«Ein Drittel Verschwendung satt haben»

Themenschwerpunkt in «Kultur und Politik – Zeitschrift für ökologische, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge» zum Welternährungstag

Ein Drittel aller Lebensmittel landen in der Schweiz im Abfall! Gleichzeitig hungern weltweit 870 Millionen Menschen. Während ein kleiner Teil der Weltbevölkerung zu jeder Jahreszeit zwischen landwirtschaftlichen Produkten aus der ganzen Welt wählen kann – Erdbeeren, Kiwi, Litschi, Papaya, Orangen zu jeder Jahreszeit – lebt ein grosser Teil der Menschheit in Hunger.
Mit der Frage, wie es dazu kommen kann, dass ein Drittel unserer Lebensmittel im Abfall landen, setzte sich anlässlich des Welt­ernährungstages im Oktober 2012 die Zeitschrift «Kultur und Politik» des Bioforums Schweiz in ihrer Ausgabe 4/12 auseinander.

rt. Ein Drittel der Lebensmittel landen im Abfall, je ein Teil beim Erzeuger, bei der Verarbeitung, dem Handel und beim Verbraucher. Dass dies nicht so sein muss und wie man es anders gestalten kann, ist spätestens seit dem Uno-Weltagrarbericht 2008 bekannt.
In verschiedenen Beiträgen wird in «Kultur und Politik» den Hintergründen der Verschwendung bei gleichzeitigem Hunger nachgegangen. Als eine Ursache wird die Wachstumsideologie ausgemacht, der eine biologische, bodenständige und nachhaltige Landwirtschaft gegenübergestellt wird: Eine Landwirtschaft, die kleinräumig, den regionalen Eigenheiten angepasst ist. Verknüpft mit einer regionalen Weiterverarbeitung und Vermarktung, ist diese Form von Landwirtschaft in der Lage, ohne Verschwendung die Bevölkerung ausreichend zu ernähren.
Das Wiedereintauchen in die Konsumwelt (nach einem längeren Alpaufenthalt) beschreibt Markus Schär ironisch: Ich durfte «nach monatelanger Abstinenz endlich wieder völlig selbstbestimmt durch die Konsumrennbahn laufen und könnte – wenn ich dies denn wollte – in all den schicken Restaurants ungehemmt die vielgepriesene Wahlfreiheit des Konsumenten ausleben und mir die exotischsten Speisen einverleiben. Willkommen im realexistierenden Konsumismus! Klingt zynisch? Ist aber Tatsache.» Damit zeichnet Markus Schär «Freiheit» als hohle Wahlfreiheit in unserer Konsumwelt treffend nach.
Das undemokratische globalisierte Wirtschaftssystem der transnationalen Konzerne, festgelegt in dem WTO-Regelwerk, lässt den Graben zwischen Reichen und Armen, auch innerhalb der einzelnen Gesellschaften, immer grösser werden. So entstehen auch in der Schweiz vermehrt Institutionen wie «Tischlein deck dich» oder die «Schweizer Tafel» zur Versorgung der Ärmsten mit Lebensmitteln. Diesen Zusammenhang beschreibt die Autorin Wendy Peter. Sie weist einmal mehr darauf hin, dass den Hungerländern in der dritten Welt immer mehr Anbauflächen entzogen werden, die ihrer Selbstversorgung dienen müssten, und dies weil die Reichen die Äcker für ihren Konsum aufkaufen und pachten.
Eine häufige Falle, in die heute eine «grüne» Ökonomie führen kann, wenn das derzeitige System selbst nicht hinterfragt wird, beschreibt Sieglinde Lorz als Vertreterin von «Décroissance Bern»: «Die ökologisch orientierte Wirtschaft träumt von der Green economy und dem Green new deal, was nichts anderes heisst als grünes Wirtschaftswachstum, aufgebaut auf falsch verstandener Effizienz. Auch hier wird die Konsumgesellschaft nicht hinterfragt. Statt dessen wird peinlich darauf geachtet, dass die Menschen ihren materiellen Wohlstand halten können, und dies jetzt sogar mit einem grünen, sauberen Gewissen. Die Politik braucht Wähler.»
Die Zeitschrift «Kultur und Politik» des «Bioforums Schweiz» gibt einen breiten Einblick in die Problematik der Ernährungsversorgung, bietet aber auch durch eigene Aktivitäten innerhalb des «Bioforums Schweiz» einen Ausblick auf mögliche Alternativen. Der Verein selbst steht in einer langen bäuerlichen Tradition.    •

Quelle: Kultur und Politik. Zeitschrift für ökologische, soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge. Heft Nr. 4/2012. Hg.: Bio Forum Schweiz. www.bioforumschweiz.ch