Jugendliteratur: Die Spreu vom Weizen trennen

von Nicole Duprat,* Frankreich

Das Studium der Kinderliteratur ist reich an Lehren über Vorstellungen, Ethik und Zivilisationswerte, die von den Erwachsenen vermittelt werden. Als Lehrpersonen müssen wir jedes Jahr über die Bücher entscheiden, die für die Lektüre der Schüler und die Regale in unseren Klassenbibliotheken bestellt werden sollen.

Eine vom Nationalen Bildungsministerium erstellte und empfohlene Liste bietet uns eine mögliche Auswahl an. Nach aufmerksamer Lektüre und eingehendem Studium der entsprechenden Kinderbücher müssen wir jedoch immer wieder mit grosser Bestürzung feststellen, dass besorgniserregende Veränderungen sowohl in bezug auf das inhaltliche als auch auf das sprachliche Niveau der Geschichten zu erkennen sind: Die elterliche Autorität wird verhöhnt, das Vulgäre wird hochgejubelt, für Zauberei wird geschwärmt, über Höflichkeit wird geschnödet, die Bilder sind hässlich und Wortschatz und Stil armselig, und das alles ist oft unterlegt von einer freiheitsfeindlichen Ideologie.
Unter dem Vorwand, «es ist unwichtig, was die Kinder lesen, solange sie überhaupt lesen» – ein Standpunkt, der von Bernard Friot in seinem Artikel in Nummer 211 der «Revue des livres pour enfants» dargelegt wurde – ist die Kinderliteratur auf Gedeih und Verderb zum Ziel eines stark boomenden Wirtschaftsmarkts geworden.
So findet man Märchen von Grimm und Andersen, Fabeln von Lafontaine, Gedichte von Victor Hugo, Romane von Rudyart Kipling neben sogenannt «modernen» Werken mit zweifelhafter Sprache oder gar solche, die die Gassensprache verherrlichen.
Mit «Harry Potter» (obwohl gut geschrieben) werden die Kinder in die Zauberwelt eingeführt; mit der Sammlung «Chair de Poule» [«Hühnerhaut»] identifizieren sie sich mit Monstern. Die Reihe «Titoeuf» bezweckt nichts anderes, als die Kinder mit ihren Ur-Instinkten zu konfrontieren.
«Dlires»[D-lesen oder Delirium], ein Buch, das bei «Bayard Press» erschienen ist, ergötzt sich in einem verstümmelten Jargon zu fantasieren, wobei die Verbesserung der lexikalischen und grammatikalischen Orthographie die geringste Sorge zu sein scheint. Die Armut von Stil und Wortwahl scheint den Herausgeber keineswegs zu stören!
Empörte Eltern haben eine Petition unterschrieben, als Reaktion auf «L’espionne clone» [Die Klon-Spionin] in der Reihe «J’aime lire» [Ich lese gerne].
Im Kinderbuch «Gare au carnage! Amédée Petitpotage» [Achtung Massaker! Amédée «Gemüsesüppchen»] von Jean-Loup Craspeau und Christophe Rouil wimmelt es von groben Ausdrücken und Wörtern aus der Gassensprache! Man erlebt ein Vergammeln der Sprache: «les clodos» [Clochards/Pennbrüder], «le pyj», [Pyjama oder kapierst], «t’imagines» [Stell dir vor!], «la canaille de Lacana» [der Halunke von Lacana] und das Kind lässt man die Welt der Drogen entdecken, anhand von in Mülleimern gefundenen Heroinbeutelchen. Man muss sich wirklich fragen, ob der Begriff «Literatur» noch einen Sinn hat und ob das Nationale Bildungsministerium überhaupt noch weiss, was das Wort «Erziehung» bedeutet.
Was soll man zum Buch «Le Joker» [Der Joker] von Susie Morgenstern sagen, das dem Kind Freude an der Schule vermitteln sollte, indem ihm die Geschichte eines Lehrers erzählt wird, der nach den Sommerferien, vom ersten Schultag an, all seinen Schülern Joker-Karten verteilt, auf denen bestimmte Genehmigungen geschrieben stehen: ein Joker, um seine Hausaufgaben nicht machen zu müssen; ein Joker, der einem erlaubt, vom Nachbarn abzuschreiben; ein Joker, um eine Strafarbeit nicht machen zu müssen; ein Joker, um während des Unterrichts tanzen zu dürfen; ein Joker, um einmal zu lügen; ein Joker, um einmal im Bett bleiben zu dürfen und nicht zur Schule zu kommen; ein Joker für eine endlose Pause usw.
Die Jugendliteratur darf nicht in einem Pseudo-Pädagogismus untergehen, der alles nach unten angleicht, und von der Wirklichkeit nur eine fades Bild abgibt! Ausserdem kann man nicht einen Grusel-Krimi, die «Abenteuer von Pinocchio» oder «Die Reise von Marco Polo» auf die gleiche Stufe setzen.
Andere Autoren erklären, dass die Kinder, um der Welt gegenüber offen zu sein, das Wertesystem ihrer Eltern relativieren müssen. Anstatt den Erziehungsauftrag der Eltern zu erleichtern und zu ergänzen, hätten Bücher die Aufgabe, die Kinder von Welt ihrer Familie abzutrennen. Eine besorgniserregende Sichtweise, angesichts der Tatsache, dass zahlreiche Psychologen und Erzieher die ganz zentrale Rolle der Familie betonen. In diesem Sinne möchten wir an die Internationale Kinderrechtskonvention erinnern – die 1989 unter Führung der Uno verfasst wurde, und die sich von der Genfer Erklärung von 1923 herleitet, die sich zu den elementaren Prinzipien für den Schutz der Kindheit äusserte – und die in ihrem Artikel 14 folgendes festhält: Die Vertragsstaaten achten das Recht des Kindes auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit und achten die Rechte und Pflichten der Eltern, das Kind bei der Ausübung dieses Rechts in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise zu leiten.
