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Eine Reise nach Kosovo und Metochien

von Dr. med. Maria Winter und Rita Brügger, Teilnehmer an einer Reise in die serbischen Enklaven vom 1. bis 5. Oktober 2008

Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge. So auch der Kosovo-Krieg. Um den Kosovo als strategisch wichtiges Gebiet in die Gewalt zu bekommen, brauchte die Nato einen Kriegsgrund. Dazu mussten für die westliche Welt die Serben als Bösewichte dastehen. Heute ist das Ziel, den Kosovo – mit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo – von Serbien abzutrennen, fast erreicht. Wie aber sieht es in den nördlichen Gebieten vom Kosovo aus, die hauptsächlich von Serben bewohnt werden, und wie leben Minderheiten im ehemals jugoslawischen Teilstaat?
Im Oktober 2008 unternahm eine kleine Gruppe von Schweizern und Deutschen eine 5tägige Reise in den Kosovo, um sich vor Ort selber ein Bild zu machen. Organisiert wurde dies vom Verein KosMit, der sich zum Ziel setzt, Minderheiten im Kosovo in ihren schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen.

Ankommen im Kosovo

Es ist schon dunkel, als wir an der «Grenze» des UN-Verwaltungsgebietes angehalten werden. An jeder Grenzstelle gilt es, mehrere Posten zu passieren. Alle Passanten müssen aussteigen: elektronische Registrierung der Pässe, längeres Warten in unmittelbarer Nähe von Polizei, Soldaten, (Unmik: Mission der Vereinten Nationen zur Übergangsverwaltung des Kosovo, Kosovo-Police, Kfor: Kosovo-Force) Stacheldraht, Panzer. Fotografieren verboten!
Endlich vor Mitternacht im Studentenheim, unserer Unterkunft, angekommen, werden wir auf das herzlichste empfangen. Kein Aufwand wurde von den Gastgebern gescheut, uns trotz ihrer bescheidenen Mittel mit Köstlichkeiten der Region zu bewirten. Das Haus gehört zur Technischen Universität und musste 1998 wegen häufiger Anschläge auf serbische Studenten und Professoren aus Prizren evakuiert werden. In Zubin Potok wurde die Schule neu aufgebaut und liegt heute in der serbischen Enklave um Kosovska Mitrovica.
Beim Frühstück am nächsten Morgen erzählt uns die «Hausmutter», dass sie vor 10 Jahren mit ihrer Familie aus Prizren hierher nach Zubin Potok umziehen musste. 2004 wurde ihr Haus im Zuge der Pogrome gegen Serben vom aufgehetzten albanischen Mob angezündet. All ihr Hab und Gut verlor sie damals. Wegen des Schocks konnte sie einige Zeit nicht sprechen. Heute ist sie froh, dass sie eine Arbeit gefunden hat. Leider ist die Familie immer noch auseinandergerissen. Der Mann hat in Novi Sad, die Tochter in Belgrad Arbeit gefunden. Die Pogrome wurden damals ausgelöst, weil zwei albanische Kinder in tragischer Weise im Fluss Ibar ums Leben kamen. Mit der Behauptung, ein Serbe habe seinen Hund auf die Kinder gehetzt, wurde die albanische Bevölkerung gegen ihre serbischen Nachbarn aufgehetzt. Es handelte sich jedoch nachweislich um einen Unfall.

