«Wer die Kinder zu Haus betreut, soll genau gleich behandelt werden»

Interview mit Nationalrat Jakob Büchler, CVP

thk. Am 24. November sind die Schweizer Stimmberechtigten aufgerufen, über die «Familieninitiative» abzustimmen, die bei Annahme eine bestehende Diskriminierung beseitigt. Denn heute dürfen nur Familien, die ihre Kinder in Fremdbetreuung geben, die dafür anfallenden Ausgaben steuerlich absetzen, während Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, keinen Abzug geltend machen dürfen. Diese Ungleichbehandlung soll mit diesem Verfassungsartikel aufgehoben werden. Im folgenden Interview legt CVP-Nationalrat Jakob Büchler dar, warum er die Initiative zur Annahme empfiehlt.

Zeit-Fragen: Sie sprechen sich für eine Annahme der Familieninitiative aus und folgen damit nicht der Parole Ihrer Partei, warum?

Nationalrat Jakob Büchler: Ich habe in der Fraktion und in der Partei immer klar gemacht, dass ich die Initiative unterstütze. Ich mache da keine Unterschiede. Wer die Kinder zu Haus betreut, soll genau gleich behandelt werden wie diejenigen, die sie weggeben. Aus dieser Frage darf man nun wirklich keine parteipolitische Angelegenheit machen, denn im Zentrum steht unsere Familie. Die Familie ist die Grundlage unserer Gesellschaft, und was man in eine Familie eingibt, das zahlt sich in unserer Zukunft aus. Mit dieser Frage darf man keine Parteipolitik betreiben. Unabhängig von welcher Partei die Idee kommt, sie ist richtig, und deshalb sollte man sie unterstützen. Es geht doch im Grunde genommen darum, gleich lange Spiesse für alle zu schaffen.

Was meinen Sie mit «gleich langen Spiessen für alle»?

Es gibt das Argument, wenn eine Frau arbeiten gehe, dann müsse sich das lohnen. Aber wo ist hier das Gleichgewicht? Natürlich gibt es Familien, die auf ein zweites Einkommen angewiesen sind. Aber eine Mutter, die zu Hause bei ihrem Kind bleibt, soll den gleichen Wert haben, wie eine Mutter, die arbeiten geht und das Kind in eine Krippe bringt.
Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, dass ein Kind in die Krippe geht. Wir haben heute häufig nur die Kleinfamilie mit einem Kind. In der Krippe hat das Kind die Chance, auch einmal mit anderen Kindern zusammenzukommen, das kann ich nur unterstützen. Aber man muss beide Familien gleich behandeln, das ist für mich die Hauptaussage.

Werden Familien heute nicht schon unterstützt?

Das Argument, das einige Gegner und Gegnerinnen ins Feld führen, dass Kantone bereits Erziehungsgutschriften und Kinderzulagen geben, das ist zu spitzfindig. Das überzeugt den einzelnen nicht. Der Stimmbürger entscheidet jetzt darüber, ob alle gleich viel haben sollen oder nicht. Dass sich der Finanzchef im Kanton St. Gallen dermassen dagegen ausspricht, ist unverhältnismässig. Natürlich sind die Kantonsfinanzen wichtig, aber unsere Familie soll auch in Zukunft unseren Schutz und unsere Unterstützung haben. Unsere Gesellschaft lebt und überlebt durch Familien mit Kindern, darum ist diese Unterstützung absolut wichtig. Auch können die Kantone selbst entscheiden, wie hoch der Abzug sein soll. Heute werden etwa 77 Prozent der Kinder fremdbetreut. Das ist ein hoher Prozentsatz, den man nur schwerlich ändern kann. Die Gesellschaft hat sich in diese Richtung entwickelt, und daher ist es wichtig, dass wir die 23 Prozent, die es anders lösen wollen, nicht diskriminieren.

Muss man heute nicht die Bedeutung der Familie für unser Land stärken?

