«Das Gedenken sollte als Zeichen der Dankbarkeit verstanden werden»

Gedanken zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag

Ein Gespräch mit Nationalrat Jakob Büchler

thk. Nationalrat Jakob Büchler leitet die Parlamentariergruppe «Christ und Politik». Auch hat er den Aufruf der 113 Parlamentarier, die dem Bettag wieder mehr Bedeutung geben wollen, mit unterzeichnet. Jakob Büchler sieht im Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag einen wichtigen Tag, der einen Beitrag zum Frieden und zur Versöhnung darstellt. Im folgenden Interview erklärt er, welche Bedeutung dieser Tag besonders für einen Christen, aber auch für jeden anderen Menschen darstellt.

Welche Bedeutung hat der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag für unsere Schweiz und für die in ihr lebenden Menschen?

Nationalrat Jakob Büchler: Der Dank-, Buss- und Bettag hat eine lange Tradition. Es gibt diesen Gedenktag schon sehr lange, seit 1832 ist er «eidgenössisch, und wir müssen dafür besorgt sein, dass wir nach wie vor diesem Tag die gebührende Beachtung schenken. In unserer heutigen Gesellschaft, in der religiöse Betrachtungen eher in den Hintergrund gerückt sind, ist es um so wichtiger, dass wir den Bettag entsprechend zelebrieren und weiterhin hochhalten. In einer Zeit, in der sich andere Religionen stark ausbreiten, dürfen wir uns nicht zurückziehen und verstecken, sondern wir sollten auch unseren Teil dazu beitragen, und der Bettag ist ein wichtiger Anlass, um genau das zu tun.

Gottfried Keller hat in seinem Bettagsmandat von 1864 verlangt, dass der Bürger seinen Mann stehen und der Allgemeinheit dienen sollte. Und somit der Bettag auch Gewissenstag genannt werden kann.

Das sehe ich durchaus so. Jeder Bürger hat eine Aufgabe in unserer Gesellschaft, und dabei ist dem Dienen des Allgemeinwohls ein grosser Stellenwert einzuräumen. Dessen muss man sich bewusst sein, und ein Tag wie der Bettag ist genau dafür da.
Es ist eigentlich nicht selbstverständlich, dass wir in einem freien und friedlichen Land leben können. Wenn sich jeder einfach zurücklehnt und sagt, ich lebe einfach mein Leben und schaue nur für mich, dann hat das keine guten Auswirkungen. Man muss sich gegenseitig die Wertschätzung entgegenbringen, dass wir uns gemeinsam für den Erhalt unseres Landes und des Friedens einsetzen. Der Bettag hat allein schon aus diesem Grund seine volle Berechtigung, und die muss er auch in Zukunft behalten.

Leider ist das Gefühl der Dankbarkeit, dafür, dass wir in unserem Land zum Beipiel in Frieden leben können, nicht mehr bei allen Menschen vorhanden. Hier haben solche Tage eine wichtige Bedeutung.

Dass es uns in diesem Land so gut geht, ist doch auch auf eine höhere Macht zurückzuführen, und es gibt noch einen, der über uns steht. Damit komme ich wieder zurück zum religiösen Bezug, an diesen soll man sich immer wieder zurückerinnern, dass, seit es die Erde gibt, nicht alles selbstverständlich ist und es einfach so weiterläuft. Nein, wir müssen uns bewusst sein, dass nichts einfach nur so da ist.
Wir können doch genau beobachten, wenn irgend etwas Unvorhergesehenes, Schwerwiegendes geschieht, dann findet der Mensch sehr schnell wieder zurück zum Schöpfer und zu Gott, aber solange alles rund läuft und der Alltag keine grösseren Probleme stellt, man genug zu essen und zum Leben hat, dann vergessen wir das leider immer sehr schnell.
Darauf sollte man sich zurückbesinnen, dass es einen Schöpfer über uns gibt. Das soll an diesem Tag besonders zum Tragen kommen. Aber ich vertrete immer diese Meinung, dass das nicht nur an diesem einen Tag geschehen soll, sondern diese Haltung sollte man eigentlich das ganze Jahr über grundsätzlich einnehmen. Am Bettag kann man sich aber ganz besonders darüber Gedanken machen.