Kosovska Mitrovica, die geteilte Stadt

Etwa 20 Kilometer weit führt die neu gebaute, gebirgige Strasse nach Kosovska Mitrovica. Schneller ginge es durch albanisches Gebiet. Dabei hätte man zwei Checkpoints zu passieren, für die Serben ein nicht kalkulierbares Hindernis. In Kosovska Mitrovica informiert uns der Bürgermeister über die aktuelle Situation in der Stadt: Vor dem Krieg wurde die Stadt von Albanern und Serben gemeinsam bewohnt, heute ist sie geteilt. Durch Übergriffe aus der albanischen Bevölkerung, unterstützt von der UÇK (paramilitärische Befreiungsarmee des Kosovo) und unter den Augen von Kfor und Uno, wurden die Minderheiten aus dem Südteil der Stadt vertrieben.
In die leerstehenden Häuser zogen albanische Familien und verwehrten den Besitzern die Rückkehr. So wird die Stadt wie der Kosovo nach und nach ethnisch gesäubert. Im nördlichen Teil leben neben ein paar Albanern überwiegend Serben und andere Minderheiten. Viele sind Flüchtlinge. Ihnen ist der Zugang zu den Einrichtungen im Süden der Stadt, zum Beispiel zu Schulen oder auch Krankenhäusern, verwehrt.
Die serbischen Einrichtungen im Norden stehen allen offen. Ein Arzt berichtet, dass das Krankenhaus des Nordens auch Albaner aus dem Süden behandelt, wenn es medizinisch erforderlich ist. Der Standard der Gesundheitsversorgung sei in albanischen Gebieten wesentlich schlechter, auf Grund des Mangels an Spezialisten. Die Infrastruktur im Norden muss zum Teil neu aufgebaut werden. Dazu fehlen aber die Mittel. Der Fluss Ibar ist zur Trennungslinie geworden. Nur eine Brücke im Zentrum der Stadt verbindet den Norden mit dem Süden. Von Kfor und Unmik wird dieser Übergang strengstens kontrolliert.

Arbeitslosigkeit, stillgelegte Minen und Bodenschätze

Die Arbeitslosigkeit der Stadt liegt bei 60%. Dies resultiert zum grossen Teil aus den Stilllegungen der Minen und des Kohlekraftwerkes. Ein Motiv des Westens für die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien waren und sind die Bodenschätze. Beispielsweise gibt es dort riesige Mengen an Braunkohle oder Kupfer sowie Hinweise auf nennenswerte Lagerstätten von Gold in den Trepca-Minen, nahe von Kosovska Mitrovica, oder Chrom an der Grenze zu Albanien. Bereits im März 2006 gab es Meldungen, wonach Kosovo nur dann Weltbank-Kredite in Anspruch nehmen könne, wenn es unabhängig geworden sei, weil nur dann ein Klima entstehe, das Auslandsinvestitionen fördere. Dann nämlich – so das offensichtliche Kalkül – würden wohl seitens der internationalen Grossinvestoren auch die letzten Rechtsunsicherheiten verschwinden, wodurch der serbische Besitz in der Provinz noch leichter entschädigungslos an internationale Investoren verscherbelt werden kann.
Die Trepca-Minen wurden im Jahr 2000 durch die gewaltsame Aneignung seitens der Nato-Kriegsparteien stillgelegt. Gerade die Trepca-Minen sind aber ein gutes Beispiel dafür, wie die Verständigung zwischen Kosovo-Albanern und Serben wieder angestossen werden könnte, wenn dies vom Westen gewollt wäre. So sind Gewerkschaftskollegen beider Bevölkerungsgruppen aus den seit dem Krieg stillgelegten Trepca-Werken in regelmässigem Kontakt, um die Wiederaufnahme der Produktion zu erreichen.
Ein weiterer Grund für die hohe Arbeitslosigkeit sind das 10 Jahre währende Handelsembargo und die rasende Inflation sowie die vielen Flüchtlinge aus dem Süden. In Pristina lebten vor dem Krieg 43 000 Serben, jetzt nur noch 80 Berufstätige. Insgesamt gibt es in Serbien 254 000 inländische Flüchtlinge und nochmals 27 000 in Montenegro. Sie leben in Lagern, zumeist ohne Perspektive. Nach dem offiziellen Inkrafttreten der UN-Resolution 1244 (im Juni 1999 unmittelbar nach Kriegsende), die unter anderem die territoriale Integrität Serbiens und den Autonomiestatus des Kosovo beinhaltet, setzten gewissermassen unter den Augen der Kfor, einer angeblich «robusten» Friedenstruppe, grosse Vertreibungswellen ein, und Uno und alle NGOs haben sich aus der Verantwortung für diese Menschen zurückgezogen. Lediglich der serbische Staat, die serbisch-orthodoxe Kirche und das serbische Rote Kreuz leisten Hilfe.

