Kriegsbild 2013*

von Dr. sc. techn. Franz Betschon, Oberst i Gst a D

Zu einem Zeitpunkt, da die Schweiz über die schwächste Armee seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verfügt, mehren sich weltweit Anzeichen für einen grossen Krieg. Dies darzustellen war die Veranlassung für das Buch «Mut zur Kursänderung – Schweizerische Sicherheitspolitik am Wendepunkt» (ISBN 978-3-033-03917-9) der Gruppe Giardino. Wer jedoch glaubte, damit ein Erwachen zu bewirken, lag daneben. Das Buch wird zwar gelobt, jedoch einfach als interessante Fingerübung der Autoren abgetan. Nicht anders kann das Unterfangen WEA (Weiterentwicklung der Armee) beurteilt werden, das ausgerechnet in Zeiten höchster Gefahr die Armee nochmals zurück in die Werkstatt geben, gemächlich umbauen und erneut substantiell verkleinern will und in denen die Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht ernsthaft diskutiert wird [bzw. wurde].

Weltpolitische Realität und Planung in der Schweiz

Dies dürfte damit zusammenhängen, dass die eidgenössischen Armeeplaner immer noch in Kategorien denken, bei denen ein möglicher Feind nur aus dem europäischen Umfeld stammt. Nachdem wir nun «von Freunden umzingelt» sind, werden geopolitische Betrachtungen nur so weit angebracht, als sie den eigenen Wünschen nicht in die Quere kommen.
Hiermit sollen nochmals die allerletzten Ereignisse aufgelistet und soll versucht werden, einmal mehr die Querbeziehungen aufzuzeigen, damit in der Öffentlichkeit endlich die roten Lampen aufleuchten. Es sind nicht mehr Spekulationen, sondern Ereignisse, die der Bürger selber feststellen kann. Es wird ausserdem auf konkrete Planungen der grossen militärischen Akteure hingewiesen.
Vorläufig noch nicht wahrgenommen wird der Umstand, dass sich im Westpazifik, dort wo sich die maritimen Interessen Chinas und der USA überschneiden, eine waffentechnische strategische Wende abzeichnet, eine Entwicklung, die zum Ende der Ära der grossen Flugzeugträger führen könnte, ähnlich wie seinerzeit die grossen Schlachtschiffe durch Flugzeugträger abgelöst wurden (vgl. ASMZ 10/2013).
Die USA könnten versucht sein, vollendete Tatsachen zu schaffen und damit sozusagen die Flucht nach vorne anzutreten. Derweil überstürzen sich die Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten. Gewisse Akteure wollen unbedingt die Lunte auch an dieses Pulverfass legen und den Zusammenprall provozieren. Dass dabei wieder mit nachrichtendienstlich fragwürdigen und unvollständigen Behauptungen operiert wird, gehört einmal mehr zur Argumentation.

Gefährlichste Feindmöglichkeit für die Schweiz

Diese Analyse führt, übersetzt in die klassische Sprache der Militärplaner, zu den nachfolgend aufgezählten «gefährlichsten Feindmöglichkeiten». Es gehört zum Handwerk dieser Planer, die Armee nach solchen Kriterien zu planen und nicht mit Wahrscheinlichkeiten zu argumentieren. Wahrscheinlichkeiten dienen erst im Einsatz als Basis für taktische oder operative Entschlüsse. Ihre Verwendung bereits in der Planungsphase ist der bequemste Weg, da dabei alles behauptet werden kann und man den Tatbeweis nicht antreten muss.
Natürlich ist die untenstehende Aufzählung zunächst irreal beängstigend. Die Ereignisse in letzter Zeit haben sich geopolitisch derart beschleunigt, dass man schon bald von einem Einsatzfall reden kann, die später beschriebenen gefährlichsten Feindmöglichkeiten also bereits zu den wahrscheinlichsten geworden sein könnten. Im militärischen Jargon würde man etwa folgendermassen formulieren:

Der «Gegner» kann …

A    Lebensgrundlagen vernichten oder bedrohen, falls sich die Schweiz nicht externen Beschlüssen beugt. Cyberwar kann Infrastrukturen zerstören oder ausser Betrieb setzen. Diese Bedrohung kann von irgendwoher kommen und eher nicht aus dem westeuropäischen Ausland.
B    Strategische Ressourcen abpressen (Geld, Gold, Rohstoffe, Truppen, Patente usw.). Der zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Stellungnahme unerklärlich gesunkene (sprich manipulierte) Goldpreis hat allein bei der Schweizerischen Nationalbank schon heute Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe verursacht.
C    Strategische Schlüsselräume (Energie­infrastruktur, Flughäfen, Eisenbahnbetriebszentralen usw.) und/oder strategische Achsen in Anspruch nehmen (NEAT, Autobahnen usw.) zu Zwecken, die nicht in schweizerischem Interesse liegen. Hierzu ist nicht einmal eine terrestrische Operation nötig.
D    Vertikale Umfassungen erzielen durch Cruise Missiles, Abstandswaffen, strategische Bomber oder Drohnen.
E    Terrestrische Operationen aus grosser Distanz durchführen. Ohne Reaktionsmöglichkeit der Schweizer Armee wären dann Situationen denkbar, bei denen fremde Armeen in der Schweiz gegeneinander Krieg um schweizerische Ressourcen führen (1798 lässt grüssen).
F    A-, B-, oder C- Krieg führen, wie stets vorgesehen.

Ein solcher Krieg wird ein asymmetrischer sein

Asymmetrie heisst hier: Einsatz von Technologien oder Verfahren, die den Gegner hindern, seine eigenen Technologien und Verfahren zur Wirkung zu bringen. Ein Gegner der Schweiz kann dieser mit relativ geringen Mitteln ungeheuren materiellen Schaden zufügen.

Ein solcher Krieg dürfte auch ein hybrider Krieg sein

Hybrid in dem Sinne, dass sich verschiedene Kriegsformen zu unterschiedlichen Zeiten oder parallel miteinander abspielen können. Der Gegner kann mit einer «Menü-Technik» sein Paket massgeschneidert auf die Schweiz zuschneiden. Nicht immer wird ganz klar sein, ob es sich dabei bereits um eine robuste Auseinandersetzung handelt, die den Einsatz der Armee erfordert, oder ob noch andere Mittel eingesetzt werden können.

«Joint Vision 2020» und das Planungs­papier «Full-Spectrum dominance»

Es ist nicht so, dass die Schuldenkrise der Vereinigten Staaten, die Weltwirtschaftskrise und die vielen verlorenen Kriege der Streitkräfte der USA in Washington zu einem Überdenken der bisherigen strategischen Zielsetzung geführt hätten, nämlich die einzige globale Macht zu sein, die «at the head of the table», oben am Verhandlungstisch, sitzt und die Spielregeln diktiert. Diese Verschuldung hat für die USA ohnehin eine andere Bedeutung als für den Rest der Welt. Als vorläufige Hüterin der Welt-Reservewährung, des US-Dollar, verfügt sie über politische Instrumente, mit denen sie sich ihre Schulden noch lange von eben diesem Rest der Welt bezahlen lassen kann. Der grössere Teil der Dollarbestände befindet sich nicht in der amerikanischen Wirtschaft, eine Abwertung wird also immer wieder hauptsächlich diesen Rest der Welt treffen. Ein früherer amerikanischer Notenbankchef sagte daher einmal: Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem!
Man anerkennt zwar, dass andere Mächte (z.B. China) nach vorne drängen, dass die eigenen Ressourcen begrenzt sind und die Drittweltländer kein Selbstbedienungsladen sind. Man anerkennt sogar, dass sich die militärischen Verhältnisse geändert haben und man deshalb seine Strategiepapiere anpassen muss.
Aber am Ziel der «Full-spectrum dominance», das heisst, überall das letzte Wort zu haben, wird nichts geändert. Die Literatur sagt dazu: «Joint Vision 2020» (engl. sinngemäss Perspektive für die streitkräfteübergreifende Operationsführung im Jahre 2020) ist ein Strategiepapier, welches das US-Verteidigungsministerium am 30. Juni 2000 veröffentlichte und das Überlegungen zu einer ‹Überlegenheit auf breiter Front› (Full-spectrum dominance) der US-amerikanischen Streitkräfte enthielt, damit diese auch im Jahre 2020 Bedrohungen auf dem gesamten Erdball begegnen könnten. Dabei spielt die Fähigkeit zu einem Global Strike (etwa: weltweiter Schlag) eine zentrale Rolle.»
Man hat zwar stillschweigend von der ursprünglichen Zielsetzung Abschied genommen, zwei getrennte grosse Kriege zur selben Zeit führen zu können. Das heisst natürlich auch, dass die Hauptlast, einen ganzen Weltkrieg dominierend zu führen, nicht mehr alleine getragen werden soll. Grosse euphorische Rüstungsvorhaben sind ebenso begraben worden. Dafür stellt man Überlegungen an, wie Gegner, die die globale Dominanz der USA in Frage stellen, mit den alten Regeln des Faustrechts trotzdem diszipliniert werden können.

