Rückständige Armee macht Staat verletzlich

Was die heutige «Schön-Wetter-Generation» von China lernen kann

von Gotthard Frick, Beijing

Die Zitate aus einem Artikel der englischsprachigen kommunistischen Zeitung «China Daily» vom 8.10.2013 wurden vom Verfasser übersetzt. Autor des Artikels «Chinese Dream includes strong PLA» [PLA = Volksbefreiungsarmee, der Verf.]  ist Meng Xiangqing, Stellvertretender Direktor des Institutes für strategische Studien der Nationalen Verteidigungsuniversität Chinas.

«Der zentrale Teil des chinesischen Traums ist die Erneuerung der chinesischen Nation, aber eine Nation kann nicht ohne eine starke Armee erneuert werden. Eine rückständige Armee macht ein Land verletzlich. Das ist eine Lektion, die China auf schmerzliche Weise über Jahrhunderte der Erniedrigung durch imperialistische Mächte gelernt hat […]»
«[…] noch nie zuvor waren die chinesischen Menschen so zuversichtlich, eine starke Nation und eine starke Armee aufzubauen».
«Wie Präsident Xi Jinping gesagt hat, ist es unter neuen Verhältnissen eine wichtige Aufgabe, eine starke Armee aufzubauen, die ‹absolut loyal› zur Kommunistischen Partei Chinas steht, eine strikte Disziplin aufrechterhält und in irgendeinem Krieg den Sieg sicherstellen kann.»
Im Artikel wird anerkannt, dass die gegenwärtig herrschenden, relativ stabilen strategischen Verhältnisse für China strategisch günstig sind, aber das dürfe nicht zum Nachteil führen, die verschiedenen Bedrohungen nicht mehr zu sehen, darunter an erster Stelle den «dauernden Druck der westlichen Welt». Damit sind wohl in erster Linie die USA gemeint, unterstützt durch die Nato.
Das erklärt, warum heute das chinesische Verteidigungsbudget kaufkraftmässig das der USA bereits übersteigt. Noch nie hat der Verfasser in all den Jahren einen Chinesen getroffen – ob für oder gegen das Regime –, der dem Aufbau einer starken Armee nicht zustimmt. Die Wunden aus der Zeit von 1800 bis 1949, als das Land von allen grossen europäischen Mächten, Japan und den USA immer wieder kolonialisiert, besetzt, aufgeteilt und die Menschen gedemütigt wurden, sind viel zu tief. (An den Firmensitzen der grossen westlichen Konzerne in Shanghai stand: «Zutritt für Hunde und Chinesen verboten.») Kein Chinese will zulassen, dass sich so etwas je wiederholt.
Offensichtlich denkt China in langen geschichtlichen Zeiträumen, bezieht die schon länger zurückliegende, bittere Vergangenheit in seine heutigen Entscheide mit ein und weiss deshalb, dass die gegenwärtig friedliche Konstellation in Zukunft wieder in Krieg umschlagen könnte.
Was für ein Kontrast zur Haltung unseres verwöhnten, satten und reichen Volkes! 200 Jahre lang blieben wir dank der Armee vom Einbezug in Kriege verschont. Die heutige Generation kennt nur 50 Jahre guten Wetters. Das ist die einzige geschichtliche Erfahrung, die sie anerkennt. Sie glaubt, diese fetten, friedlichen Jahre seien auf alle Zeiten gottgegeben. Deshalb steht im zentralen Teil des Schweizer Traumes der einzelne Mensch mit seinen endlos wachsenden Ansprüchen. Keinen Platz haben in diesem Traum die finanziellen und persönlichen Anstrengungen, die nötig wären, um eine Armee zu unterhalten, die der vom chinesischen Präsidenten für sein Land gegebenen Vorgabe – auf unser Land übertragen – entsprechen würde und in etwa so lauten könnte:
«Eine starke Armee, die Krieg vom Land fernhalten, und die, falls es doch zu einem  Angriff kommt, sehr lange erfolgreich Widerstand leisten kann.»    •