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«Im freien Fall»

Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft

von Joseph Stiglitz

zf. Die Wirtschaftskrise, die wir seit dem Herbst 2008 erleben, hat weltweite Auswirkungen. Ihren vorläufigen Höhepunkt bildet die drohende Insolvenz verschiedener Staaten. Eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft ist bislang nicht absehbar.
Alarmiert durch die verheerenden Auswirkungen dieser Krise, vor allem auch für die Entwicklungsländer, und weil sie mit den schnellen Lösungsansätzen einiger weniger Länder der G 20 nicht einverstanden waren, hatten der damalige Präsident der Uno-Generalversammlung, Miguel d’Escoto Brockmann, und Joseph Stiglitz im vergangenen Sommer einen Uno-Krisengipfel einberufen, für den leitend war, dass die Krise die gesamte internationale Gemeinschaft betrifft und daher auch bei der Suche nach Lösungen alle Völker gleichwertig mit einbezogen werden müssen. Viele Ideen des Berichtes, den Stiglitz in einer Vorbereitungskommission mit anderen erarbeitet hatte, wurden an diesem Krisengipfel diskutiert und in einer Abschlusserklärung vorgelegt. Der Stiglitz-Bericht forderte grundlegende Reformen der internationalen Finanzmärkte, unter anderem einen repräsentativen Weltwirtschaftsrat sowie staatliche Kapitalverkehrskontrollen. Dieser Versuch war damals von den Industrieländern abgelehnt worden.
Um so wohltuender, dass Joseph ­Stiglitz mit «Im freien Fall – vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft» jetzt ein Buch vorgelegt hat, das in verständlicher und menschlicher Art und Weise und getragen vom Respekt vor den Nationalstaaten und ihrer Souveränität darlegt, wie er aus dem Inneren der Abläufe die Krise und ihre Ursachen sieht: Die Kriege seit Beginn der 90er Jahre und ihre immensen Kosten, die eine künstliche Aufblähung des Geldes verlangt haben (siehe «Die wahren Kosten des Krieges»), die verheerenden Auswirkungen der Auflagen für die dritte Welt (siehe «Die Schatten der Globalisierung»), Deregulierung und dadurch entfesselte Märkte, ­falsche Anreize und ungerechte Verteilung des Reichtums haben die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht.
Statt hektischer Massnahmen lädt ­Stiglitz zu einem gemeinsamen vertieften Nachdenken ein. Mit wohltuender Ruhe und getragen vom Wunsch, kommende Krisen zu vermeiden, stellt er die Zukunftsaufgabe, vor der wir alle stehen, in ihrer gesamten Komplexität dar und lädt ein, nach menschengerechten Lösungen zu suchen: Nachdem alles versagt hat, stehen wir vor einer neuen Aufgabe, die ein Mitdenken aller Kräfte erfordert; auch der Leser wird mit in die Verantwortung genommen. Ohne individuelle Schuldzuweisung und mit einer Offenheit, die menschliche Grösse zeigt, legt er die Versäumnisse und Fehlentscheidungen dar, die zum heutigen Desaster geführt haben. Die Frage stellt sich, wie die einzelnen Länder so viel Souveränität gewinnen, wie so viel Konsens erreicht werden kann, dass die Aufgabe gemeinsam angegangen werden kann.
Im folgenden drucken wir das Vorwort zu seinem Buch ab, dem eine breite Leserschaft zu wünschen ist: Das Buch ist für jeden aufmerksamen Leser zu verstehen.


* * *

Für meine Studenten,
von denen ich so viel gelernt habe,
in der Hoffnung, sie mögen
aus unseren Fehlern lernen.

In der Grossen Rezession, die im Jahr 2008 begann, verloren Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ihre Häuser und Arbeitsplätze. Noch viel mehr waren in Angst und Sorge, dass ihnen das Gleiche widerfahren könnte, und fast jeder, der für seinen Lebensabend oder für die Ausbildung seiner Kinder Geld zurückgelegt hatte, musste erleben, dass der Wert dieser Ersparnisse auf einen Bruchteil ihres früheren Wertes schrumpfte. Eine Krise, die in Amerika begann, breitete sich binnen Kurzem auf die ganze Welt aus – allein in China gingen 20 Millionen Arbeitsplätze verloren, und viele Millionen Menschen verarmten.1
Damit hatte niemand gerechnet. Die moderne Volkswirtschaftslehre mit ihrem Glauben an freie Märkte und an die Globalisierung hatte Wohlstand für alle versprochen. Die hochgerühmte New Economy – die erstaunlichen Innovationen, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kennzeichneten, darunter auch Deregulierung und Finanzierungstechnik – sollte ein besseres Risikomanagement ermöglichen und dadurch den konjunkturellen Schwankungen ein Ende setzen. Und wenn die Verbindung von New Economy und moderner Ökonomik das konjunkturelle Auf und Ab auch nicht abgeschafft habe, so habe sie es doch zumindest abgeschwächt. So erzählte man es uns jedenfalls.
Die Grosse Rezession – eindeutig der schlimmste Abschwung seit der Grossen Depression vor 75 Jahren – hat diese Illusionen zerstört. Sie zwingt uns dazu, liebgewonnene Ansichten zu überdenken. Ein Vierteljahrhundert lang waren bestimmte marktwirtschaftliche Doktrinen tonangebend: Freie und unbeschränkte Märkte seien effizient; wenn sie Fehler machten, würden sie diese schnell korrigieren. Der Staat müsse sich auf die notwendigen Aufgaben beschränken, und Regulierung hemme die Innovationskraft einer Volkswirtschaft. Zentralbanken sollten unabhängig sein und sich darauf konzentrieren, die Inflationsrate möglichst niedrig zu halten. Mittlerweile hat selbst der Hohepriester dieser Ideologie, Alan Greenspan, der in dem Zeitraum, in dem diese Anschauungen massgeblich waren, als Präsident der US-Notenbank amtierte, eingeräumt, dass dieser Ansatz verfehlt war – doch für die Vielen, die in der Folge zu den Leidtragenden gehörten, kam sein Eingeständnis zu spät.
Dieses Buch befasst sich mit einem Kampf der Ideen, mit den Vorstellungen, die zu den verfehlten politischen Massnahmen führten, die die Krise auslösten, und mit den Lehren, die wir daraus ziehen. Mit der Zeit endet jede Krise. Aber jede Krise – zumal eine Krise dieses Ausmasses – wirkt nach. Und die Krise von 2008 wird eine neue Sicht der langjährigen Kontroversen um die Frage, welches Wirtschaftssystem dem Gemeinwohl am dienlichsten ist, mit sich bringen. Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus mag vorbei sein, aber es gibt unterschiedliche Spielarten der Marktwirtschaft, und der Wettbewerb zwischen ihnen geht weiter.
Ich glaube, dass Märkte im Zentrum jeder erfolgreichen Volkswirtschaft stehen, dass sie aus eigener Kraft aber nicht richtig funktionieren. Damit stehe ich in der Tradition des berühmten britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der die moderne Volkswirtschaftslehre massgeblich geprägt hat. Der Staat muss eine Rolle spielen, nicht nur, um die Wirtschaft zu retten, wenn Märkte versagen, und bei der Regulierung der Märkte, um jene Arten des Versagens, wie wir sie gerade erleben, zu verhindern. Volkswirtschaften brauchen ein Gleichgewicht zwischen Markt und Staat – mit wichtigen Beiträgen von nicht marktgestützten und nichtstaatlichen Institutionen. In den letzten 25 Jahren hat Amerika dieses Gleichgewicht verloren, und es hat seine unausgewogenen Konzepte vielen anderen Ländern aufgezwungen.
