Mit liebevollem Blick auf die Menschen, die Natur und die landschaftlichen Schönheiten der Schweiz

Zum Leben und Werk des bedeutenden Schweizer Malers Richard Wannenmacher, anlässlich der Gedenkausstellung in der Galerie Tannzapfenland TG

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen TG

Der Besuch der wunderschönen Galerie Tannzapfenland in Eschlikon im Hinterthurgau und der sehenswerten permanenten Kunstausstellung ist eine grosse Freude. Der Besucher fühlt sich in der gastfreundlichen Atmosphäre willkommen. Hier wirkte der Künstler Richard Wannenmacher (1923–1995) bis zu seinem Tod. Er wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. In der Galerie ist eine permanente Ausstellung mit dem nachgelassenen Werk, die seine Frau, Sohn Martin Wannenmacher und die Familie betreuen. Auch Frau Wannenmacher hat künstlerisches Talent, sie fertigte einfache Spielsachen für ihre drei Kinder, kunsthandwerkliche Objekte für den jährlichen Missionsbazar und modellierte selber Skulpturen, stilisierte menschliche Figuren in alltäglichen Situationen.
Werke von Richard Wannenmacher finden sich in einigen Kunstsammlungen und in Wohnungen von vielen Kunstfreunden. In seinen Werken kommt eine tiefe Verbundenheit und Liebe zur Natur und Landschaft zum Ausdruck. In seinen vielfältigen Landschaftsbildern und Ausschnitten gelingt es dem Maler immer, den Beschauer atmosphärisch in die räumliche Tiefe und Weite der Dorf- und Naturmotive zu führen. In einem genauen und zugleich freien, malerischen Realismus hält er die Vegetation, die Licht-und Farbstimmung der Jahreszeiten fest. Man spürt, dass hier ein Künstler am Werk ist, der die Schönheiten der Natur und ländlichen Landschaft von Kind an lieben lernte.

Ein Besuch bei Familie Wannenmacher

Wir sitzen gemütlich bei Kaffee und Kuchen mit Sohn Martin, seiner Frau und Frau Wannenmacher zusammen. Sie erzählt, dass ihr Mann als Kind schon viel gezeichnet habe: «Mein Mann war als Kind viel krank, er ­musste zur Kur weg und lag viel im Bett. Dort zeichnete er viel. Der Arzt und sein Zimmergenosse, ein Grafiker, erkannten sein Talent und förderten ihn. Er zeichnete viel ab von Bildern. Das wurde wichtig und heilsam für ihn. So war er immer. Als wir später weggingen, auf unsere Reisen, da begann er schon auf dem Bahnhof oder am Flughafen sofort zu zeichnen. Das, was er sah und was ihn interessierte. Es wurde seine Leidenschaft.»
Autodidaktische Studien und die Freundschaft zum Kunstmaler Hermann Peter bereicherten sein weiteres gestalterisches und malerisches Können.

«Unsere Heimat beim Durchwandern – mit einer höheren, gereinigten Wirklichkeit – zu sehen»

In den Galerieräumen mit den vielen Bildern, aber auch im ausgezeichneten Kunstband «Querschnitt durch meine Malerei» (1996), vom Künstler noch selbst gestaltet und kommentiert, werden sein Werdegang und sein Werk gut sichtbar. Im Vorwort lesen wir: «Es gehört zum Schaffen Wannenmachers, dass die Reize seiner Bilder nicht eigentlich auf der offenkundigen Schönheit der dargestellten Landschaft beruhen, sondern auf der Art, wie er aus sozusagen unscheinbaren Ausschnitten aus der Landschaft oder einem Dorfbild besondere Schönheit abgewinnt. Die Bilder wirken damit nur um so ehrlicher und überzeugender. Was an allen Bildern immer wieder verblüfft, ist die handwerkliche Sicherheit; da erscheint jeder Pinselstrich wie naturnotwendig gesetzt. Das Mass zwischen Vereinfachung und Genauigkeit ist immer richtig getroffen. Die Landschaft, die Häuser, die Dorfbilder sind richtig und sind doch zugleich wieder in eine höhere Wirklichkeit gehoben. Die Bilder Wannenmachers könnten uns geradezu auch Anleitung geben, selber unsere Heimat beim Durchwandern – mit den Augen dieser höheren, gereinigten Wirklichkeit – zu sehen.» Seine grossen kunsthandwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten manifestieren sich auch an seinen selbst entwickelten farbigen und reliefartigen «Zementbildern», die er in den 70er Jahren auch im Helmhaus in Zürich ausstellen konnte. Diese Werke bilden einen Schwerpunkt in der gegenwärtigen Ausstellung. Ein kurzer und sehr informativer Dokumentarfilm von Martin Wannenmacher zeigt den Künstler an der Arbeit.

