Ein Kind findet den Weg ins Leben

von Dr. med. Andreas Bau, Kinderarzt

Entsprechend seiner sozialen Natur versucht der Mensch vom ersten Atemzug an, zu einer verbindlichen Bezugsperson eine Bindung aufzubauen. Eine sichere Bindung, eine verlässliche Basis bildet die Grundlage für jede gelungene Persönlichkeitsbildung.
In dem nachfolgenden Beispiel fällt die Mutter als Hauptbezugsperson aus. Lesen Sie nun, wie einem Kind sachgerecht geholfen werden konnte, das drogensüchtig zur Welt kam, in der Schule und im Leben zu scheitern drohte. Zu Schulbeginn wurde ihm wegen mangelnder Aufmerksamkeit und seines eigenwilligen Verhaltens eine psychiatrische Diagnose übergestülpt und ihm wurden Psychopharmaka verabreicht. Die Hilfe kam von den Grosseltern und Fachleuten aus dem medizinischen und pädagogischen Bereich.

Sarah wurde 1992 geboren. Die Mutter war zu dieser Zeit schwer heroinsüchtig und spritzte sich eine Stunde vor der Geburt ihres ersten und einzigen Kindes eine grosse Menge Heroin. Sarah kam stark untergewichtig und mit einer schweren Sucht zur Welt. Die Ärzte in der Kinderklinik, in die das Baby sofort nach der Geburt verlegt worden war, kämpften in den ersten Tagen um sein Leben. Die Mutter, die weiter verschiedenste Drogen konsumierte, besuchte ihre Tochter nur sehr unregelmässig. Nach vier Wochen holte sie gegen ärztlichen Rat ihre Tochter aus der Klinik. Die Jugendfürsorge erhob keinen Einspruch, da die Mutter argumentierte: « Ohne mein Baby kann ich meine Sucht nicht loswerden.»
Die Eltern der Mutter begannen, angesichts des Zustandes ihrer Tochter sich wenige Tage nach der Geburt liebevoll und sehr zuverlässig um ihr Enkelkind zu kümmern. Diese fürsorgliche Betreuung setzten sie in den nächsten Jahren fort, da die Mutter immer wieder für mehrere Monate, ohne Ankündigung und ohne eine Adresse zu hinterlassen, untertauchte. Immer, wenn sie wieder auftauchte, nahm sie Sarah sofort zu sich. Verschiedene Drogenentzugsprogramme der Mutter schlugen fehl. Die Grosseltern fass­ten den Plan, dass sie das, was ihnen bei der Erziehung ihrer eigenen Tochter nicht gelungen war, bei ihrem Enkelkind wiedergutmachen wollten. Die Grosseltern waren von Haus aus in den Erziehungsfragen sehr bodenständig und wertorientiert. Das bestätigte sich jetzt auch bei der Anleitung ihres Enkelkindes. Während sie ihre eigene Tochter erzogen hatten, waren sie jedoch verschiedenen Einflüssen der 68er-Revolte aufgesessen. Das hatte damals zur Folge gehabt, dass sie irrtümlicherweise ihrer Tochter zu wenig Grenzen gesetzt hatten und sie zu wenig angeleitet hatten. Sie hatten geglaubt, das Kind wisse selbst am besten, was für es gut sei, entsprechend der in dieser Zeit in vielen Kreisen vorherrschenden Erziehungstheorie. Diese Umstände hatten wesentlich zum Abgleiten der Tochter beigetragen. Diese Zusammenhänge waren ihnen heute bewusst, und sie hatten sich vorgenommen, denselben Fehler nicht zu wiederholen.
Sarah entwickelte ein sehr unruhiges und unstetes Verhalten. Im Kindergarten war sie eine Einzelgängerin und schloss keine Freundschaften mit anderen Kindern. Sie verliess oft unvermittelt den Raum, kehrte aber nach einiger Zeit unaufgefordert zurück und machte wieder mit. Auf die Frage, warum sie das mache, konnte sie keine Antwort geben. Die Kindergärtnerinnen äusserten wiederholt den Verdacht auf eine Wahrnehmungsstörung mit autistischen Zügen. Bei der Ausführung seiner Pläne und Vorhaben bewies das Kind eine grosse Hartnäckigkeit. Die Grosseltern hatten an dieser Hartnäckigkeit Freude, da sie Ausdruck von Charakterstärke sei. Sie leiteten jetzt, nach den schmerzhaften Erfahrungen mit ihrer Tochter, ihr Enkelkind mit klaren Vorgaben liebevoll an. Das von Wohlwollen getragene gefühlsmässige Wechselspiel mit ihrem Enkelkind führte dazu, dass sich das Kind den Grosseltern anschloss.