Dass es uns so gut geht, ist auch das Resultat der Umsicht und Weitsicht unserer Vorfahren, die sich mit ihren ganzen Fähigkeiten teilweise unter schwierigsten Bedingungen und mit grossen Entbehrungen für ein friedliches und freies Land eingesetzt haben. Meist selbstlos und nicht auf persönliche Vorteile bedacht.

Das müsste den Bürgerinnen und Bürgern viel bewusster sein und so im täglichen Leben mehr zum Tragen kommen. Damit ein Staat seine Aufgaben angemessen erfüllt, wie das der unsere tut, braucht es viele Jahrzehnte und mehrere Generationen, die sich für einen funktionierenden Staat einsetzen. Wir sehen das auch im näheren Ausland. Eine Diktatur in eine Demokratie zu überführen, geht nicht von heute auf morgen. Das war auch in unserem Land nicht so. Es gab Menschen, die sich mit allem, was sie zur Verfügung hatten, eingesetzt haben und das unter Umständen auch mit ihrem Leben bezahlen mussten. Daran sollten wir immer wieder denken. Dank unserer Vorfahren können wir heute in einem friedlichen Land leben, in dem es uns sehr gut geht, wenn ich sehe, mit welchen Schwierigkeiten andere Länder zu kämpfen haben.
Zum Bettag gehört für mich auch das Danken. Das ist ein sehr wichtiger Teil. Das ist auch die Dankbarkeit unseren Vorfahren gegenüber. Das Gedenken sollte auch als Zeichen der Dankbarkeit verstanden werden. Es ist nicht alles selbstverständlich. Viele meinen, es werde für ewig so bleiben, aber das wird nicht so sein, wenn nicht alle ihren Beitrag dazu leisten. Diejenigen, die durch ihren mutigen Einsatz in den letzten Jahrhunderten das ermöglicht haben, denen gebührt auch unser Dank.

Dieser Aspekt des Friedens, der ja nahezu als Sinnbild für die Schweiz steht, müsste uns doch zu tiefster Dankbarkeit führen. Was blieb uns allen dadurch erspart, wenn man an all das Elend denkt, das der Krieg mit sich bringt?

Ja, das sehe ich genau so. Wichtig ist auch, dass man sich immer wieder überlegt, der Frieden ist etwas ganz Zentrales in unserer Schweiz. Den müssen wir unter allen Umständen bewahren. Das ist aber nur möglich, wenn wir auch unserer Sicherheit Sorge tragen und nicht alles vernachlässigen. Auch unser Friede, unsere Sicherheit und unsere Freiheit bekommen wir nicht einfach so. Wenn wir das aufgeben, dann sind wir mit dem Frieden sehr schnell am Ende. Dazu müssen wir Sorge tragen und uns das genau überlegen, und hier bietet der Bettag eine gute Gelegenheit, sich an all das zu erinnern.
Der Frieden und die Sicherheit müssen geschaffen werden. Wir müssen uns jeden Tag dafür einsetzen, dass wir den Frieden in unserem Land erhalten können. Dazu ist noch zu sagen, dass Freiheit und Sicherheit eng miteinander verknüpft sind.
Bei allen Konflikten sollte man auch hier den Gedanken der Versöhnung immer dabei haben. Wenn man gemeinsam die Dinge bewältigt, bringen wir sehr viel zustande. Wenn wir gegeneinander sind, ist es immer ein riesiger Kräfteverschleiss. Die versöhnliche Haltung ist sehr wichtig, und zwar auf allen Ebenen, das christliche Prinzip.

Wie werden Sie den Gedenk-, Dank-, Buss- und Bettag verbringen?

Ich werde in Bern sein, um dort einen Bettagsaufruf zu machen. Man hat mich angefragt, als Parlamentarier auf der kleinen Schanze hinter dem Bundeshaus einen Bettagsaufruf zu verlesen, und ich werde dort natürlich auch noch ein paar persönliche Gedanken zu diesem Tag äussern können. Das wird am Vormittag beginnen und geht bis zum Nachmittag.

