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Bio-Treibstoff führt zu Hungersnöten

von Klaus Faißner*

Da mit Sprit mehr Geld zu machen ist als mit Nahrungsmitteln, setzen immer mehr Konzerne auf Energiepflanzen für «Bio­treibstoffe». Damit steigt die Armut und die Zahl der Gentechnik-Äcker. Durch Pollenflug werden gentechnikfreie Saaten erst recht verschmutzt. Konzerne bilden mächtige Allianzen und kaufen ganze Universitätsinstitute auf. Dabei liegt die Zukunft der Mobilität nicht im Acker, sondern im effizienten Elektroauto.
«Das Ganze hat nichts mit erneuerbaren Energien zu tun, sondern verlängert die Ölwirtschaft», erklärt der US-Amerikaner Eric Holt-Gimenez vom «Food First Institute». «Massive weltweite Investitionen in Biodiesel und Bioethanol lösen Probleme – aber nur für die Agro- und damit vor allem die Gentechnikindustrie, für Banken und Politiker», so der ehemalige Weltbank-Mitarbeiter. Die von den Landwirten gebauten, kleinen Ethanol-Raffinerien in den USA wurden beispielsweise von Archer Daniels Midland, einem der grössten Agrarkonzerne der Welt, aufgekauft. Riesige Ethanol-Fabriken werden zu Dutzenden aus dem Boden gestampft, was Finanzinstituten sehr gelegen kommt. Und Politiker bräuchten die Wähler nicht auf weniger Konsum vorzubereiten, sondern könnten von einer «Ethanol-OPEC» in Südamerika sprechen.
Besonders die Gentechnik-Industrie reibt sich angesichts der Klimadebatte die Hände: Bei Energiepflanzen rechnet sie mit weit weniger Widerständen als bei der Freisetzung von Nahrungs- oder Futtermittelpflanzen. Was Monsanto & Co. aber nicht sagen: Dass sich genmanipulierte Energiepflanzen genauso überallhin ausbreiten wie Nahrungsmittelpflanzen. So könnte man es innerhalb kürzester Zeit schaffen, über diese Hintertür die Nahrungsmittel zu verschmutzen und so der Gentechnik zum endgültigen Durchbruch verhelfen. Ausserdem stehen für die Spritproduktion die drei mit Abstand wichtigsten genmanipulierten Nahrungsmittelpflanzen der Welt zur Verfügung: Soja, Raps und Mais.
Hemmungsloser Gentechnik- und Spritzmitteleinsatz – kaum in einem Bereich ist so viel Profit zu erwarten wie hier. Die Politik hat die Industrie schon längst auf ihrer Seite: Die EU will bis 2020 zehn Prozent ihres Spritbedarfes mit «Biotreibstoffen» decken, Brasilien plant, über Ethanol aus Zuckerrüben der OPEC Konkurrenz zu machen, und in Ländern wie Malaysia muss der Regenwald Palmölplantagen weichen, deren Früchte Diesel ersetzen sollen. Sogar im an sich gentechnikkritischen Österreich treten Politiker offen für die Gentechnik bei Energiepflanzen ein: «Und wenn wir bei der Biomasse etwas weiterbringen wollen, werden wir dort, nur dort, auch über Gentechnologie reden müssen», erklärte etwa das «ÖVP-Urgestein» Wilhelm Molterer.1 Ex-EU-Agrarkommissar Franz Fischler, der nicht nur Präsident des Ökosozialen(!) Forums Europa, sondern auch Mitglied des mächtigen IPC (siehe Kapitel 9) im Vorfeld der Welthandelsorganisation WTO ist, setzte noch einen drauf: «Ohne ein Prophet sein zu wollen, bin ich überzeugt, dass wir daher auf die grüne Biotechnologie noch angewiesen sein werden», schreibt er im Zusammenhang mit dem Klimawandel.2 In bezug auf die Agro-Gentechnik bezichtigt er dabei die Österreicher der «Schrebergartenmentalität» und als «völlig schizophren». Doch schizophren ist es, den Klimawandel mit der Gentechnik bekämpfen zu wollen. Bislang gibt es keine kommerziell genützte, gentechnisch veränderte Pflanze, die höhere Erträge liefert – ganz im Gegenteil: Oft sind genmanipulierte Pflanzen anfälliger gegen Krankheiten als andere und daher erst der Grund für Ernteausfälle. Mit der Verbreitung der Gentechnik droht vielmehr das «grösste Umweltdesaster aller Zeiten», wie Prinz Charles im Sommer 2008 warnte.3