Als Sarah sechs Jahre alt war, begann die Mutter eine eineinhalbjährige Entzugstherapie, die sie erfolgreich beendete. Die langjährige Sucht hatte bei der Mutter schwerwiegende körperliche und seelische Folgen hinterlassen. Sarah wohnte während des Entzuges der Mutter ganz bei den Grosseltern. Nach der Beendigung des Entzuges lebte Sarah wieder abwechselnd bei der Mutter oder den Grosseltern. Die Grosseltern besuchten regelmässig, wenn Sarah bei ihnen wohnte, einen Kinderarzt, mit dem sie alle Fragen besonders aus dem Erziehungsbereich besprachen. Eindrucksvoll war, dass sie nicht bei negativen Verhaltensweisen Sarahs stehenblieben. Sie griffen immer das Positive auf, um von dort aus das Selbstwertgefühl zu stärken und um sie zu bewegen, das für ihre Entwicklung hinderliche Verhalten aufzugeben. Es war für den Kinderarzt eine Freude zu sehen, wie sie mit ihrer wohlwollenden Beständigkeit eine feste Freundschaft zu Sarah aufbauten. Das zuständige Jugendamt versuchte immer wieder, den Erziehungsvorgang zu stören, da es Sarah lieber bei der Mutter oder in einem Heim als bei den Gross­eltern sah. Mit der Unterstützung des Kinderarztes konnten die Grosseltern in ihrer Meinung fest bleiben, dass sie der beste Ersatz für die Mutter seien. Sarah entwickelte auch zu ihrem (wie sie ihn immer nannte) Kinderarzt Freundschaft.
Mit sechs Jahren wurde Sarah in eine Integrationsklasse, die von einem Team geleitet wurde, eingeschult. Dem Team gelang es nicht, ein tragendes Vertrauensverhältnis zu dem Kind aufzubauen.
Originalton Grosseltern: «Die Lehrerschaft konzentrierte sich sehr schnell auf die vorhandene innere Unruhe von Sarah und schenkte ihr in der Betreuung zunächst viel Aufmerksamkeit. Im Laufe der Zeit ergaben sich zwar in einigen Punkten der allgemeinen Konzentration spürbare Verbesserungen, jedoch blieb die innere Unruhe mit auftretenden Streitsüchtigkeiten weiterhin vorhanden. Bei dem Durchlauf von der ersten zur zweiten Klasse gab es diverse Gespräche mit den Lehrerinnen, wobei es des öfteren zu unterschiedlichen Auffassungen über erforderliche Erziehungsmassnahmen kam. Teilweise wurden auch unberechtigte Vorwürfe gemacht, die zu keiner guten Zusammenarbeit führen konnten. So machte die Lehrerschaft unter anderem den Vorschlag, Sarah bei einem Arzt vorzustellen mit dem Ziel, dass man ihr zur Beruhigung das Mittel Ritalin verschreibt. Dieses wurde dann ab dem 24.1.1999 verabreicht. Der allgemeine Zustand von Sarah änderte sich aber nicht entscheidend. Im Gegenteil mussten wir feststellen, dass sich durch die Einnahme von Ritalin diverse Veränderungen ergaben, z. B. Appetitlosigkeit, Ermüdungserscheinungen, Konzentrationsschwäche, Bauchschmerzen und Übelkeit. Nach diversen Vorstellungen beim Kinderarzt, wurde die Einnahme von Ritalin im Dezember 2000 eingestellt. Die Lehrerschaft wurde entsprechend informiert und zeigte sich mit dieser Massnahme nicht einverstanden. Es wurden weitere Vorwürfe über falsche Erziehungsmassnahmen gemacht, mit dem Hinweis, hier auch das Amt für Soziale Dienste einzuschalten. Somit sind wir nicht mehr bereit, Sarah auf der Schule zu belassen, da man dort wohl nicht von einer fürsorglichen Betreuung ausgehen kann. Über die Schulbehörde wird kurzfristig versucht, für Sarah in einer anderen Schule einen Platz zu bekommen. Die Zusammenarbeit mit der verantwortlichen Lehrerschaft in der Schule ist auf Grund der unterschiedlichen Erziehungsmethodik in keinem Fall mehr gewährleistet und kann letztendlich nicht zum Wohle von Sarah akzeptiert werden.»
Das Lehrerteam stellte bei der Schülerin ohne ärztliche Rücksprache die «Diagnose» ADH. Eine Lehrerin aus dem Team äusserte in einem Gespräch mit dem Kinderarzt: «Ohne Ritalin unterrichte ich das Kind nicht mehr.»
