Die kleinsten heimischen Raubtiere

Hermelin und Hermännchen – zwei ähnliche Zwerge

von Heini Hofmann

Die zwei Miniaturen unter den einheimischen Marderartigen, Hermelin oder Grosswiesel und Mauswiesel oder Kleines Wiesel (im Volksmund auch liebevoll Hermännchen genannt), sind zugleich die kleinsten einheimischen Raubtiere. Doch trotz allgemeinem Vorkommen wird man dieser Kobolde – wegen ihrer heimlichen Lebensweise – nur selten gewahr.
Deshalb ist auch ihre Unterscheidung schwierig, zumal die Körpergrösse nur bedingt variiert. Denn das an sich etwas grössere Hermelin wird mit zunehmender südlicher Breite kleiner, und beim Mauswiesel verhält es sich gerade umgekehrt. Deshalb können die Tiere gelegentlich gleich gross erscheinen. In den Alpenländern sind sie bis auf 3000 Meter Höhe zu finden.

Tarnfarbe und Schneeschuhe

Ihr Signalement in kurzen Zügen: Das Hermelin imponiert durch eine hellbraune bis rötlich-braune Körperoberseite, während Kehle und Bauch weiss bis gelblich gefärbt sind. Typisch ist der schwarze Schwanzpinsel. Nur dieser färbt sich nicht um, wenn das Tier im Winter sonst gleichmässig weiss wird (dies allerdings auch nur unter wirklich winterlichen Bedingungen). Das Winterfell zeichnet sich aber nicht nur durch Tarnfärbung, sondern auch durch längere und dickere Haare aus, besonders deutlich sichtbar an den Pfoten, wo die Winterhaare die Fussohlen überragen und dadurch wie Schneeschuhe wirken.
Das Mauswiesel sieht dem Hermelin bezüglich Färbung ähnlich: Rücken hellbraun, Kehle und Bauch weiss, Schwanz jedoch gänzlich fuchsrot, ohne schwarzen Pinsel. Dafür hat das Hermännchen unter beiden Mundwinkeln einen braunen Fleck, welcher seinem Vetter Hermelin fehlt. Das Kleine Wiesel kann sich übrigens auch weiss verfärben, tut dies allerdings nur in nördlichen Vorkommensgebieten oder in grosser Höhe, was im Schweizer Mittelland bedeutet, dass weisse Wiesel, die man im Winter antrifft, Hermeline sind.

Totale Deckung im Untergrund

Hermelin und Mauswiesel sind – bezüglich Biotop – anspruchslos: Felder, Wiesen, Hecken, Obstgärten und Waldränder sind ihnen gleich genehm, nur nicht dichte Waldungen. Das Grosswiesel bevorzugt als idealen Lebensraum und geeignetes Jagdrevier die deckungsreichen Uferpartien von Wasserläufen, Seen und Weihern. Als perfekter Schwimmer scheut es die Wassernähe nicht.
Das Mauswiesel hat sogar die totale Deckung gewählt: den Untergrund. Dank seiner Kleinheit kann es die von den Nagern gegrabenen Gänge benützen – zum Schutze, zur Jagd und sogar zur Fortpflanzung. Dies ermöglicht es dem Hermännchen, selbst monotone Areale wie intensiv bewirtschaftete Kulturen zu bewohnen, wo jegliches Deckung spendende Buschwachstum darniedergehalten wird.
Wiesel sind weder typische Tag- noch eindeutige Nachttiere, vielmehr beides zusammen, nämlich vor allem tagaktiv im Sommer und mehrheitlich nachtaktiv im Winter. Ihr Nest, ausgepolstert mit Gras und Laub sowie Haaren und Federn von Beutetieren, wird unter Steinhaufen und Baumstrünken angelegt, in Holzbeigen, altem Gemäuer, in Bauen von Nagern und – im Winter – sogar in der Nähe des Menschen, in Scheunen und Ställen. In der kalten Jahreszeit reduzieren sie ihre Aktivität drastisch und verbringen bis zu 23 Stunden am Tag im Winternest.

Wenn Mütter Furien werden

Wie alle Marder, ja eigentlich wie die meisten Fleischfresser überhaupt, leben auch die Wiesel territorial. In einem wenige bis viele Hektare grossen Streifgebiet, das nicht verteidigt wird und sich mit Territorien fremder Artgenossen überlappen kann, gehen die flinken Kobolde ständig auf Erkundung und Nahrungssuche. Dabei markieren sie diesen Eigenbezirk nach Marderart mit Harn, Kot und dem nach Moschus riechenden Analdrüsensekret.
Innerhalb des Streifgebietes wird nur das Nest und dessen nähere Umgebung verteidigt, dafür um so intensiver; denn hier ist der Ort, wo die Tiere Ruhe und Sicherheit suchen und wo sie ungestört ihre Jungen aufziehen wollen. Gerade in der Verteidigung von Jungtieren kennen beide Wieselmütter keine Grenzen, und in unerhörter Aggressivität schrecken sie jeden Eindringling zurück, selbst seine Majestät, den Zweibeiner. Ihr Trotzverhalten gegenüber Feinden wird deshalb vermenschlichend oft als «Mut» oder «Dreistigkeit» qualifiziert.