Dieses Buch erläutert, wie verfehlte Betrachtungsweisen zu der Krise führten, wie sie es wichtigen Entscheidungsträgern im privaten und im öffentlichen Sektor erschwerten, die schwelenden Probleme zu erkennen, und wie sie zum Versagen der Politiker bei der Bewältigung der negativen Folgen der Krise beitrugen. Wie lange die Krise währt, wird davon abhängen, welche politischen Massnahmen ergriffen werden. Aufgrund bereits begangener Fehler wird der Abschwung länger dauern und tiefer sein, als er es andernfalls gewesen wäre. Aber die Bewältigung der Krise ist nur eines der Themen, die mich interessieren; ich bin auch besorgt darüber, wie die Welt nach dem Ende dieser Krise aussehen wird. Wir werden und können nicht zu der Welt, wie sie vor der Krise gewesen ist, zurückkehren.
Vor der Krise waren die Vereinigten Staaten und die Welt insgesamt mit vielen Problemen konfrontiert; nicht das Geringste dieser Probleme ist der Klimawandel. Das Tempo der Globalisierung erzwang einen raschen Strukturwandel in den Volkswirtschaften und erhöhte vielfach deren Anpassungsfähigkeit. Diese Herausforderungen werden, in verstärkter Form, nach der Krise fortbestehen, aber uns werden erheblich weniger Ressourcen zu ihrer Bewältigung zur Verfügung stehen.
Ich hoffe, dass die Krise zu Veränderungen im Bereich der Politik und im Bereich des Denkens führen wird. Wenn wir die richtigen Entscheidungen treffen – nicht nur die in politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht zweckdienlichen –, werden wir eine weitere Krise nicht nur unwahrscheinlicher machen, sondern vielleicht sogar jene wirklichen Innovationen beschleunigen, die das Leben von Menschen auf der ganzen Welt verbessern werden. Wenn wir hingegen die falschen Entscheidungen treffen, werden die sozialen Verwerfungen zunehmen, und die Wirtschaft wird anfälliger für eine weitere Krise sein und schlechter gewappnet für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Dieses Buch soll dazu beitragen, die Weltordnung, die sich nach der Krise herausbilden wird, besser zu verstehen, und aufzeigen, wie unser heutiges Verhalten die Weltordnung positiv oder negativ beeinflussen wird.
Man hätte erwarten können, dass sich mit der Krise von 2008 die Debatte über den «Marktfundamentalismus» – die Überzeugung, dass freie Märkte von selbst wirtschaftlichen Wohlstand und Wirtschaftswachstum hervorbringen – erledigt hätte. Man hätte meinen können, niemand würde mehr behaupten – zumindest so lange nicht, bis die Erinnerungen an diese Krise tief ins historische Gedächtnis abgesunken sind –, dass sich Märkte von selbst regulieren und dass das eigennützige Verhalten der Marktteilnehmer die Funktionstüchtigkeit der Märkte garantiere.
Diejenigen, die vom «Marktfundamentalismus» profitierten, warten mit einer anderen Interpretation auf. Einige sagen, unsere Wirtschaft habe einen «Unfall» erlitten, und Unfälle ereigneten sich nun mal. Es komme ja auch niemand auf den Gedanken, zu fordern, wir dürften wegen gelegentlicher Kollisionen nicht mehr Auto fahren. Diejenigen, die diesen Standpunkt vertreten, wollen, dass wir so schnell wie möglich wieder zum alten Zustand vor der Krise von 2008 zurückkehren. Die Banken hätten keine Fehler gemacht, sagen sie.2 Man gebe den Banken das Kapital, das sie brauchen, feile ein wenig an den gesetzlichen Regeln, bläue den Aufsichtsbehörden ein, Typen wie Bernie Madoff mit ihren Betrügereien nicht mehr ungeschoren davonkommen zu lassen, mache Wirtschafts­ethik zu einem Pflichtfach an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, und alles wird bestens werden.
In diesem Buch behaupte ich, dass die Probleme tiefer liegen. In den vergangenen 25 Jahren wurde unser Finanzsystem, das sich angeblich so zuverlässig selbst regulieren kann, mehrfach von der öffentlichen Hand gerettet. Aus dem Überleben des Systems zogen wir die falschen Lehren, nämlich, dass es aus eigener Kraft funktioniere. Tatsächlich funktionierte unser Wirtschaftssystem schon vor der Krise für die meisten Amerikaner nicht besonders gut. Manchem ging es gut, aber es war nicht der Durchschnittsamerikaner.
Ein Volkswirt betrachtet Krisen in der gleichen Weise, in der ein Arzt krankhafte Veränderungen betrachtet: Beide erfahren anhand gestörter Funktionsabläufe eine Menge über normale Prozesse. Als ich mich eingehender mit der Krise von 2008 zu beschäftigen begann, hatte ich das Gefühl, gegenüber anderen Beobachtern deutlich im Vorteil zu sein. In einem gewissen Sinn war ich ein «Krisenveteran», ein Krisologe. Dies war nicht die erste grosse Krise in den letzten Jahren. So ist es etwa mit beunruhigender Regelmässigkeit zu Krisen in Entwicklungsländern gekommen – nach einer Zählung waren es zwischen 1970 und 2007 insgesamt 124.3 Zur Zeit der letzten Weltfinanzkrise in den Jahren 1997/98 war ich Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Weltbank. Ich sah, wie eine Krise, die in Thailand begann, auf andere Länder in Ostasien und dann auf Lateinamerika und Russland übergriff. Es war ein klassisches Beispiel einer Ansteckung – ein Versagen in einem Teil des Weltwirtschaftssystems griff auf andere Teile über. Es kann Jahre dauern, bis sich die Auswirkungen einer Wirtschaftskrise in ihrer ganzen Tragweite bemerkbar machen. Im Falle Argentiniens begann die Krise 1995 im Gefolge der Mexiko-Krise, und sie verschlimmerte sich durch die Ost­asien-Krise von 1997 und die Brasilien-Krise von 1998, aber erst Ende 2001 kam es zum vollständigen Zusammenbruch.
Die Ökonomen mögen stolz sein auf die Fortschritte, die die Wirtschaftswissenschaften in den siebzig Jahren seit der Grossen Depression gemacht haben, aber das bedeutet nicht, dass Einmütigkeit im Hinblick auf die Frage besteht, wie man mit Krisen umgehen sollte. Schon 1997 war ich entsetzt darüber, dass das US-Finanzministerium und der Internationale Währungsfonds (IWF) auf die Asien-Krise mit einer Reihe von Massnahmen reagierten, die an die verfehlte Politik erinnerten, die Präsident Herbert Hoover während der Grossen Depression betrieben hatte und die zum Scheitern verurteilt war.
Als die Welt 2007 abermals in eine Krise schlitterte, hatte ich daher ein Déjà-vu-Erlebnis. Die Ähnlichkeiten der Reaktionen auf die Krise damals und die ein Jahrzehnt zuvor waren unheimlich. Etwa, um nur ein Beispiel herauszugreifen, die anfängliche öffentliche Leugnung der Krise: Zehn Jahre zuvor hatten das US-Finanzministerium und der IWF zunächst behauptet, es gebe in Ostasien keine Rezession/Depression. Larry Summers, damals Staatssekretär im Finanzministerium und heute oberster Wirtschaftsberater von Präsident Obama, flippte schier aus, als der für Ostasien zuständige damalige Vizepräsident der Weltbank, Jean-Michel Severino, das R-Wort (Rezession) und das D-Wort (Depression) benutzte, um die Vorgänge zu beschreiben. Aber wie sonst sollte man einen Konjunktureinbruch beschreiben, der die Arbeitslosigkeit auf der indonesischen Haupt­insel Java auf 40 Prozent schnellen liess?