Allgegenwärtig: ausländische Soldaten

In den Strassen im Norden Kosovska Mitrovicas sieht man albanische Händler, die ihren kleinen Geschäften nachgehen. Immer wieder auch LKWs mit deutschen oder schweizerischen Firmenaufschriften, die zu Läden oder gar Tankstellen umfunktioniert wurden. An der Brücke, der einzigen Verbindung zwischen den beiden Stadtteilen, treffen wir auf viele Kfor-Soldaten verschiedenster Nationen. Meist stehen sie herum, plaudern gerne und lassen sich auch mit uns fotografieren. Sie warnen, beim Überqueren der Brücke könnten sie uns keinen Schutz gewährleisten. Allerdings weist man uns auch auf eine Gefahr im Norden der Stadt hin, weil dort eine Demonstration gegen die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo und die Fremdeinmischung der EU-Rechtsstaatsmission (Eulex) in die inneren Angelegenheiten Serbiens geplant ist.
Dann auf dem Marktplatz haben sich friedlich etwa 1000 Menschen versammelt. Mit Reden und Liedern (Kosovo ist Serbien) wird das Unrecht benannt. Eine Vertreterin von KosMit ergreift spontan das Wort und drückt ihre Anteilnahme aus. Begeistert applaudieren die Menschen. Sie sind froh und dankbar darüber, dass ihnen jemand zuhört und sich interessiert, werden sie doch von der Welt allein gelassen.

Roma-Lager

Auf der südlichen Seite des Ibar-Ufers von Kosovska Mitrovica waren einst Roma angesiedelt. 2004 wurden sie im Zuge der ­Pogrome vertrieben. Die Stadt gab ihnen daraufhin im nördlichen Teil Land für ein Baracken-Lager. Es fehlt jedoch an allem: Strom, fliessendem Wasser, Kleidung. Holz zum Heizen und Kochen ist teuer. Die Kinder, die in den Pfützen des lehmigen Weges spielen, sehen krank aus. Wir erfahren, dass viele von ihnen an chronischer Bleivergiftung leiden. Das Lager, gedacht als Provisorium, besteht schon 4 Jahre. Ein Ende ist nicht in Sicht. Trotz der ungesunden und grauenhaften Zustände bleiben die Roma in diesem Camp. Die Kinder gehen von hier aus zur Schule, es gibt Zugang zu medizinischer Versorgung, und die serbischen Behörden bieten grösseren Schutz als Uno und Kfor im Süden. Trotzdem sind Übergriffe möglich. Ein Roma, der einige Jahre in Deutschland gelebt hat, erzählt, dass vor kurzem Personen ins Lager gekommen seien und zwei Kinder erschossen hätten. Keiner weiss, wer es war. Die Mörder werden nicht gesucht, geschweige denn bestraft.

Festliche Bewirtung

Noch völlig betroffen von diesen Erfahrungen sitzen wir wenig später an einem reich gedeckten Tisch einer Gastwirtschaft. Die Tochter des Restaurantbesitzers war im letzten Jahr zusammen mit anderen Jugendlichen im Rahmen eines Schüleraustausches in Deutschland, eingeladen vom Verein «Freundschaft mit Valjevo», der sich wie ­KosMit für die Belange der Serben im Kosovo einsetzt. Weil einige Verantwortliche mit auf unserer Reise sind, will sich der Vater bedanken. Obwohl Armut herrscht, bieten unsere Gastgeber alles auf, um uns einen möglichst schönen Aufenthalt zu gestalten. Sogar ein Alleinunterhalter singt für uns serbische Lieder. Auch die Honoratioren der Stadt kommen dazu. Wir erfahren von den Bemühungen und Schwierigkeiten der Menschen.

