Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich

Tel. +41 44-350 65 50
Fax +41 44-350 65 51
Zeit-Fragen - Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung
Sie sind hier:   Startseite  >  2010  >  Nr.30 vom 27.7.2010  >  Schweizer Bauern als Wegbereiter und Garanten der direkten Demokratie Druckversion

Schweizer Bauern als Wegbereiter und Garanten der direkten Demokratie

thk. Kein Wirtschaftszweig betrifft das menschliche Leben und Überleben so zentral wie die Landwirtschaft. Auf Grund der klimatischen und topographischen Bedingungen entwickelte sich bei uns in der Schweiz die Landwirtschaft zuerst in den ebenen Flächen und in den Talböden. Hier dominierte vor allem der Getreideanbau, besonders Weizen und Gerste. Bereits im 8. Jahrhundert entdeckten die Bauern die grossen Vorteile der «Dreifelderwirtschaft», die erst mit der Agrarrevolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die Fruchtfolge abgelöst wurde.
Um im Mittelalter die Versorgung der damaligen Bevölkerung sicherzustellen, erschlossen die Bauern die Berghöhen und Alpen und begannen dort unter schwersten Bedingungen mit der Viehzucht und Milchwirtschaft.
Im Mittelalter waren rund 90 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Somit diente die Landwirtschaft vor allem der Selbstversorgung. Der sprichwörtliche «Zehnte», der von den Bauern abgegeben werden musste, kam aber anfänglich der Ernährung der sogenannten Herrschaft zugute, die auf dem Gebiet der damaligen Schweiz kaum 1 Prozent der Bevölkerung ausmachte. Das heisst, es musste zur Ernährung der übrigen Bevölkerung mehr als nur der Eigenbedarf erwirtschaftet werden. Viel hatten die Menschen damals nicht, die Armut war sehr gross, aber es reichte zum Überleben.

Mutige Persönlichkeiten

Als im 14. und 15. Jahrhundert die Bevölkerung in den Gemeinden und Dörfern die Macht des Adels sukzessive zurückdrängte und somit den Grundstein für unsere Gemeindeautonomie legte, waren es vor allem wieder die Bauern, die hier die entscheidende Rolle spielten und sich über einen langen Zeitraum ein gleichberechtigtes Mitspracherecht erkämpften. Mutige Persönlichkeiten, die sich für die Belange ihrer Mitmenschen einsetzten und von diesen wiederum Unterstützung erhielten, konnten so entscheidende Entwicklungen zum Wohle des Ganzen voranbringen. So füllten die Bauern zu diesem Zeitpunkt mehrere Rollen aus. Zum einen waren sie für die Versorgung der Menschen mit genügend Nahrung verantwortlich, zum anderen erkämpften sie sich die Mitsprache in politischen Belangen gegen eine hartnäckige Führungsschicht und als drittes verteidigten sie die gewonnene Freiheit gegenüber den Begehrlichkeiten der machtbesessenen Adelsherrschaft in unmittelbarer Nachbarschaft, bedingt durch ihre Waffenfähigkeit.

Gleichwertige Mitsprache und politische Mitgestaltung

Besonders in unsicheren Zeiten – und das Leben der Menschen war durch die Geschichte hindurch immer irgendwelchen Bedrohungen ausgesetzt, seien sie natürlichen, wirtschaftlichen, politischen oder kriegerischen Ursprungs – spielte die Versorgung der Bevölkerung eine zentrale Rolle. Besonders in der Schweiz bildeten die Bauern die tragende Schicht bei der Ausgestaltung unseres Staatswesens. Ihr unerschrockener und konsequenter Kampf für gleichwertige Mitsprache und politische Mitgestaltung war trotz vieler leidvoller Erfahrungen über die Jahrhunderte hinweg erfolgreich und hat die Grundlage für unseren modernen Staat geschaffen. Wichtige Epochen wie die Reformation oder die Ideen der Aufklärer wie Rousseau, Montesquieu und anderen hatten ebenfalls grossen Einfluss auf die Entwicklung der Schweizer direkten Demokratie mit all ihren Facetten, aber das bäuerliche Element der Gemeindeautonomie bleibt bis heute Grundlage unseres Staatswesens.
Der prozentuale Anteil der Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, ist massiv gesunken. Nicht auf Grund einer natürlichen Entwicklung, sondern vor allem auf Grund einer Politik, die der Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln aus dem eigenen Land immer weniger Bedeutung beigemessen haben.

Entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung unserer Freiheit

Wenn wir heute feststellen, dass die Landwirtschaft trotz aller Industrialisierung und Modernisierung im 20. und 21. Jahrhundert vor allem in den schweren Krisen des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung unserer Freiheit und Unabhängigkeit gespielt hat, dann empört es einen noch mehr, wenn man sieht, wie leichtfertig und unreflektiert von politischer Seite mit unserem Bauernstand umgegangen wird. Dass Bundesrätin Leuthard in ihrer neoliberalen Verblendung den Mehlzoll für Importmehl so massiv gesenkt hat, was vor allem die Schweizer mittelständischen Mühlen in grosse Nöte bringen wird und die Getreideproduktion, die zur Versorgung der eigenen Bevölkerung mit gutem und gesundem Mehl unverzichtbar ist, zeigt die wirtschaftliche und politische Ausrichtung dieser Bundesrätin.
Wider alle Vernunft und alle Erkenntnisse der neusten Agrarforschung und ohne nur einmal die betroffenen Vertreter der entsprechenden Branchen zu konsultieren, hat man diesen Schritt vollzogen.
Der vor zwei Jahren veröffentlichte Weltagrarbericht sieht eine Zukunft für die Landwirtschaft und somit für die erfolgreiche Bekämpfung des Hungers in einer regional verankerten, kleinräumig organisierten Landwirtschaft, die von Familienbetrieben geführt wird. Nach den Untersuchungen, die im Weltagrarbericht publiziert sind, ist der Familienbetrieb die einzige sinnvolle Alternative zur ökologisch und ökonomisch sinnlosen industriellen Produktion. Die Rückführung der Landwirtschaft in die ländliche Gemeinschaft weg von allem neoliberalen Gigantismus wird nicht nur den Hunger auf der Welt sinnvoll bekämpfen, es wird auch dazu beitragen, dass die Staaten ihre eigene Landwirtschaft aufbauen können, und zwar im Sinne der Ernährungssouveränität.