Das Gleiche geschah im Jahr 2008, als die Regierung Bush zunächst versicherte, es gebe kein ernstes Problem. Wir hätten lediglich ein paar Häuser zu viel gebaut, meinte der Präsident.4 In den ersten Monaten der Krise änderten das Finanzministerium und die Notenbank wie betrunkene Fahrer ständig ihre Fahrtrichtung; sie retteten einige Banken, während sie andere pleitegehen liessen. Man konnte nicht erkennen, dass ihre Entscheidungen sich an irgendwelchen Prinzipien orientierten. Mitglieder der Regierung Bush erklärten, sie handelten pragmatisch, und fairerweise muss man sagen, dass sie sich auf Neuland bewegten.
Als sich 2007 und Anfang 2008 Rezessionswolken über der US-Wirtschaft aufzutürmen begannen, wurden Ökonomen immer wieder gefragt, ob sie eine weitere Depression oder auch eine tiefe Rezession für möglich hielten. Die meisten Ökonomen verneinten dies ganz entschieden. Fortschritte bei der volkswirtschaftlichen Theoriebildung – einschliesslich neuer Konzepte zur Steuerung der Weltwirtschaft – bewirkten, dass viele Experten eine solche Katastrophe für unvorstellbar hielten. Dabei hatten wir zehn Jahre zuvor, bei Ausbruch der Ostasien-Krise, versagt, und zwar jämmerlich versagt.
Falsche Wirtschaftstheorien führen, wie nicht weiter verwunderlich ist, zu falschen politischen Massnahmen, aber diejenigen, die sie befürworteten, waren selbstverständlich überzeugt davon, dass sie erfolgreich sein würden. Sie irrten sich. Verfehlte wirtschaftspolitische Massnahmen hatten die Ostasien-Krise zehn Jahre zuvor nicht nur ausgelöst, sondern auch dazu geführt, dass sie tiefer war und länger dauerte, als es ansonsten der Fall gewesen wäre, und dass sie geschwächte Volkswirtschaften und Schuldenberge hinterliess.
Das Versagen zehn Jahre zuvor war zum Teil auch ein Versagen der globalen politischen Prozesse. Die Krise traf die Entwicklungsländer, die manchmal auch als «Peripherie» des Weltwirtschaftssystems bezeichnet werden. Diejenigen, die das Weltwirtschaftssystem lenkten, interessierten sich weniger dafür, das Leben und das Auskommen der Menschen in den betroffenen Nationen zu schützen, als dafür, das Überleben westlicher Banken zu sichern, die Kredite an diese Länder vergeben hatten. Heute, da sich Amerika und der Rest der Welt darum bemühen, ihre Volkswirtschaften wieder auf den Pfad robusten Wachstums zurückzuführen, erleben wir abermals ein Versagen der politischen Konzepte und der politischen Akteure beziehungsweise Prozesse.

Im freien Fall

Mit der Weltwirtschaft gingen 2008 auch unsere Überzeugungen in den freien Fall über. Langgehegte Ansichten über die Funktionsweise der Wirtschaft, über Amerika und über unsere Helden befinden sich ebenfalls im freien Fall. Im Gefolge der letzten grossen Finanzkrise veröffentlichte das Magazin Time am 15. Februar 1999 ein Titelbild, das Notenbankpräsident Alan Greenspan, Finanzminister Robert Rubin, denen lange Zeit der Boom der 1990er Jahre als persönliches Verdienst angerechnet wurde, sowie ihren Protegé Larry Summers zeigte. Sie wurden »Ausschuss zur Rettung der Welt« genannt, und im öffentlichen Bewusstsein galten sie lange Zeit als wahre Halbgötter. Im Jahr 2000 schrieb der bekannte Journalist Bob Woodward eine Greenspan-Hagiographie mit dem Titel Maestro.5
Ich war vom Umgang mit der Ostasien-Krise, den ich aus erster Hand miterlebte, weniger beeindruckt als das Magazin Time oder Bob Woodward. Ich und die meisten Menschen in Ostasien waren der Ansicht, dass die ihnen auf Geheiss des «Ausschusses zur Rettung der Welt» vom IWF und US-Finanzministerium aufgezwungenen Massnahmen die Krise unnötigerweise verschlimmerten. Diese Massnahmen zeugten von einem mangelnden Verständnis für das Einmaleins der modernen Makroökonomik, das bei einem Konjunkturrückgang eine expansive Geld- und Fiskal­politik fordert.6
Die Öffentlichkeit hat mittlerweile das Vertrauen in die langjährigen Gurus der Wirtschaft verloren. In den letzten Jahren haben wir uns immer wieder an die Wall Street insgesamt gewandt – nicht nur an Halbgötter wie Rubin und Greenspan –, um uns von dort Rat in der Frage zu holen, wie wir das komplexe System unserer Volkswirtschaft steuern sollen. An wen können wir uns heute wenden? Die Ökonomen haben sich ganz überwiegend als nicht viel hilfreicher erwiesen. Viele von ihnen stellten das intellektuelle Rüstzeug bereit, auf das sich Politikgestalter beriefen, als sie die Deregulierung vorantrieben.
Leider findet die Auseinandersetzung um Ideen in der Öffentlichkeit oftmals weniger Beachtung als die Rolle von Einzelpersonen: der Schurken, die die Krise auslösten, und der Helden, die uns retteten. Andere werden Bücher schreiben (oder haben dies bereits getan), die mit dem Finger auf diesen oder jenen Politiker, Amtsträger oder Finanzmanager zeigen, die uns in die gegenwärtige Krise hineinmanövrierten. Dieses Buch verfolgt ein anderes Ziel. Es fusst auf der Überzeugung, dass praktisch alle wichtigen wirtschafts­politischen Entscheidungen, wie etwa jene, die mit der Deregulierung zusammenhängen, von politischen und ökonomischen »Kräften« – Interessen, Ideen und Ideologien – ins Werk gesetzt wurden, die sich nicht auf bestimmte Einzelpersonen reduzieren lassen.
Als Präsident Ronald Reagan Greenspan 1987 zum Präsidenten der FED ernannte, ging es ihm um eine Persönlichkeit, die eine entschlossene Deregulierungspolitik betreiben würde. Paul Volcker, der Vorgänger Greenspans an der Spitze der FED, hatte sich als Notenbankpräsident hohes Ansehen erworben, weil es ihm gelang, die US-Inflationsrate von 11,3 Prozent im Jahr 1979 auf 3,6 Prozent 1987 zu drücken.7 Normalerweise hätte eine solche Erfolgsbilanz automatisch eine zweite Amtszeit bedeutet. Aber Volcker wusste, wie wichtig ein straffer rechtlicher Ordnungsrahmen für die Wirtschaft ist, und Reagan wollte jemanden, der mit den Regeln aufräumte. Hätte Greenspan nicht für das Amt zur Verfügung gestanden, hätte es viele andere gegeben, die fähig und bereit gewesen wären, die Deregulierungsaufgabe zu übernehmen. Das Problem war nicht so sehr Greenspan als vielmehr die Tatsache, dass sich die Ideologie der Deregulierung festgesetzt hatte.