Zunahme der Krebserkrankungen

Der Arzt des örtlichen Krankenhauses erzählt, dass die Krebsfälle um etwa 30% zugenommen haben, vor allem Leukämie bei Kindern und Lungenkrebs. Die genauen Statistiken werden von offizieller Seite unter Verschluss gehalten, weil die Fakten nicht ans Tageslicht kommen sollen. Aber die Zunahme von Karzinomen im Kosovo – wie auch im übrigen bombardierten Serbien – ist nicht mehr zu übersehen (vgl. Zeit-Fragen Nr. 49 vom 1.12.2008, S. 3).

Rotkreuz-Aufgaben und Flüchtlingsheime

Die Räumlichkeiten des Roten Kreuzes von Kosovska Mitrovica sind eng und alt. Mit wenigen Mitteln – vor allem fehlt es an Medikamenten und Ausrüstung – löst das örtliche Rote Kreuz in Zusammenarbeit mit der Zentrale in Belgrad seine Aufgabe. Zum Beispiel mit Ernährungsprogrammen in Flüchtlingslagern werden ethnische Minderheiten unterstützt. Auch die Suche nach Vermissten ist durch den Krieg notwendig geworden. Erste-Hilfe-Kurse sind wichtig und besonders helfen sie, Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Daher finden Benefiz-Wettkämpfe statt. Kinder und Jugendliche helfen so aktiv mit, ihre Situation zu verbessern, indem sie Geld für das Rote Kreuz einbringen.
Nächste Station ist ein Flüchtlingslager. Im Durchgangslager haben Vertriebene die ersten Nächte wenigstens ein Dach über dem Kopf. Manche sind jedoch aufgrund ihres Alters und ihrer Psyche nicht mehr in der Lage zu einem Neuanfang. So vegetieren sie hier schon Jahre in mit Pappwänden abgeteilten Zellen von etwa 5m2. Auf einem Holzofen wird gekocht. Die Menschen sind verzweifelt und ganz auf fremde Hilfe angewiesen. Wir bringen Mehl, Öl und Zucker, damit kann die Not ein klein wenig gelindert werden. Der Betreuer des Heims erzählt, dass manchmal Vertreter einer humanitären Organisation kommen und Leute unter dem Vorwand, sie besser unterzubringen, mitnehmen. Meistens verliert sich danach jede Spur. Angesichts des im Kosovo florierenden Organhandels muss man Schlimmstes befürchten.

Serbische Klöster im Kosovo

Der Kosovo und Metochien sind der kulturelle Ursprung Serbiens und der serbisch-orthodoxen Kirche. Hier gründete der Heilige Sava, Sohn König Stefans I., beeinflusst von den griechischen Mönchen des Athos im 13. Jahrhundert das erste Kloster. Im 14. Jahrhundert entwickelte sich hieraus das erste Patriarchat. Von dort breitete sich das Christentum nach Norden aus. Die Schlacht auf dem Amselfeld 1389 gegen die türkischen Eroberer ist für die Serben der Inbegriff des Widerstandes gegen die Osmanen. Die Serben sind sehr gläubig und der Kirche eng verbunden. Im Kosovo stehen die meisten Klöster Serbiens. Durch den eingeschränkten Zugang zu ihren geschichtlichen Wurzeln und der grössten religiösen Heiligtümer fühlen sie sich ihrer Identität beraubt. Die UÇK trifft diesen Nerv, wenn sie Kirchen und Klöster zerstört. Daher werden die wichtigsten Heiligtümer, die auf der Liste des Weltkulturerbes der Unesco stehen, von der Kfor bewacht. Das ist zum Beispiel bei den berühmten Klöstern von Pe und Deani so. Beim Besuch der Klöster müssen wir Kontrollen passieren und unsere Pässe abgeben. Die Mönche leben abgeschottet, um sie herum ist albanisches Gebiet. Viele wurden vertrieben, sind zurückgekehrt und haben zerstörte Bauten mit finanzieller Unterstützung der serbisch-orthodoxen und polnischen Kirche wieder aufgebaut. Liebevoll werden die Klosteranlagen gepflegt, wertvolle Fresken und Ikonen werden uns voll Stolz und Würde gezeigt. Extra für unseren Besuch wird als Würdigung der Sarg des Heiligen Stefan geöffnet.