 Die Uhr der Vorwarnung tickt schon seit geraumer Zeit!

Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete am 16. Juli 2013 unter dem Titel «Russische Kriegsspiele» von den grössten Militärmanövern seit 1991. Der Kreml hat im Osten Russlands eine grosse Militärübung durchgeführt. Es ging dabei darum, die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte zu testen und auch ein politisches Signal auszusenden. Bis zu 160 000 Armeeangehörige, etwa 1000 Kampfpanzer, 130 Flugzeuge, Helikopter, Langstreckenbomber und andere gepanzerte Fahrzeuge wurden aus dem Stand heraus eingesetzt. Daneben finden im Ochotskischen Meer Manöver mit insgesamt 70 Schiffen statt.
Unter anderem wurde die Fähigkeit geprüft, schnell Personal, Waffen und militärische Ausrüstung über grosse Distanzen zu verschieben. Die Rede war dabei auch von Eisenbahntransporten über Distanzen von 800 bis 1000 km pro Tag. 16 Züge mit 562 Wagons und speziellen Beladungs- und Entladungseinrichtungen waren im Einsatz.
Bereits im Februar 2013 fand in einem kleineren Rahmen eine ähnliche Alarmübung statt, die allerdings erhebliche Mängel am Kriegsgerät zutage förderte. Die neuerliche Übung, die bis zum 20. Juli 2013 dauerte, war eine Folge davon und sollte zeigen, ob die nötigen Schlüsse gezogen worden sind. Früher oder später wird dies der Fall sein. Diese Übungen wurden jeweils persönlich durch Präsident Putin aus dem Stand heraus ausgelöst, genau wie früher in der Schweiz der Gesamtbundesrat die Durchführung von Gesamtverteidigungsübungen anordnete.
Auf dem Militärgelände Tschiebarkul, im Gebiet Tscheljabinsk, lief ausserdem vom 27. Juli bis zum 15. August 2013 ein russisch-chinesisches Manöver «Friedensmission 2013», das dem Antiterror-Kampf diente. Fast zeitgleich fanden im Raum Hokkaido gemeinsame Übungen der USA und Japans statt.
Damit zeigt Russland, dass es wieder in der Lage ist, nach Abschluss dieser heissen Übungsphase grössere militärische Operationen aus dem Stand (Vorwarnzeit null!) über grössere Distanzen auszulösen. Die Vorwarnzeituhr tickt schon seit geraumer Zeit, ohne dass die Schweiz das zur Kenntnis nehmen will! Die Möglichkeiten C und E werden also bereits geübt!