Herr Nationalrat Büchler, vielen Dank für das Gespräch.    •

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist ein Zeichen von ­Versöhnung, Nächstenliebe und tief empfundener Dankbarkeit

thk. Der Bettag wird schon seit mehr als 200 Jahren in der Schweiz gefeiert. Angesichts der Revolution in Frankreich und der politischen Unruhen wurde bereits am 6. März 1794 und am 8. September 1796 dieser Tag gesamteidgenössisch, das heisst sowohl von den reformierten als auch von den katholischen Kantonen gemeinsam begangen. Damit gilt er auch als ein Tag der Versöhnung und des gemeinsamen Wirkens. Gottfried Keller nannte ihn «Gewissenstag». Der Berner Schultheiss (Stadtpräsident) und der Gemeinde-, Stadt sowie der Grosse Rat der Republik Bern (siehe Original) haben bereits 1831 beantragt, den Buss- und Bettag für alle Kantone der Eidgenossenschaft im Herbst festzulegen. In ihrem Antrag wird unter anderem die Dankbarkeit über den erhaltenen Frieden und die grosse Bedeutung der Nächstenliebe, wie sie zu den Grundfesten der christlichen Religion gehört, sehr betont.
Bereits ein Jahr später wurde der Buss- und Bettag mit Ausnahme des Standes Graubünden, der bis zur Gründung des Bundesstaates am 2. Donnerstag im November festhielt, als offizieller Feiertag am dritten Sonntage im September eingeführt. Dieses Datum hat bis heute seine Gültigkeit behalten. Während der Kriege in Europa hat dieser Tag auch immer als Dank an Gott für das Beschützen vor den grossen militärischen Katastrophen gegolten, vor denen die Schweiz nicht zuletzt wegen ihrer klaren inneren Abwehrhaltung glücklicherweise verschont geblieben ist.