Serbische Enklaven

Am Rande von Pe liegt die serbische Siedlung Belo Polje. Die Stromleitungen sind gekappt, viele Häuser zerstört. Einige, zumeist alte Menschen, haben ihre Häuser wieder notdürftig aufgebaut und leben unter einfachsten Umständen und unter ständiger Bedrohung dort. Junge haben das Gebiet verlassen. Auf dem nahen Friedhof sind die meisten Gräber zerstört. Die systematische Zerstörung der serbischen Friedhöfe ist Teil der psychologischen Kriegsführung. Kann man die Grabinschrift erkennen, sieht man, dass hier meist junge Männer, wohl im Krieg, ums Leben gekommen sind.
In der serbischen Enklave Goraždevac leben 1600 Menschen. Kein einziger hat das Dorf während des Krieges verlassen, obwohl ihnen das Leben in jeder Hinsicht schwer gemacht wird. Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag. Die Krankenstation ist verwaist. Einmal pro Woche kommt eine Rotkreuz-Schwester. Für Arztbesuche und grössere Besorgungen müssen die Menschen nach Kosovska Mitrovica fahren. Diese Fahrten sind gefährlich, weil oft Autounfälle von fanatisierten Albanern provoziert werden. Die Einwohner helfen sich gegenseitig. Wer etwas hat, teilt es mit den Nachbarn. Mit handwerklichen Kenntnissen können die Häuser selbst instand gehalten werden. Doch meist fehlt das Material. Teilweise lebt man von dem, was angebaut wird. In einem kioskähnlichen Laden kann man das Allernötigste kaufen. Geld ist knapp. 240 Kinder leben im Dorf. Ihnen möchten die Erwachsenen eine Perspektive geben. Deshalb wird Wert gelegt auf eine gepflegte Schule. Liebevoll sind überall Pflanzen aufgestellt. Alles ist blitzblank geputzt, die Wände sind hell gestrichen und mit Kinderzeichnungen verziert. Keine Schulbank ist verschmiert. Draussen spielen Jugendliche auf dem Fussballplatz. Hinter der Schule haben die Dorfbewohner ein Schwimmbad gebaut, damit nicht noch einmal passiert, was 2003 geschah, dass nämlich badende Kinder am Fluss aus dem Hinterhalt heraus erschossen wurden. Die Aktivität und der Ideenreichtum, mit denen die Menschen ihrem Schicksal begegnen, sind beispielhaft.

