Weiterer internationaler Fachmann nennt ADHS eine Erfindung

von Moritz Nestor

Im Frühjahr 2012 zitierte der Spiegel den Erfinder der Diagnose ADHS, diese Diagnose sei keine Diagnose, sondern eine Erfindung (vgl. Kasten oben und Zeit-Fragen vom 20.2.2012). Im Spiegel vom 30.7.2012 doppelte der renommierte 83-jährige Entwicklungspsychologe Jerome Kagan noch deutlicher nach:1 Kagan ist nicht irgendwer, zitiert der Spiegel: «Auf einer Liste der 100 bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts […] rangiert der 83jährige auf Platz 22 – noch vor Carl Gustav Jung […] und Iwan Pawlow.»2
Spiegel: «Experten sprechen davon, dass 5,4 Millionen amerikanische Kinder die für das Zappelphilipp-Syndrom ADHS typischen Symptome zeigen. Und Sie wollen sagen, dass es sich bei dieser psychischen Krankheit nur um eine Erfindung handelt?»
Kagan: «Korrekt, sie ist eine Erfindung. Jedes Kind, das schlecht in der Schule ist, wird heutzutage zum Kinderarzt geschickt, und der sagt: Es ist ADHS, und hier ist Ritalin. Dabei haben 90 Prozent dieser 5.4 Millionen gar keinen gestörten Dopamin Stoffwechsel. Das Problem ist: Wenn Ärzte ein Medikament zur Verfügung haben, stellen sie auch die entsprechende Diagnose.»
In den 60er Jahren waren psychische Störungen bei Kindern  kaum bekannt. Zwischen 2000 und 2010 stieg die Zahl der stationären Behandlungen von Kindern und Jugendlichen in der Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland von 29 949 auf 43 498, eine Steigerung um 45%! Die in Deutschland verordneten Tagesdosen Ritalin/Concerta stiegen im gleichen Zeitraum von 11 auf 56 Millionen. Das «liegt an der schwammigen Diagnosepraktik», stellt Kagan fest: «Wenn man Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren interviewt, lassen sich bis zu 40 Prozent als ängstlich oder depressiv einstufen. Aber wenn man genauer hinschaut und fragt, wie viele in ihrem täglichen Leben davon ernsthaft beeinträchtigt sind, schrumpft die Zahl auf 8 Prozent. Es ist lächerlich, jedes Kind, das niedergedrückt oder ängstlich wirkt, gleich als psychisch krank zu bezeichnen. […] Als ich fünf Jahre alt war, begann ich zu stottern. Meine Mutter aber sagte: ‹Das ist nicht so schlimm, dein Geist arbeitet eben schneller als deine Zunge.› Und ich dachte: ‹Wow, das ist super, ich stottere bloss, weil ich so schlau bin.›»
Die politische Bedeutung ist Kagan klar: «Nun, es bedeutet vor allem mehr Geld für die Pharmaindustrie und mehr Geld für Psychiater und Forscher.» Und für die betroffenen Kinder ist das ein «Signal, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist – und das kann lähmend wirken. Ich bin nicht der einzige Psychologe, der so argumentiert. Aber uns gegenüber steht ein mächtiges Bündnis: Pharmakonzerne, die ein Milliardengeschäft machen, und ein Berufsstand, der eigene Interessen verfolgt.»
Seine wichtigste Lehre daraus: «Deshalb ist es wichtig, nicht nur Symptome, sondern auch Ursachen zu betrachten.» Dem ist nichts hinzuzufügen. Machen wir uns an die Arbeit.    •

1    «Nachhilfe statt Pille». In: Spiegel 31/2012, S. 94ff.
2    vgl. auch : Haggbloom, S. J. et al. (2002). «The 100 Most Eminent Psychologists of the 20th Century»