Konzerne kooperieren

Riesenprofite warten. Patentierte Pflanzen sollen das «schwarze Gold» ersetzen. Kein Wunder, dass grosse Erdöl-, Auto-, Agrarhandels- und Gentechnik-Konzerne über Kooperationen nahe zusammenrücken: VW mit Archer Daniels Midland Company (ADM), einem der weltgrössten Verarbeiter landwirtschaftlicher Produkte; ADM mit dem Gentechnikriesen Monsanto; Monsanto mit BASF; DuPont mit BP; BP mit Toyota; DaimlerChrysler mit Renault, Royal Dutch Shell, Sasol Chevron, Neste Oil und Volkswagen. Syngenta plant den Anbau einer genmanipulierten Maissorte nur für Kraftstoffe. Umwelt- und Verbraucherverbände fordern vor allem Untersuchungen, ob der so genannte Amylase-Genmais Allergien auslösen kann, da dieser auch in die Nahrung kommen kann.
Um Widerstände zu vermeiden, will sich die Industrie mehr und mehr auch die Wissenschaft einverleiben. Das extremste Beispiel stellt der Ölriese BP dar, der im November 2007 u.a. mit der Universität Berkeley in Kalifornien ein Abkommen zur «Erforschung nachhaltiger Energien» abschloss – unglaubliche 500 Millionen Dollar war BP dieses Geschäft wert. Es handelt sich dabei um den mit Abstand grössten Beitrag der Industrie an die öffentliche Wissenschaft in der US-Geschichte. Pflanzen für Biotreibstoffe sollen dabei – wie es in der PR-Sprache heisst – gentechnisch «optimiert» werden, und zur Umwandlung in Treibstoffe sollen Enzyme aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen zum Einsatz kommen. «Ich bin überzeugt, dass jede Pflanze, die Menschen einmal nützen werden, letzten Endes gentechnisch verändert sein wird», wird Chris Somerville, designierter Direktor des im Rahmen des Vertrags neu zu gründenden Instituts für Energie und Biowissenschaften zitiert.

«Prostitution»

