Schutz wichtiger Kulturgüter im Val Müstair

Interview mit Dr. Dr. hc. Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz

thk. Die geplante Umgehungsstrasse hätte verheerende Auswirkungen auf Natur und Mensch und würde das Problem nur in die umliegenden Dörfer verschieben. Welche Naturschätze sich im Val ­Müstair verbergen und welche Alternativen es zu einer Umfahrung gibt, legt der Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz, Dr. Raimund Rodewald, im nachfolgenden Interview plausibel dar.

Wie beurteilen Sie die Verkehrsproblematik in Sta. Maria und im Val Müstair?

Seit vielen Jahren bin ich immer wieder auch zu verschiedenen Jahreszeiten im Münstertal gewesen, und die Verkehrssituation ist dort nicht so dramatisch, wie das immer dargestellt wird. In der Sommerhauptsaison haben wir an Spitzentagen ein relativ grosses Problem. Das ergibt sich daraus, dass wir ein Dreieck im Strassensystem haben. Das Problem stellt sich dann, wenn von allen drei Seiten Fahrzeuge in den Engpass, der etwa 150 Meter lang ist, drängen und somit ein klassischer Stau entsteht. Aber fairerweise muss man sagen, dass ich das nur an ein paar Wochenenden im Sommer oder auch mal im Winter zur Hauptferienzeit erlebt habe. Sonst ist der Verkehr einigermassen flüssig. Mich stört eigentlich mehr die gesamte Lärmbelastung, die wir im Münstertal haben. Das scheint mir ein viel grösseres Problem als jetzt die Stausituation in Sta. Maria.

Was bedeutet die vom Kanton geplante Umfahrung für Mensch und Umwelt?

Die Umfahrung ist eine südseitige Umfahrung. Das heisst, wir kommen mit der Strassenführung in ein Gebiet hinein, das besiedelt ist. Daher muss die Strassenführung weiter hangaufwärts geführt werden. Das wird ein starker Einschnitt werden, der das Strassendorf Sta. Maria komplett verändert, und wir hätten eine gewaltige Lärmausbreitung, die wir so heute nicht haben. An den oben liegenden Dörfern Fuldera und Valchava werden bedingt durch die Strassenführung Motorräder und andere Fahrzeuge stark beschleunigen müssen, was zu einer verheerenden Lärmausdehnung an den Hängen führen wird. Was neben der Lärmbelastung und der veränderten Siedlungsstruktur hinzukommt, ist der Kulturlandverlust. Das Tal positioniert sich als Biosphäre und hat in der Vergangenheit schon immer sehr viel Wert auf das Kulturland gelegt. In der Melioration in den 70er Jahren hat man versucht, das Kulturland für die Gemeinden zu erhalten und die Strukturen für die Landwirtschaft zu verbessern. Jetzt geht man hin und zerstört nicht nur Boden, sondern zerteilt auch die Kulturlandfläche. Das läuft den Interessen der Landwirtschaft komplett entgegen.

Hat der Kanton diese Dinge alle zuwenig berücksichtigt, oder gibt es einfach keine Alternative?

Der Kanton hat es sich in der Tat sehr einfach gemacht. Sie haben auf den Plan eine Umfahrung eingezeichnet. Vor 16 Jahren, als das auch schon einmal Thema war, hatte man für eine Nordumfahrung plädiert, die in Richtung des Rombachs ging. Das hat natürlich die Naturschützer auf den Plan gerufen, die das für völlig ausgeschlossen hielten. Man hatte den Rombach revitalisiert. Die ufernahen Gebiete wollte man erhalten. Auch diese Lösung war nicht gangbar. Der Kanton hat es sich viel zu einfach gemacht. Man hat eine komfortable Strasse gezeichnet, ohne sich Alternativen zu überlegen.

Was wäre denn eine Alternative, gibt es überhaupt eine andere als eine Fahrt durchs Dorf?

Ich habe der Gemeinde Val Müstair einen Brief geschrieben und mich mehrmals in den Medien dazu geäussert. Auch ein Verkehrsexperte aus unserer Stiftung, der das beurteilen kann, ist ganz klar der Meinung, bevor wir nicht alle Massnahmen geprüft haben, ist eine Umfahrungsstrasse nicht haltbar. Was wir vorgeschlagen haben, ist eine intelligente Signalisation, das heisst, man würde mit Kameras messen, wie viele Fahrzeuge auf den Engpass, der ungefähr 150 Meter lang ist, zufahren. Zu den Spitzenzeiten würde man dann diese intelligente Steuerung in Betrieb nehmen. Das heisst, die Signalisationsanlage würde dann einsetzen, wenn das Verkehraufkommen entsprechend hoch ist.