Obgleich sich das vorliegende Buch vor allem mit ökonomischen Überzeugungen und ihrem Einfluss auf die Politik befasst, um den Zusammenhang zwischen der Krise und diesen Überzeugungen aufzuzeigen, muss man ganz genau aufdröseln, wie es dazu kam. In diesem Buch geht es nicht darum, «den Täter» zu finden, aber wichtige Elemente des Plots könnten einem guten Krimi entnommen sein: Wie geriet die grösste Volkswirtschaft der Welt in den freien Fall? Welche ­politischen Massnahmen und welche Ereignisse haben die Grosse Rezession von 2008 ausgelöst? Wenn wir uns über die Antworten auf diese Fragen nicht verständigen können, können wir uns auch nicht darauf einigen, was zu tun ist, um aus der Krise herauszukommen oder um die nächste zu verhindern. Es ist nicht leicht zu bestimmen, welchen Anteil an der Krise das Fehlverhalten der Banken, das Versagen der Aufsichtsbehörden und eine allzu lockere Geldpolitik der FED hatten, aber ich werde erklären, weshalb ich die Hauptverantwortung bei den Finanzmärkten und -instituten sehe.
Die Suche nach den eigentlichen Ursachen gleicht dem Entfernen einzelner Zwiebelschalen. Jede Erklärung führt zu weiteren Fragen auf einer tiefer liegenden Ebene: Krasse Fehlanreize mögen kurzsichtiges und riskantes Verhalten von Bankern befördert haben, aber weshalb gab es solche perversen Fehlanreize? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: aufgrund von Mängeln im System der Unternehmensführung und -kontrolle, von Schwächen in der Art und Weise, wie Anreize und Vergütungsregeln festgelegt werden. Aber wieso hat der Markt schlechte Steuerungssysteme und Anreizstrukturen von Unternehmen nicht bestraft? Die natürliche Auslese soll das Überleben der Bestangepassten sicherstellen; Firmen mit Führungs- und Anreizstrukturen, die dem langfristigen Unternehmenserfolg am dienlichsten sind, sollten florieren. Diese Theorie ist ein weiteres Opfer dieser Krise. Wenn man über die Probleme nachdenkt, die diese Krise im Finanzsektor zum Vorschein brachte, zeigt sich, dass sie allgemeiner Natur sind und dass es in anderen Bereichen ähnliche Probleme gibt. Bemerkenswert ist auch: Sobald man hinter die Fassade blickt – hinter die neuen Finanzprodukte, die zweitklassigen («subprime») Hypothekendarlehen und die besicherten Finanzierungsinstrumente –, gleicht diese Krise vielen früheren Krisen in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern. Eine Vermögenspreisblase bildete sich und platzte – mit verheerenden Folgen. Die Bildung der Blase wurde durch eine unsolide, leichtfertige Kreditvergabe der Banken gefördert, die als Sicherheit Vermögensgegenstände akzeptierten, deren Wert durch die Blase künstlich aufgebläht worden war. Die neuen Innovationen erlaubten es den Banken, einen Grossteil ihrer Problemkredite zu kaschieren, sie nicht in ihren Bilanzen auszuweisen und so ihren tatsächlichen Verschuldungsgrad zu erhöhen – was die Blase nur noch grösser und die Folgen ihres Platzens noch verheerender machte. Neue Instrumente (sogenannte Credit Default Swaps), die angeblich der besseren Risikoabsicherung dienten, aber mindestens genauso sehr die Aufsichtsbehörden täuschen sollten, waren so komplex, dass sie die Risiken vergrösserten. Die grosse Frage, mit der wir uns in diesem Buch ausführlich befassen werden, lautet also: Wieso und weshalb liessen wir es zu, dass dies wieder und in einem solchen Ausmass geschah?
Während es schwierig ist, die tiefergehenden Erklärungen zu finden, lassen sich einige einfache Erklärungen leicht verwerfen. Wie bereits erwähnt, wollten diejenigen, die an der Wall Street arbeiteten, glauben, dass sie als Einzelpersonen keine Fehler begangen hatten, und sie wollten glauben, dass das System selbst im Grunde fehlerfrei arbeitete. Sie hielten sich für die unglückseligen Opfer eines Sturms, wie er ein Mal in tausend Jahren vorkommt. Aber die Krise traf die ­Finanzmärkte nicht schicksalhaft; sie war vom Menschen gemacht – sie war etwas, was sich die Wall Street selbst und der Gesellschaft antat.
Für diejenigen, die das Argument vom «schicksalhaften Eintreten der Krise» nicht glauben, haben die Fürsprecher der Wall Street andere Erklärungen parat. Durch die Förderung des Wohneigentums und der Kreditvergabe an finanzschwache Bevölkerungskreise habe die Regierung die Krise herbeigeführt. Oder: Die Regierung hätte uns davon abhalten sollen; es war die Schuld der Aufsichtsbehörden. Diese Versuche des US-Finanzsystems, die Verantwortung für die Krise auf andere abzuwälzen, hat etwas besonders Ungehöriges, und in späteren Kapiteln werde ich darlegen, warum diese Argumente nicht stichhaltig sind.
Befürworter des Systems tischen einem auch noch ein drittes Argument auf, das gleiche, das vor ein paar Jahren zur Zeit der Skandale um Enron und WorldCom im Schwange war. Danach hat jedes System seine faulen Äpfel, und aus irgendeinem Grund hat unser «System» – die Aufsichtsbehörden und Investoren eingeschlossen – einfach nicht gut genug funktioniert, um sich vor ihnen zu schützen. Zu den Ken Lays (dem Chef von Enron) und Bernie Ebbers (dem Chef von WorldCom) aus den Anfangsjahren des Jahrzehnts kommen Bernie Madoff und eine Vielzahl anderer (wie Allen Stanford und Raj Rajaratnam) hinzu, die heute vor Gericht stehen. Aber die Fehler, die – damals und heute – gemacht wurden, betreffen nicht nur einige wenige Personen. Die Verteidiger des Finanzsektors haben nicht begriffen, dass die gesamte Kiste – das System – faul war.8
Immer wenn Probleme so hartnäckig und allgegenwärtig sind, wie es beim US-Finanzsystem der Fall war, kann man daraus nur einen Schluss ziehen: Die Probleme sind systemischer Natur. Die hohen Boni und die grassierende Profitgier an der Wall Street mögen unverhältnismässig viele skrupellose Banker angelockt haben, aber die Tatsache, dass das Problem universell war, deutet auf fundamentale Fehler im System hin.

Interpretationsschwierigkeiten

In der Politik ist es noch schwieriger festzustellen, ob eine Massnahme ein Erfolg oder ein Fehlschlag war, als herauszufinden, wem oder was man etwas als Verdienst anrechnen (und wen oder was man für etwas verantwortlich machen) soll. Aber was heisst Erfolg oder Fehlschlag? Für Beobachter in den Vereinigten Staaten und Europa waren die Rettungsaktionen für die ostasiatischen Länder im Jahr 1997 ein Erfolg, weil die Vereinigten Staaten und Europa von der Krise verschont blieben. Für diejenigen in der Region, deren Volkswirtschaften in Trümmern lagen, deren Träume zerstört, deren Unternehmen bankrott waren und deren Ländern Schuldenberge in Milliardenhöhe aufgebürdet wurden, waren die Rettungsaktionen ein furchtbarer Fehlschlag. In den Augen der Kritiker hatten die vom IWF und vom US-Finanzministerium propagierten Massnahmen die Lage nur noch weiter verschlimmert. Für ihre Befürworter hatten sie eine Katastrophe verhindert. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Die Fragen lauten: Was wäre gewesen, wenn eine andere Politik betrieben worden wäre? Haben die Massnahmen des IWF und des US-Finanzministeriums die Wirtschaftskrise verlängert und vertieft oder sie verkürzt und flacher gemacht? Für mich gibt es eine klare Antwort auf diese Frage: Die hohen Leitzinsen und die Ausgabenkürzungen, die der IWF und das Finanzministerium forderten – genau das Gegenteil dessen, was die Vereinigten Staaten und Europa in der gegenwärtigen Krise tun –, haben die Lage verschlimmert.9 Die Länder in Ost­asien haben sich schliesslich wieder erholt, aber dies geschah trotz dieser Massnahmen, nicht wegen ihnen.