Eltern und Kinderärzte haben sich gegen das Buch «Ich habe zwei Mamis» von Ophélie Textier gewehrt, das für Kinder unter drei Jahren herausgegeben wurde und den Kleinkindern die Elternschaft homosexueller Paare nahebringt. Dieses Buch wird in Stadtbibliotheken ausgelegt.
Kinder sind keine Miniatur-Erwachsenen, und wir sind ihnen schuldig, ihre Welt zu respektieren. Aus dem vermeintlichen Bedürfnis, ihnen die Wirklichkeit näherzubringen, alle gesellschaftlichen Themen anzusprechen, bildet man sich ein, den Kindern die Gewalt in den Vororten, den Klassenkampf, die Drogen, das Bandenwesen und den Alkoholismus zeigen zu müssen … dabei haben sie weder die Reife noch den nötigen inneren Abstand, um damit fertig zu werden. Dies sind Lektüren für grössere Jugendliche und für Erwachsene. Die heutige Gesellschaft drängt das Kind dazu, sich erwachsen zu fühlen, oder zumindest, die entsprechenden Verhaltensweisen anzunehmen. Jedes Kind hat aber das Recht, sich seinem Alter gemäss zu entfalten und in Ruhe zu leben, ohne dass es ständig mit verqueren Vorstellungen der Erwachsenen belastet und verwirrt wird!
Durch eine gesunde und auf seine Psychologie abgestimmte Lektüre strukturiert das Kind sein Denken und erweitert seinen Wortschatz durch das Erlernen und allmähliche Beherrschen der Muttersprache, in der es sich ausdrückt. Dazu kommt, dass ein Kind anders liest, je nachdem ob es 6, 8 oder 10 Jahre alt ist. Erst mit der Entwicklung seiner Seele kann das Kind den Sinn von Analogien und Metaphern wahrnehmen und verstehen.
Das Buch – als Instrument der Bildung und der Anpassung, als ideales Instrument, den Geist des Kindes zu wecken – ist ein Mittel für den Zugang zur Kultur und eine Stütze für die Sozialisation. Dank der Erfindung des Druckes durch Gutenberg wurde die grosse Verbreitung des Buches ermöglicht. Die Jugendliteratur hingegen ist aus der pädagogischen Praxis entstanden. Fénélon war Hauslehrer des Kronprinzen, und für jenen schrieb er «Die Abenteuer von Telemach». Erasmus von Rotterdam befasste sich mit der Erziehungsfrage, sowohl was die Erziehung der Prinzen anging (wie dem künftigen Karl V.), als auch derjenigen jedes vernünftigen Menschen. In seiner Abhandlung «Traité de civilité puérile» [über die Höflichkeit des Kindes], die 1530 erschien, stellte er ein wahres kleines Handbuch über das allgemeine Benehmen für Kinder zusammen.
Die Lektüre ist ein herrliches Instrument, um sich weiteren Horizonten zu öffnen, der unendlichen Welt der Bücher. Kinder haben ein Recht tiefgründige und lustige Bücher kennenzulernen, aber auch die verschiedenen Welten der Autoren und einzigartige Tonlagen.
Das erste und wichtigste Ziel für einen Erzieher ist, das Kind zu schützen, das zweite, ihm eine innere Freiheit zu geben. Die Jugendbücher haben die Aufgabe, das Kind von seinem Unwissen zu befreien aber auch von seiner Angst vor dem Gross-Werden, aber ohne ihm eine einfältige, unbeständige Welt vorzusetzen, die nicht existiert.
Man muss leider feststellen, dass zahlreiche sogenannte Autoren den Anspruch haben, Schriftsteller zu sein, obwohl sie es gar nicht sind. Unter dem trostlosen Motto «Es ist scheusslich – es ist hässlich – es ist in» werden zahlreiche Geschichten herausgegeben, die in ihren Illustrationen und Texten einen gravierenden Mangel an Ästhetik und eine Verarmung des sprachlichen Niveaus aufweisen.
Ein gutes Buch ist ein Buch, das gut geschrieben ist. Was gut durchdacht ist, kommt auch klar zum Ausdruck! Die Grammatik, der Wortschatz und der Satzbau werden oft misshandelt, gefoltert oder massakriert. «Manchmal belohnt man Schriftsteller für ihre Werke. Weshalb werden nie welche bestraft?», fragte sich schon Jules Romain.
Es gibt so viele idiotische Bücher, dass es für die Erwachsenen von Vorteil ist, die Kinder bei ihrer Lektüreauswahl zu begleiten. Bilder und Texte müssen durch den Filter der Eltern und der Lehrpersonen gehen, es liegt in deren Verantwortung, sich nicht von einer Scheinwelt täuschen zu lassen. Dies ist die Forderung nach Vorsicht, etwas, was auf dieser Welt leider oft zu kurz kommt.
Und schliesslich ist ein gutes Buch ein Buch, das das Kind nicht auf sich selbst zurückwirft, sondern es anregt, nachzudenken, sein Inneres aufzubauen und gleichzeitig sich für sein Gegenüber zu interessieren und sich mit ihm zu verbinden. Es eröffnet ihm eine neue, unbekannte Welt, die es wach werden lässt.    •

*    Nicole Duprat ist Lehrerin und hat im «Institut d’Etudes politiques» in Aix-en-Provence «Internationales Recht und internationale Beziehungen» studiert.