Gibt es noch andere Möglichkeiten?

Wir brauchen eine Verkehrsberuhigung in diesen Dörfern. Es handelt sich hier um eine Kantonsstrasse, und es gibt bereits einzelne Gerichtsentscheide, die erlauben, auch 30er-Zonen auf Kantonsstrassen, die durch Dörfer führen, einzurichten. Fairerweise muss man auch sagen, dass das ganze Münstertal ein zu grosses Verkehrsaufkommen hat, vor allem den übertriebenen Freizeitverkehr. Das schadet dem Tourismus und dem Nationalpark, dem Erholungsverkehr und den Anwohnern. Deshalb müsste man ein Verkehrskonzept für das ganze Münstertal entwickeln. Man müss­te auch Müstair und hinter der Grenze Taufers mit einbeziehen. Man darf Sta. Maria nicht als isoliertes Problem betrachten.

Wie soll es weitergehen?

Wir haben in unserem Brief an die Gemeinde vorgeschlagen, dass sie zusammen mit der Interessensgemeinschaft vor Ort eine Studie erarbeiten soll. Wir haben Stellen vorgeschlagen, die mithelfen könnten, eine intelligente Signalisationsanlage zu erstellen. Damit könnte man dann eine Alternative aufzeigen. Unsere Stiftung hat bereits gesagt, dass sie einen kleinen Beitrag beisteuern könnte, um ein solche Studie zu erstellen. Es geht darum, dass wir die ganze Diskussion versachlichen können und zu einer sinnvollen gemeinsamen Lösung kommen, die allen dient.

Sie haben vorhin erwähnt, dass es sehr hochwertiges Kulturland im Val Müstair gibt. Was für eine Bedeutung hat das für die Landwirtschaft im Val Müstair?

Sie hat dort einen sehr hohen Stellenwert. Man muss wissen, die Landwirtschaft im Münstertal ist ein Grund, warum man das Gebiet als Biosphäre anerkannt hat. Der Grund ist auch, dass das eines der schönsten Täler der ganzen Schweiz ist. Wenn man die Landwirtschaft im Talboden noch weiter bedrängt, dann wird man auch in der Höhe, im Val Mora, die Bewirtschaftung an den Hängen gefährden. Die Grundlage für die Tierhaltung, das heisst der Futteranbau, bildet der Talboden. Die geplante Umfahrungsstrasse ist nicht nur ein quantitativer Verlust an Kulturland, sondern eine Zäsur, die die Landwirtschaft im grössten Masse stört. Die Bewässerungsanlagen, die man mit teuren Subventionen vom Bund gebaut hat, die wären im Raum Sta. Maria völlig nutzlos, denn die gesamten Verhältnisse, die wir seit den 70er Jahren realisiert haben, stimmten dann nicht mehr. Was man damals gemacht hat, war nicht immer zugunsten der Natur und Landschaft, aber man erweist mit dieser Planung der Landwirtschaft einen Bärendienst.

Sie haben jetzt als Besonderes die Bewässerungsanlagen angesprochen. Was hat man damals für teures Geld eingerichtet? Hat man die alten Anlagen, die es im Engadin wie im Wallis gibt, restauriert, oder wurden ganz neue Systeme eingerichtet?

Man hat in den 70er Jahren im Val Müs­tair mit sehr viel Herzblut und mit sehr viel Subventionen zusammen mit Partnergemeinden ausserhalb des Tals mit der Melioration begonnen und Flächen zusammengelegt. Dabei hat man sehr stark auf Futteranbau und Milchwirtschaft gesetzt. Infolgedessen wurden Käsereien gebaut und das Strassennetz vergrössert. Milchleitungen wurden auf die einzelnen Alpen verlegt. Mit den damaligen Projekten wird man der Landwirtschaft von heute nicht wirklich gerecht. Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass man zu radikal vorgegangen ist und einen Verlust an biologischer Vielfalt in Kauf genommen hat. Die ehemaligen Getreidefelder auf den Schuttkegeln im Val Müstair sind natürlich verschwunden, natürlich hat sich auch die Milchwirtschaft verändert. Die Bauern haben auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Die damals aufgebauten Strukturen für die Milchwirtschaft rentieren heute nicht mehr. Es gibt wieder einzelne Bauern, die Richtung Getreidebau gehen wollen. Dafür stimmt das Bewässerungssystem nun nicht mehr.
Was man damals auch noch zerstört hat, sind die traditionellen Auals, die Wasser­kanäle, wie man sie auch in Südtirol, im Vinschgau, kennt. Seit einigen Jahren haben wir begonnen, zusammen mit der Bevölkerung das Bewusstsein für die alten Wasserkanäle zu fördern. Wir haben zusammen mit der Bio­sfera ein Inventar erstellt, das finanziell von unserer Stiftung sowie weiteren Partnerorganisationen unterstützt wurde. An den Hängen haben wir dabei eine relativ grosse Vielfalt gefunden: alte Wassergräben und Holzkanäle und dazu sehr viele Geschichten, die in diesem Zusammenhang stehen.

