Konsequenz in der Erziehung
von Dr. phil. Elisabeth Nussbaumer
Warum fällt es vielen Kindern so schwer, sich an den Erwachsenen zu orientieren, auf ihre Anordnungen zu hören und diese zu befolgen? Ein Dialog aus dem Alltag soll veranschaulichen, was mir ratlose oder verzweifelte Eltern in vergleichbarer Form häufig berichten:
Mutter: Es ist Freitag. Du hättest heute den Abfall wegbringen sollen. Er steht immer noch da.
Martin: Jahaa. Mach ich dann schon.
Mutter: Spätestens bis morgen mittag muss es gemacht sein.
Martin: Wieso? Morgen nachmittag reicht doch auch noch.
Mutter: Nein. Morgen nachmittag müssen wir für dich Winterschuhe kaufen gehen.
Martin: Ich will aber Schuhe mit Klettverschlüssen!
Mutter: Wir kaufen Schuhe, in denen du auch deine Einlagen tragen kannst, egal ob sie zum Binden sind oder Klettverschlüsse haben.
Nun entwickelt sich eine endlose Diskussion über das Schuhebinden, darüber, ob der Bub die Einlagen in den Schuhen tragen will, ob er überhaupt am Samstag nachmittag für den Schuhkauf Zeit hat, weil er dann einen Kollegen treffen will … und so weiter und so fort. Die Erledigung seines «Ämtli» ist über all den anderen Diskussionen längst untergegangen.
Am Montag stellt die Mutter fest, dass der Abfall noch nicht weggebracht ist. Sie klagt, dass ihr Sohn nicht auf sie höre. Er übergehe glatt, was sie ihm sage, mache nur das, was ihm gerade «in den Kram passe». Dabei habe sie sich immer gewünscht, eine harmonische Familie zu haben. Bei Martins Geburt habe sie sich vorgenommen, eine gute Mutter zu sein. Sie habe es besser machen wollen als ihre eigene Mutter, von der sie sich nie geliebt gefühlt habe. Und nun gebe es immer unangenehme, lange Diskussionen, wenn sie einmal etwas von Martin wolle. Er sei dann beleidigt oder beschimpfe sie gar. Sie meine es doch gut mit ihrem Buben und möchte nur, dass er dies endlich einmal einsehe.
Und wie kommt Martin zu dieser Einsicht? Oder allgemein gesagt: Wie lernen unsere Kinder, auf die Erwachsenen zu hören und ihre Anordnungen zu befolgen? Ein wichtiger Schritt hin zu diesem Ziel ist die Konsequenz und innere Sicherheit, mit der wir Erzieher den Kindern und Jugendlichen eine Orientierung geben. Ein weiteres Beispiel soll dies veranschaulichen:
Sie gehen mit einem siebenjährigen Buben auf einer belebten Strasse auf dem Trottoir. Auf der anderen Seite der stark befahrenen Strasse sieht er einen Kollegen. Ohne auf die Autos zu achten, will er unvermittelt auf die Strasse springen, weil er den Kollegen begrüssen möchte. Was tun Sie? Sie reagieren so rasch Sie können, packen den Buben am Arm und halten ihn zurück. Sie überlegen keine Sekunde, ob er wohl mit Ihnen einverstanden sein, ob er nachher gute Laune haben oder ob er Ihnen möglicherweise vorwerfen wird, er habe einen blauen Fleck bekommen, weil Sie ihn zu fest gepackt hätten. Für Sie ist die Sache ganz klar: Es ist Gefahr im Verzug. Ich muss handeln, wenn ich nicht will, dass das Kind unter ein Auto kommt. Für Sie gibt es nicht die geringste Unsicherheit, ob sie das Kind vielleicht doch auf die Strasse hinausrennen lassen sollten. Dieselbe Sicherheit bräuchten Eltern auch in allen anderen Erziehungssituationen.
Wenn wir davon ausgehen, dass Erziehung eine Vorbereitung auf das Leben sein soll, fragen wir uns, was im Leben auf unsere Kinder wartet. Dann wissen wir auch, was sie dafür lernen müssen und wo die Gefahren sind. Und was erwartet sie in der Zukunft? Eine Welt, die gerade von einer Wirtschaftskrise geschüttelt wird, die noch nicht ausgestanden ist. Der totale Zusammenbruch, den wir im letzten Jahr erlebt haben, zeigt, dass der in den letzten 60 Jahren eingeschlagene Weg falsch ist, dass das Ziel, reich zu werden ohne zu arbeiten, zutiefst unmoralisch ist und immer auf Kosten anderer Menschen geht.