Bilder zeigen auch den Wandel im landwirtschaftlichen Raum

Die Bilder dokumentieren auch die grossen Veränderungen in der Landwirtschaft. Viel Land wurde zu Bauland und führte, neben dem Verlust an Agrarland zu Familienzuzug oder zu neuen Betrieben in den Gemeinden. Zahlreiche Bilder von Richard Wannenmacher zeigen noch, «wie es früher war». Frau Hanny Wannenmacher erzählt, wie sie kürzlich «beim Verteilen der Einladungen zur Ausstellung sich kaum mehr zurechtfand, so schnell hätten sich einzelne Dorfteile in Eschlikon verändert». Die Landwirtschaft war früher zentral. Nur dank ihrer sind die noch vorhandenen zauberhaften Landschaften in unserem Land so liebevoll gehegt und gepflegt. Diese Arbeit wird oft zu wenig gewürdigt. Die Bilder regen so zum Nachdenken an. Täglich werden in unserem Land traditionsreiche Bauernbetriebe aufgegeben. Die Bedingungen in diesem schönen und anforderungsreichen Beruf sind so schwer geworden, dass da und dort kaum mehr eine Zukunft für die Existenz einer Familie besteht. Dabei wird die notwendige Nahrungsmittelsicherheit in der Schweiz, in den europäischen Ländern und auch weltweit sehr prekär werden. Zusammen mit den Folgen der irrsinnigen Kriege und der Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern wird der soziale Friede gefährdet. Hier müssen dringend Lösungen gefunden werden, die Jugend hat das Recht auf sinnvolle Arbeit und Ausbildung, um die Ernährungssicherheit und Landwirtschaft zu stärken und jungen Familien Initiativen und Eigenständigkeit zu ermöglichen. Erfreulich ist, dass die landwirtschaftlichen Ausbildungsschulen in der Schweiz von jungen, initiativen Leuten gut besetzt sind. Eine Gegenbewegung baut sich auf. Der viel beachtete Weltagrarbericht von 2008 zeigt Lösungswege auf, die beherzigt werden sollten: «Kleinbäuerliche Strukturen sind die besten Garanten lokaler Ernährungssicherheit, nationaler und regionaler Ernährungssouveränität.»

Mit Lebensmut, Werthaltungen und Einsatz trotz schweren Zeiten gewachsen und Grosses geschaffen

Geboren und aufgewachsen ist Richard Wannenmacher in Wettingen. Der Vater war ein tüchtiger Bauer und Fabrikarbeiter und konnte sich ein kleines Wohnhaus, mit Stall und Scheune am Fusse der Lägern im Kanton Aargau bauen. Dort verbrachte er seine ersten fünfzehn Jahre. Im Katalog lesen wir: «Meine Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft mit einer Kuh, einem Schwein, Ziegen und Kaninchen. Mein Vater ist als Pflegekind bei einer Bauernfamilie aufgewachsen, er wollte immer Bauer werden. 1938 tauschten meine Eltern das zwei Jucharten kleine Heimwesen gegen einen Bauernhof in der Schönau bei Kirchberg. Dort im Toggenburg, ganz nahe beim Hinterthurgau, fing ich an zu malen.» In einem interessanten Gespräch mit Frau Wannenmacher, Sohn Martin und dessen Frau werden viele Einzelheiten und Hintergründe seines beeindruckenden Werdegangs und seiner Bilder lebendig. Dabei spürt man die zutiefst christliche Lebenshaltung, die Liebe zu unserem Land und das Mitleben mit den Freuden und Leiden in der Welt. Frau Wannenmacher schildert: «Als 1939 der Krieg ausbrach, hatten die Eltern ein kleines Bauerngewerbe gekauft und Richard kam gerade aus der Schule. Der Vater musste dann in den Militärdienst, und Richard musste mit den Geschwistern und der Mutter den Bauernhof führen. Er hätte gerne eine Gärtnerlehre gemacht, was durch den Krieg verunmöglicht wurde. Er musste dann auch bis 1947 in den Militärdienst, und daneben war er auf dem elterlichen Hof tätig. Das Ganze war eine Katastrophe.» Solche Schilderungen sind ein grosser Gewinn für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, wenn sie ihren Eltern und Grosseltern mehr zuhören und wissen wollen, was sie erlebt haben.

