Durch Überlegen, Ausprobieren und Konstruieren die Freude an der Technik wecken

von Eliane Gautschi und Urs Graf

Seit einigen Jahren ergänzen wir unseren Schulunterricht durch Technisches Werken mit den wieder neu erhältlichen Stokys-Metallbaukästen. Durch die Webseite neugierig geworden, wollten wir die kleine Firma im zürcherischen Tösstal selber kennenlernen. Die Fahrt führt an vielen verlassenen Fabrikgebäuden vorbei. Sie zeugen von einer blühenden Textilindustriekultur, die das Tösstal einst prägte und die im Konkurrenzkampf mit der Produktion aus den sogenannten Billiglohn-Ländern schliesslich ruiniert wurde. Auch werden Erinnerungen wach an die berührenden Bücher von Olga Meier und ihren Lebensbildern von Kindern, die in den Spinnereien und Webereien arbeiten mussten bis diese Kinderarbeit glücklicherweise mit dem Fabrikgesetz von 1877 verboten wurde. Kurz vor Bauma macht ein Firmenschild auf die Firma Stokys aufmerksam.

Stokys, ein sinnvolles Konstruktions-Spielzeug

Wer kennt sie (noch) nicht, die Metallstäbchen mit Löchern, die man mit Schrauben und Muttern zu Kranen, Lastwagen, Häusern usw. zusammenschrauben konnte? Ob sie nun von Stokys, Meccano oder Märklin stammten, sie waren während Jahrzehnten das bevorzugte Spielzeug, mit dem vorrangig Buben ihre Freizeit verbrachten. Sie wurden auf spielerische Art ins Konstruieren und technische Denken eingeführt und trainierten mit Werkzeug und Schrauben ihre Feinmotorik. Dass es diese Konstruktionskästen heute noch oder wieder gibt, ist nicht selbstverständlich.

Die Firma Stokys, eine bewegte Geschichte

Die Firmengeschichte von Stokys nimmt ihren Anfang im Zweiten Weltkrieg, als die Beschaffung von Spielwaren immer schwieriger wurde. Durch die Kriegsereignisse rund um die Schweiz kam der Import von Spielwaren praktisch zum Erliegen. Metallbaukästen von Meccano und dessen deutsches Konkurrenzprodukt Märklin – die Vorläufer aller Lern- und Lehrspiele – waren praktisch nicht mehr erhältlich. Die Gründung der Firma Gebrüder Stockmann an der Stadtgrenze von Luzern war deshalb für die Schweizer Kinder und den Spielwarenhandel ein Glücksfall. Nach mehrfachem Besitzerwechsel der vor 70 Jahren gegründeten Markenfirma sind vor sechs Jahren die Produktionsanlagen und sämtliche Restbestände an Waren ins Zürcher Oberland verlegt worden. Dort werden jetzt die meisten Einzelteile nach dem ursprünglichen Design wieder hergestellt und vertrieben. Alle zugekauften Komponenten stammen von einheimischen Zulieferern. Gute Schweizer Qualität zu Schweizer Preisen.

Vom Spielzeug zum Lernsystem

Seit den 1940er Jahren besteht bei Stokys ein Sortiment von ergänzend aufeinander aufbauenden Systemkästen, mit denen sich von einfachsten Übungsteilen bis hin zu komplexen Studienmodellen alles Mögliche realisieren lässt. Die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeit werden lediglich durch die Phantasie der Anwender bestimmt. Nach aller pädagogischen Erfahrung wird im Umgang mit solchen elementaren Konstruktionsteilen die kreative Phantasie mehr angeregt und gefordert als mit komplexem, funktional hochgradig definiertem elektronischem Spielzeug. Die formschönen Bauteile bestehen im wesentlichen aus Aluminium, Stahl und Messing. Sie sind sehr dauerhaft und werden sehr häufig über mehrere Generationen verwendet.
Heute ist Stokys über den Spielwarensektor hinausgewachsen und beliefert auch Berufsschulen und sogar Fachhochschulen mit technischen Lernsystemen. Neu entwickelte Getriebeteile und nebst rein mechanischen Komponenten auch Motoren und Fernsteuerungen ergänzen die Produktepalette zu einer Grundlage für hoch anspruchsvolle Lehrgänge, beispielsweise in Robotik. Geplant ist ein neuer Grundkasten speziell für die Ingenieursausbildung.
Der Verband Swissmechanic, dem um die 1 500 mechanisch-technische KMU-Betriebe angehören, verwendet in der Lehrlingsausbildung auch Übungsmodelle von Stokys.
An der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) wird ein Robotik-Labor betrieben, wo die Studenten mit Hilfe der universell verwendbaren Stokys-Bauteile vergleichsweise preisgünstige Testmodelle bauen können. Aktuell beteiligt sich dort eine Gruppe an einem weltweit ausgeschriebenen Wettbewerb. Sie ist daran, einen Roboter zu bauen, der den Rubik-Würfel (das Kult-Spielzeug der 80er Jahre) handhaben kann.