Grosse Gastfreundschaft

Osojane ist ein Dorf, in dem 1999 alle Einwohner gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen. Dann wurde das Dorf abgebrannt. Nach und nach kamen einige Bewohner zurück und stellten ihre Häuser wieder instand. Probleme hier wie überall: Arbeitslosigkeit, materielle Not, mangelnde Energieversorgung, Isolation, Schmerz über den Verlust von Hab und Gut. Trotzdem auch hier spürbar der Wille, der Situation die Stirn zu bieten. Unweit der neu erstellten Schule entdecken wir Bretterverschläge, in denen alte Menschen notdürftig untergebracht sind – ohne Strom, Wasser oder Heizung. Unserem Reiseleiter können sie in ihrer Sprache von ihrer Not berichten. Spontan kaufen wir im nahen Laden einige Lebensmittel ein. Die Freude ist riesig. Kaum zu glauben: Die Währung im Kosovo ist der Euro. Stabilitätskriterien und fehlende EU-Zugehörigkeit spielen offensichtlich keine Rolle.
In Opraške, einem Ort mit 13 Häusern oberhalb von Osojane, werden wir privat für die Nacht untergebracht. Im Haus empfangen uns unsere Gastgeber, der Bürgermeister von Osojane und seine Frau, herzlich. Alle verfügbaren Betten sind frisch bezogen, ein ausgezogener Tisch in der Wohnküche schön gedeckt. Wir rücken eng zusammen, damit alle Platz haben. Kerzen brennen, weil der Strom ausgefallen ist. Das grosse Kraftwerk nahe Pristina hat immer wieder Ausfälle. 8500 serbische Beschäftigte sind dort vertrieben worden. Damit ist auch das Wissen um die Bedienung der Anlage weitgehend verlorengegangen. Trotz sprachlicher Hindernisse – unsere Gastgeber sprechen serbokroatisch, und nur wenige können übersetzen – werden wir schnell miteinander warm.

Die Stadt Prizren

Weiter fahren wir durch wunderschöne Landschaften nach Prizren. Viele Felder liegen brach. Vor dem Krieg sei Prizren die schönste und sauberste Stadt des Kosovo gewesen, erklärt unser Fremdenführer und Übersetzer. Vor 10 Jahren musste er von dort fliehen und kommt nun mit uns zusammen zum ersten Mal wieder in seine Heimat. Genauso ergeht es Vera, unserer Gastgeberin aus Zubin Potok. Sie hat die Nacht vorher nicht geschlafen und Beruhigungstabletten eingenommen, so aufgeregt und angespannt ist sie. Nur im Schutz der Unmik wurde diese kurze «Rückkehr» möglich. Beim Aussteigen aus dem Bus mit serbischem Nummernschild begegnen uns finstere Blicke. Unser serbischer Reiseleiter mahnt uns, zusammenzubleiben. Das Stadtbild ist geprägt von Minaretten und Kirchtürmen und hoch oben über den Häusern auf dem Hügel das Wahrzeichen der Stadt, die Crkva Svetog Spasa, die «Kirche der Heiligen Rettung». Am Hang ausgebrannte Häuser.
Auf der Brücke bleibt Vera stehen. «Da oben ist mein Haus!» zeigt sie uns. Während wir noch schauen, kommt ein albanischer Mann auf sie zu und fragt: «Wo ist Ihr Haus?» Sie erschrickt, befürchtet, dass man ihr das Eigentum abspricht. Es stellt sich aber heraus, dass es ein früherer Nachbar ist, der sich interessiert, wie es ihr geht. Viele Albaner, die schon lange hier leben und früher mit ihren serbischen Nachbarn gut ausgekommen sind, fühlen sich in der heutigen Situation unwohl. Wenn sie offensichtlich Serben unterstützen würden, hätten sie jedoch mit Repressionen zu rechnen. Denn auch sie stehen unter dem Diktat der allgegenwärtigen de facto noch immer existierenden UÇK. Überall sind protzige UÇK-Denkmäler zu sehen, auch in Prizren.
In der Hauptgeschäftsstrasse steht ein Schmuckladen neben dem anderen. Prizren war schon immer bekannt dafür. Und dazwischen die österreichische Raiffeisenbank! Kosovo ist fest im Griff der ausländischen Wirtschaft und des Kapitals. Auch das ist ein hoher Preis für die sogenannte Unabhängigkeit.
Etwas weiter dann Stacheldraht und Soldaten. Nur so kann die serbische Kirche vor mutwilliger und hassvoller Zerstörung geschützt werden. Unser Übersetzer findet zu seiner Freude die Imbissbude, die er als Student immer besucht hat. Den Besitzer kennt er noch, und die Spezialität schmeckt noch genau wie früher. Im Restaurant nebenan trinken wir einen Kaffee. Eilfertig werden wir bedient, denn das Geschäft läuft nicht mehr so gut seit dem Krieg. Nein, die Zeiten waren früher besser, meint der Wirt. Er sehnt sich nach Jugoslawien zurück.

