Neue Sonderschulkonzepte werden Instrumente des Wandels

eg. Zeitpunkt des Paradigmenwechsels von einer am personalen Menschenbild ausgerichteten Heilpädagogik zu einer mechanistischen, utilitaristischen Auffassung der Kinder und Jugendlichen war in der Schweiz die Einführung des NFA (Neuer Finanzausgleich). Dabei wurde die Verantwortung für die Sonderschulung aus der IV (Invalidenversicherung) herausgelöst und den Kantonen übergeben. Sie mussten neue Konzepte für die Sonderschulung ausarbeiten und beschlossen 2007 die «Interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik»1. Die ICF und die damit verbundene Auffassung von Heilpädagogik waren Grundlage für die weitere Arbeit.

Vorreiter sind Pädagogische Hochschulen

Eine Vorreiterrolle spielt dabei die PHZH (Pädagogische Hochschule Zürich). Sie gehört zu den wenigen Bildungsinstitutionen, die eng mit der WHO zusammenarbeiten, und beteiligte sich an der Erarbeitung der ICF-Kinderversion. Sie ist Mitglied der WHO-FIC Functioning and Disability Reference Group.2 Die WHO hatte im Oktober 2006 in Tunis die erste Version der ICF-CY gutgeheissen. Mit der Ratifizierung der ICF haben sich alle Mitgliedländer (auch die Schweiz) verpflichtet, die Einführung und Anwendung der ICF in den Institutionen des Gesundheitswesens und der Bildung voranzutreiben. Für Kinder und Jugendliche sollte die Sonderversion ICF-CY verbindlich werden.
Mit Bildungsratsbeschluss vom 4. September 2006 wurde im Kanton Zürich ein vor dem Hintergrund der ICF ausgearbeitetes Verfahren für die Arbeit mit Kindern mit «besonderen Bedürfnissen» für verbindlich erklärt.3 Zusammen mit der Firma RehabNET AG entwickelt das PHZH-Projektteam eine Computer-Software für die Förderplanung in Bildungssystemen, die auf der ICF-CY beruht. Diese Version soll dann an unterschiedliche Verfahren und Bedürfnisse von Institutionen angepasst werden können.4 Im Oktober 2007 erhielten Judith Hollenweger (PHZH) und Peter Lienhardt (HfH Heilpädagogische Fachhochschule Zürich) vom Generalsekretariat der EDK (Erziehungsdirektorenkonferenz) den Auftrag, ein standardisiertes Abklärungsverfahren zu entwickeln, das in allen Kantonen wirksam werden sollte.5

EU-Projekt MHADIE: Datensammeln – für wen?

Die Autoren beteiligten sich für ihr Mandat am EU-Projekt MHADIE (Measuring Health and Disability in Europe). In diesem Projekt haben sich elf Länder (darunter die Schweiz und Deutschland) und die WHO zusammengeschlossen. Es will die ICF in möglichst vielen Anwendungsbereichen der Statistik, Gesundheit und Bildung einführen und national und international vergleichbare Daten sammeln. Es wurden Richtlinien ausgearbeitet, wie bestehende Datenquellen vereinheitlicht werden können.6 Die Frage stellt sich, wofür persönliche Daten von Kindern und Jugendlichen, die als «behindert» gelten, gesammelt werden sollen. Die EDK suchte Kantone, die bei einem Pilotprojekt mitmachen würden: 17 sagten zu, an der Pilotphase 1 (September bis Oktober 2008) teilzunehmen. Kernstück des Projekts war ein webbasiertes Erfassungsinstrument, in das die beteiligten Schulpsychologen, Heilpädagogen und Ärzte ihre bei den Abklärungen der Kinder erhobenen Daten eingeben mussten. Das entsprechende Computerprogramm MAS wurde von der Firma RehabNET ausgearbeitet und sollte «sichere» Datenverwaltung gewährleisten. Ziel des Projektes war es, aus den ausgewerteten Daten die künftigen Bedingungen bezüglich Abklärungen herauszuarbeiten und festzulegen. Und was geschieht mit den Daten, die im grossen Computer gesammelt werden? Welche Stellen erhalten Einblick in die persönlichsten Daten von Menschen und wozu?    •

1    vgl. www.edk.ch/dyn/12917.php. Bis zum 15. August 2012 waren 13 Kantone dem Konkordat beigetreten.
2    vgl. www.rehabnet.ch/index.php?page=72&lang=1
3    Dazu dienen die bereits üblichen schulischen Standortgespräche, deren Unterlagen und Vorgehensweise auf dem ICF beruhen.
4    vgl. www.rehabnet.ch/index.php?page=72&lang=1 
5    vgl. Hollenweger, Judith, Lienhardt Peter. Entwicklung eines standardisierten Abklärungsverfahrens. In: Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik. 11–12/ 2008, S.11.
6    vgl. www.eprints.soton.ac.uk/341252
    vgl. www.phzh.ch/de/Forschung/Projektdatenbank/?idpr=162