Wie hat die Bevölkerung das aufgenommen?

Sie hat mit grosser Begeisterung auf das Wiederfinden dieser Tradition reagiert.

Was für eine Funktion haben diese Auals, und gibt es deren noch viele?

Wir konnten in der Zwischenzeit fünf Wasserkanäle, also Auals, reaktivieren, was natürlich zum einen touristische Gründe hat, aber auch zur Entwässerung der Rutschhänge im Val Müstair wichtig ist. Durch diese Auals wurde natürlich die Bewässerung in dem trockenen alpinen Gebiet gefördert und unterstützt. Aber diese Auals haben auch eine Entwässerungsfunktion. Da sind wir seit Jahren daran, und auch der Tourismus hat erkannt, dass das ein wichtiges Kulturgut ist.

Wie weit reichen diese Anlagen historisch zurück?

Die Quellen, die wir gefunden haben, die sogenannten «Rodel», schriftlich festgehaltene Wasserrechte, wie sie im Wallis, im Vinschgau oder in anderen Gebieten im Alpenraum bestehen, gehen zum Teil bis ins 17. Jahrhundert zurück. In Val Müstair haben wir sie bis zurück ins 19. Jahrhundert gefunden. Älteste Quellen findet man im bischöflichen Archiv in Chur. Im Vinschgau, wissen wir, ging es bis ins 12./13. Jahrhundert zurück. Wir können also davon ausgehen, dass das Bewässerungssystem so alt ist wie die dauerhafte Besiedlung im Tal. Es ist also sicher mittelalterlichen Ursprungs.

Welche Funktionsweise haben diese Be- oder Entwässerungskanäle? Wird hier Oberflächenwasser abgenommen, sind sie im Boden verlegt, wie muss sich das ein Laie vorstellen?

Im Gegensatz zum Wallis, wo die Kanäle das Wasser direkt vom Gletscher fassen, haben wir im Val Müstair eine andere Situation. Wir haben dort kein vergletschertes Einzugsgebiet, sondern Schnee-Einzugsgebiete. Der Boden ist sehr wasserhaltig, und von den vertikalen Gräben, die Wasser führen, hat man die Wasserkanäle zum Teil auf über 2000 Meter Höhe über die Trockenhänge zu den einzelnen Höfen geführt. Der Ackerbau ging im Val Müstair bis auf 1800 Meter hoch, also sehr weit. Man hat vor allem aber die Wiesen berieselt, weniger das Ackerland. Man hat das Wasser von diesen vertikalen Gräben parallel zum Hang transportiert. Das ging zum Teil über mehrere 100 Meter, vereinzelt auch über Kilometer bis zu den Kulturflächen der Gehöfte, die entweder im Tal oder an den Hängen lagen. Das war lebensnotwendig. Man hat dann nachher die Kanäle in die Seitengräben abgezweigt. Die privaten Wiesenbesitzer haben diese mit entsprechenden Wasserplatten und Wasserschaufeln vom Hauptkanal abgezweigt und in Zickzack­linien über die Wiesen geleitet.

Wie waren die Besitzverhältnisse, wie war das geregelt?

Für den Gesamtwasserkanal war die Gemeinde zuständig. Für die Zuleitung, also den Wassertransport ist immer eine Gemeinschaft zuständig gewesen, entweder die Dorfgemeinschaft im alten Sinn oder eine Korporation, ein Zusammenschluss von Eigentümern im Sinne einer Genossenschaft. Es ist ein sehr schönes Modell von gemeinschaftlichem Zusammenarbeiten, von gemeinschaftlicher Abhängigkeit. Niemand hatte einfach so viel Wasser verbrauchen dürfen, wie er wollte, sondern man musste sich gewissen Regeln unterstellen, die jedem zwar das Wasser zugesprochen haben, aber nicht jeder konnte eine maximale Rendite erzielen. Das ist eigentlich ein Idealprinzip der Ökonomie, das letztlich mit dem Nobelpreis für Elinor Ostrom 2009, die genau diese genossenschaftlichen Wasserwerke, aber nicht im Val Müstair, sondern im Wallis untersucht hatte, bestätigt worden ist. Aber im Val ­Müstair hat das sehr ähnlich funktioniert.
Es ist auffallend, das sich die Organisa­tionsform der Genossenschaft hier entwickelt und bis heute als sinnvolle Form erhalten hat.