In ähnlicher Weise gelangten viele, die das lang anhaltende hohe Wachstum der Weltwirtschaft in der Ära der Deregulierung beobachteten, zu dem Schluss, dass sich freie Märkte bewährt hätten – die Deregulierung habe diese hohen, nachhaltigen Wachstumsraten ermöglicht. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Das Wachstum basierte auf einem Schuldenberg: Es stand, gelinde gesagt, auf wackligen Beinen. Westliche Banken wurden mehrfach durch Stützungspakete vor dem Zusammenbruch bewahrt, der eine unvermeidliche Folge ihrer leichtfertigen Kreditvergabe gewesen wäre – nicht nur in Thailand, Korea und Indonesien, sondern auch in Mexiko, Brasilien, Argentinien, Russland … – die Liste liesse sich beliebig verlängern.10 Nach jeder Episode machte man mehr oder minder im alten Trott weiter, und viele gelangten zu dem Schluss, dass die Märkte, sich selbst überlassen, reibungslos funktionierten. Tatsächlich wurden Märkte immer wieder von der öffentlichen Hand vor den Folgen ihrer eigenen Fehler gerettet. Diejenigen, die zu der Überzeugung gelangt waren, dass mit der Marktwirtschaft alles in Ordnung sei, irrten sich, aber der Irrtum kam erst «zum Vorschein», als sich eine Krise, die so gravierend war, dass sie nicht ignoriert werden konnte, hier ereignete.
Diese Debatten über die Auswirkungen bestimmter politischer Massnahmen erklären, weshalb sich schlechte Ideen so lange halten können. Meines Erachtens ist die Grosse Rezession von 2008 die unvermeidliche Folge einer Politik, die in den letzten Jahren verfolgt wurde.
Dass Sonderinteressen – der Finanzmärkte – diese Politik massgeblich geprägt haben, liegt auf der Hand. Die Rolle der Volkswirtschaftslehre hingegen ist vielschichtiger. Auf die lange Liste derjenigen, die mitverantwortlich für die Krise sind, würde ich auch die Zunft der Ökonomen setzen, denn sie haben die Sonderinteressen mit Argumenten über effiziente Märkte und deren «Selbstheilungskräfte» versorgt – obgleich Fortschritte auf dem Gebiet der ökonomischen Theoriebildung in den letzten zwanzig Jahren gezeigt haben, dass diese Annahmen nur unter eingeschränkten Bedingungen gelten. Infolge dieser Krise werden sich Wirtschaftstheorie und -politik höchstwahrscheinlich genauso stark verändern wie die Wirtschaft selbst, und im vorletzten Kapitel erörtere ich einige dieser Veränderungen.
Ich werde oft gefragt, wieso sich die Ökonomen derart irren konnten. Es gibt immer «skeptische» Ökonomen, die Probleme vorhersehen und «neun der letzten fünf» Rezessionen zutreffend prognostiziert haben. Aber es gab eine kleine Gruppe von Ökonomen, die nicht nur skeptisch, sondern sich auch – aufgrund gemeinsamer Ansichten – einig waren, weshalb die Wirtschaft mit diesen unvermeidlichen Problemen konfrontiert sein würde. Auf verschiedenen jährlichen Konferenzen, auf denen wir zusammenkamen, wie etwa dem Weltwirtschaftsforum in Davos, tauschten wir uns über unsere Diagnosen aus und versuchten zu erklären, weshalb der Tag der Abrechnung, den jeder von uns kommen sah, noch nicht eingetroffen war.
Wir Ökonomen verstehen uns gut darauf, grundlegende Kräfte zu erkennen; die genaue zeitliche Abfolge von Ereignissen können wir dagegen nicht zuverlässig vorhersagen. Bei der Konferenz in Davos im Jahr 2007 befand ich mich in einer unangenehmen Lage. Beim Treffen im Jahr zuvor hatte ich eindringlich vor drohenden Problemen gewarnt. Doch die Weltwirtschaft wuchs nach wie vor in atemberaubendem Tempo. Die globale Wachstumsrate von sieben Prozent war praktisch beispiellos, und sie trug auch in Afrika und Lateinamerika Früchte. Wie ich meinen Zuhörern darlegte, bedeutete dies entweder, dass meine theoretischen Grundannahmen falsch waren oder dass die Krise, wenn sie denn ausbrechen würde, härter und länger wäre, als ursprünglich angenommen. Aus naheliegenden Gründen entschied ich mich für die zweite Interpretation.
Die gegenwärtige Krise hat grundlegende Mängel im kapitalistischen System offenbart oder zumindest in der besonderen Spielart des Kapitalismus, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten entstanden ist (diese Variante wird manchmal auch «amerikanischer Kapitalismus» genannt). Es geht also nicht bloss um das Fehlverhalten Einzelner oder spezifische Fehler, und es geht auch nicht nur darum, einige kleine Probleme zu beheben oder ein paar politische Massnahmen nachzujustieren.
Diese Mängel wurden lange Zeit nicht erkannt, weil wir Amerikaner so sehr an unser Wirtschaftssystem glauben. «Unser Team» war um so vieles erfolgreicher gewesen als das unseres Erzfeindes, des Ostblocks. Die Stärke unseres Systems erlaubte uns, über die Schwäche ihres Systems zu triumphieren. Wir feuerten unser Team in allen Wettkämpfen an: die Vereinigten Staaten gegen Europa, die USA gegen Japan. Als der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das «Alte Europa» wegen seiner Ablehnung des Irak-Kriegs attackierte, war klar, an welchen Wettkampf er dachte – den zwischen dem erstarrten europäischen Sozialmodell und dem dynamischen US-amerikanischen Modell. In den 1980er Jahren hatten die Erfolge Japans einige Selbstzweifel in uns ausgelöst. War unser System dem der Japan AG tatsächlich überlegen? Diese Sorge war ein Grund, weshalb einige aus der Wirtschaftskrise in Ost­asien 1997, wo viele Länder Aspekte des japanischen Modells übernommen hatten, so grossen Trost schöpften.11 Zwar haben wir uns nicht öffentlich über die Stagnation der japanischen Wirtschaft in den 1990er Jahren gefreut, aber wir drängten die Japaner, unsere Spielart des Kapitalismus zu übernehmen.