Frühreife Fähen, Spätzünder-Rüden

Bezüglich Fortpflanzung unterscheiden sich Grosswiesel und Kleines Wiesel deutlich. Beim Hermelin fällt die Ranzzeit auf die Monate Mai bis Juli, die befruchteten Eier machen jedoch nach wenigen Tagen Entwicklung eine mehrmonatige Keimruhe, nisten sich erst im darauffolgenden Frühling (März/April) in die Gebärmutterwand ein und entwickeln sich in vier Wochen zu geburtsreifen Föten, die dann – drei bis zwölf pro Wurf – im April/Mai zur Welt kommen.
Als weissflaumige, blinde Winzlinge von fünf Zentimetern Länge und bloss drei Gramm Gewicht werden die jungen Hermeline geboren. Mit 34 Tagen öffnen sich ihre Äuglein. Ab vierter Lebenswoche beginnen sie neben Muttermilch bereits Fleischnahrung aufzunehmen.
Wie alle Marderkinder spielen junge Hermeline fast nonstopp mit der Mutter und untereinander, balgen sich, machen Fangis und lernen dadurch drohen und jagen. Aber schon mit drei Monaten verlassen sie ihre Mutter. Kaum zu glauben: Die weiblichen Tiere sind jetzt schon geschlechtsreif, während die Männchen – als Spätzünder – erst im darauffolgenden Sommer fortpflanzungsfähig werden.

Kurzes Leben, viele Feinde

Beim Mauswiesel ist einiges anders als beim Hermelin. Seine Ranz fällt auf die Monate März bis Mai, kann aber auch ganzjährig auftreten. Es kennt keine Keimruhe, die nicht verlängerte Tragzeit dauert lediglich rund fünf Wochen, und im Gegensatz zum Grosswiesel kann das Kleine Wiesel zweimal im Jahr werfen. Dies ist, wie auch die Zahl der Jungen pro Wurf (drei bis acht), abhängig vom aktuellen Feldmausvorkommen.
Die jungen Hermännchen entwickeln sich rascher als die Hermelingespanen: Mit 23 Tagen schon öffnen sie ihre Äuglein, noch vor der zehnten Woche machen sie sich selbständig, und beide Geschlechter sind – sofern im Frühling geboren – bereits im gleichen Jahr geschlechtsreif.
Das Durchschnittsalter der Wiesel in freier Wildbahn ist, obschon einzelne Tiere ein halbes Dutzend Jahre alt werden können, sehr beschränkt und beträgt nur ungefähr zwölf Monate. Zudem stehen Hermelin und Hermännchen auch auf dem Speisezettel grösserer Beutegreifer (Fuchs, Hauskatze) und Greifvögel (Steinadler, Mäusebussard, Uhu und Schleiereule). Hauptfeind der kleinen Kobolde jedoch ist der Mensch, sowohl direkt (Jagd und Kastenfallenfang) als auch indirekt (Strassenverkehr und Mäusegiftköder).

Jagd unter Tag

Dank ihrem schlanken und wendigen Körper können beide Wiesel ihre Hauptbeute, Wühlmäuse und Waldmäuse, unterirdisch verfolgen. Diese Jagdmethode hat den Vorteil, dass sie auch im Winter unter hoher Schneedecke funktioniert; lediglich zum Gangnetz führende Schneetunnel müssen gegraben werden.
Der Appetit der Wiesel richtet sich nach dem aktuellen Tischleindeckdich. In schlechten Wühlmausjahren stehen vermehrt Wald- und Rötelmaus sowie Vögel, gelegentlich sogar Aas auf dem Speisezettel. Doch über Geschmack scheinen auch die Wiesel zu streiten: Während sich das Hermelin zur Vermehrungszeit der Schermäuse fast ausschliesslich von solchen ernährt, verschmäht das Kleine Wiesel dieses «Angebot» total und hält sich an die kleinere Feldmaus. Chacun à son goût!     •

Sonderausstellung: Das Bündner Naturmuseum an der Masanserstrasse 31 in Chur zeigt vom 23.10.2013 bis 26.1.2014 eine vom Naturhistorischen Museum Bern konzipierte Ausstellung zum Thema «Kleine Tiere, grosse Jäger: Mauswiesel und Hermelin». www.naturmuseum.gr.ch

Weite Verbreitung

HH. Beide Wiesel sind über einen Grossteil der nördlichen Hemisphäre verbreitet, von Nordamerika über ­Europa und Sibirien bis Japan. In Neuseeland wurden beide Arten (zur Bekämpfung der Kaninchenplage) ausgesetzt, und in Nordafrika hat sich lediglich das Mauswiesel angesiedelt.
In Europa deckt sich das Vorkommensgebiet. Während das Kleinwiesel nur in Island und Irland nicht heimisch ist, fehlt das Grosswiesel sowohl in Island als auch in den tieferen Lagen des Mittelmeerbereichs.

Erdgeschichtlich alt

HH. Die Vertreter der Familie der Marder oder Musteliden, wie sie so klangvoll im Fachjargon heissen, gehören verwandtschaftlich – innerhalb der Fleischfresser – in die Nähe der Bären- und Hundefamilie. Dank ihrem hohen erdgeschichtlichen Alter «fanden sie Zeit», eine Vielfalt von Anpassungen ans Baum-, Boden- und Wasserleben zu entwickeln.

Neben den beiden grossen Marderartigen (Dachs und Fischotter) im­poniert vor allem die Unterfamilie der kleineren, schlanken, kurzbeinigen und langschwänzigen Wieselartigen durch nicht weniger als fünf verschiedene Vertreter: nämlich die beiden eigentlichen, klettertüchtigen Marder (Steinmarder und Baummarder) und die drei sogenannten Erd- oder Stinkmarder (Iltis und beide Wiesel, Hermelin und Hermännchen).