Vernachlässigter Geometrie- und Konstruktionsunterricht

Inhalte entsprechen nicht mehr dem Entwicklungsalter

von Marcellina und Robert Tauschke

Ein Qualitätssiegel Schweizerischer Ingenieurswissenschaften, aber auch des alltäglichen Handwerks, in der Schweiz ist Solidität, Präzision und Einfallsreichtum. Eine Grundlage für diese Qualität bildet(e) neben der handwerklichen Ausbildung der hochstehende Unterricht in Geometrie und im technischen Zeichnen im Volksschulunterricht. Sicherlich sind in den vergangenen Jahren viele Schullektionen in diesen Bereichen zurückgenommen worden. Doch hat sich aus gutem Grund über die Jahre ein solider Unterricht im Schulfach Geometrie halten können.

Schulung des Vorstellungsvermögens

So erzieht der Geometrieunterricht in der Mittelstufe durch die praktische Betätigung mit den geometrischen Zeichengeräten (Massstab, Geodreieck, Zirkel) zur Genauigkeit, fördert die Handfertigkeit und schult das Vorstellungsvermögen. So werden die Voraussetzungen für den auf der Oberstufe stattfindenden Geometrieunterricht geschaffen. Dort kommen die Schülerinnen und Schüler in die Lage, anspruchsvolle Konstruktionen vorzunehmen. Genaues Arbeiten, zielvolles Handeln und genaues Überlegen fordern die gesamte Kraft und Konzentration des Jugendlichen. Viele Fähigkeiten und Fertigkeiten für eine anschliessende Berufsausbildung können hier erarbeitet werden. Die Rolle dieses Unterrichts als Beitrag für die Qualität Schweizer Innovationen und Produkte ist sicherlich nicht zu unterschätzen.

Systematischer Aufbau und eng angeleiteter Unterricht

Dieses Niveau wird während der gesamten Schulzeit planvoll erarbeitet. Gefordert ist ein systematischer Aufbau, ein gut und eng angeleiteter Unterricht beginnend in der Mittelstufe bis hin zu den Abschlussklassen der Volksschule. Genau in diesem Bereich ist seit einigen Jahren massiver Abbau zu verzeichnen.

Lehrplan 21 überfordert Kinder

Betrachtet man den Geometrieteil «Form und Raum» im Lehrplanentwurf 21, so fällt auf, dass geometrischer Stoff der bisherigen Mittelstufe auf die Unterstufe heruntergezogen wird. Bereits für die 4–8jährigen sind Inhalte vorgesehen, die der Entwicklungsstufe des Kindes in diesem Alter nicht entsprechen. Viele Kinder werden entsprechend überfordert werden. Beispielsweise: «Die Schülerinnen und Schüler können Figuren in Rastern nachzeichnen, symmetrisch ergänzen bzw. spiegeln.» «[…] können Symmetrieachsen einzeichnen.» (S. 25, 2.1c) Und weiter «[…] erforschen Symmetrien an Figuren und Sachsituationen und formulieren Vermutungen.» (S. 28, 1.1c) Und «[…] können Seitenlängen und Flächeninhalte von Drei- und Vierecken sowie Volumen von Würfeln und Quadern mit Einheitsgrössen vergleichen.» (S. 26, 4.1d)

Grundkonstruktion in der Oberstufe stark reduziert

Dagegen werden in der Mittelstufe geometrische Grundkonstruktionen stark vernachlässigt, obwohl gerade hier eine Basis gelegt werden müsste. So gehört es nicht mehr zum Mindestanspruch der Mittelstufe, dass Schüler Winkel mit dem Geodreieck konstruieren können, die Konstruktion von Mittelsenkrechten, Winkelhalbierenden, rechten Winkeln, 60-Grad-Winkeln werden gar nicht mehr erwähnt. Diese Inhalte erscheinen erst in der Oberstufe (vgl. S. 33, 2.3h). Statt dessen können die Schüler «in einer Programmierumgebung Befehle zum Zeichnen von Formen eingeben, verändern und die Auswirkungen untersuchen» oder «mit dem Computer Formen zeichnen, verändern und anordnen». (S. 30, 4.2b)
Auf der Oberstufe werden geometrische Konstruktionen weiter stark reduziert. So werden beispielsweise keine Dreieckskonstruktionen mehr durchgeführt, Prismen und Pyramiden werden nicht mehr konstruiert, sondern nur noch skizziert, das Strecken von Quadern und Würfeln fehlt, Spiegelungen und Drehungen werden reduziert auf 90°, 180°, 270° (S. 25, 2.3j). Statt dessen kann «zum Erforschen von geometrischen Beziehungen» «dynamische Geometriesoftware» verwendet werden (S. 30, 4.3d).

Entwicklung des Vorstellungsvermögens eingeengt

Ähnlich wie mit dem Taschenrechner wird argumentiert, dass Zeichnen und Konstruieren auf Grund der technischen Möglichkeiten mit dem Computer überflüssig sei. Aber das Fehlen der gedanklichen Arbeit beim Konstruieren engt die Entwicklung eines «technischen» Vorstellungsvermögens ein. Auch das Erlernen einer systematischen, genauen und sauberen Arbeitshaltung wird vernachlässigt. Sowohl der Gebrauch des Taschenrechners wie auch eines Zeichenprogramms ersetzen nicht die gedankliche Schulung. Durch «spielerisches Entdecken», «Erforschen» oder «Ornamente und Muster fortsetzen» in einer dafür gestalteten «Lernumgebung» kann das bisher erreichte Niveau nicht gehalten werden.
Mit den zu erreichenden «Kompetenzen» im Lehrplan 21 im geometrischen Bereich der Mathematik vergeuden unsere Schüler wichtige Lernzeit mit nicht altersgemässen Aufgaben, während notwendige Grundlagen überhaupt nicht mehr gelehrt werden.    •