Die Familie stärken

von Erika Vögeli

In allen Kulturen bildet die Familie Kern und Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Als soziales Lebewesen ist der Mensch für seine gesamte körperliche, seelische und geistige Entwicklung auf tragfähige menschliche Beziehungen angewiesen. Im «sozialen Uterus» der Familie (Adolf Portmann) als erster menschlicher Gemeinschaft erlebt das Kind den gefühlsmässigen Rückhalt, der das Fundament für seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung bildet, hier erfährt es Orientierung, hier werden ihm die Grundwerte menschlichen Lebens und Zusammenlebens vermittelt. Anthropologisch wie psychologisch gesehen ist die Familie die natürliche soziale Einheit, welche die Entwicklung des Menschen am besten gewährleistet. Auch wenn sie im Einzelfall in dieser Aufgabe versagt oder sie zuwenig wahrnimmt – kein Staat und keine Institution sonst vermag das zu leisten, was Mütter und Väter insgesamt tagtäglich und über Jahre für ihre Kinder an menschlichem Engagement aufbringen. Das Zusammenleben in der Familie ist überdies eine höchstpersönliche und intime Angelegenheit und liegt im vorstaatlichen Bereich – Aufgabe des Staates und einer sinnvollen Rechtsordnung ist in erster Linie, diese persönliche Sphäre zu schützen und zu fördern. Die Familie ist Grundlage eines freiheitlich-demokratischen Staatswesens und nicht Gegenstand staatlicher Beeinflussung und Steuerung. Damit ist nichts gegen pädagogisch gut geführte Kinderkrippen gesagt – es braucht sie, und auch sie leisten einen wertvollen und unverzichtbaren Beitrag für viele Familien.
Leider ist die Diskussion um die Bedeutung der Familie in den letzten Jahrzehnten aber durch Gendermainstreaming und Gleichstellungsdebatten völlig verdreht worden: Alles, was im Sinne dieser Schlagworte lief und läuft, wurde per se als fortschrittlich definiert, die Frau, die sich für die Erziehung ihrer Kinder entschied, als «Heimchen am Herd» abqualifiziert, die Bedeutung der Erziehung geriet zur sekundären «Organisationsaufgabe» neben dem Beruf. Man glaubte, es ginge um die Emanzipation und Befreiung der Frau von überkommenen Klischees, um Gleichberechtigung und gleiche Chancen für berufliche Entwicklung und Karriere – wenige warfen ein, dass man hier doch wohl das Kind mit dem Bade ausschütte und auch die Grundlagen des Menschseins, der Freiheit und Demokratie untergrabe.
Das medienwirksam verpasste Etikett «fortschrittlich» scheint die Frage nach dem «cui bono?» dieser Entwicklung nachhaltig blockiert zu haben. Wie der Artikel «Familienpolitik im internationalen Kontext» deutlich macht, sind an dieser Entwicklung ganz andere Kräfte mitbeteiligt und interessiert. Und wenn ausgerechnet Goldman Sachs die Genderdebatte mental und wohl auch finanziell befeuert1, um mehr Potential für Wirtschaftswachstum zu generieren, wäre auch das Anlass zu reiflicher Überlegung. Gegen die Gleichberechtigung der Frauen hat wohl niemand ernsthaft etwas einzuwenden. Gegen die einseitige Höherbewertung des elterlichen Beitrages zum Wirtschaftswachstum gegenüber der Bedeutung und dem Wert der Erziehungsaufgabe aber sehr wohl. In Norwegen – in dieser Beziehung gewiss kein «konservativer» Staat – bezeugen die Frauen, wenn man sie denn fragt, ganz offensichtlich wenig Lust, sich vermehrt in sogenannte Männer­domänen zu drängen.2 Und wenn von Karriere die Rede ist, denkt man ganz offensichtlich in erster Linie an gut ausgebildete Frauen – ob sich die Arbeiterin am Fliessband, in der Fabrik, im Reinigungsdienst usw. mit ihrem Beitrag zum Wirtschaftswachstum tatsächlich selbst verwirklicht, ist eine andere Frage.
Gegner der Initiative argumentieren offen damit, dass ein Ja zur Familieninitiative den Anreiz zur beruflichen Karriere reduzieren würde. Auch die Botschaft des Bundesrates3 spricht ganz klar davon, dass der Fremdbetreuungsabzug dazu geführt hat, dass häufiger beide Elternteile berufstätig sind bzw. ihre Erwerbstätigkeit ausgeweitet hätten. «Infolgedessen wird eine höhere Erwerbsbeteiligung – insbesondere bei Müttern – erreicht.» Ebenso deutlich wird, dass es überhaupt nicht um die weniger qualifizierten Frauen geht. Viele sind tatsächlich existentiell auf den Zusatzerwerb der Frau angewiesen – gerade sie können sich aber zum Teil eine Fremdbetreuung kaum leisten (Botschaft des Bundesrats, S. 7224). Die gut ausgebildeten Frauen hingegen brächten sich deshalb vermehrt in den Arbeitsmarkt ein und leisteten damit einen zusätzlichen Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Mit anderen Worten: Die Einführung des Fremdbetreuungsabzuges hat nichts mit angestrebter Steuergerechtigkeit zu tun, sondern wurde bewusst als Steuerungsinstrument zur Förderung gewisser «gesellschafts- und wachstumspolitischer Effekte» (Botschaft des Bundesrats, S. 7235) eingeführt.
Diese bewusste Steuerung der Familie ist unzulässig – ein Ja zur Familieninitiative setzt ein Zeichen dagegen und ist Ausdruck der Wertschätzung für eine der oft schönsten, manchmal sehr fordernden, sicher aber wertvollsten Leistungen für Gemeinwohl und Staat.         •

1    vgl. Homepage von Goldman Sachs, Stichworte wie Womenomics usw.
2    Quelle: Vgl. Norsk Gendergate – 56 Millionen für Brainwash ausgegeben und das Gegenteil erreicht! http://agensev.de/wp-content/uploads/Norsk_Gendergate.pdf 
3    Botschaft des Bundesrates zur Volksinitiative «Familieninitiative»