Weiter werden unsere Kinder einmal als Bürger vor Aufgaben stehen, die dringend einer Lösung bedürfen: Wie schaffen wir mehr Frieden? Was können wir tun, damit die Armen nicht mehr vor Hunger sterben? Wie gehen wir mit den Ressourcen unseres Planeten um? Und so weiter und so fort. Wenn unsere Jungen später im Leben bestehen sollen, dürfen wir sie nicht verzärteln und verwöhnen. Sie müssen gelernt haben, zu kooperieren und ihren positiven Beitrag zu leisten. Und zwar nicht nur widerwillig oder weil man das eben «muss», sondern aus innerer Überzeugung und Freude daran, eine mitmenschliche Rolle spielen zu können. Neben praktischen Fertigkeiten und intellektuellen Fähigkeiten brauchen sie bewährte Eigenschaften wie Fleiss, Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit. Sie müssen nämlich einen Beruf erlernen und ihr Leben mit solider Arbeit ehrlich verdienen.
Um im Zusammenleben mit den Mitmenschen in der Familie und im Verein, im Dorf oder in der Stadt eine gute Rolle spielen zu können, brauchen sie soziale Kompetenzen. Und nicht zuletzt brauchen sie ein Herz für die anderen Menschen und für sich selbst, um dazu beizutragen, dass das Zusammenleben hier und anderswo auf der Welt friedlicher wird. Es sind also keine kleinen Aufgaben, die auf unsere Jungen warten. Deshalb können sie auch eine gesunde Dosis Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein brauchen. Selbstsicherheit aber erwächst aus dem Vertrauen in das, was man gelernt und sich erarbeitet hat, aus dem was man geleistet hat und weiterhin im Zusammenwirken mit den Mitmenschen zu leisten bereit ist.
Das Wissen um diese Ziele gibt den Erziehern die Sicherheit im Umgang mit der Jugend. Sie kennen das Ziel und sollten sich nicht davon abbringen lassen. Weil wir Menschen aber lieber Harmonie haben als Auseinandersetzung, laufen wir Gefahr, inkonsequent zu werden. Weil wir möchten, dass unsere Kinder uns zustimmen, sind wir versucht, uns in unfruchtbare Diskussionen einzulassen. Wenn die Kinder merken, dass wir gerne ihre Zustimmung hätten, können sie sich nicht mehr an uns orientieren. Dann sind wir als Erzieher auf verlorenem Posten. Dann hören sie nicht mehr auf uns, übergehen, was wir sagen, und suchen sich ihren eigenen Weg ins Leben. Dieser ist dann leider meistens mit Irrtümern gepflastert. Wir dürfen also nicht um ihre Bestätigung buhlen, sondern müssen ihnen mit unserer Gradlinigkeit und Konsequenz den Halt geben, an dem sie emporwachsen können. Wenn wir ihnen mit dieser Sicherheit eine Aufgabe übertragen oder eine Haltung von ihnen einfordern, werden sie es tun. Ja, sie werden es gerne tun, weil sie selbst merken, dass sie so grösser und stärker werden, dass das Zusammenleben so schöner ist und dass sie das, was sie heute lernen, später gut gebrauchen können.
Wenn wir die unfruchtbaren Diskussionen nicht mitmachen, heisst das nicht, dass wir mit den Kindern und Jugendlichen nicht sprechen sollen. Ein offenes und ehrliches Gespräch kann durchaus Sinn haben. Manchmal ist es auch nötig, die Auseinandersetzung mit den Kindern und Jugendlichen zu suchen. Sie brauchen ein offenes, ehrliches und gradliniges Gegenüber, an dem sie ihre eigenen Ideen messen können. Jugendliche sehnen sich nach Auseinandersetzungen mit Erwachsenen. Sie wollen ernst genommen werden, was nicht bedeutet, dass man ihnen zustimmt. Es kann auch sein, dass man sich ihnen entgegenstellen muss.
Als Erzieher stehen wir in der Verantwortung, unseren Kindern ein reifes Gegenüber zu sein, das ihnen Stütze und Orientierung gibt. Nicht sie müssen uns sagen, wo es langgeht, und schon gar nicht, ob wir gute Eltern sind. Wir müssen uns diese Frage selbst beantworten: angesichts der Lebensaufgaben, die sie später einmal zu bewältigen haben. Wenn wir ihnen Halt und Orientierung geben, schaffen wir Geborgenheit. So können sie ihre Fähigkeiten entwickeln und trainieren und wirklich starke, selbstbewusste Persönlichkeiten werden. •