Die USA verfolgen bereits wieder die Politik des nuklearen Erstschlages

«Prominente Kommentatoren warnen, dass die US-Regierung einen nuklearen Erstschlag gegen Russland und China vorbereitet.» Diese Information verdanken wir der Wochenzeitung Neue Solidarität (www.solidaritaet.com, 7.8.2013). Diesen Vorwurf erhebt der bekannte Kolumnist Paul Craig Roberts, ein früherer hoher Beamter im Handelsministerium unter Präsident Reagan, und führt weiter aus, dass die USA schon unter der Regierung Bush/Cheney diese Politik verfolgt habe.
Militärisch würde dies Sinn machen. Es wäre die Flucht nach vorne, wie in Kap. 1 angedeutet. Ein nuklearer Erstschlag würde insbesondere gegen Länder geführt werden, die militärisch am Boden nicht besiegt werden können. Insofern scheint man aus den verlorenen Kriegen der USA seit dem Korea-Krieg doch etwas gelernt zu haben. Dabei denkt man einmal mehr in den Kategorien von chirurgischen Präzisionsschlägen, womit den Angegriffenen die Möglichkeit, thermonuklear zurückzuschlagen, genommen werden soll und man selber also überleben kann.
Auch die Pläne von Präsident Obama beruhen auf der Idee eines solchen Erstschlages. Sie wurden allerdings schon früher im Rahmen eines Papiers, genannt «Nuclear ­Posture Review (NPR)» des US-Verteidigungsdepartementes, erstmals 2002 entwickelt. Darin werden nicht nur Russland und die damals «Achse des Bösen» genannte Ländergruppe Iran, Irak und Nord-Korea genannt, sondern auch China, Libyen und Syrien, also nicht nur Atomwaffenbesitzer. Voilà!
Der Vorgang ist um so bemerkenswerter, als Obama seinerzeit 2009 in Prag eine Rede hielt, in der er ein Weltbild darlegte, das atomwaffenfrei ist. Somit glaubte man damals, dass sich die US-Strategie endlich von den Muskelspielen früherer Zeiten abwenden würde, und insbesondere wurde auch die amerikanische Öffentlichkeit in diesem Glauben gelassen. Verträge, die ein Ende der nuklearen Rüstung, von wem auch immer, oder gar ein allgemeiner Verzicht auf die Möglichkeit des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen oder speziell von Atomwaffen ins Auge fassen, sind nicht in Sicht.
Damit ist die gefährlichste Feindmöglichkeit F bereits wieder in der Planung der entsprechenden Mächte und muss damit auch von der Schweiz ins Auge gefasst werden. Der amerikanische Analytiker Lyndon LaRouche meint deshalb, dass «der Welt irgendwann zwischen September und Weihnachten dieses Jahres (2013) eine solche Kraftprobe droht, da man für diesen Zeitraum den Zusammenbruch des transatlantischen Finanzsystems erwartet».
Das obengenannte Truppenmanöver im Fernen Osten folgte unmittelbar auf russisch-chinesische Marinemanöver im nördlichen Teil des Japanischen Meeres, im sogenannten Golf Peters des Grossen. Eigentlich ist es nicht so, dass dadurch eine übergrosse verstärkte Übungstätigkeit signalisiert wird, denn sie sind auf normalem Niveau kriegsbereiter Streitkräfte. Zwischenzeitlich sind weitere ergänzende Informationen bekannt-geworden. Offensichtlich hat der AsienSchwerpunkt der neuen Strategie Obamas und die zunehmend militante Politik der japanischen Regierung in Moskau und Beijing das Bewusstsein geschärft, dass sich in dieser Region schon bald eine militärische Konfrontation abspielen könnte.

Und Gibraltar und Syrien?

Wer Zeitung liest, hat noch die Bilder in Erinnerung, die Ende August 2013 britische Kriegsschiffe vor Gibraltar zeigen. Dabei musste das Geld für die Treibstoffkosten dieser Operation erst mühsam zusammengekratzt werden. Irgend jemand hat sich auch hier zu Muskelspielen entschlossen. Was zum Teufel soll das? Wer Gibraltar auf einer Karte sucht, findet diesen Felsen weit weg von Grossbritannien, nämlich vor der Haustüre von Spanien (dasselbe gilt für die Falklandinseln). Grossbritannien sieht sich mental immer noch als Kolonialmacht und betrachtete auch stets Syrien, Afghanistan usw. «eigentlich» als ihr Spielfeld, weil ehemalige Kolonie. Gibraltar verschliesst gemäss dieser – realpolitisch veralteten – Ansicht immer noch den Zugang zum Mittelmeer.
Chirurgische Präzisionsschläge konventioneller Art gegen Syrien sind derzeit ebenfalls im Gespräch, wobei zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichtes noch niemand weiss, welches die genauen Ziele sein sollen, was damit überhaupt erreicht werden soll und wie eine solche Aggression beendet werden kann. Ein Lichtblick in diesem Wirrwarr ist US-Generalstabschef Martin Dempsey, der offenbar zu selbständigem Denken neigt. Dieser hatte zu Händen seines Chefs, Verteidigungsminister Chuck Hagel, die militärischen Optionen entwickelt, äussert jedoch Bedenken über deren Durchführbarkeit und teilt die Auffassung nicht, mit einigen Tages­operationen könne man dem syrischen Präsidenten «einen Schuss vor den Bug geben». Dempsey hat in früheren Erklärungen auch betont, dass eine Flugverbotszone, wie sie viele Politiker befürworten, eine Kriegshandlung darstellt, «und bevor wir einen Krieg anfangen, würde ich gerne den Plan verstehen, wie wir Frieden schaffen». Dempsey widerlegt das gängige Cliché vom Krieg, den man nie den Generälen überlassen sollte, man sollte ihn aber auch nie den Politikern überlassen.
Zwischenzeitlich (Anfang September 2013) ist der britische Premierminister Cameron von seinem Unterhaus zurückgebunden worden, und auch Präsident Obama macht Anstalten, zurückzurudern.