Die nackten Zahlen verstärkten unsere Selbsttäuschung. Schliesslich wuchs unsere Wirtschaft viel schneller als die fast aller anderen Länder, mit Ausnahme der chinesischen – und in Anbetracht der Probleme, die wir im chinesischen Bankensystem vermuteten, sei es nur eine Frage der Zeit, bis es ebenfalls zusammenbräche.12 So dachten wir.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Fehlinterpretation von Zahlen Urteile (die sehr fehleranfälligen Urteile der Wall Street eingeschlossen) massgeblich beeinflusst hat. In den 1990er Jahren wurde Argentinien als die grosse Erfolgsgeschichte Lateinamerikas hingestellt – als der Triumph des «Marktfundamentalismus» auf der Südhalbkugel. Die argentinischen Wachstumsstatistiken sahen einige Jahre lang blendend aus. Aber wie im Fall der Vereinigten Staaten basierte das argentinische Wachstum auf einem Schuldenberg, der ein langfristig nicht tragfähiges Konsumniveau aufrechterhielt. Im Dezember 2001 erreichte die Verschuldung schliess­lich eine kritische Schwelle, und die Wirtschaft brach zusammen.13
Selbst heute noch bestreiten viele, dass unsere Marktwirtschaft vor wirklich grossen Problemen stehe. Sobald die gegenwärtige Durststrecke hinter uns liege – und jede Rezession geht einmal zu Ende –, würden wir wieder auf den Pfad robusten Wachstums zurückkehren, freuen sie sich. Doch wenn man die US-Wirtschaft genauer unter die Lupe nimmt, erkennt man einige tiefer sitzende Probleme: eine Gesellschaft, in der sogar das Einkommen der Mittelschicht seit einem Jahrzehnt stagniert, eine Gesellschaft, die durch wachsende Ungleichheit geprägt ist; ein Land, in dem – auch wenn es spektakuläre Ausnahmen gibt – die statistischen Chancen eines armen Amerikaners, es an die Spitze der Einkommenspyramide zu schaffen, geringer sind als im «Alten Europa»14 und in dem die durchschnittlichen Ergebnisse bei standardisierten schulischen Leistungstests bestenfalls mittelmässig ausfallen.15 Nach allem, was man so hört, sind – neben dem Finanzsektor – etliche weitere wirtschaftliche Schlüsselsektoren in Schwierigkeiten, unter anderem das Gesundheitswesen, die Energiewirtschaft und das verarbeitende Gewerbe.
Aber die Probleme, die angegangen werden müssen, beschränken sich nicht auf die Vereinigten Staaten. Die Ungleichgewichte im Welthandel, die schon vor der Krise bestanden, werden nicht von selbst verschwinden. In einer globalisierten Wirtschaft kann man die Probleme Amerikas nur dann umfassend angehen, wenn man sie in diesem übergeordneten Rahmen betrachtet. Die weltwirtschaftliche Nachfrage bestimmt das globale Wachstum, und die Wirtschaft der Vereinigten Staaten wird nur dann auf den Pfad robusten, selbsttragenden Wachstums zurückkehren – und nicht in eine Stagnation nach japanischem Muster verfallen –, wenn die Weltwirtschaft stark ist. Und solange ein Teil der Welt weiterhin viel mehr produziert, als er konsumiert, und ein anderer Teil – ein Teil, der sparen sollte, um die Bedürfnisse seiner alternden Bevölkerung befriedigen zu können – weit mehr konsumiert, als er produziert, wird die Weltwirtschaft diese Stärke kaum erreichen.
Als ich mit der Niederschrift dieses Buches begann, herrschte ein Gefühl der Hoffnung: Der neue Präsident, Barack Obama, werde die verfehlte Politik der Regierung Bush korrigieren, und unsere Wirtschaft werde nicht nur schon bald deutliche Zeichen der Erholung zeigen, sondern wir würden auch die längerfristigen Herausforderungen angehen. Das US-Haushaltsdefizit werde vorübergehend anwachsen, aber das Geld werde zumindest sinnvoll verwendet: um Familien zu helfen, ihre Eigenheime zu behalten, für Investitionen, die die langfristige Produktivität steigern und die Umwelt schützen, und im Gegenzug für die staatliche Finanzhilfe, die den Banken gewährt wurde, erhielte die öffentliche Hand einen Anspruch auf Beteiligung an zukünftigen Erträgen, der das Risiko, das die Allgemeinheit auf sich nahm, ausgleichen würde.
Aber die Hoffnungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Selbstverständlich sollten wir uns darüber freuen, dass die Katastrophe, die viele im Herbst 2008 für unvermeidlich hielten, verhindert wurde. Aber einige der Geschenke an die Banken waren genauso sinnlos wie die unter Präsident Bush; die Hilfe an die Eigenheimbesitzer fiel geringer aus, als ich erwartet hätte. Das neue Finanzsystem, dessen Konturen allmählich zum Vorschein kommen, ist weniger wettbewerbsfähig; und die Mega-Banken, die aufgrund ihrer Grösse de facto einen staatlichen «Insolvenzschutz» geniessen (wegen der angeblichen Risiken für das gesamte Wirtschaftssystem), stellen ein noch grösseres Problem dar. Gelder, die für die Restrukturierung der Wirtschaft und für die Gründung neuer, dynamischer Unternehmen hätten ausgegeben werden können, wurden verschwendet, um alte, bankrotte Firmen zu retten. Andere Aspekte von Obamas Wirtschaftspolitik waren zweifellos Schritte in die richtige Richtung. Aber es wäre unredlich, Bush für bestimmte politische Massnahmen zu kritisieren und stumm zu bleiben, wenn sein Nachfolger die gleiche Politik betreibt.
Noch aus einem weiteren Grund fiel es mir nicht leicht, dieses Buch zu schreiben. Ich kritisiere – einige würden sagen: verunglimpfe – die Banken, die Banker und andere Finanzmarktakteure. Ich habe viele, viele Freunde in diesem Sektor – intelligente, engagierte Männer und Frauen, gute Staatsbürger, die verantwortungsvoll darüber nachdenken, welchen Beitrag sie zu einer Gesellschaft leisten können, die sie so reichlich belohnt hat. Sie spenden nicht nur grosszügig, sondern sie arbeiten auch hart für die Dinge, an die sie glauben. Sie würden sich in den Zerrbildern, die ich hier zeichne, nicht wiedererkennen, und ich erkenne diese Karikaturen nicht in ihnen wieder. Tatsächlich fühlen sich viele, die im Finanzsektor tätig sind, genauso sehr als Opfer wie alle anderen. Auch sie haben einen Grossteil ihrer Ersparnisse und ihrer Altersrücklagen verloren. Und innerhalb des Sektors waren die meisten Volkswirte, die die konjunkturelle Entwicklung vorherzusagen versuchten, die Dealmaker (Experten, die Finanzierungstransaktionen beziehungsweise Fusionen und Übernahmen einfädeln), die unseren Unternehmenssektor effizienter machen wollten, und die Analysten, die mit höchst ausgeklügelten Techniken die Ertragsentwicklung von Unternehmen vorherzusagen versuchten, um sicherzustellen, dass Investoren die höchsten Kapitalrenditen erhalten, nicht an dem Fehlverhalten beteiligt, das den Finanzsektor so sehr in Verruf gebracht hat.
Wie so oft in unserer modernen komplexen Gesellschaft «laufen Dinge einfach schief». Es gibt negative Ergebnisse, die nicht die Schuld eines bestimmten Individuums sind. Aber diese Krise war das Resultat von Handlungen, Entscheidungen und Argumenten von Finanzmarktakteuren. Das System, das so jämmerlich versagte, fiel nicht vom Himmel. Es wurde erschaffen. Tatsächlich arbeiteten viele hart daran – und gaben viel Geld dafür aus –, dass es genau die Form annahm, die es schliesslich kennzeichnete. Diejenigen, die daran beteiligt waren, das System hervorzubringen, und die es steuerten – einschliesslich derjenigen, die so grosszügig von ihm entlohnt wurden –, müssen zur Rechenschaft gezogen werden.