Zur Bedeutung der Selbsthilfe, der Genossenschaften und der «WIR-Geldwirtschaft»

In der Weltwirtschaftskrise der 20er und 30er Jahre und zur Zeit des Zweiten Weltkrieges entstanden auch viele wertvolle und aktuelle Selbsthilfeorganisationen und Genossenschaften. So auch die erfolgreiche Wirtschaftsring-Genossenschaft mit dem WIR-Geld, die 1934 in der Schweiz gegründet wurde und in Dänemark ihr Vorbild hatte. Weltweit erleben diese alternativen und sozialen Formen des Wirtschaftens, gerade bei der jungen Generation eine Blütezeit. Sie lehnen die heutige unsoziale Finanzmacht-Herrschaft entschieden ab. Das WIR-Geld hat Berührungspunkte mit der Freigeld-Theorie von Silvio Gesell. Die Familie Wannenmacher ist bis heute dankbar für diese soziale Form des Geldwesens, bei der das Geld als Gutschein und ehrliches Tauschmittel im Umlauf ist und nicht gehortet wird und in Börsenspekulationen die Wirtschaft ruiniert. Die «WIR-Bank» ist bis heute eine erfolgreiche Mittelstandsbank mit verschiedenen Filialen in der Schweiz. Frau Wannenmacher und Sohn Martin berichten: «Das ist ein Segen für viele Menschen. Unser Vater hat dank der WIR-Bank dieses Haus bauen können. Er hat die Pläne selbst gezeichnet und vieles auch selbst gebaut. Er bekam ganz günstige Bedingungen von der WIR-Bank, und wir konnten es amortisieren. Das Geld soll nicht gehortet werden, das ist das wichtigste am WIR-System. Man nimmt es gerne ein, und man gibt es gerne wieder aus. Es trägt keinen Zins. Das WIR-Geld muss im Umlauf bleiben. Das hat uns das Leben sehr erleichtert. Wir haben viele Bilder verkauft, weil wir ‹WIR› annahmen und es auch heute gerne tun.» Wir sprechen auch über die würdige Lebensform des Genossenschaftswesens und darüber, dass die Jugend mehr darüber erfahren sollte. Warum berichten unsere, immer mehr gleichgeschalteten Medien kaum darüber, obwohl es ihr Auftrag ist? Hier hat unsere Gesellschaft eine ganz aktuelle Aufgabe: Die Finanzhoheit an die Demokratien und Bevölkerung zurückzugewinnen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass 1940 die «Thurgauer Künstlergruppe» und viele andere Vereinigungen gegründet wurden. Richard Wannenmacher war auch Mitglied. Das Anliegen war die gegenseitige Hilfe und Bilder allen zugänglich zu machen. Und dies zu vernünftigen Preisen. Er war mit anderen Malern wie Adolf Dietrich und Carl Roesch im Kontakt. Man musste einen «Götti» haben, um in die Vereinigung aufgenommen zu werden. Die Mitglieder haben sich ja auch stark für den Aufbau des Kunstmuseums des Kantons Thurgau in der Kartause Ittingen eingesetzt. Leider haben sich die Kunstvereine heute immer mehr zentralisiert, «professionalisiert» und kommerzialisiert. Damit haben sie sich vom eigentlichen Auftrag und Bezug zur breiten Öffentlichkeit da und dort immer mehr entfernt.

Sich treu geblieben – eine ethische, verständliche und verbindende Kunst

So ist besonders beeindruckend am Lebenswerk von Richard Wannenmacher, dass er sich selber und seiner Ethik immer treu geblieben ist und an der figürlichen und realistischen Bildsprache festgehalten hat. Er war mit den Menschen und der Umwelt verbunden und wollte verstanden werden. Der Realismus in allen seinen Formen ist eine allgemeinverständliche und demokratische Ausdrucksform, im Gegensatz zur abstrakten Kunst. Die figürlichen Maler wollten von der Bevölkerung mit ihren Bildern verstanden werden. Deshalb war auch die abstrakte Kunst für Richard Wannenmacher nie ein Thema. In der Nachkriegszeit wurde sie (und auch die atonale Musik und Lyrik) von Kreisen aus Amerika als «grosse Freiheit» und als Kennzeichen eines «modernen Menschen» stark in Europa propagiert und gefördert. Viele Künstler, die diesem Diktat nicht folgten, bekamen auch wirtschaftliche Schwierigkeiten und wurden kaum mehr ausgestellt. Dass mit dieser Modernität auch europäische und humanistische Werthaltungen aufgelöst werden sollten, war den meisten nicht bewusst. So kann die jüngere Generation auch durch die Kunst aus den Fehlern der Geschichte lernen und zu einem gleichwertigen, friedlichen Zusammenleben für das Gemeinwohl beitragen. Das Werk und die Ethik von Richard Wannenmacher können hier ein Vorbild sein.     •

Die Galerie mit der permanenten Ausstellung kann nach Absprache unter Tel. 071-971 19 15 oder 071-971 35 30 oder unter www.rwannenmacher.ch besucht werden. Die Bilder sind verkäuflich. Das Katalogbuch kann auch dort gekauft werden.

                                                                   Auf dem Sitzberg, 1973. (Bild aus dem Katalog)