Das weitergeben, was man selber vom Leben erhalten hat

Dass die Firma Stokys wieder zum Leben erweckt wurde, ist den beiden Firmengründern Peter Meier und Ernst Schmid zu verdanken. Sie übernahmen Ende 2007 die Stokys AG und starteten im Januar 2008 als Stokys Systeme AG die Wiederaufnahme der Baukästen- und Einzelteilproduktion. Peter Meier ist pensionierter Elektroingenieur. Zuvor hatte er in Tagelswangen das Unternehmen Micronel gegründet und zum weltweiten Erfolg geführt. Mit seinen 75 Jahren will er jetzt einfach noch «etwas von dem weitergeben, was er selber im Leben erhalten» habe. Deshalb versteht sich die Firma auch als soziales Projekt und bietet einige Praktikumsplätze für stellenlose Schulabgänger an, um diese bis zum Eintritt in eine Lehrstelle für das Arbeitsleben fit zu machen. Auf Grund der engagierten persönlichen Betreuung bekommen diese Jugendlichen eine gute Chance, sich im Praktikum zu bewähren und mit aufgerichtetem Selbstwertgefühl ihre berufliche Laufbahn anzutreten.

Bei der Jugend das Interesse an der Technik wecken

Besorgt darüber, dass es der Schweiz an Ingenieuren mangelt, möchte Peter Meier bei Schülern und Jugendlichen das Interesse an der Technik vermehrt wecken. Die modularen Lernsysteme von Stokys bieten eine handfeste, im eigentlichen Sinne begreifbare Materie und bilden eine Alternative zur allzu hoch im Schwange stehenden virtuellen Welt, in der heutzutage viele Jugendliche sich und ihre Zeit verlieren. Die Modellbaukästen eignen sich auch im Schulunterricht besonders zum Trainieren handwerklicher Geschicklichkeit und des räumlich-funktionalen Vorstellungsvermögens. Demnächst soll in Winterthur die Einrichtung Stokyslab eröffnet werden, eine Werkstatt für Kinder und Erwachsene, die selber Modelle nachbauen oder sogar neu erfinden wollen. Am «Schrübli-Abig» (Schräubchen-Abend) sollen hingegen die älteren Semester zum Zuge kommen, die gerne wieder einmal ihr Können beim Konstruieren und beim technischen Überlegen erproben möchten.
Aus der Industriegeschichte wissen wir, dass aus diesem Gwunder und der Freude am spielerischen Tüfteln – der technischen Intelligenz des Volkes – immer wieder Innovationen hervorgegangen sind.

Aushängeschild für Schweizer Tourismusprojekte

Viele Firmen wissen das Angebot von Stokys mittlerweile für die eigene Kundenwerbung zu schätzen und bestellen massgeschneiderte Modelle oder Bausätze, die sie dann etwa als Firmengeschenke weiterreichen oder auch für Werbeauftritte benützen.
So hat die Seilbahnfirma Doppelmayr/Garaventa in Washington mit einer anschaulich funktionalen Stokys-Nachbildung für die von ihr neu entwickelte Cabriobahn auf das Stanserhorn geworben.

Eine sinnvolle und kreative Tätigkeit in Schule …

Seit einigen Jahren bewähren sich die Stokys-Baukästen als beliebte Ergänzung unseres Schulunterrichts. Vor allem beim Bau von grösseren Modellen üben die Kinder auch Arbeitsteilung und Kooperation.
Wir können das anderen Schulen nur empfehlen, zum Beispiel als generationenübergreifendes Projekt mit Senioren. Buben und Mädchen bauen unter Anleitung die verschiedensten Modelle aus dem Grundbaukasten. Sie trainieren so nicht nur ihre Feinmotorik, den Umgang mit Werkzeug und ihr technisches Verständnis, sondern freuen sich in erster Linie auch an den interessanten Konstruktionen. Und sie erarbeiten spielerisch einige Grundlagen des Maschinenbaus. Daraus kann sich eine sinnvolle Berufsperspektive entwickeln.

… und Familie

Nun steht Weihnachten vor der Tür und viele werden sich überlegen, was sie ihren Kindern, Paten- und Enkelkindern schenken wollen. Warum nicht eine «nachhaltige Investition» in einen Stokys-Grundbaukasten? Als gemeinsames Hobby für den Vater und die Kinder? Als Alternative zu einem Computerspiel oder einem iPad?     •

Quellen: www.stokys.ch. Dort kann auch das ganze Sortiment eingesehen und bestellt werden.