Die Verbundenheit zwischen den Generationen stärken

Mitmenschlichkeit und soziale Verbundenheit stärken – eine der umfassenden Aufgaben der Schule

von Dr. Eliane Gautschi, Sonderpädagogin und Schulleiterin

«Die Volksschule erzieht zu einem Verhalten, das sich an christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen orientiert. […] Sie fördert die Achtung vor Mitmenschen und Umwelt und strebt eine ganzheitliche Entwicklung der Kinder zu selbstständigen und gemeinschaftsfähigen Menschen an. […]» Diese Formulierung aus dem Zweckartikel des Volksschulgesetzes (VSG) des Kantons Zürich (Februar 2005) weist den Lehrerinnen und Lehrern eine zentrale Aufgabe zu. Sie steht in ähnlicher Form in anderen kantonalen Zweckartikeln zur Volksschule. Diese Aufgabe gilt es ernst zu nehmen, und sie darf keinen utilitaristischen Kompetenzformulierungen untergeordnet werden. Es ist auch die Aufgabe, die den Lehrerberuf so reichhaltig macht und ihn nicht zum Job für kurze Zeit verkommen lässt. Es ist allen in der Schule tätigen Mitbürgern zu wünschen, dass sie sich diese Aufgabe nicht nehmen lassen. Das folgende Beispiel steht stellvertretend für viele andere, mit denen heute Lehrer diese Aufgabe ausfüllen können.

Eine Idee nimmt ihren Anfang

Vor einigen Jahren meldete ich mich im nahe gelegenen Alters- und Pflegeheim mit der Idee eines gemeinsamen Projektes mit den älteren Menschen und meiner Mittelstufenklasse (4. bis 6. Schuljahr). Ich hatte in meiner Sonderklasse acht Schülerinnen und Schüler, die alle wegen Verhaltens- und Lernschwierigkeiten in der Regelschule nicht mehr genügend gefördert werden konnten oder nicht mehr tragbar waren. Sie wurden uns deshalb nach schulpsychologischer Abklärung und von den örtlichen Schulbehörden überwiesen. Mich hatten verschiedene Zeitungsmeldungen von Übergriffen von jüngeren auf ältere Menschen tief erschüttert. Wie war es möglich, dass eine hilflose Frau niedergeschlagen wurde, um ihre Handtasche mit ein paar Franken zu rauben, oder wie kam es, dass die Gutmütigkeit und das Vertrauen eines Mannes ausgenutzt wurde, um ihm einige Tausend Franken von seinem Ersparten abzuluchsen? Aber auch das brutale Zusammenschlagen von Jugendlichen durch Gleichaltrige ging mir sehr unter die Haut. Wie konnte ich als Lehrerin mithelfen, diesem Problem zu begegnen? Eine komplexe Frage! Ich überlegte mir, wie ich bei meinen Schülerinnen und Schülern die gefühlsmässige Verbindung zwischen der älteren und der jüngeren Generation, zwischen Menschen überhaupt stärken und den Respekt und die Achtung vor den Mitmenschen entwickeln konnte. Sie sollten eine innere Abwehr gegen solch unsägliches Tun aufbauen.

Offene Türen und Freude am Projekt

Im Alters- und Pflegeheim rannte ich offene Türen ein. Man habe schon lange an einem solchen Projekt herumüberlegt, war die Reaktion. Bald stand der Plan: Im Heim trafen sich die älteren Menschen jeden Vor- und Nachmittag auf freiwilliger Basis zum gemeinsamen Spielen, Musizieren, Kochen, Vorlesen und Basteln. In diese Aktivitäten konnten wir uns einfügen.

Die Kinder auf die Aufgabe vorbereiten

In der Schule bereitete ich meine Klasse auf ihre neue Aufgabe vor. Viele von ihnen hatten Grossmütter und Grossväter. Teilweise wohnten sie weit weg, in Sri Lanka, Bosnien, Portugal, Italien usw. Sie wussten, dass einige von ihnen gebrechlich oder krank waren und sorgsame Pflege brauchten, andere waren noch rüstig und bewältigten ihren Lebensalltag eigenständig. Einige Kinder kannten auch die Lebensgeschichte ihrer Grosseltern. Manche wussten einiges darüber, wie man vor einigen Jahrzehnten den Lebensalltag bewältigt hatte. Einige Grosseltern hatten Kriegssituationen und Diskriminierung erlebt und lebten heute in einem vom Krieg gezeichneten Land. Ich erkannte aus den Erzählungen der Kinder, dass hier ein erfolgversprechender Ansatzpunkt war, die Achtung und den Respekt vor der Lebensleistung der älteren Generation und die gefühlsmässige Verbundenheit mit ihr zu stärken. So starteten wir unser Projekt. Wir probierten verschiedene Möglichkeiten aus und vertieften uns letztlich ins gemeinsame Basteln, weil hier alt und jung mit ihren Möglichkeiten gut zum Zuge kamen und die Kinder aktiv und in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber ihren Beitrag leisten mussten.

