sich die Lektüre des gleichnamigen Buchs von Jean Ziegler nicht entgehen lassen. Mit messerscharfer und ungeschminkter politischer Analyse, verbunden mit menschlichem Mitgefühl, verbreitet das Buch trotz aller Kritik am Westen keinen Pessimismus, sondern ist ein klarer Appell an uns Menschen, uns der Ursachen der heutigem Probleme bewusst zu werden und an deren Behebung aktiv mitzuwirken.  •