Ein Plädoyer für «alte» Werte und traditionelles Lernen

von Hans Fahrländer

Neuropsychologe Lutz Jäncke faszinierte 600 Lehrer mit brillanter Rede – und mit erstaunlichen Erkenntnissen zu Gehirn und Lernen.

Ist es das Wiedererstarken der Institution Kantonalkonferenz (KK) – oder war es der Ruf, der dem Referenten Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Univerität Zürich, vorauseilt? Jedenfalls war der grosse Saal prallvoll, als KK-Präsident Roland Latscha, am 16. Mai, 7 Minuten nach Abpfiff des Eishockeyspiels, über 600 Lehrerinnen und Lehrer im Kultur- und Kongresszentrum Aarau begrüsste. (Man erinnert sich, wie nach Abschaffung des Teilnahmeobligatoriums auch kleine Säle mitunter halbleer waren.) Niemand brauchte sein Kommen zu bereuen. Selten hat man so komplexe Sachverhalte zum Gehirn und zum Lernen so vergnüglich und verständlich serviert bekommen. Der Professor referierte lange, aber nie langweilig. Und erhielt langen Applaus – obwohl manche seine Erkenntnisse so gar nicht in die heutige Schule und Lernumgebung zu passen schienen.

Wiederholen, wiederholen …

So warnte der Referent eindringlich vor der verbreiteten Meinung: «Lasst die Kinder doch spielerisch lernen und Fehler machen, Krummes biegt sich dann schon noch gerade.» «Nein!», rief Jäncke in den Saal, «das ist lernpsychologisch völlig falsch.» Was sich im Gehirn der Kinder festsetzen soll, muss glasklar, störungsfrei und auf Anhieb richtig vermittelt werden. Und: häufig. Jäncke’scher Merksatz: «Die Wiederholung ist die Mutter des Lernens!» Denn das Gehirn sortiert: Häufig vorkommende Informationen sind wichtig, punktuell vermittelte sind weniger wichtig. Entscheidend ist das Wollen.
Oder: Der Mensch unterscheidet sich dadurch vom Affen, dass er nicht gleich jeder Versuchung nachgeben muss, sondern eine Belohnung für später aussetzen kann. Diese Eigenschaft allerdings – Herr über die vielen Reize zu bleiben – muss Kindern und Jugendlichen mühsam antrainiert werden.
Überhaupt: das überkommene Wort Selbstdisziplin! Neuropsychologen untersuchten, wie sich die Einflussfaktoren einer guten Schulnote zusammensetzen. Resultat: 10% Intelligenz, 40% Motivation, Selbstkontrolle und -disziplin. Bleiben immer noch 50% unerklärt. Doch – so Jäncke: «Entscheidend ist das Wollen!» Und die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und Konzentration. Man kann sie begünstigen durch Anerkennung, gute Lernumgebung et cetera. Ach, wie veraltet das doch alles tönt!

Multitasking funktioniert nicht

Auch dies: Heutige Kids rühmen ihre Fähigkeiten zur gleichzeitigen Aufnahme von Informationen. Laptop, iPhone, iPad. Und vielleicht erzählt vorne noch einer etwas. Jäncke: «Es ist untersucht: Es funktioniert nicht.» Wer ständig auf verschiedenen Medien spielt, arbeitet langsamer, fehlerhafter, schwimmt an der Oberfläche. Schuld sind die beschränkten Ressourcen des Gehirns.
Schliesslich: Die Fähigkeit zur Konzentration, zur Selbst- und zur Emotionskontrolle werden im Frontalcortex entwickelt. Dieser gilt als Sitz der Persönlichkeit. Bei Teenagern ist dieser Gehirnteil indessen noch nicht ausgereift. Das heisst: Wenn Jugendliche die Kontrolle verlieren, sind sie deswegen nicht «böse ». Aber, so der Professor: «Wir dürfen sie mit ihren Nöten nicht allein lassen. Wir, Eltern, Lehrer, müssen ihnen helfen, sie führen und anleiten.» Er verstehe nicht, wie in vielen Kantonen in der heikelsten Phase des Gehirnauf- und -umbaus wichtige Prüfungen stattfinden, welche über spätere Karrieren entscheiden.

Lernen ist mühsam

Jänckes Spezialgebiet ist die «funktionelle Plastizität» des menschlichen Gehirns, seine Formbarkeit durch Prozesse des Lernens. Das menschliche Gehirn ist ein komplexes System neuronaler Netze, es umfasst 100 Milliarden Nervenzellen, jede ist mit 10 000 anderen verbunden. «Lernen ist mühsam und braucht Zeit», bilanzierte Jäncke. Er wurde an der Universität und der ETH Zürich wiederholt mit einem «Award for Best Teaching» ausgezeichnet. Wer ihm zuhört, versteht es.     •

Quelle: Aargauer Zeitung, 17. Mai 2013