Die Schweiz und Europa zwischen Hammer und Amboss – erste Phase: Wirtschaftskrieg

Sicherheitspolitisch ist ein Wirtschaftskrieg ein Grenzfall für den Einsatz einer Armee. Vom Angreifer kann er auch ohne Armee geführt werden, dem Verteidiger hingegen wird die Art des Mitteleinsatzes aufgezwungen.
In der Weltwoche Nr. 42/2011, S. 60ff. wird ein Interview mit dem ehemaligen Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) J.-P. Roth veröffentlicht. Nun ist gerade in jenen Tagen auch ein EU-Gipfel mühsam zu Ende gebracht worden, der als Durchbruch gefeiert wurde. Sicher hat die deutsche Bundeskanzlerin recht, wenn sie ein Scheitern der Währungsunion mit einem Scheitern Europas gleichsetzt und damit als grosse Gefahr für den Frieden ausmacht. Mehrere Wochen nach dem Interview mit Roth ist die Entwicklung schon wieder grosse Schritte weitergekommen. Ratlosigkeit herrscht unter den EU-Verantwortlichen, und sicher sind sie alle daran, auch das Unmögliche anzudenken und sich zu fragen, wo zum Teufel sonst noch Geld oder Ressourcen aller Art herkommen könnten?
Roth sagte (2011!) unter anderem:
–    «Die Politiker wollen die Wahrheit nicht hören» (könnte auch für die schweizerische Sicherheitspolitik gelten!).
–    «Wir werden in den nächsten Jahren sehr stark den Drohungen der EU ausgesetzt sein. Die EU besteht aus 350 Millionen Bürgern, wir haben bloss 7 Millionen und wir sind zudem in der Mitte des EU-Gebildes. Weil wir relativ stark sind, ist es klar, dass die anderen versuchen werden, an unser Geld zu kommen. Wir sind nicht beliebt. Das ist die Realität.»
–    Dies ist, was Konrad Hummler schon vor Jahren den «Kampf ums Eingemachte» nannte («Mut zur Kursänderung», S. 55).
–    «Realität ist, dass der Protektionismus zunimmt und damit die Diskriminierung der Schweiz». (Man könnte dies auch das «Faustrecht» nennen.)
–    «Wir sind klein. Drohungen und Druck werden zunehmen, damit werden wir also weiterleben müssen. Je stärker die finanziellen Probleme unserer Nachbarn sind, desto höher wird der Druck sein.» (Und diese Probleme werden zur Selbststrangulation führen, wenn nicht noch ein Wunder passiert.)
–    Dass Grossbritannien mit der Schweiz die Abgeltungssteuer beschlossen hat, ein bilaterales Abkommen also, «ist für mich ein Zeichen, dass es dringend Geld sehen will. […] Auch die Amerikaner wollen Geld sehen.»
Deutschland möchte noch mehr Geld sehen, hat aber Zeit und deshalb der Abgeltungssteuer nicht zugestimmt.
Das sind keine finsteren Prophezeiungen, sondern bereits Fakten. Der folgende Sachverhalt ist allerdings vorläufig reine Spekulation. Was genau in Brüssel seinerzeit (26.10.2011) sonst noch beschlossen wurde, wissen wir noch nicht. Vermutung: Es könnte ein Brief an die Schweiz in der Schlussredaktion sein, in welchem ungefähr folgendes stehen könnte (gefährlichste Feindmöglichkeit B):
«Die EU anerkennt die Souveränität der Schweiz, so wie sie ihr passt, vollumfänglich. Trotzdem geht sie davon aus, dass sich die Schweiz freiwillig an der Rettung Europas mit einem Beitrag von 100 Milliarden Euro beteiligt. Es liegt im Ermessen der schweizerischen Regierung, ob sie diesen Betrag in bar an die EZB einzahlen will oder ob sie für denselben Betrag Bankbürgschaften stellt. Die EU weiss, dass die schweizerische Regierung in der Lage ist, einen solchen Entscheid in eigener Kompetenz und kurzfristig zu fällen, wie sie dies im Falle der UBS am 15. Oktober 2009 kurzfristig tun konnte.»
Lagebeurteilung: Unsere Regierung wird die Öffentlichkeit nicht darüber informieren, dass dieser Brief gleichzeitig begleitet wird von massiven Drohungen im Falle einer Zuwiderhandlung. Sie wird den Vorgang als normalen zwischenstaatlichen Vorgang darstellen und Erfüllung anstreben, da ihr der eigene Knüppel in der Hand, die Armee, fehlt. Sie wird ihr eigenes Handeln als dasjenige eines souveränen Staates und als Ausfluss eigener strategischer Regierungskunst darstellen. Wissen tut sie zudem, dass von den 100 Milliarden Euro kein Cent je mehr in die Schweiz zurückfliessen wird und wartet auf die nächsten Begehrlichkeiten. Die Schweiz verfügt (?) derzeit über den siebtgrössten Goldbestand der Welt (etwa 1000 Tonnen). Sogenannte Kriegsvorräte sind praktisch nicht mehr vorhanden.
Die Bundesrepublik Deutschland hat bereits andere interessante Erfahrungen gemacht. Es scheint nämlich, dass sie schon nicht mehr über ihr in den USA und Grossbritannien gelagertes Gold verfügen kann. Aus einem Nachrichtenblatt («Kopp Exklusiv», www.kopp-exklusiv) entnehmen wir in Nr. 30/13: «Das Gold der Deutschen (in Fort Knox) ist angeblich weg. Ein Kenner der Szene soll gesagt haben: Es sei naiv zu denken, die Bundesrepublik werde ihre in den USA gelagerten Goldbestände jemals zurückbekommen. US-Banken hätten es in den letzten Monaten vom Fed erhalten, um den Goldpreis zu drücken, die deutschen Goldbestände gelangten also auf den Markt.»
Dabei erinnert man sich, dass es der Deutschen Bundesbank vor einiger Zeit untersagt wurde, ein Inventar ihrer Goldbestände in den USA zu erstellen und die Herausgabe angeblich auf das Jahr 2018 vertagt wurde. Aber auch Grossbritannien will das Gold der Bundesbank behalten. Gemäss «Kopp» 32/13 ist die Begründung dafür noch abenteuerlicher: Dieses Gold sei höchstwahrscheinlich das Gold, das die Deutsche Reichsbank seinerzeit in der damaligen Tschechoslowakei geraubt hätte. Die Deutsche Bundesbank soll der Rechtsnachfolger der Deutschen Reichsbank sein, eine abenteuerliche Begründung!
Dass die Regierung Merkel dies wissen muss, aber von ihren westlichen Alliierten zum Wohlverhalten gezwungen wird, ist das eine, dass sie sich aber vor den deutschen Wahlen im Herbst 2013 ebenfalls im eigenen Interesse still verhalten muss, wenn sie nicht im Skandal die Wiederwahl verpassen will, das andere. Nachdem Deutschland für seine westliche Solidarität bereits so schlecht belohnt wurde, darf die Schweiz auch nichts anderes erwarten. Wieso soll sich Deutschland nicht mit der Schweiz «einigen», die schweizerischen Goldbestände zu teilen? Das wäre dann der Goldkrieg und obige gefährlichste Feindmöglichkeit B.

