Der Jugend eine Perspektive bieten – ein wichtiger Beitrag zur politischen Stabilität

thk. Leben in fragilen Kontexten war Hauptthema an der Deza-Jahrestagung in Lugano. Da besonders junge Menschen unter staatlicher Fragilität leiden, ist dies auch ein Themenbereich, der unbedingt im Geschichts- oder Staatskundeunterricht Eingang finden sollte. Die September-Ausgabe 3/2013 des Deza-Magazins «Eine Welt» widmet sich denn auch vor allem dem Thema «Fragilität – Leben in Gewalt, Angst und Armut».
Am Beispiel von Honduras wird aufgezeigt, was das Leben in einem fragilen Kontext bedeutet. Honduras, das selbst keinen Bürgerkrieg erlebt hat, wurde aber durch die Bürgerkriege in El Salvador, Guatemala und Nicaragua schwer in Mitleidenschaft gezogen, ohne wie die übrigen Staaten internationale Hilfe zu erhalten. Seit mehr als zwei Jahrzehnten hat sich die Sicherheitslage ständig verschlechtert. Schiessereien auf offener Strasse sind an der Tagesordnung, und die Bevölkerung muss irgendwie darin überleben. Hauptproblem ist die Bandenkriminalität, besonders unter frustrierten und arbeitslosen Jugendlichen. Die Mordrate ist in keinem Land so hoch wie in Honduras, so kamen 2004 bereits 34 Morde auf 100 000 Einwohner, hatte sich die Zahl 2012 bereits mehr als verdoppelt, und zwar auf 85,5 Morde pro Jahr. Insgesamt fielen im Jahr 2012 7172 Menschen einem Gewaltdelikt zum Opfer.
Während sich in den letzten dreissig Jahren die Bevölkerungszahl verdoppelte, stagnierte die Wirtschaft völlig. Die grosse Armut und Perspektivlosigkeit der Menschen macht es Drogenhändlern und kriminellen Bandenchefs einfach, leichtes Spiel haben sie aber auch, weil der Justizapparat und die Polizei von Korruption und Kriminalität geschwächt sind. In weiten Teilen des Landes gibt es keinen Rechtsschutz, und die Menschen sind auf sich alleine gestellt. Die Regierung versucht, hier etwas mehr Ordnung hineinzubringen, hat aber bis jetzt nur wenig Erfolg. Die Abwesenheit eines funktionierenden Staatswesens und eine völlig überforderte Polizei machen Honduras zum Eldorado der Drogenmafia. Experten sehen darin die Hauptursache für die eskalierende Gewalt. Für Jugendliche gibt es in diesem Land zurzeit kaum Zukunftsperspektiven, und wer jugendlich ist, dem begeg­net man auf Grund der hohen Jugendkriminalität grundsätzlich mit Misstrauen. Somit ist es für junge Erwachsene schwer, einen geeigneten Job zu finden.

Aufbau staatlicher Strukturen

Seit 1977 ist die Deza in Honduras engagiert. Auf den Verlust staatlicher Autorität reagiert sie mit einer speziell auf diese Situation zugeschnittenen Strategie und fokussiert sich auf Themen wie Menschenrechte, Justiz und ­Polizei. Die Schweiz beteiligt sich mit eigenen Mitteln an einer Polizeireform, die unter der Führung der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) gemeinsam mit den honduranischen Behörden durchgeführt wird.
Das Engagement der Schweiz bewegt sich auf verschiedenen Ebenen. Um das Land sicherer zu machen, braucht es eine gut ausgebildete und ausgerüstete sowie eine in der Bevölkerung positiv verankerte Polizei. Aber gleichzeitig braucht es auch eine Perspektive für die Menschen, vor allem für die Jugendlichen. Spezielle Ausbildungsprojekte sollen Menschen eine Chance bieten. In zahlreichen Städten werden mit Unterstützung der Schweiz Kurse für Jugendliche, die aus prekären Verhältnissen stammen, angeboten. Sie können Schweissen lernen, sich zur Coiffeuse, zum Elektriker oder zum Bäcker ausbilden lassen und kommen so in die Lage, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Ein wichtiger Beitrag zur Stabilität der Gesellschaft.

