Was tun, wenn jetzt schon laut die Inflation geplant wird?
von Karl Müller
Am 15. Februar berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» unter dem Titel «Schuldenabbau durch Inflation?», dass sich die «Finanzmärkte» langsam an das Schuldenproblem fast aller Industriestaaten herantasten würden und «kontrollierte Inflation» bereits als eine mögliche Lösung diskutiert wird.
Der Artikel spricht davon, es sei zwar noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen, «wie hoch verschuldet allgemein die Industrieländer sind», aber Griechenland sei der Anlass, dass «die Finanzmärkte zumindest ansatzweise das Problem der hohen Gesamtverschuldung von Industriestaaten diskutieren».
Ins Blickfeld gerieten dabei auch die staatlichen Verpflichtungen, die nicht in den offiziellen Haushaltsplänen auftauchen, also die staatlichen Verpflichtungen für die Alters- und Gesundheitsversorgung. «Müssten Staaten wie Unternehmen Buch führen», so die «Neue Zürcher Zeitung», «wäre längst sichtbar geworden, dass sie insolvent und bankrott sind». So ergebe sich, wenn man alles berücksichtigt, für die EU-Länder eine Gesamtverschuldung von 500 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP), für die USA sogar von 600 Prozent. Und die Zeitung fügt hinzu: «Je höher die Schulden sind, desto grösser ist die Gefahr, dass allein durch die Zinszahlungen die Verschuldung ‹davonrennt›.»
Am Schluss weist der Artikel auf einen «Lösungsvorschlag» aus der Finanzwelt hin: eine sogenannte «kontrollierte» Inflation. Zum Beispiel für die USA: Bei einem fortgesetzten Haushaltsdefizit von «nur» 5,2 Prozent des BIP jährlich (was nach dem bisherigen Verlauf und den bisherigen Plänen sehr optimistisch ist) bräuchte es 9 Prozent Inflation, um die Verschuldungsquote einigermassen zu stabilisieren. Namhafte Weltfinanzjongleure wie Kenneth Rogoff vom IWF oder David Blanchflower (ehemals Bank of England), so endet der Artikel, würden die «Inflationsstrategie» empfehlen.
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Die Inflation ist der Frontalangriff auf den Mittelstand. Die Bürgerinnen und Bürger eines Landes, die solide und nachhaltig wirtschaften, die nicht an kurzfristiges und egozentrisches Geldraffen denken, sondern daran, dass etwas für das Gemeinwesen und für kommende Generationen aufgebaut wird, das sind die Hauptleidtragenden jeder Inflation. Von der Inflation profitieren tun die Spekulanten des grossen Geldes und die Parteigänger der Verelendungsstrategie. Nichts zeigt dies besser als die kurze Geschichte der Weimarer Republik. Für den Bürger gibt es keine «kontrollierte» Inflation. Wird am Rad erst einmal gedreht, dann kann die Beschleunigung grenzenlos sein. Wer Inflation empfiehlt, ist ein gesellschaftlicher Brandstifter.
Inflationen können aber sehr wohl auch heute wieder gewollt und auch ausgelöst werden. Man denke nur an die Billionen von weltweit kursierenden Spekulationsgeldern, die Manipulationsmasse genug sind.
Die horrende Staatsverschuldung der westlichen Industrieländer ist indes kein neues Thema. Experten kritisieren sie seit Jahren. Wilhelm Hankel, Karl Albrecht Schachtschneider und Joachim Starbatty schrieben schon vor einem Jahr über den Euro-Raum: «Nach zehn Jahren Euro zeigt sich, dass sich wegen fehlender Konvergenz von Wirtschaftsentwicklung und -politik innerhalb der Währungsunion ein inneres wie äusseres Inflations- und Schuldenpotential aufgehäuft hat.» («Frankfurter Allgemeine Zeitung» vom 28.3.2009)
Sie meinen damit: Durch die Gleichschaltung der Geld- und Währungspolitik im Euro-Raum hat sich diese immer weiter von der sehr unterschiedlichen realwirtschaftlichen Entwicklung in den verschiedenen Ländern des Euro-Raumes entfernt. So dass es keine an die Realwirtschaft angepasste Geld- und Währungspolitik mehr gibt, sondern schon seit Jahren eine nur noch künstlich stabil gehaltene, für viele Staaten tatsächlich aber aufgeblähte Währung. Vom US-Dollar weiss das jeder; aber es gilt eben auch für den Euro. Anders formuliert: Viel mehr Geld, als für die Wirtschaft gesund, ist im Umlauf – sinnigerweise aber längst nicht für alle verfügbar.
Mehr Zinsen gezahlt als Kredite aufgenommen
Profitiert davon hat vor allem das grosse Geld. Man kann nicht oft genug daran erinnern, dass die meisten Staaten in den vergangenen Jahrzehnten zusammengerechnet mehr Zinsen gezahlt als Kredite aufgenommen haben. Das ist der Kern des «Deficit Spending» – nicht die Investition in die Realwirtschaft.
Die «Finanzmärkte» fangen nicht plötzlich an, wegen Griechenland kritisch über Staatsverschuldung nachzudenken und nun «Haltet den Dieb!» zu rufen. Statt dessen kann die gezielte Thematisierung der Staatsverschuldung ohne konstruktive Lösungsvorschläge «nützlich» sein, damit das grosse Geld nun noch mehr Geld macht: über Währungsspekulationen gegen Staaten und Völker und über die Zinsschraube.
Handlungsunfähige Staaten kommen ihm dabei gerade recht. Am besten, wenn das grosse Geld die Staaten auch noch in Wirtschafts- oder andere Kriege treiben kann. Realitätssinn und Besonnenheit, Frieden und Verständigung sind die stärksten Gegner des grossen Geldes.
In seinem Buch «Die Kreatur von Jekyll Island. Die US-Notenbank Federal Reserve. Das schrecklichste Ungeheuer, das die internationale Hochfinanz je schuf», schreibt G. Edward Griffin im Schlusskapitel: «Die Kreatur ist gross geworden und mächtig seit ihrer Zeugung auf Jekyll Island. Sie streift inzwischen über jeden Kontinent und verpflichtet die Massen, ihr zu dienen, sie zu füttern, ihr zu gehorchen, sie anzubeten.»
Hankel, Schachtschneider und Starbatty schrieben vor fast einem Jahr: «Es gibt keine Alternative zur nationalen Eigenverantwortung von Staaten für die Bekämpfung ihrer Krise.» Anders ausgedrückt: Die Völker stehen vor der Aufgabe, sich ihre Volkswirtschaften wieder anzueignen, die fremden Geldvögte aus dem Land zu weisen, eine Währung des Volkes zu schaffen – also: den Augiasstall auszumisten. Schon eine Herkulesaufgabe – aber besser, als auf den totalen Zusammenbruch zu warten. Als freier und tätiger Mensch lebt es sich sowieso besser als als Sklave des grossen Geldes.
Modelle eines anderen Wirtschaftens gibt es viele. Wer sie studiert, erhält zahlreiche Anregungen, selbst etwas an die Hand zu nehmen. •