Europa zwischen Hammer und Amboss – zweite Phase: offener Krieg

Am Ende eines Wirtschaftskrieges, der ohne Sieger endet, steht immer ein offener Krieg. Die gefährlichsten Feindmöglichkeiten C, D und E werden Realität. Russland, China, also Osteurasien einerseits und die USA andererseits, werden diesen Weg gehen, wenn es im Kampf um die Ressourcen Europas und globale militärische Dominanz bereits um Sein oder Nichtsein geht. Wer also als erster sich in Europa bedient, hat eine grössere Chance, den Endsieg zu erringen. In Europa liegen alle Ressourcen, die man sich wünschen kann, ungeschützt in der Landschaft.
Russland ist in seiner ganzen Geschichte stets von Westen her angegriffen worden. Wieso soll sich Russland in diese Richtung besondere Zurückhaltung auferlegen, wenn es um Sein oder Nichtsein geht? China hat während der letzten beiden Jahrhunderte besonders schmerzhafte Lektionen hauptsächlich vom Westen erteilt bekommen. Wieso soll es sich gegenüber dem Westen zurückhalten? Die USA haben seit ihrer Gründung im Jahre 1783 fast ununterbrochen Kriege geführt. Die meisten davon auf fremdem Territorium. Besondere Zurückhaltung haben auch sie sich dabei nie auferlegt, und es fehlt ihnen der Sinn für das grausame Leiden der Zivilbevölkerung, welches sie nie erlebt haben. Also sollten sich die europäischen Nato-Verbündeten nicht allzu sicher fühlen, wenn es um ihr Eingemachtes geht.
Ebensowenig sollten sich die Kleinstaaten in Europa sicher fühlen. Prof. Karl Schmid, späterer ETH-Rektor, Oberst i Gst und strategischer Denker, hat an einem Vortrag an der Delegiertenversammlung der Neuen Helvetischen Gesellschaft am 16. April 1944 in Bern gesagt: «Das letzte Jahrzehnt war dem Gebilde des Kleinstaates nicht gnädig. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Kleinstaaten überfallen und annektiert wurden, warf die Frage der Existenzberechtigung der Schweiz auf. Das Thema war die geistige Fundierung der militärischen Wehranstrengungen.»
Schmid hat diese Überlegungen auch in sein berühmtes Buch «Unbehagen im Kleinstaat» eingebaut. Wieso sollten Aggressoren, die sich auf dem Territorium Europas bekriegen, plötzlich auf neutrale Kleinstaaten Rücksicht nehmen? Sie werden es um so weniger tun, als Europa und insbesondere die abgerüstete Schweiz für sie eine leichte Beute ist, auf deren Kosten man diese grossen politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen überleben kann.

Kriegerische Operationen auf schweizerischem Gebiet

Eine solche Idee zu haben ist das eine, die andere ist, wie sie praktisch in die Wirklichkeit umgesetzt werden soll. Dem Schnelleren offeriert sich mitten im Herzen Europas der Doppelflughafen Kloten/Dübendorf und/oder Buochs/Alpnach und damit die Möglichkeit, ohne grossen Aufwand gut ausgebaute Luftstützpunkte insbesondere mit genügend Kerosin und Schutzbauten einzurichten. Russ­land hat schon während des ersten kalten Krieges darauf geachtet, seine Luftstreitkräfte auf möglichst vielen Basen auseinandergezogen operieren zu lassen. Die USA ihrerseits müssen diese Option vorerst nicht ins Auge fassen, da sie im Rahmen der Nato bereits über genügend ausgerüstete Luftstützpunkte in Westeuropa verfügen. Der Aggressor führt einen solchen Schlag zunächst nur territorial, als auf die entsprechenden Geländekammern begrenzte Operationen durch. Das restliche schweizerische Territorium würde dabei vorerst nicht behelligt. Die betroffenen Kantonsregierungen sollten sich aber bereits jetzt einmal Gedanken machen, wie sie 15 000 bis 20 000 Angehörige einer fremden Macht verpflegen und medizinisch versorgen wollen.
