Die historische Tradition antiserbischer Vorurteile
von Prof. Dr. Jörg Becker
«Die Serben, die das übrige Europa vielleicht für arm gehalten hatte, erfreuen es durch ihre reiche Poesie.»
(Jacob Grimm, 1849)
«Sonst treibe ich stark Serbisch, die von Vuk Stef. Karadži gesammelten Lieder.»
(Friedrich Engels, 1863)
Die Zeiten einer innigen und tiefen Freundschaft zwischen Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Jacob Grimm (1785–1863) und dem grossen serbischen Philologen, Sprachreformer und Liedersammler Vuk Stephanovic Karadžic (1787–1864) sind lange vorbei. Statt dessen herrschen in Deutschland – und abgeschwächt auch in Österreich – seit vielen Generationen antiserbische Vorurteile vor.
Anfang des 20. Jahrhunderts, und besonders im Ersten Weltkrieg, tauchten in deutschen Illustrierten polemisch-rassistische Witze über Serben auf. Serben sind demnach unterentwickelt und unzivilisiert, dreckig und gewalttätig. Die beiden anliegend veröffentlichten Bilder aus der satirischen Wochenzeitschrift Simplicissimus von 1909 sind Teil eines zweiseitigen Bilderbogens mit insgesamt 12 pejorativen Bildern zum Thema «Sitten und Gebräuche der Serben». Auf der vorherigen Seite gibt es einen einseitigen Bilderbogen mit 6 ebenfalls pejorativen Bildern zum Thema «Einiges über Montenegro». Diese insgesamt 18 Bilder stammen von Thomas Theodor Heine (1867–1948), einem der Gründer der Zeitschrift Simplicissimus. Die Zeitschrift Simplicissmus vereinigte unter ihrem Dach die damals wichtigsten deutschen Literaten und Künstler. Sie galt als die wichtigste oppositionelle Stimme gegen Militarismus, bürgerliche Doppelmoral und den repressiven wilhelminischen, preussischen Staat. Allerdings war sie eben nicht frei von übelstem deutschen Nationalismus – wie gerade diese antiserbischen Bilder von Heine zeigen.
Und weil die Serben nun mal so sind, wie sie sind, gibt es bei ihrer Wahrnehmung oft nur halbe Wahrheiten. Als Egon Erwin Kisch (1885–1948), der später wegen seiner sozialen Reportagen mit Recht weltberühmt wurde, 1930 einen Artikel über seine Zeit als österreichischer Soldat im Krieg gegen Serbien im Sommer 1914 schrieb, da schilderte er zwar plastisch viele Kriegsereignisse, «vergass» darüber aber die zahlreichen Massaker der österreichisch-ungarischen Armee an der serbischen Bevölkerung in den Dörfern entlang der Drina, obwohl er sich nachweislich in genau diesen Dörfern aufgehalten hatte.
Wie virulent die Hetze gegen Serbien war, erhellt weiterhin ein kleiner, aber höchst kritischer Artikel von Paul Zöllner aus Kurt Tucholskys Weltbühne vom 4. September 1924. Da heisst es: «Nachdem 1914 das deutsche Publikum von diensteifrigen Skribenten hinreichend mit Verachtung gegen die Serben und Abscheu vor ihnen erfüllt worden war, so dass der Raubkrieg Österreichs mit hingebender Begeisterung als deutsche Sache aufgefasst werden konnte – danach blieb die so kommandierte Meinung in Deutschland bestehen. Der Serbe war ein Schwein. Und wer es nicht glaubte, war ein noch viel grösseres. […] Wer aber heute nach Belgrad kommt, entdeckt zu seiner Verblüffung oder Genugtuung, […] dass er eine blühende, reinliche, aufstrebende Stadt betritt. […] Er denkt an Sombarts lächerliche Entgleisungen von Helden und Händlern, jenes Sombart, der die Serben mit grotesker Unkenntnis plus diensteifriger Untertanenbeflissenheit Rattenfallenhändler oder so benamste, er denkt an die blöden k.u.k. Feudalen, die sich so erhaben dünkten. Ach ja, so erhaben! […] Wie wäre es, wenn ein Schock teutscher Oberlehrer, bevor sie unentwegt Blödsinn über fremde Völker unsern Kindern verzapften, diese fremden Völker – nur ein paar von diesen – kennen lernten? Zum Beispiel: die Serben!»