Gemeindeentwicklung, ein Beitrag zur Versöhnung

Fragilität muss nicht ein ganzes Land, sondern kann auch einzelne Regionen eines Staates betreffen. Das wird am Beispiel Myanmars deutlich. Das Land hat seit der sogenannten Öffnung einen regelrechten Wirtschaftsboom erlebt, der sich vor allem in den grossen städtischen Zentren vollzogen hat. Hier blüht der Handel, täglich sieht man mehr Autos in den Städten, mehr Touristen und mehr Geschäftsleute. An der Peripherie oder auf dem Land ist die Lage jedoch ganz anders. Die Schattenseiten des auch von aussen forcierten Wirtschaftsaufschwungs sind unverkennbar. Dort, wo keine Geschäfte gemacht werden können, bleibt die Entwicklung aus. So ist die Armut in den Arbeitersiedlungen am Rande von Yangon besonders sichtbar.
Das Land ist zusätzlich von ethnischen oder religiös motivierten Spannungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen belastet, die sich letztes Jahr zwischen der budd­histischen Mehrheit und der muslimischen Minderheit, den Rohingya, entzündet hatten. Auch dieses Jahr waren immer wieder Übergriffe vor allem auf die muslimische Minderheit zu beobachten. Im Juni 2012 entschied die Schweiz, dort eine Botschaft zu eröffnen, doch bereits seit dem verheerenden Zyklon Nagris im Jahre 2008 ist das Land mit der Humanitären Hilfe vor Ort. Der Schwerpunkt des Wiederaufbaus liegt auf der Errichtung neuer Schulhäuser. Hier entsteht Vertrauen in die Schweiz, was ihr die Möglichkeit bietet, im Sinne der Gemeindeentwicklung verfeindete oder zerstrittene Parteien für das gemeinsame Projekt an einen Tisch zu holen und somit zur Versöhnung der Menschen beizutragen.

Strassenprojekt in Burkina Faso – Sicherheit für Bauern und Händler

Ein begeisterndes Beispiel der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit bietet das Strassenbauprojekt in Burkina Faso. Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und hat immer wieder Konflikte im Gebiet der Sahelzone. Die Schweiz leistet seit 1976 Hilfe in diesem Land. Einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leistet der Aufbau einer Infrastruktur. Hier verfolgt die Schweiz ein besonderes Projekt der sogenannten Himo-Methode (Haute Intensité de Main-d’oevre). Diese verlangt, so viel wie möglich einheimische Arbeitskräfte einzusetzen. Beim Strassenbau sieht man daher keine Maschinen, sondern nur Pickel, Schaufeln und unzählige Hände, die einen sinnvollen Beitrag leisten. Als Baumaterialien werden Steine aus der Region verwendet, die ausgegraben und herbeigeschafft werden müssen. Die neu angelegten Strassen entsprechen den Bedürfnissen der Bevölkerung, die ganzjährig befahr- oder begehbar sind. Problematisch ist es immer in der Regenzeit, wenn die Naturstrassen aufgeweicht und dadurch unpassierbar werden. Um Handel über das ganze Land betreiben zu können, braucht es ausgebaute Verkehrswege.
Die Arbeit ist hart und verlangt viel Ausdauer und grossen Einsatz von der Bevölkerung. Um die Politik der Dezentralisierung zu fördern, werden die Strassenprojekte mit den Gemeinden geplant und durchgeführt, denn sie müssen später für den Unterhalt sorgen und sich so das nötige Know how aneignen. Bis heute wurden mit dieser Methode bereits 300  km Strasse mit 126 Brücken zur Überquerung von Wasserläufen finanziert, dadurch können rund 50 Dörfer mit einer Einwohnerzahl von nahezu 500  000 Einwohnern miteinander verbunden werden. Das gibt Sicherheit auch für Händler und Bauern, die nun ihre Produkte problemlos zu den Märkten bringen können.
Die einzelnen Länderbeispiele, die hier kurz skizziert wurden, vermitteln dem Leser nicht nur anschaulich, was es heisst, in fragilen Kontexten zu arbeiten, sie eignen sich auch sehr, um junge Menschen zu sensibilisieren und an diese Problematik heranzuführen.    •

thk. Die Einschätzung von Botschafter Dahinden, dass die Schweiz «keine versteckte Agenda besitzt und keine Machtpolitik betreibt», ist die entscheidende Grundlage für die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Die Schweiz als neutraler Staat kann Hilfe leisten, wo andere Länder keinen Zugang mehr zu den betroffenen Staaten und damit zur notleidenden Bevölkerung finden. Das ist ein Juwel, das wir nie preisgeben dürfen. Wenn aber die Aussenpolitik des Vor­stehers des Departements für Auswärtiges Didier Burkhalter weiterhin auf eine Anbiederung an die EU und die Nato hinausläuft, wie in letzter Zeit vermehrt zu beobachten ist, dann verlieren wir zum einen in unserem Land selbst Grundsätzliches, aber auch im internationalen Wirken, bis hin zu einer segensreichen Vermittlungsarbeit in Konfliktfällen. Das darf nicht geschehen.