Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich

Tel. +41 44-350 65 50
Fax +41 44-350 65 51
Zeit-Fragen - Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung
Sie sind hier:   Startseite  >  2010  >  Nr.28 vom 12.7.2010  >  Über das kindliche Spiel Druckversion

Über das kindliche Spiel

von Dieter Sprock

Kinder spielen gerne. Nicht nur Menschenkinder. Wo immer sich Gelegenheit bietet, das junge Leben zu beobachten, begegnen einem Freude am Leben, Freude an der Bewegung und daran, die Welt zu entdecken und Neues auszuprobieren. Wer kennt nicht das Spiel junger Hunde, wenn sie einander nachrennen, Haken schlagen, plötzlich stehenbleiben, schauen, was der andere macht, und wieder losrennen, oder die übermütigen Sprünge junger Kälber auf der Weide …? Auch unsere Kindern spielen und bewegen sich gerne, wenn ihre Lebensfreude nicht bereits durch falsche Erziehung gebremst wurde.

Eine künstliche «Kinder-Konsum-Spiel-Kultur»

Nun gibt es einen gigantischen Markt, der unsere Kleinen und Grösseren mit allem möglichen «Spielzeug» versorgt: von einfachen Plastikrasseln und -rappeln für die ganz Kleinen über Modepüppchen aus dem Design-Studio, Inlineskates, Kick- und Skateboards mit den dazugehörigen Skaterparks und dem entsprechenden Outfit wie Kappen, Hosen und Schuhen bis hin zu Handys, Videos, Computer- und Killerspielen. Täglich kommt Neues dazu.
Ein Heer psychologisch geschulter Marketingstrategen entwickelt immer neue Produkte und versucht, mit immer raffinierteren Methoden das Geschäft in Gang zu halten. Es werden ständig neue Begehrlichkeiten geweckt. Die aggressive Werbung im Fernsehen und Internet, in Spielfilmen und Jugendzeitschriften wendet sich direkt an die Kinder, die dann ihre Eltern unter Druck setzen. Und in Geschäften werden Artikel für Kinder, auch Süssigkeiten, so plaziert, dass diese darüber stolpern; die Werbung setzt darauf, dass Eltern in der Öffentlichkeit den Konflikt scheuen und nachgiebig sind.
Viele wohlmeinende Eltern glauben, dass ihre Kinder all das Zeug brauchen, um glücklich zu werden, und dass sie ihnen einen Gefallen tun, wenn sie ihren Wünschen nachgeben. Das betrifft häufig auch ärmere und nicht zuletzt ausländische Familien, die den Überfluss der westlichen Konsumgesellschaft bewundern und so ihre Kinder wenigstens ein wenig daran teilhaben lassen wollen. Die Kinder werden aber nicht glücklicher. Im Gegenteil. Die künstliche «Kinder-Konsum-Spiel-Kultur» erzeugt unzufriedene Kinder, die ständig nach neuen, noch teureren Produkten schielen, um damit ihr Ansehen in der Gruppe der Gleichaltrigen aufzupolieren. Wer die neuesten und teuersten Produkte hat, wird bewundert. Kinder, die sich an der Materialschlacht nicht beteiligen, werden ausgeschlossen und gemobbt; ein grosses Problem in vielen Schulhäusern.
Die Begehrlichkeiten der Kinder haben inzwischen ein solches Ausmass angenommen, dass sie das Budget vieler Familien überfordern und zu einem echten Problem geworden sind.

Eltern wehren sich

Ermutigt durch Gespräche mit Freunden, Nachbarn und anderen Eltern im Quartier, die ebenfalls unter dem Unterhaltungskonsum leiden, haben sich viele Eltern entschlossen, ihre Kinder nicht mehr einfach dem kommerziellen Missbrauch zu überlassen. Sie haben sich zusammengesetzt und originelle Ideen entwickelt: Einige Familien haben den Fernsehapparat inzwischen abgeschafft; er ist einfach kaputtgegangen. Seither hat sich das Familienleben entscheidend verbessert. Die Eltern verbringen wieder mehr Zeit miteinander und mit ihren Kindern. Am Familientisch wird wieder gesprochen, sie lesen den Kindern vor, sprechen und spielen mit ihnen; eine wahre Freude. Andere haben beschlossen, die Kinder nicht mehr in die Einkaufszentren mitzunehmen. Sie wollen sie nicht zu Konsumtrotteln erziehen. Sie gehen wieder wandern und zeigen den Kindern die Schönheiten der Natur. Sie geben so die beste Antwort auf die Verkommerzialisierung des kindlichen Spiels.