Das Containerdorf

Bei Dunkelheit kommen wir nach Gracanietwa. In aller Eile haben hier Russen für notleidende Flüchtlinge ein Containerlager errichtet, eigentlich für den Übergang gedacht. Nun leben Menschen schon mehr als 5 Jahre da, weil sie sonst nirgends hinkönnen. Die etwa 60jährige Frau, deren Mann tot, die Familie zerstreut ist, hat ihren Verschlag – anders kann man die Behausungen nicht nennen – mit Blumen geschmückt. Hinten ist ihr Bett, ein kleiner Tisch mit einem Stuhl davor, vorn eine kleine Ecke für die Hygiene abgetrennt. Auf der Ablage neben dem kleinen Herd stehen die Gläser mit Aivar, einer wunderbaren Gewürzpaste, die sie eingekocht hat. Davon schenkt sie uns ein Glas, aus Dankbarkeit für unser Interesse. Gegenüber eine junge Familie mit zwei Kindern. Es sei kein Leben hier, sagt sie. Aufgaben machen, kochen, schlafen, alles in einem kleinen Raum, ähnlich einem Wohnwagen. Im Winter, in der Kälte über eine Gasse zum Gemeinschaftswaschraum, zur Toilette. Aber was will man? Das Rote Kreuz ermöglicht den Schulbesuch. Die junge Frau entschied sich, hierzubleiben, weil ihre Familie in der Nähe wohnt. In deren Haus ist zwar kein Platz. Aber immerhin lebt man so näher beisammen.
Auf der Rückfahrt sind wir bedrückt von all dem Elend, das wir gesehen haben, aber auch sehr beeindruckt von der grossen Gastfreundschaft, die wir erleben durften.     •

Den Siegern ist die albanische Agenda völlig gleichgültig

von Werner Pirker

Doch müssen auch die Kosovo-Albaner immer wieder zur Kenntnis nehmen, dass den Siegern über Serbien die albanische Agenda völlig gleichgültig ist. Sie legen vielmehr grössten Wert darauf, dass die Sezession der Kosovo-Provinz von Serbien nicht zur Gründung eines unabhängigen Staates führt. Die Albaner haben zwar einen Grossteil des Kosovos ihrer ethnischen Vorherrschaft unterworfen, doch ist das «albanische Kosovo» auf eine Weise fremdbestimmt, wie es dies unter jugoslawischen Verhältnissen zu keinem Zeitpunkt war. «Heute wirken hier nicht weniger als vier internationale Missionen», zählt der kosovarische Schriftsteller Beqë Cufaj die Mächte auf, die seine Heimatprovinz zum «Stabilitätsfaktor auf dem Balkan» gemacht haben. «Die Unmik-Mission der Vereinten Nationen, die Kosovo seit 1999 verwaltet hat, ist geblieben. An der Spitze steht der Italiener Lamberto Zannier. Wichtiger ist jetzt das International Civilian Office mit dem Niederländer Pieter Faith an der Spitze, der gleichzeitig Sondergesandter des EU-Aussenbeauftragten Javier Solana ist. Die ebenfalls EU-geführte Polizei-, Justiz- und Rechtsstaatsmission Eulex wird von dem Franzosen Yves de Kermabon geleitet, nicht zu vernachlässigen die OSZE-Mission unter dem Österreicher Werner Almhofer. Regie im Hintergrund schliesslich führt die sogenannte Quint, das Gremium der Botschafter der USA, Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands und Italiens.» […]
Beqë Cufaj rechnet vor, dass 80 Prozent der von europäischen Steuerzahlern aufgebrachten Gelder für das Kosovo in die Taschen der Kolonialverwalter fliessen.

Quelle: junge Welt vom 21.2.2009