Zum Bettag
Wie der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag durch die Regierung eingesetzt wurde
(nach dem ursprünglichen Wortlaut)
Wir Schultheiss und Rath der Stadt und Republik Bern entbieten allen unseren lieben und getreuen Mitbürgern zu Stadt und Land unsern wohlgeneigten Willen und geben ihnen zu vernehmen:
Dass wir nach der frommen Sitte unserer Väter mit dem sämmtlichen löblichen Ständen der Eidgenossenschaft einen gemeinschaftlichen Dank-, Buss- und Bettag angesetzt haben auf den 8. Herbstmonat nächstkünftig.
Betet und tuth Busse, so ruft uns Gott durch seine Propheten, unser Gott, unser Vater, der seinen eingebornen und geliebten Sohn dahingegeben zur Vergebung für ein sündiges und undankbares Geschlecht. Und lauter und vernehmlicher dringt heute dieser Ruf zur Busse zu uns, da so viele Ereignisse an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern und unsre Gedanken hinziehen zu dem, der der Menschen Schicksale in seiner Hand hat. Mächtig schwingt der Engel des Todes seine Sichel und zu Tausenden fallen die Kinder des Staubes dahin, menschliche Weisheit vermochte noch keine Schranken zu setzen der verheerenden Seuche, der Allmächtige einzig wird das Ziel ihr setzen. Zerstörend wirkt die Fackel des Krieges in mehr alls einem Lande und schlägt tausendfältige Wunden denen, die davon heimgesucht werden. Die Zwietracht dringt verderbenbringend durch die Nationen und löst die engsten Bande, die für ganze Geschlechter, ja für Jahrhunderte geknüpft waren, ja ganz Europa wankt und sieht mit Bangigkeit der Zukunft entgegen: wohl sind das Tage, die zur Busse rufen.
Noch ist zwar unser Vaterland verschont geblieben bis jetzt von einem Theile dieser Übel, noch sind Krieg und Seuche nicht über dasselbe eingebrochen, dafür lasst uns Gott ernstlich danken, aber nicht bloss durch Worte, sondern durch den Wandel, es gibt keinen aufrichtigen Dank, als der mit Ehrfurcht gegen den Geber und mit treuem Gebrauch seiner Gaben verbunden ist. Eines solchen lebendigen Dankes dürfen wir uns leider noch nicht rühmen: unser Wandel war nicht vor Gott, denn zu den sittlichen Gebrechen, die wir schon früher beklagten, wie Gleichgültigkeit gegen die Religion, Ausgelassenheit, Unzucht, Hoffahrt und Übermuth, sind noch neue hinzugekommen: Ungehorsam gegen die Gesetze, unmässiger Besuch der Trinkstuben, Versäumnis der Berufsgeschäfte und zunehmende Entfremdung vom häuslichen Leben. Aber nicht nur die, welche in diesen Übertretungen ihre Schuld erkennen müssen, sondern wir alle, alle haben gesündigt, in allen Ständen des Volkes, in allen Altern haben wir vielfach gefehlt gegen die Gebote des allmächtigen Vaters, die er den Menschen gegeben zu ihrem Heil, damit sie das ewige Leben gewinnen, haben Strafe und Züchtigung verdient. Darum lasset uns alle aufrichtig Busse thun und flehen zu Gott, dass er uns nicht strafe nach unsrer Schuld, sondern uns verzeihe um seines Sohnes, unseres Heilandes, willen. Bitten wir den Allmächtigen, dass er uns schenke seinen heiligen und guten Geist, damit wir in Zukunft mehr als bisher thun nach seinem Willen.
Pflanzet Gottesfurcht, jeder vorerst in seinem eigenen Herzen, dann in seinem Haus und dadurch unter dem ganzen Volk. Gottesfurcht ist die Grundlage alles Glückes, durch sie bewahrten einst unsere Väter Zucht und Ordnung, durch sie wurden sie arbeitsam, zufrieden, freudig zu jeder Pflicht, durch sie waren sie stark in jeglicher Gefahr und getrost in der Stunde des Todes. Lasst uns ringen nach diesem köstlichen Gute und es wieder einheimisch machen bei uns.
Mit dieser schönen Tugend verbindet sich dann die Nächstenliebe, diese unerlässliche Bedingung innerer Zufriedenheit, durch sie wird das Herz veredelt und das Leben verschönert. O darum lasst uns verbannen aus dem Herzen jegliche böse Leidenschaft, allen Hass, allen Neid, alle Rache, alle Selbstsucht, die uns von dem Reiche Gottes entfernen und durch welche jedes fremde Glück zertrümmert, jedes eigene Gut durch Unmuth wertlos wird, die Liebe und Wohlwollen, damit Gottes Liebe mit euch sey. Helfet, wo ihr zu helfen vermöget, lindert Not und Elend, wo ihr sie findet.
Einen dringenden Aufruf dazu habt ihr in dem unerwarteten, aber grossen Unglück, das einige Gegenden unseres Vaterlandes betroffen hat. Anhaltende Regengüsse und das durch einen lauen Wind herbeygeführte schnelle Schmelzen des Schnees schwellten die Gewässer des Hochgebirges an, dass sie zu furchtbaren Strömen erwuchsen, die Brücke fortschwemmten, Strassen wegrissen, Häuser zerstörten, die Thäler überfluteten und sie an vielen Orten mit Sand und Gestein bedeckten. Wohl eilten wir den Unglücklichen mit dem obrigkeitlichen Beystande zu Hilfe, aber das reicht nicht hin, die Noth ist gross, das Elend mannigfaltig, euer Christensinn, euer liebevolles Herz wird sich auch diesmal bewähren.
Zum letzten Male, liebe Mitbürger, verkündigen wir euch den Bettag, möge unser Ruf bey vielen Eingang finden und den Sinn der Busse wecken, der zu dem ewigen Leben führt.
Wir flehen zu Gott, dem allmächtigen Schöpfer und Vater, dass er auch uns verzeihe nach seiner Langmuth, uns nicht richte nach unserem Verdienst, sondern nach seiner Gnade durch unseren Heiland. Wir flehen zu ihm um seinen Segen für das Land, dem wir bisher vorgestanden sind.
Damit aber der Feyer des Bettages auch die äusserliche Stille entspreche, so verordnen wir, dass sowohl Tags vorher von drey Uhr Abends an, als an heiligem Feste selbst alle Wirts- und Pintenhäuser für jedermann, fremde Reisende ausgenommen, verschlossen seyen.
Gegeben Bern, den 24. August 1831
Kanzley Bern