Wenn wir verstehen, was die Krise von 2008 verursachte und weshalb einige der anfänglichen politischen Gegenmassnahmen völlig versagten, können wir die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Krisen verringern, ihre Dauer verkürzen und dafür sorgen, dass sie weniger unschuldige Opfer fordern. Vielleicht werden wir sogar in der Lage sein, einem robusten, auf soliden Fundamenten ruhenden Wachstum den Weg zu ebnen – im Gegensatz zu dem flüchtigen, schuldenbasierten Wachstum der letzten Jahre; und wir werden vielleicht sogar in der Lage sein, dafür zu sorgen, dass die Früchte dieses Wachstums einer breiten Mehrheit der Bevölkerung zugute kommen.
Erinnerungen sind kurzlebig, und in dreissig Jahren wird eine neue Generation die Bühne betreten, überzeugt davon, dass sie den Problemen der Vergangenheit nicht zum Opfer fallen wird. Der Einfallsreichtum des Menschen kennt keine Grenzen, und ganz gleich, was für ein System wir konzipieren, wird es immer Leute geben, die die Vorschriften und Regeln zu umgehen versuchen, die eingeführt wurden, um uns zu schützen. Auch die Welt wird sich verändern, und Vorschriften, die auf die heutigen Verhältnisse zugeschnitten sind, werden den wirtschaftlichen Realitäten in der Mitte des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden. Aber im Gefolge der Grossen Depression in den 1930er Jahren haben wir einen Ordnungsrahmen geschaffen, der uns fünfzig Jahre lang gute Dienste leistete und Wachstum und Stabilität förderte. Dieses Buch wurde in der leisen Hoffnung geschrieben, dass uns dies ein weiteres Mal gelingen wird. •

Aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt. Mit freundlicher Genehmigung des Siedler Verlags.
Joseph Stiglitz. Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte. Zur Neuordnung der Weltwirtschaft. 2. Auflage. ISBN 978-3-88680-942-4, www.siedler-verlag.de

1    Sharon LaFraniere, «China Puts Joblessness for Migrants at 20 Million», New York Times, 2. Februar 2009, S. A10. Die Abteilung für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten des Sekretariats der Vereinten Nationen schätzt, dass im Vergleich zu einer Situation, in der die Wachstumsrate vor der Krise unverändert fortbestanden hätte, zwischen 73 und 103 Millionen mehr Menschen arm bleiben oder verarmen werden. Vereinte Nationen, «World Economic Situation and Prospects 2009», Mai 2009, abrufbar unter www.un.org/esa/policy/wess/wesp2009 files/wesp09Update.pdf. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass die weltweite Arbeitslosigkeit bis Ende 2009 um über 50 Millionen Personen ansteigt und dass etwa 200 Millionen Arbeitskräfte in äusserste Armut zurückfallen. Vgl. den Bericht des Generaldirektors, «Tackling the Global Jobs Crisis: Recovery through Decent Work Policies», vorgestellt auf der International Labour Conference, Juni 2009, einsehbar unter www.ilo.org.
2     Alan Schwarz, der Chef von Bear Stearns, der ersten der grossen Investmentbanken, die pleitegingen – aber in einer Weise, die den Steuerzahler noch Milliarden Dollar kosten wird –, wurde in einer Anhörung des Bankenausschusses des Senats gefragt, ob er glaube, Fehler gemacht zu haben: «Ich versichere Ihnen, dass ich intensiv darüber nachgedacht habe. Ich habe mir im Rückblick und mit dem heutigen Kenntnisstand die Frage gestellt: ‹Wenn ich die Entwicklungen zutreffend vorhergesehen hätte, welche Massnahmen hätten wir dann im Vorfeld ergreifen können, um diese Situation zu vermeiden?› Aber mir ist nichts eingefallen, was etwas an der Situation, mit der wir konfrontiert waren, geändert hätte.» Aussage vor dem Ausschuss für das Bankenwesen, den Wohnungsbau und städtische Angelegenheiten des US-Senats, Anhörung zum Thema «Unruhen auf den US-Kreditmärkten: Überprüfung der jüngsten Massnahmen der Bundesfinanzaufsicht», Washington, D.C., 3. April 2008.
3     Luc Laeven und Fabian Valencis, «Systemic Banking Crises: A New Database», Internationaler Währungsfonds, Arbeitspapier, WP/08/224, Washington, D.C., November 2008.
4     George W. Bush erklärte in einem Interview: «Wir haben eine konjunkturelle Flaute, weil wir zu viele Häuser gebaut haben.» Interview mit Ann Curry in der Today Show, NBC, 18. Februar 2008.
5     Bob Woodward, Maestro. Greenspan: Dirigent der Weltwirtschaft, Hamburg 2001.
6     Es gibt noch eine weitere Erklärung für die unterschiedlichen politischen Vorgehensweisen: Die Vereinigten Staaten und Europa handelten so, wie es denInteressen ihrer Wähler entsprach – die Massnahmen, die Ostasien aufgezwungen wurden, wären für Amerikaner und Europäer inakzeptabel gewesen. Aus dem gleichen Grund reagierten der Internationale Währungsfonds und das US-Finanzministerium zumindest zum Teil auf die Interessen ihrer »Klientel«, der Gläubiger in ihren Finanzmärkten, die einzig daran interessiert waren, dass die Kredite, die sie an diese Länder ausgegeben hatten, zurückgezahlt wurden – auch wenn dies die Sozialisierung privater Zahlungsverpflichtungen bedeutete. Für eine ausführliche Diskussion dieser Ereignisse vgl. Joseph E. Stiglitz, «Die Schatten der Globalisierung», München 2002.
7    US-Arbeitsministerium, Amt für Arbeitsmarktstatistik, Verbraucherpreisindex, Alle Städtischen Verbraucher, alle Waren, abrufbar unter www.bls.gov.
8     Vgl. Susan S. Silbey, «Rotten Apples or a Rotting Barrel: Unchallengeable Orthodoxies in Science», Vortrag an der Arizona State University Law School, 19./20. März 2009. Der Anteil derjenigen, die zur Entstehung der Krise beigetragen haben, weil sie zu weit gingen und sich gesetzwidrig verhielten, ist gering: Die Juristen in ihren Firmen instruierten sie genau, was sie tun mussten, um nicht strafrechtlich belangt werden zu können, und ihre Lobbyisten setzten alles daran, dafür zu sorgen, dass die Gesetze ihnen grosse Handlungsspielräume gaben. Dennoch wird die Liste der Verurteilten immer länger. Allen Stanford muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 375 Jahren rechnen, wenn er in den 21 Anklagepunkten wegen Betrugs in Höhe von mehreren Milliarden Dollar, Geldwäsche und Behinderung der Justiz schuldig gesprochen wird. Beihilfe leistete ihm sein Finanzvorstand, James Davis, der sich in den drei Anklagepunkten betrügerische Postbenutzung, Verabredung zum Betrug und Verabredung zur Behinderung eines Ermittlungsverfahrens schuldig bekannte. Zwei Broker von Credit Suisse wurden wegen arglistiger Täuschung von Kunden angeklagt – die zu Verlusten von 900 Millionen Dollar führte; einer wurde von einem Geschworenengericht verurteilt, und einer bekannte sich schuldig.