Kinder unterscheiden nicht zwischen Spiel und Arbeit

Kinder spielen Erwachsensein. Das kleine Mädchen spricht mit der Puppe wie die Mutter mit ihm, mit den gleichen Worten, im gleichen Tonfall. Es kauft ein, kocht, wäscht und backt wie die Mutter. Der Bub ist im Spiel Lehrer, Lokomotivführer, Bauer oder Schreiner wie der Vater. Aus einem Stuhl wird eine Lokomotive; mit einer Decke darüber ein Zelt. Imaginäre Fahrgäste steigen ein und aus, und der Kondukteur kontrolliert die Billette. Ein kleines Stück Holz ist einmal ein Schiff, ein andermal ein Auto oder ein Flugzeug und ermöglicht die herrlichsten Reisen. Der kindlichen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Den ganzen Kram der Spielzeugindustrie braucht es nicht. Indem wir die Kinder mit Spielzeug überschütten, ersticken wir ihre eigene Kreativität, wir grenzen sie gleichsam aus der realen Welt aus und bereiten den Boden für jenen infantilen Lebensstil, der unsere westliche Konsumgesellschaft auszeichnet, in der Shopping für viele zum Lebens­inhalt geworden ist.
Kinder spielen den Alltag der Erwachsenen. Sie unterscheiden nicht zwischen Spiel und Arbeit. Diese Unterscheidung tragen die Erwachsenen hinein. Kinder spielen Arbeit und arbeiten spielend. Sie wollen dazugehören, mitmachen, einen Beitrag leisten und Bedeutung haben. Hierzu gibt es einen eindrücklichen Film: «Bergauf, bergab» (siehe Zeit-Fragen, Nr. 39 vom 22.9.2008). Er zeigt das Leben einer Bergbauernfamilie und wie es ihr gelingt, zwei kleine Buben in den arbeitsreichen Alltag zu integrieren.

Kinder in den Alltag einbeziehen

Kinder bringen alle Voraussetzungen mit, gute Mitspieler zu werden. Und wir Erwachsenen haben die Pflicht, gut zu überlegen, wozu wir sie erziehen wollen. Die Welt braucht dringend Menschen, die in der Lage sind, die anstehenden Aufgaben als Mitmenschen und Bürger anzupacken und einen Beitrag zu ihrer Lösung zu leisten. Wir können es uns nicht länger leisten, unsere Kinder zu «verbäbeln», so dass sie lebensuntüchtig werden und ihre Gedanken nur noch um die Befriedigung ihrer eigenen Wünsche kreisen oder dass sie mit Ellenbogenmentalität rücksichtslos ihre kurzlebigen Interessen durchsetzen. Wenn wir den Zusammenhalt unter den Menschen stärken wollen, muss es uns gelingen, die natürliche Lebensfreude der Kinder zu erhalten und sie zu reifer Schaffenskraft zu entwickeln, die dann dem Wohl der Gemeinschaft dient.
Kinder sind natürlich auf die Eltern ausgerichtet. Sie wollen gross und erwachsen werden. Wir müssen ihnen nicht sagen, dass sie laufen lernen sollen. Sie trainieren aus eigenem Antrieb unermüdlich. Kaum kann das Kind laufen, will es auch schon die teure Vase tragen; und es tut dies mit grosser Sorgfalt, wenn wir ihm die Gelegenheit dazu geben und es anleiten.
Mädchen wollen werden wie die Mutter und Buben wie der Vater. Mütter und Väter müssen ihren Platz als erwachsene Persönlichkeiten ausfüllen, damit ihre Kinder sich an ihnen orientieren können. Die Ideologie, welche die Unterschiede zwischen Mann und Frau eliminieren will und von den Eltern verlangt, sich auf die Ebene des Kindes zu begeben, ist falsch. Kinder brauchen erwachsene Vorbilder und eine freundliche erwachsene Anleitung. Eltern, die eigene unverarbeitete Kindheitseindrücke und Selbstmitleid auf die Kinder übertragen und ihnen aus falschen Motiven eine bessere Kindheit bereiten wollen, können keine Führung geben.
Es wirkt sich gut aus, wenn Eltern bei der Besprechung des Tagesablaufs ihre Kinder einbeziehen. Selbst kleine Kinder sind in der Lage mitzuhelfen, und sie machen es gern. «Das Frühstück können wir zusammen abräumen. Nachher muss ich einen Brief schreiben. In der Zeit kannst du an deinem Turm weiterbauen. Später gibt’s einen feinen Znüni. Beim Kochen kannst du mir helfen. Du kannst die Katze füttern. Das kannst du schon alleine. Sie freut sich immer sehr, wenn du ihr die Milch gibst.» So oder ähnlich könnten die Botschaften lauten, die die Mutter dem Kind für den Morgen mitgibt.
Mag sein, dass am Anfang manches vielleicht etwas mehr Zeit braucht, wenn kleine Kinder mithelfen. Doch was heisst das schon, wenn es dafür gelingt, sie zu guten Mitspielern zu machen? Kinder, die von klein auf daran gewöhnt sind, Aufgaben zu übernehmen, fühlen sich dazugehörig. Ihr Beitrag gibt ihnen eine Bedeutung für die Gemeinschaft und bereitet sie darauf vor, als erwachsene Bürger verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen.•