An solche selektiven Wahrnehmungen und antiserbischen Vorurteile konnten die deutschen Faschisten im Zweiten Weltkrieg gut anknüpfen. Als das Dritte Reich 1941 seinen Angriffskrieg gegen Jugoslawien begann, sprach die NS-Propaganda-Illustrierte Signal von einer deutschen «Befreiung» Kroatiens und liess ihrem Serbien-Hass freien Lauf. Signal sah in den Serben nur «Verschwörer», «Banditen» und «Terroristen». Der «serbische Volkscharakter» sei eine «Mischung aus Verstocktheit, […] Vetternwirtschaft und Korruption». Auch 82 Jahre nach den antiserbischen Karikaturen im Simplicissimus von 1909 unterstellte Marion Gräfin Dönhoff – gerne und oft als «liberale» Publizistin und Grande Dame des deutschen Journalismus nach 1945 apostrophiert – den Völkern Jugoslawiens eine quasi angeborene und naturgegebene Aggression. So schrieb sie 1991 in der Zeit:
«Selbst die Sowjets, die gern als hinterwäldlerisch, unterordnungsbereit und ohne Sinn für demokratische Regeln geschildert werden, scheinen es fertigzubringen, sich in neue, föderale Strukturen einzupassen, in denen genügend Platz für Autonomie vorhanden ist. Warum sollten dies die angeblich so westlichen Völker Jugoslawiens nicht fertig bringen? Aber wenn sie denn ihren serbokroatischen Hass unbedingt ausleben wollen, dann sollte man sie eben lassen.»
So einfach ist das also: Jugoslawen sind von Natur aus aggressiv – es wäre gut, sie würden sich selber umbringen!
Gegenüber Serbien ist auch die Sprache eines Wolfgang Petritsch nicht anders. Und von einem bedeutenden Politiker der SPÖ, Diplomat, Österreichs Botschafter in Belgrad von 1997 bis 1999, Chef der EU-Delegation bei den Rambouillet-Verhandlungen im Februar 1999 und Preisträger des Europäischen Menschenrechtspreises (!) des Europäischen Gerichtshofes von 2007 müsste man eigentlich eine diplomatisch-höfliche Sprache erwarten können. Doch in einem Interview im Spiegel vom 8. Februar 1999 liess er jegliche diplomatische Maske fallen und sprach völlig undiplomatischen Klartext über den Zwangscharakter der Konferenz von Rambouillet, die damals gerade begonnen hatte:
«Da wird nicht mehr lange gepokert. 80 Prozent unserer Vorstellungen werden einfach durchgepeitscht. Zwei Dinge sind den Konfliktparteien definitiv verboten: Pressekontakte und vorzeitiges Abreisen. Alle bleiben interniert in einem Konklave. Am Schluss wird es sicher hart auf hart kommen, und das Endergebnis wird wohl ein Diktat sein. Die Serben werden fauchen, aber eines garantiere ich: Vor Ende April wird der Kosovo-Konflikt entweder formal gelöst sein oder die Nato bombardiert.»
So einfach ist das also: Lass doch die Serben fauchen – wir entscheiden über das Bombardement und sonst niemand!
Medien sind gleichzeitig Spiegel der Gesellschaft und gesellschaftlicher Akteur.
Und so muss an dieser Stelle auf die Ermordung Tausender serbischer Zivilisten während des Krieges von 1941 bis 1945 in Kroatien hingewiesen werden. Die Schätzungen über die Zahl der von der kroatischen Ustascha – die unter deutschem Schutz arbeitete – ermordeten Serben schwanken erheblich. Der deutsche Genozidforscher Richard Albrecht schätzt diese Zahl auf 600 000, und der serbische Historiker und Tito-Biograph Vladimir Dedijer geht gar von 800 000 ermordeten orthodoxen Serben aus. Auch die Zahlen der im kroatischen Konzentrationslager Jasenovac ermordeten Serben schwanken stark: Sie reichen von 30 000 bis 52 000. Die beiden in vielerlei Hinsicht völkerrechtswidrigen, rücksichtslosen und unangekündigten deutschen Luftangriffe auf Belgrad am 6. und 7. April 1941 forderten zwischen geschätzten 1500 und 30 000 Ziviltoten, und nach der serbischen Kapitulation am 17. April 1941 wurden rund 350 000 serbische Soldaten in deutschen Kriegsgefangenenlagern kaserniert.
Man muss, zumindest ein wenig, um diesen mehr als verhängnisvollen Zusammenhang zwischen antiserbischen Bildern und dem realen Leiden von Serben im Zweiten Weltkrieg wissen, um verstehen zu können, warum US-amerikanische PR-Agenturen die Weltpresse sehr viel später in den Balkan-Kriegen zwischen 1991 und 2002 so erfolgreich manipulieren konnten. Und gerade als deutscher Wissenschaftler sollte man historische Sachkenntnis mitbringen, um abwägend, nachdenklich, nicht anmassend und nicht einseitig zu argumentieren.