Auf Drängen der Grosseltern und mit tatkräftiger Unterstützung des Kinderarztes wechselte Sarah mit Beginn der dritten Klasse auf eine andere Grundschule in eine Regelklasse. Die neue Lehrerin, die den Unterricht, bis auf Sport, allein gestaltete, hatte Freunde an der neuen Schülerin, an ihrem lebhaften Verhalten und an ihrer Hartnäckigkeit. Sarah verliess auch jetzt den Unterricht wiederholt ohne Ankündigung. Die Lehrerin hat das Verhalten zwar bemerkt, aber nicht weiter kommentiert. Sie griff wie die Gross­eltern nur das Positive der Schülerin auf. Sie freute sich, wenn Sarah wieder erschien, und lud sie herzlich zum Mitmachen ein. Sarah hatte die Lehrerin gern und fühlte sich von ihr geschätzt. Die Lehrerin sorgte dafür, dass Sarah in die schon bestehende Klassengemeinschaft aufgenommen wurde. Die Mitschüler halfen unter Anleitung der Lehrerin tatkräftig mit, dass sich Sarah in der neuen Klasse wohl fühlte. Es entstand das Gefühl: Das machen wir gemeinsam. Eine medikamentöse Behandlung mit Ritalin war kein Thema mehr. Es entwickelte sich ein reger Austausch zwischen der Lehrerin, den Gross­eltern und dem Kinderarzt. Oft gab es gemeinsame Gespräche nach Praxis­ende. Es gelang auch, die Mutter, die weiter ihr Leben ohne Drogen meisterte, soweit möglich, miteinzubeziehen. Am Ende der vierten Klasse verliess Sarah den Klassenraum nicht mehr, sondern verfolgte den Unterricht aufmerksam und arbeitete gut mit.
Sarah wechselte mit Beginn der fünften Klasse auf ein Gymnasium. Es gelang ihr nicht, die bestehenden Lücken im Unterrichtsstoff zu beheben. Nach ausführlichen Gesprächen mit der Lehrerin, den Grosseltern, der Mutter und dem Kinderarzt wechselte Sarah auf eine Gesamtschule und lernte hier im Real­schulniveau. Auch hier traf Sarah auf eine Lehrerin, die voll hinter ihr stand. Ihre Leistungen wurden stetig besser und Sarah wuchs zu einer selbstbewussten jungen Dame heran. Leistungsmässig bewegte sich Sarah im ersten Drittel. Seit 2004 lebt sie ganz bei ihren Grosseltern, da sie nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen wollte. Diese Regelung wurde einvernehmlich getroffen. Das Sorgerecht wurde den Grosseltern übertragen. So konnten sie sich in den folgenden Jahren ganz, ohne störenden Einfluss der Mutter, der Erziehung ihres Enkelkindes widmen. So kam das pädagogische Konzept und der unerschütterlicher Glaube an ihr Enkelkind voll zum Tragen. Sarah kam öfters allein zu ihrem Kinderarzt in die Praxis. Die medizinischen Fragen, die sie stellte, schienen nur der Vorwand zu sein, ihren Kinderarzt wieder einmal zu besuchen zu können.
Zum Schluss noch einige Sätze der Gross­eltern im Originalton: «Unterstützt durch wöchentlich stattfindende sportliche Tätigkeiten innerhalb der Gemeinschaften, kann man heute bei Sarah erkennen, dass man mit diesen Massnahmen einen völlig normalen Entwicklungsverlauf erreichen konnte. Ein weiterer Schritt der Normalisierung war die schulische Entscheidung in Jahr 2002, Sarah von der Integrationsklasse in eine normale Klasse zu versetzen. Seit diesen Massnahmen war nach wenigen Wochen bei Sarah zu erkennen, dass sie dadurch noch mehr Persönlichkeit für sich erringen konnte und heute allen Verantwortlichen durch ihr Auftreten und ihrem Selbstbewusstsein viel Freude bereitet.
Wir sind heute davon überzeugt, den richtigen Weg vorgegeben zu haben. Und eine weitere Behandlung mit Ritalin sicherlich für Sarah einen Rückschritt in ihrer Entwicklung bedeutet hätte. Aus heutiger Sicht, mit der vorhandenen Ausgeglichenheit und dem selbstsicheren Auftreten von Sarah, dürfen wir sicherlich mit Freude in die Zukunft schauen und davon überzeugt sein, dass Sarah ihren Weg gehen wird.
Persönlich kann ich nur davon abraten, auftretende Probleme bei Kindern mit dem Wundermittel Ritalin in den Griff bekommen zu wollen. Bei der Einnahme treten mehr negative als positive Reaktionen auf und sie schadet somit jeder Entwicklung eines Kindes.»    •