Unsere Gesellschaft überaltert immer mehr. Die demographische Zusammensetzung des Schweizer Volks geht ganz deutlich in Richtung höheres Alter. Wir leben länger, haben immer weniger Kinder und das führt dazu, dass wir in Zukunft im Sozialbereich mehr Ausgaben haben werden. Deshalb ist es falsch zu sagen, bei den Kindern müssen wir sparen. Das ist für mich völlig unverständlich. Wenn Eltern oder Ehepaare sich entscheiden, wir wollen Eltern mit Kindern sein, dann ist das ein wichtiger Entscheid, und hier soll man helfen, ungeachtet davon, ob jemand seine Kinder zu Hause oder auswärts betreut.

Was bedeutet die Familie für unsere Kultur?

Familie ist die Grundlage unserer Gesellschaft. Ohne Familien mit Kindern sterben wir aus. Ich erlebe das jetzt als Vater von 5 Kindern. Wir gehen zu unseren Kindern und hüten dort die Enkel, wenn die Eltern einmal ohne Kinder weggehen wollen. Das ist doch für uns etwas Schönes. Wir haben fünf Kinder, die sind alle aus dem Haus. Jetzt haben wir 5 Enkelkinder, das Leben geht weiter, und das ist doch etwas, was einen erfüllt. Man hat auch etwas zum Erhalt der Gesellschaft in der Schweiz beigetragen. Und deshalb soll man alles tun, was Familien mit Kindern unterstützt. Die Familieninitiative bietet eine Gelegenheit dazu.

Die Bedeutung der Familie darf man also gar nicht hoch genug einschätzen.

Wo kommen wir hin, wenn es für niemanden mehr möglich ist, eine Familie zu gründen. Dann werden wir eines Tages ausgestorben sein. So weit darf es sicher nicht kommen. In Entwicklungsländern haben wir einen ganz anderen Trend. In Mali zum Beispiel kommen auf eine Frau 7,1 Kinder. Das sind natürlich ganz andere soziale Zustände, die Kindersterblichkeit ist sehr hoch, die soziale und medizinische Versorgung kaum vorhanden. In der Schweiz haben wir heute im Schnitt etwa 1,2 bis 1,3 Kinder auf eine Mutter. Das ist zum Erhalt des Schweizer Volks eigentlich zu wenig, darum muss man alle Massnahmen, die den Entscheid, Kinder zu haben, fördern, unterstützen.

Eine Familie mit Kindern zu haben ist neben der eigenen Erfüllung doch immer ein Beitrag zum Gemeinwohl. Vielen ist das wohl zu wenig bewusst.

Aus dem aktiven Berufsleben von früher wissen wir, dass mit der Einführung der AHV 1948 auf einen Rentner vier bis fünf Arbeitnehmer kamen, die diesen finanzierten. Heute haben wir pro Rentner noch knapp zwei Arbeitnehmer. Die aktiv arbeitende Bevölkerung hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Für einen Rentner müssen heute knapp 2 Personen aufkommen. Die demographische Kurve hat sich ganz klar in Richtung Älterwerden verschoben. Wenn wir keine Kinder haben, dann fehlen diese in unserer Gesellschaft, was zu mehr Einwanderung führen wird.

Was können wir dagegen tun?

Politisch es so zu gestalten, dass eine Familie nicht in eine finanzielle Notlage kommt, ist sicher der richtige Weg. Investitionen in die Familie, in die Kinder, ist letzten Endes eine Investition in die Zukunft von unserem Land. Die Kinder werden später als Erwachsene überall gebraucht: in der Wirtschaft, in der Politik, bei der Verteidigung, in den Gemeinden, in den Spitälern – überall. Wir brauchen junge Menschen mit einer guten Ausbildung und einem grossen Rucksack für das Berufsleben. Sie sind die Träger unseres Staatswesens, unseres politischen Systems, unserer direkten Demokratie, unserer Gesellschaft und tradieren unsere Errungenschaften auf allen Gebieten weiter. Die Erhaltung der Familie ist letztlich die Erhaltung unseres politischen, sozialen und wirtschaftlichen Erfolgsmodells. Mit der Familieninitiative können wir das unterstützen.

Herr Nationalrat Büchler, herzlichen Dank für das Gespräch.    •

Interview Thomas Kaiser