Der serbische Massenmord an Tausenden von Bosniaken in Srebrenica im Sommer 1995 kann und soll weder wegdefiniert, noch relativiert werden, und das schon gar nicht aus subjektiver Opferperspektive: Das persönliche Leiden einer Mutter, deren Sohn ermordet wurde, kann man nicht wegdefinieren. Gleichzeitig muss man den Massenmord in Srebrenica – wie hier skizziert – aber auch (nicht nur) im Kontext einer serbischen Leidensgeschichte sehen, darf ausserdem nicht ausser acht lassen, dass zahlreiche Momente dieses Mordes wissenschaftlich nach wie vor äusserst kontrovers beurteilt werden und darf vor allem aber diesen Massenmord nicht mit seiner politischen Instrumentalisierung (durch wen auch immer) verwechseln.
«Serbien muss sterbien»: Dieses geflügelte Wort stammt von Karl Kraus (1874 –1936) aus seiner fünfaktigen Tragödie «Die letzten Tage der Menschheit» (1915 – 1922), also dem Theaterstück, in dem der Autor die Unmenschlichkeit und Absurdität des Ersten Weltkriegs verarbeitet. Dort findet sich folgender Dialog: «Ein Wiener: ‹Die Sache […] ist eine gerechte, da gibt’s keine Würschteln, und darum sage ich auch, Serbien – muss sterbien!› Stimmen aus der Menge: ‹Bravo! So ist es! – Serbien muss sterbien! – Ob’s da wüll oder net! – A jeder muss sterbien!› Der Intellektuelle: ‹Wer hätte das für möglich gehalten, wie sich die Zeiten geändert haben und wir mit ihnen.›»
Wer hätte das für möglich gehalten und wie haben sich die Zeiten geändert, dass sich Deutschland ab dem 24. März 1999 wiederum an einem völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien resp. Serbien beteiligte, dieses mal nur notdürftig als «humanitäre Intervention» verkleidet! •
Wie PR-Firmen den Westen in den Krieg gegen Serbien logen
Die PR-Firmen, die in den Balkan-Kriegen tätig waren, sind, wie gezeigt, ganz überwiegend mächtige, gesellschaftlich (zumindest in der US-Gesellschaft) anerkannte und vertrauenswürdige Kommunikationsspezialisten. Sie gelten als glaubwürdige Quellen und Akteure, insbesondere wenn man ihr personelles Profil berücksichtigt. Sie erfüllen alle Voraussetzungen eines »unabhängigen Botschafters« («independent messenger»), wie er für die Public diplomacy gefordert wird (Peterson 2002).
Somit haben wir in den Balkan-Kriegen die Konstellation, dass Kriegsregierungen ihre Propaganda durch den Filter von PR-Agenturen und deren zahlreiche Kommunikationskanäle in glaubwürdige Botschaften verwandeln konnten. Daraus resultiert eine starke Homogenisierung der öffentlichen Meinung in den USA (und in den westlichen Gesellschaften überhaupt): die US-Regierung, amnesty international, Human Rights Watch, Freedom House, das United States Institute of Peace, die Soros Foundation, liberale Intellektuelle und weite Kreise der Konservativen, die Vereinten Nationen, Journalisten, aber auch die Regierung in Zagreb, die Regierung in Sarajevo, die Führung der Kosovo-Albaner, die UÇK – sie alle haben, mit geringfügigen Nuancen, eine praktisch identische Lesart der Balkan-Kriege.
In einer etwas überspitzten Kurzfassung sieht diese so aus: Die Serben verfielen in einen nationalistischen Wahn und wollten ein Grossserbien errichten, Slobodan Milosevic, ein unverbesserlicher Kommunist, schwang sich zu ihrem Führer auf und griff mit der jugoslawischen Volksarmee die nichtserbischen Republiken und Völker an und liess sie dabei Massenvergewaltigungen, ethnische Säuberungen und Völkermord begehen; die anderen exjugoslawischen Nationen – Slowenen, Kroaten, Bosnier, Albaner, Mazedonier – waren friedliebende, demokratische Völker (die Montenegriner hatten ein geteiltes Image – solange sie mit Belgrad solidarisch waren, galten sie als ebenso aggressiv, als sie mit Belgrad brachen, verwandelten sie sich in ein friedliebendes Volk).
Das ist das Bild der Balkan-Kriege, das die PR-Agenturen 1:1 verbreitet haben. Und es ist deckungsgleich mit der Propaganda der exjugoslawischen, nichtserbischen Kriegsparteien.
Quelle: Becker, Jörg, Beham, Mira: Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod, ISBN 3-8329-1900-7, S. 35