Nicht nur für Kloten/Dübendorf liegen alle geographischen und materiellen Angaben öffentlich zugänglich vor, auch für den militärischen Doppelflughafen Buochs/Alpnach ergeben sich alle Daten mühelos aus Google-Maps. Ein Gegner würde in einer ersten Aktion praktisch unbehelligt einen wirksamen Luft-Nahverteidigungsschirm über diese Geländekammern legen und anschliessend diese Luftstützpunkte für alle möglichen Szenarien missbrauchen.
Sobald jedoch Russland diese Option realisieren will, müssen die USA reagieren, die gefährlichsten Feindmöglichkeiten D und E werden Realität. Dabei werden, wie im Buch «Mut zur Kursänderung» (S. 81/82) dargelegt, nicht Panzerfluten und Jagdbomberschwärme das Bild prägen, sondern sogenannte «chirurgische Präzisionsschläge». Wobei das Wort «Präzision» nicht zum Nennwert genommen werden kann, denn Kollateralschäden werden in Kauf genommen und ebenso wirtschaftliche Langzeitschäden für die Schweiz.
Fünf nicht einmal sehr schwierige Luftschläge genügen, um alle Logistikzentren der Schweiz vorzeitig lahmzulegen, das Gros des Kriegsmateriales samt Unterhaltseinrichtungen zu zerstören und damit jegliche Mobilmachung der schweizerischen Armee zu verunmöglichen. Dazu ist nicht einmal eine vorherige Luftaufklärung nötig, da alle Zieldaten inklusive Luftbilder bereits im Internet vorhanden sind. Dasselbe gilt für die Munition, die früher in mehr als tausend Depots dezentral gelagert war.
Wer Europa dominieren will, braucht die E-Werke und die Hauptachsen. Sein Gegner wird also versuchen, diese für sich einzusetzen oder unbrauchbar zu machen (gefährlichste Feindmöglichkeit C). Derart im Würgegriff beider Konfliktparteien wird Europa, und insbesondere die Schweiz, herausrücken, was gefordert wird und kann nur hoffen, bis zum Ende der Auseinandersetzungen trotzdem noch als Gemeinwesen funktionstüchtig zu bleiben. Dabei bezahlt ein möglicher Angreifer einen kleineren Eintrittspreis als ihn die Schweiz zur Abwehr erbringen muss. Asymmetrien auch hier, aber zu Lasten unseres Landes, das den Eintrittsriegel nicht rechtzeitig schliessen konnte oder wollte. Es ist nicht eine rückwärtsgerichtete Betrachtungsweise, wenn darauf hingewiesen wird, dass uns die zu Zeiten der Armee 61 noch vorhandenen Luftverteidigungs- und insbesondere die bodengestützten Fliegerabwehrmittel nun sehr fehlen, «veraltet» hin oder her.
Die schwere Last der Erinnerung, zwar die Gefahren erkannt zu haben, aber im entscheidenden Moment nichts dagegen getan zu haben, wird noch generationenlang auf den Seelen der Schweizer liegen. Ob unsere Nachfahren dann noch ähnlich selbstsicher in der Völkergemeinschaft auftreten werden, wie wir es heute tun? Die Schweiz war einst ein armes Land, ist dann durch kluge Politik und harte Arbeit reich geworden und könnte am Ende wieder in Armut versinken.    •