9     Es gibt eine naheliegende Erwiderung darauf: Die Umstände waren andere. Hätten diese Länder eine expansive Fiskalpolitik betrieben, dann hätte dies kontraproduktive Auswirkungen gehabt (so lautete das Argument). Es ist erwähnenswert, dass jene ostasiatischen Länder, die dem traditionellen keynesianischen Rezept folgten (Malaysia und China), viel besser über die Runden kamen als die Länder, die gezwungen wurden, den Diktaten des IWF zu folgen. Um die Zinsen senken zu können, musste Malaysia vorübergehend den freien Kapitalverkehr einschränken. Aber der Abschwung in Malaysia war dafür kürzer und schwächer als in anderen ostasiatischen Ländern, und das Land ging mit einer geringeren Schuldenlast daraus hervor. Vgl. Ethan Kaplan und Dani Rodrik, »Did the Malaysian Capital Controls Work?«, in: S. Edwards und J. Frankel (Hg.), Preventing Currency Crisis in Emerging Markets, Boston 2002.
10     Zu den internationalen Stützungsaktionen sollten wir die »inländischen« Rettungspakete hinzuzählen, bei denen Regierungen ihre Banken retten mussten, ohne dafür internationale Unterstützung zu erhalten. Auf diese lange Liste sollte man auch das Debakel der Sparbanken in den Vereinigten Staaten in den 1980er Jahren und die Bankenpleiten in Skandinavien Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre setzen.
11     Die enge Kooperation zwischen Regierung und Privatwirtschaft in Malaysia veranlasste viele dazu, von der «Malaysia AG» zu sprechen. Nach der Krise wurde das Zusammenwirken von Regierung und privatem Sektor plötzlich als Nepotismus bezeichnet.
12     Vgl. Nicholas Lardy, Chinas Unfinished Economic Revolution, Washington, D.C., 1998, für die gängige Interpretation. Die Ironie, die darin liegt, dass US-Banken – nicht etwa chinesische Banken – zusammenbrachen, ist Beobachtern auf beiden Seiten des Pazifiks nicht entgangen.
13     Die volkswirtschaftliche Gesamtproduktion sank 2002 (im Vergleich zu 2001) um weitere 10,9 Prozent, zusätzlich zu einem kumulierten Rückgang um 8,4 Prozent seit der letzten Hochkonjunktur im Jahr 1998, was insgesamt eine Abnahme der Gesamtproduktion um 18,4 Prozent und eine Abnahme des Pro-Kopf-Einkommens um mehr als 23 Prozent bedeutet. Die Krise verursachte im Gefolge des drastischen Rückgangs beim Konsum, bei den Investitionen und in der Gesamtproduktion auch einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 26 Prozent. Vgl. Hector E. Maletta, «A Catastrophe Foretold: Economic Reform, Crisis, Recovery and Employment in Argentina», September 2007, abrufbar unter http://ssrn.com/abstract=903i24
14     In einer Studie über acht nordamerikanische und europäische Volkswirtschaften (Grossbritannien, Vereinigte Staaten, Westdeutschland, Kanada, Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland) wiesen die Vereinigten Staaten die niedrigste intergenerationale Einkommensmobilität (Zunahme oder Abnahme des Einkommens bei den Kindern im Vergleich zu den Eltern) auf. Die intergenerationale partielle Korrelation (ein Mass der Immobilität) der Vereinigten Staaten ist doppelt so hoch wie bei den nordeuropäischen Ländern. Nur Grossbritannien besitzt eine annähernd gleich hohe Immobilität. Das Fazit der Studie lautet: «Die Vorstellung, die Vereinigten Staaten seien das ‹Land der unbegrenzten Möglichkeiten› hält sich zwar beharrlich, ist aber falsch.» Vgl. Jo Bianden, Paul Gregg und Stephen Machin, «Intergenerational Mobility in Europe and North America», London School of Economics Centre for Economic Performance, April 2005, abrufbar unter www.suttontrust.com/reports/IntergenerationalMobility.pdf. Die Einkommensmobilität ist in Frankreich ebenfalls höher als in den Vereinigten Staaten. Vgl. Arnaud Lefranc und Alain Trannoy, »Intergenerational Earnings Mobility in France: Is France More Mobile than the U.S.?«, Annales d’Economie et de Statistique, Nr. 78 (April–Juni 2005), S. 57–77.
15     Das Program for International Student Assessment (PISA) ist ein System internationaler Bewertungen, das alle drei Jahre die Leistung von Fünfzehnjährigen in den Bereichen Lesefertigkeit sowie mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz misst. Die durchschnittlichen Leistungen von US-Schülern liegen dabei unter dem OECD-Durchschnitt (dem Mittelwert der dreissig Staaten in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), und zwar bei der naturwissenschaftlichen Kompetenzwerteskala (489 Punkte gegenüber 500 Punkten) und der mathematischen Kompetenzwerteskala (474 Punkte gegenüber 498 Punkten). In den Naturwissenschaften schnitten die US-Schüler schlechter ab als die Schüler von 16 der übrigen 29 OECD-Länder. Vgl. S. Baldi, Y. Jin, M. Skemer, P.). Green und D. Herget, Highlights from PISA 2006: Performance of U.S. 15-Year-Old Students in Science and Mathematics Literacy in an International Context (NCES 2008-016) (US-Bildungsministerium, Washington, D.C., National Center for Education Statistics, Dezember 2007).

Joseph Stiglitz

Wirtschaftswissenschaftler, seit 1970 an verschiedenen Universitäten, lehrt derzeit an der Columbia University in Manhattan und an der französischen Ecole polytechnique und am Institut d’études politiques de Paris. 1993 wurde er Mitglied im Rat der Wirtschaftsberater von Bill Clinton, dessen Ratsvorsitz er von 1995 bis 1997 übernahm. 1997 wechselte er zur Weltbank, bei der er als Chef-Ökonom und Vizepräsident amtierte. Meinungsverschiedenheiten über deren Kurs führten 2000 zu seinem Rücktritt.
Für seine Arbeiten über das Verhältnis von Information und Märkten erhielt er 2001 zusammen mit George A. Akerlof und Michael Spence den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Er ist Mitbegründer des Ende Oktober 2009 gegründeten Institute for New Economic Thinking (INET), um neue Denkansätze für die Volkswirtschaftslehre zu entwickeln.
Vorsitz des Committee on Global Thought der Columbia University, Mitbegründer und Präsident der Initiative for Policy Dialogue (IPD).
Vorstandsvorsitzender und Direktor des Graduate Summer Programs, Brooks World Poverty Institute, University of Manchester.
Designierter Präsident der International Economic Association.
Vorsitzender der Expertenkommisison des Präsidenten der Uno-Generalversammlung zu Reformen des internationalen Währungs- und Finanzsystems.
Weltweit anerkannt als führender Lehrer in Wirtschaftsfragen, Autor zahlreicher Artikel und Bücher. Begründer von The Journal of Economic Perspectives, einem der führenden Wirtschaftsjournale. Sein Buch «Schatten der Globalisierung» wurde in 35 Sprachen übersetzt. Weitere Bücher: The Roaring Nineties (W.W. Norton), Towards a New Paradigm in Monetary Economics (Cambridge University Press) mit Bruce Greenwald, Fair Trade for All (Oxford University Press) mit Andrew Charlton und Making Globalization Work (W.W. Norton and Penguin/Allen Lane, September 2006). Sein Buch The Three Trillion Dollar War: The True Cost of the Iraq Conflict, (deutsch: Die wahren Kosten des Krieges) mit Linda Bilmes von der Harvard University erschien im März 2008 bei Norton and Penguin/Allen Lane. Das neueste Buch, Freefall: America, Free Markets, and the Sinking of the World Economy, erschien im Januar 2010 bei W.W. Norton and Penguin/Allen Lane.