Können bei diesen Restaurationen Jugendliche mithelfen und dabei vieles über die Bedeutung der Bewässerungen und die Geschichte lernen?

Ja, sicher. Im Gegensatz zu den Beregnungsanlagen wurden die Wasserkanäle immer offen geführt und in den 50er Jahren in Röhren verlegt. Damit waren sie aus dem Auge und aus dem Sinn. Man hat sie schlicht vergessen. Die Bauern haben deshalb begonnen, Beregnungsanlagen an den Hängen aufzustellen. Unser Ziel ist, diese alten Kanäle wieder an die Oberfläche zu bringen. Man muss aber die Versickerung des Wassers in den Griff bekommen. Die Versickerung ist einerseits gut für den Bergwald, da das Wasser zu den Wurzeln fliesst. Auf der anderen Seite ist der Verlust sehr gross. Man muss dann Lärchen- oder auch Arvenrinnen, also ausgehöhlte Stämme, in den Boden legen. Das ist sehr aufwendig. Wir haben dafür ein Bergwaldprojekt im Val Müstair. Das sind Freiwilligeneinsätze mit Jugendlichen unter der Leitung des Forstdienstes, die Jahr für Jahr diese Kanäle wieder instand setzen. Jedes Jahr muss man diese im Frühling «anschlagen». Das heisst, das Wasser vom Hauptbach in die Kanäle führen und im Herbst wieder abtrennen, damit es im Winter keine Schäden gibt. Man muss das Laub und die Erde, die in die Kanäle fallen, wieder herausschaufeln. Das ist jährlich ein grosser Aufwand. Ganz positiv ist, dass das mit Freiwilligen gemacht werden kann. Wir arbeiten im wesentlichen nur mit Freiwilligen aus der ganzen Schweiz, vor allem mit Jugendlichen, um diese Kanäle wieder in Schwung zu bringen.

Wenn man als Lehrer so einen Einsatz mit seiner Klasse planen möchte, wohin wendet man sich dann sinnvollerweise?

Man kann sich direkt beim Bergwaldprojekt melden. Es gibt auch eine Bildungswerkstatt Bergwald. Das ist eine zweite Organisation, die auch mit Erwachsenen arbeitet. Man kann sich beim Bergwaldprojekt melden und sagen, dass man gerne als Schule oder Klasse einen Einsatz machen möchte. Man kann sich aber auch direkt bei der Biosfera Val ­Müstair melden.

Herr Dr. Rodewald, herzlichen Dank für das Gespräch.     •

Sinnvolle gemeinnützige Arbeit für Jugendliche

Seit Menschengedenken sind wir abhängig vom Bergwald als Schutzwald. Er schützt uns vor Lawinen, Steinschlag, Erosion und Hochwasser. Gleichzeitig dient er als Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten, als Erholungsraum und Holzlieferant.

Bergwaldprojekt

Das Bergwaldprojekt, gegründet 1987, ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Trin, Kt. Graubünden.

Stiftungszweck

Die Stiftung Bergwaldprojekt hat den Zweck, die Erhaltung, Pflege und den Schutz des Waldes und der Kulturlandschaft im Berggebiet zu fördern, insbesondere durch Pflege- und Sanierungsarbeiten in Arbeitseinsätzen und durch die Förderung des Verständnisses der Öffentlichkeit für die Belange des Waldes.
Seit Beginn haben über 34 000 Freiwillige durch das Bergwaldprojekt in den Bergwäldern der Schweiz, Deutschlands, Österreichs, Kataloniens, der Ukraine und des Fürstentums Liechtenstein gearbeitet. Die Stiftung ist politisch und konfessionell neutral.

Idee und Ziel

Forstliche Laien gehen in den Bergwald und leisten freiwillige Arbeitseinsätze. Vor Ort erfahren sie mit Fachleuten Gegebenheiten und Zusammenhänge des faszinierenden Ökosystems Bergwald. Durch den Arbeitseinsatz erleben die Freiwilligen den Bergwald hautnah und leisten einen aktiven Beitrag zur Erhaltung der vielfältigen Schutzwirkungen des Bergwaldes. Dies fördert die persönliche und ökologische Bewusstseinsbildung.

Finanzierung

Die Arbeit der Stiftung Bergwaldprojekt wird durch Spenden, Legate, Beiträge von Partnerorganisationen und Waldbesitzern ermöglicht.

Quelle: https://www.bergwaldprojekt.ch