Obwohl sie die Gründung des «BP-Institutes» letztlich nicht verhindern konnten, war und ist der Widerstand unter Professoren, sonstigem Personal und Studenten gegen diese Abmachung gross. Professor Ignacio H. Chapela charakterisierte das Ganze mit «Prostitution». «Diese (gentechnisch veränderten) Organismen repräsentieren nicht die Wissenschaft. Wenn überhaupt, dann repräsentieren sie unser Versagen als Wissenschafter, die grossen Unzulänglichkeiten unseres Verständnisses der lebenden Organismen und der Ökologie unseres Planeten zuzugeben.» In einer Brandrede führte er aus: «Obwohl ein Drittel eines Jahrhunderts und mehr als 350 Milliarden Dollar in den Plunder investiert wurden, bleibt ein Wirbelsturm präziser vorhersehbar und ein Flächenbrand besser kontrollierbar als gentechnisch veränderte Organismen. Inzwischen haben sie sich als katastrophales wirtschaftliches Vorhaben erwiesen, ganz zu schweigen von ihren Umwelt- und sozialen Auswirkungen.»
Energiepflanzen, erst recht genmanipulierte, dienen nicht den Menschen, sondern nur den Konzernen. In Europa stehen ausserdem viel zu wenige Ackerflächen zur Verfügung, um den Spritbedarf mit Energiepflanzen zu decken. Bleiben die armen Länder, die Land für bitter benötigte Nahrungsmittel verlieren. Die dort angelegten Palmölplantagen können noch dazu in die Katastrophe führen: «Wir konnten nachweisen, dass durch das Anlegen dieser Plantagen und das Abbrennen der Regenwälder und Torfgebiete ein Vieltausendfaches an CO2 freigesetzt wird als das, was wir hier dann in der Folge durch Palmölverbrauch einsparen können. Und damit ist die Klimabilanz desaströs», erklärt Florian Siegert von der Universität München.4
Was wir brauchen, sind «einfache» Menschen mit Hausverstand und keine Gurus. Immer mehr stellt sich heraus, dass gerade der Politiker, der sich als «Retter der Menschheit» ausgibt, in Wirklichkeit als Retter der Gentechnikindustrie fungiert: Als 1996 erstmals genmanipulierte Pflanzen in den USA kommerziell freigesetzt wurden, war Al Gore bereits mehrere Jahre Vizepräsident. Vor den Präsidentschaftswahlen 2000 erklärte er auf seiner Homepage, dass Gentechnik-Produkte die «Ernteerträge steigern, einige Krankheiten verhindern können und den Gebrauch von Pestiziden, Düngemitteln und anderer Einsatzmengen verringern». Der Lauf der Zeit widerlegte ihn. Als Präsident werde er «weiterhin für die Aufbringung von Mitteln für die landwirtschaftliche Forschung kämpfen und ausländische Handelsbeschränkungen, die auf Angst und Protektionismus basieren, bekämpfen», drohte er weiters gegenüber der EU.5 Gore konnte beruhigt sein: George W. Bush sollte sich als Präsident dieses Kampfes annehmen. 170 000 Dollar kassiert Gore für Vorträge, die des öfteren in ein Plädoyer für Biotreibstoffe und damit indirekt für die Gentechnik münden.6

Vertreibung und Tod

Während Agrotreibstoffe wenigen ohnehin schon Reichen Wohlstand bringen, führen sie gerade in armen Ländern massiv zur Verelendung: Hunderttausende kleine Landbesitzer wurden in Brasilien oder Kolumbien bereits vertrieben, um Platz für riesige Soja- oder Zuckerrohrplantagen zu schaffen. Allein in Brasilien waren es 2006 etwa 40 000 Familien, die entweder von ihrem Land vertrieben oder zwangsgeräumt wurden, berichtet die Christlich-Ökumenische Landpastorale (CPT).7 Der Ethanol-Boom sei dafür mitverantwortlich. Die britische Tageszeitung «The Guardian» berichtet von 200 000 eingewanderten Zucker-Arbeitern, die landesweit als «Ethanol-Sklaven» für 100 Dollar im Monat arbeiten.8 Menschen, die sich weigern, ihr Land zu verkaufen, sind zum Teil ihres Lebens nicht mehr sicher. Im Juni 2007 berichtete die britische «Sunday Times» über die Ermordung des Kolumbianers Innocence Dias durch Paramilitärs. Heute wachsen auf seinem Land Ölpalmen der Biokraftstoff-Firma Urapalma, mit der die Paramilitärs zusammengearbeitet haben. «Dias starb, weil die Welt ökologisiert wird», kommentierte die britische Zeitung diesen Fall.9 Angesichts dieser Entwicklungen regt sich immer grösserer Widerstand: Dutzende deutsche Organisationen aus dem Umweltschutz- und Entwicklungshilfebereich forderten in einem Brief an den Umweltausschuss des Deutschen Bundestages die Volksvertreter auf, «Agrarenergie in keiner Weise zu fördern, sondern sich für konsequente Energieeinsparung einzusetzen».10 Der bekannte brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto zeigte sich in einem Bericht der «Correio Braziliense» schockiert über die nationale und internationale Euphorie für Biotreibstoffe, denn diese seien «Treibstoffe des Todes».11 So investierte Staatschef Lula da Silva mehrere Milliarden Euro in die Teil-Umleitung des Rio São Francisco. Damit sollen neue Biosprit-Monokulturen im Nordosten bewässert werden – zu Lasten der am und vom São Francisco lebenden indigenen und traditionellen Bevölkerungsgruppen.
Laut Frei Betto hat auf Grund des jüngsten Ethanolrausches die Bevölkerung Brasiliens im ersten Halbjahr 2007 bereits dreimal mehr für Nahrungsmittel ausgeben müssen als im Jahr zuvor. Doch keine der von Ethanol und Biodiesel begeisterten Regierungen stelle den Individualverkehr in Frage. Betto: «So, als ob die Profite der Automobilindustrie tabu, unangreifbar wären.»

