Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich

Tel. +41 44-350 65 50
Fax +41 44-350 65 51
Zeit-Fragen - Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung
Sie sind hier:   Startseite  >  2010  >  Nr.10 vom 8.3.2010  >  Die Genossenschaft – ein Modell der Ehrlichkeit, Offenheit und Mitmenschlichkeit Druckversion

Die Genossenschaft – ein Modell der Ehrlichkeit, Offenheit und Mitmenschlichkeit

ts. Als die Weltwirtschaftskrise in den frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts breite Massen der Bevölkerung überall auf der Welt in Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Elend stürzte, begannen viele Menschen, sich selber zu organisieren, und gründeten vermehrt Formen von wirtschaftlichen Strukturen, welche sich schon seit alters bewährt und vor allem im 19. Jahrhundert einen ungeahnten Aufschwung erlebt hatten: Die Rede ist von Genossenschaften, welche nach dem Prinzip des «one man, one vote», also der Zusammenarbeit in Gleichwertigkeit und unter Achtung der Würde des Mitmenschen, organisiert sind und einerseits eine gute Alternative zur kommunistischen Kommandowirtschaft, andererseits aber auch zur radikalen und rücksichtslosen Herrschaft der Monopole, der Industriekapitäne und der Gross­finanz boten und auch heute noch bieten.
Gerade in der Gegenwart besinnen sich in Zeiten leerer Staatskassen und einer drohenden Inflation viele Menschen wieder auf das Arbeiten in freiwilligen Kooperationen. Deren Grundwerte wurden vom im Jahre 1895 in London gegründeten internationalen Genossenschaftsbund folgendermassen beschrieben: «Genossenschaften basieren auf Werten wie Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Demokratie, Gleichheit und Solidarität. Genossenschaftsmitglieder glauben in der Tradition ihrer Gründerväter an ethische Werte wie Ehrlichkeit, Offenheit, soziale Verantwortung und Bemühen um den Anderen.»
Im Laufe der Jahre haben sich verschiedene Typen von Genossenschaften entwickelt, so die Produktionsgenossenschaften, Konsumgenossenschaften, Landwirtschaftliche Genossenschaften, Wohnbaugenossenschaften, Kredit- und Spargenossenschaften (Raiffeisenkassen, Spar- und Leihkassen), Nutzungsgenossenschaften, Verwertungs- und Absatzgenossenschaften und mehr.
In der Schweiz hatte sich im Laufe einer über 700jährigen Geschichte aus diesen Genossenschaften in den Gemeinden die direkte Demokratie entwickelt.
Krisenresistent und identitätsstiftend
Der grosse Vorteil von Genossenschaften, gerade in Zeiten von Finanzblasen, Hedge- fonds und Raubritterkapitalismus, liegt in dem Umstand, dass Genossenschaften nicht übernommen und nicht aufgekauft werden können, da – wie oben bereits erwähnt – der Grundsatz des «one man, one vote» gilt.
Weltweit gibt es heute an die 800 Millionen in Genossenschaften organisierte Einzelmitglieder, womit Genossenschaften die weltweit grösste Nichtregierungsorganisation (NGO) repräsentieren, deren Spitzenorganisation der Internationale Genossenschaftsbund (IGB) mit Sitz in Genf ist. In Europa allein gibt es heute mehr als 250 000 Genossenschaften mit 100 Millionen Mitgliedern und 20 Millionen Mitarbeitern.
Die Vorteile von Genossenschaften in Zeiten der Krise liegen in ihrer dezentralen Struktur, ihrer Ortskenntnis, ihrer engen Verflechtung mit der lokalen und regionalen Wirtschaft und je nach dem in einer Zusammenarbeit im Verbundsystem, beispielsweise in der Schweiz im Verband der ostschweizerischen landwirtschaftlichen Genossenschaften VOLG oder im Raiffeisenverbund.
Genossenschaften tragen so zum Wohlstand der Region bei, in der ihre Mitglieder leben und arbeiten. Sie stehen nicht unter dem Zwang, kurzfristig hohe Gewinne erzielen zu müssen, und ein Verlegen der Produktion in Billiglohnländer ohne Rücksicht auf soziale Folgen fände bei den Genossenschaftern nie Zustimmung – anders als bei Aktionären, die auf maxi­malen Profit ihres angelegten Geldes zielen, ohne mit einer Region und ihren Menschen verbunden zu sein. Gerade diese örtliche Verwurzelung aber ist Teil der genossenschaftlichen Identität.
Bei kleinen sowie grösseren Genossenschaften, insbesondere auch im politischen Bereich, von der Gemeinde aufwärts bis zur «Eid-Genossenschaft», entwickelt sich in der Mitgliedergruppe ein «Wir-Gefühl». Ein Wir-Gefühl, welches aber die Mitmenschen ausserhalb der Gruppe nicht ausschliesst oder geringschätzt, sondern den Kontakt zu ihnen und damit die Kooperation sucht. Wie die Deza dies in der Schweiz vorlebt, begrenzt sich dieses Engagement nicht nur auf den eigenen Kontinent, sondern man sucht auch die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung von Menschen in fernen Weltgegenden, wie eben zum Beispiel der Mongolei.
Auf dieser Grundlage lässt sich einer von Menschen gemachten allgemeinen Wirtschaftskrise von unten her und überall auf der Welt die Stirne bieten, wirtschaftlich, aber auch politisch, liegt doch im Genossenschaftsgedanken die Keimzelle jeder wahren und direkten Demokratie. Nach dem Motto: «Alle für einen, einer für alle». Und dies auch und erst recht im Jahre 2010!    •

Genossenschaften wahren Menschenwürde

«Die Genossenschaft verbindet ihre Glieder auf Grund dreier ‹Selbst›: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Wer ihr angehört, ist nicht Untertan, sondern gleichberechtigter Mitbesitzer und Mitgestalter. Er hat auf den Tagungen das gleiche Stimm- und Wahlrecht, im Gegensatz zu alten Ordnungen, welche Reiche und Adlige mit grösserer Stimmkraft ausrüsteten als politisch Minderbemittelte, ähnlich wie die Aktiengesellschaften der modernen kapitalistischen Wirtschaft den Inhabern grosser Aktienpakete entsprechend mehr Einwirkung auf die Entscheidungen gewährt als den Besitzern nur weniger Wertpapiere. Die Persönlichkeit, ja die Menschenwürde wurde in der Genossenschaft gewahrt. Der einzelne Genosse war von jeher ‹jemand›.»

Georg Thürer. Die Genossenschaftsidee im schweizerischen Staat, 1977. In: Gemeinschaft im Staatsleben der Schweiz. Haupt-Verlag 1998, S. 193