Russland, der ideale Rüstungslieferant für die Schweiz

von Prof. Dr. Albert A. Stahel, Institut für Strategische Studien, Wädenswill

Während noch vor 1992 die Sowjetunion über eine ausgezeichnete Rüstungsindustrie verfügte, die moderne Waffen entwickelte und produzierte, wurde nach dem Ende des Kalten Krieges der Rüstungssektor Russlands unter dem Präsidium Jelzins vernachlässigt und beinahe stillgelegt. Der russische Rüstungsexport beschränkte sich während Jahren weitgehend auf Lieferungen von Waffen, die aus den Zeughäusern der russischen Streitkräfte stammten. Neue Entwicklungen wurden gestoppt.
Erst mit Putins Machtübernahme wurde der Rüstungssektor ab 1999 nach und nach wieder durch den Staat gefördert. In den letzten Jahren hat die Rüstungsindustrie der Russischen Föderation verschiedene moderne Waffen entwickelt und in Betrieb genommen. Dazu gehört die Entwicklungsreihe der bodengestützten Abwehrlenkwaffensysteme S-300 gegen Flugzeuge und ballistische Boden-Boden-Lenkwaffen, deren älteste Version, die S-300PS, bereits 1982/83 in Dienst gestellt wurde.1 1998 wurde die Weiterentwicklung S-300VM einsatzbereit und 2007 die S-400 Triumph. Die S-400 weist eine Einsatzreichweite von 250 km auf. Mit diesem Abwehrlenkwaffensystem sollen ballistische Kurz- und Mittelstreckenwaffen (Reichweite bis 5500 km) abgefangen und mit einem konventionellen Splittergefechtskopf zerstört werden. Eine neuere Entwicklung ist die Lenkwaffe 40N6, die mit einer Einsatzreichweite von 400 km 2013 einsatzbereit sein soll. In Entwicklung steht die S-500 Prometheus mit einer Einsatzreichweite von 500–600 km, mit der sogar interkontinentale ballistische Boden-Boden-Lenkwaffen (Reichweite über 5500 km, versehen mit einem nuklearen Gefechtskopf) abgefangen und vernichtet werden können. Zu diesen Abwehrsystemen sind die entsprechenden Ziel­erfassungs- und Zielverfolgungsradars entwickelt worden.
Sollten diese Angaben zutreffen – auf Grund der Tradition der russischen Rüstungsindustrie in der Entwicklung von Fliegerabwehrwaffen kann nicht daran gezweifelt werden –, dann übertreffen die Leistungen der S-400 jene der amerikanischen Abwehrlenkwaffe Patriot PAC-3 bei weitem. Die PAC-3 weist gegen Luftziele und gegen ballistische Ziele eine Einsatzreichweite von 15 bis 45 km auf.
Seit der nicht durchdachten Ausserdienststellung der Bloodhound-Fliegerabwehr-Lenkwaffen unter Bundesrat Ogi im Jahr 1999 verfügt die Schweiz über keine Fliegerabwehrsysteme gegen weitreichende Ziele mehr. Mit der Beschaffung des Abwehrsystems S-400 wäre die Schweiz sowohl gegen Kampfflugzeuge wie auch ballistische Lenkwaffen geschützt.
Russland produziert aber auch andere Rüstungsgüter, die auf Grund des Preis-Leistungs-Verhältnisses für einen Kleinstaat interessant sein dürften. Dazu gehört insbesondere die Entwicklungsreihe der Mehrzweckkampfflugzeuge Su-27 von Suchoi. Seit dem spektakulären Flugmanöver Pugaschews Kobra in Le Bourget 1989 sind ausgehend von der Su-27 durch Suchoi weitere Flugzeugtypen als Jäger und Jagdbomber entwickelt worden. Dazu gehören die Modelle Su-30, -33, -35, -35S und -37. Nach wie vor geniesst aber die Su-27, die bereits 1984 in Dienst gestellt wurde, mit der maximalen Geschwindigkeit Mach 2.35 und der Einsatzreichweite von 3530 km international einen ausgezeichneten Ruf. Vor einigen Jahren erwiesen sich die Su-30 der indischen Luftwaffe in einer Übung jenen der F-15 der US Air Force im Luftkampf als überlegen.
Der Kleinstaat Schweiz, der in zunehmendem Masse durch die sogenannten «Freunde» wie ein Schurkenstaat behandelt und erpresst wird, wäre gut beraten, wenn Bundesrat und Parlament in der Zukunft auch die Rüstungs­angebote Russ­lands ernst nehmen würden. Im Gegensatz zu den westlichen «Freunden» hat die russische Führung die Schweiz in den letzten Jahren immer mit Respekt behandelt. In Anbetracht der Jahrhunderte dauernden Beziehungen und Freundschaften zwischen der Schweiz und Russland – erwähnt seien der Admiral Peters des Grossen, der Genfer F. J. Lefort (1656–1699), der Oberst und Erzieher des Grossfürsten Alexander, der Waadtländer F. C. de Laharpe (1754–1838) und der General und militärische Berater verschiedener Zaren, der Waadtländer Antoine-Henri Jomini (1779–1869) – ist Russland in dieser schwierigen Zeit für die Schweiz der ideale Rüstungslieferant.    •

1    Jana Honkova, Current Developments in Russia’s Ballistic Missile Defense, The Marshall Institute, 2013, S. 10/11.