Hin zum Elektroauto

Müssen wir künftig aufs Auto verzichten, wenn wir weder mit Benzin oder Diesel noch mit Biotreibstoffen fahren sollen bzw. können? Einfache Rechnungen zeigen: Das, was sich zumindest ändern muss, ist die Technologie. «Weg vom ineffizienten Verbrennungsmotor, hin zum Elektroauto», lautet ein gangbarer Weg. Dann ist es auch möglich, ganz auf erneuerbare Energien umzusteigen: Mit einem Hektar Photovoltaik können mehr als 300 Autos ein Jahr lang fahren, ein Hektar Raps versorgt nicht einmal zwei Pkw. Warum nicht voll auf diese logische Alternative gesetzt wird, hat einen Grund: Elektroautos brauchen keine Tankstellen mehr, sondern nur mehr Steckdosen. Die Konzerne würden all ihre Macht verlieren, die Menschen wären plötzlich von ihnen unabhängig – eine Photovoltaik-Anlage am Dach, eine Batterie zur Stromspeicherung und ein Elektroauto genügen. Die Technik ist schon längst ausgereift, auch haben so gut wie alle Autokonzerne angekündigt, komfortable Elektroautos auf den Markt zu bringen. Jetzt gilt es, politisch Druck zu machen, um einen kompletten Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren zu erreichen.
Weitere Vorteile des Elektroautos:
•    Keine Abgase
•    Kaum Lärm
•    Stromkosten von weniger als zwei Euro pro 100 km
•    Unabhängigkeit
•    Friedenssicherung: kein Krieg für Öl
•    Beitrag zu einer gerechteren Welt: keine Ausbeutung armer Länder
•    Jedes Land nützt die eigenen (erneuerbaren) Energiequellen
Voraussetzung für den Frieden ist, dass jedes Land sich mit Lebensmitteln (inklusive Futtermitteln) und Energie selbst versorgt. «Lebensmittel- und Energieneutralität» könnte die Zauberformel der Zukunft sein: So wie ein militärisch neutrales Land kein anderes angreifen darf, so wird ein lebensmittel- und energieneutrales Land kein anderes ausbeuten. •

1    «Kurier» 19.8.2007
2    «Der Standard» 8./9.9.2007, Seite 20
3    «Daily Telegraph», 12.8.2008: www.telegraph.co.uk/earth/main.jhtml?xml=/earth/2008/08/12/eacharles112.xml
4    ARD-Politmagazin «Report München» im März 2007: www.br-online.de/daserste/report/archiv/2007/00372/
5    www.algore2000.com/agriculture/agr_agenda2.htmlaur ; www.organicconsumers.org/ge/presonbiotech.cfm
6    Raggam, Faißner: «Zukunft ohne Öl», Stocker-Verlag 2008
7    www.regenwald.org/regenwaldreport.php7artids223
8    «TheGuardian» 9.3.2007: www.guardian.co.uk/international/story/0«2029908,00.html
9    www.focus.de/wissen/wissenschaft/klima/tid-6666/biokraftstorfe_aid_64512.html
10    www.regenwald.org/news.php?id=766
11    www.regenwald.org/news.php?id=760
Anfragen: info(at)gentechnikverbot.at

* Buchauszug aus: Klaus Faißner. Wirbelsturm und Flächenbrand. Das Ende der Gentechnik.
ISBN: 978-3-200-01749-8. siehe Buchbesprechung Artikel 6 dieser Ausgabe.