*Nicht klassifiziert, da alle Angaben öffentlich zugänglich!

«Fliegende Särge»

Mitte der 30er Jahre standen der schweizerischen Luftwaffe praktisch nur überalterte Flugzeuge zur Verfügung, und der damalige Chef der Kriegstechnischen Abteilung äusserte im November 1937 gegenüber Bundesrat Minger die Auffassung: «Die Forderung des Oberstdivisionärs Bandi auf rasche Aufrüstung auf dem Gebiet der Kriegsflugzeuge und Flabkanonen ist völlig unnötig, denn wir sind absolut davon überzeugt, dass wir heute einem europäischen Krieg ferner als noch vor wenigen Jahren stehen.» (Ernst Wyler, Chronik der Schweizer Militäraviatik, 1990, S. 86/87) Minger liess sich davon nicht beeindrucken, und als im Zusammenhang mit dem internationalen Flugmeeting 1937 in Dübendorf die Möglichkeit bestand, von Deutschland eine Anzahl der damals hochmodernen Messerschmitt-Jagdflugzeuge zu erwerben, förderte er 1938 noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Antrag, 90 davon zu erwerben. Von den Gegnern dieser dringend notwendigen Flugzeugbeschaffung wurden die Messerschmitt-Maschinen als «fliegende Särge» verhöhnt. Als dann die deutsche Luftwaffe im Sommer 1940 bei Flügen nach Südfrankreich den schweizerischen Luftraum verschiedentlich grob verletzte, schossen unsere Piloten mit genau diesen Messerschmitts zum grossen Ärger von Hitler, Göring und Konsorten mindestens 11 deutsche Bomber in gefährlichen Luftkämpfen ab oder zwangen sie zur Landung (Ernst Wetter, Duell der Flieger und Diplomaten, 1987; Karl Riss, Deutsche Luftwaffe über der Schweiz 1939–1945, 1978). Den Ankauf der schwedischen Gripen-Kampfjets mit populistischen Umfragen verhindern zu wollen, erinnert an die Verleumdung der Messerschmitts als «fliegenden Särge», Jagdflugzeuge, die in der Folge Nazi-Deutschland im Gegenteil Einblick in unsere Abwehrbereitschaft ohne Wenn und Aber gaben.

Hans-Georg Bandi, Zeitzeuge, Bern