Die Verwurzelung mit Land und Leuten

Für unser Land bedeutet das ebenfalls eine Stärkung unseres Staatswesens. Die direkte Demokratie der Schweiz hat ihre historischen Wurzeln in einem selbstbewuss­ten Bauernstand, der die Verantwortung für das Allgemeinwohl übernommen und geführt durch einzelne Persönlichkeiten der genossenschaftlichen Demokratie zum Durchbruch verholfen hat. Die Verwurzelung mit Land und Leuten ist eine wichtige Voraussetzung dafür, damit die freiheitlichste aller Demokratien auch in Zukunft bestehen wird. Wie immer man auch als Historiker Napoleon gegenüberstehen möchte, eines muss man ihm lassen: Er hat bei aller Verblendung das Wesen der Schweiz richtig eingeschätzt, indem er bemerkte: «Die Demokratie ist es, die die Schweiz vor der Welt auszeichnet und interessant macht und ihr eine eigentümliche Farbe gibt.»
Wollen wir das alles einem blinden Ökonomismus, einer perversen Globalisierung, die in den letzen 20 Jahren die Verarmung ganzer Länder beschleunigt hat, und dem süssen Gift der Macht opfern?
Nie und nimmer!•    

Die letzten Jahre des Euro

zf. Bruno Bandulet, Euro-Kritiker der ersten Stunde, warnte bereits in den frühen 1990er Jahren zusammen mit den Professoren Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Karl Albrecht Schachtschneider und Joachim Starbatty vor den verheerenden Folgen einer Europäischen Währungsunion. In zahlreichen Vorträgen und Artikeln und in drei Büchern stritt er für den Erhalt der Deutschen Mark und gegen EU-Zentralismus und Euro-Wahn.
    Jetzt, nachdem die schlimmsten Befürchtungen eingetroffen sind, zieht er als ausgewiesener Euro-Kenner Bilanz, deckt die Hintergründe auf, nennt die Verantwortlichen und bringt den Leser auf den neusten Stand des Euro-Desasters.
Erklärt wird, wie das Eurosystem funktioniert, wie Geld aus dem Nichts geschaffen wird, wie Inflation entsteht und Staatsbankrotte ablaufen und wie sich Wechselkurse am Devisenmarkt bilden.

EU und Eurokrise – Das Fiasko des zentralisierten Geldes wurde mit noch mehr Zentralisierung beantwortet

«Entsetzt kann man schon sein, wie bedenkenlos sich deutsche Politiker bei der Einführung des Euro über sämtliche Argumente und Warnungen der angesehensten Ökonomen hinweggesetzt haben, wie leichtfertig die deutsche Verfassung zurechtgebogen wurde, wie skrupellos die dem Wähler gegebenen Versprechen gebrochen wurden. ‹Ich bin fassungslos, weil die Deutschen ihre Vorstellung von einer harten Währung aufgegeben haben›, sagte der prominente Finanzfachmann Jim Rogers, ‹das hätte ich nie gedacht.›
    Dabei darf der Euro nicht als isoliertes Phänomen gesehen werden. Es verhält sich wie mit den Puppen in der Puppe: Der Euro steckt im Kern der EU, so wie sie in Maastricht neu konzipiert wurde, und die EU ist nur Ausfluss einer überwölbenden Europa-Ideologie, des Europäismus. Und weil Euro und EU den Bedingungen eines Finanzsystems unterliegen, das auf ungedecktem Schuldengeld basiert, musste die Krise, die 2008 von den USA ausging, schliesslich auch die Kunstwährung Euro erschüttern. Erst die Auswirkungen der Finanzkrise haben die inneren Widersprüche der Währungsunion zutage treten lassen und Griechenland, den ersten Dominostein, zu Fall gebracht.
    Jetzt stehen wir vor der absurden Situation, dass zuerst die Überschuldung der Banken die Finanzkrise auslöste, dass dann die Regierungen für die Banken garantierten und dass seit 2010 die noch solventen Staaten der EU, allen voran Deutschland, für die überschuldeten Regierungen in Süd­europa haften, um – wie es heisst – den Euro zu retten. Das Fiasko des zentralisierten Geldes wurde mit noch mehr Zentralisierung beantwortet. Das System wird, wie der Schweizer Bankier Konrad Hummler schrieb, von logisch und ökonomisch gesehen völlig unhaltbaren Garantien aufrechterhalten, die sich aber gegenseitig unterstützen. Mit extrem hohen Beträgen habe man eine ‹Garantie für das Nichtgarantierbare› etabliert.»

aus: Bandulet, Seite 11f. (ISBN 978-3-942016-35-3)