Den Mitmenschen Sorge tragen

Seit damals sind einige Jahre vergangen. Unsere Besuche im Alters- und Pflegeheim gehören mittlerweile zum Schulalltag meiner Klasse.*
Gehen wir mit auf einen solchen Besuch: Es ist Dienstagmorgen, heute haben wir Werken. Rajan** fragt: «Gehen wir heute ins Altersheim?» Er weiss schon, dass wir unsere Werkstunden mindestens einmal pro Monat dorthin verlegen. Und er freut sich, denn dort wird er auf Frau Lehner treffen, mit der er sich im Laufe der letzten Besuche angefreundet hat. Er wird mit ihr etwas machen. Demir sagt bedauernd: «Ich bin leicht erkältet, dann kann ich heute nicht dabei sein.» Die Kinder wissen, dass sie ganz gesund sein müssen, weil wir nicht riskieren wollen, dass sich die alten Menschen anstecken. Das könnte für diese schwerwiegende Folgen haben, unter Umständen sogar tödlich sein. Ein solches Risiko wollen wir nicht eingehen, wir tragen unseren Mitmenschen Sorge und stecken unsere eigenen Wünsche zurück. Demir hat aber bereits die Unterstufenlehrerin gefragt, ob er ihr helfen darf. Er könnte doch mit Meranda lesen oder Fabian die Reihen abfragen. Er ist willkommen; so hat auch er eine sinnvolle Aufgabe.

Sorgfältige und umsichtige Vorbereitung

Wir anderen bereiten uns vor. Das heutige Projekt ist schon klar. Es ist bald Weihnachten. Wir wollen ein Windlicht basteln. Die alten Menschen sollen es dann auf ihr Zimmer mitnehmen können. Aber das ist noch unser Geheimnis. Wir haben im Vorfeld überlegt, wie wir es angehen könnten. Diese Vorbereitungsarbeit ist ein wichtiger Teil des Projekts. Es sind verschiedene Faktoren zu überlegen, wobei die Kinder lernen, sich in ihr Gegenüber einzufühlen und ihre eigenen Ideen und Wünsche darauf einzustellen. Dazu braucht es die Anleitung und die Erfahrung von mir. Zum Beispiel können viele ältere Menschen ihre Hände nicht mehr so gut gebrauchen wie früher. Sie haben viel gearbeitet, leiden unter Arthrose, und die Finger sind ein bisschen «gschtabig» (steif) geworden oder schmerzen. Entsprechend müssen die Arbeiten angepasst werden. So wird heute das Schneiden etwas schwieriger sein, aber wir haben Stanzformen, mit denen man Sterne und anderes ausschneiden kann. Da braucht es nur den Druck der ganzen Hand. Das sollte gehen, überlegen wir. Wir würden dann die Formen auf die halbdurchsichtige Folie kleben, so die Idee. Aber da ist noch ein Problem: Brennende Kerzen sind verboten. Auch das kann gelöst werden, heute gibt es LED-Kerzen, die zwar nicht so lebendig leuchten wie echte Kerzen, dafür können sie kein Feuer entfachen und dürfen aufs Zimmer genommen werden. All das musste im Vorfeld überlegt und besorgt werden. Nun packen wir alles ein und machen uns auf den Weg.

Geeignete Arbeitsgemeinschaften bilden

Auch im Alters- und Pflegeheim muss noch einiges vorbereitet werden. Um den grossen Tisch stehen schon einige bequeme Stühle mit Armlehnen. Sie sind für die Senioren. Die Kinder schieben ihre einfacheren Stühle dazwischen und bereiten den Arbeitsplatz vor. Die Aktivierungstherapeutin erinnert sie daran, dass sie darauf achten sollen, den älteren Menschen etwas zu trinken zu holen, falls sie es wünschten. Schon bald kommen die ersten, begleitet vom Pflegepersonal. Die einen haben eine Gehhilfe, andere brauchen einen Rollstuhl. Die Kinder helfen ihnen, unterstützt vom Pflegepersonal, sich auf den Stuhl zu setzen. Die Kinder und die Senioren begrüssen sich herzlich. Einige kennen sich gegenseitig beim Namen, sie haben schon mehrmals zusammen gearbeitet. Andere haben das wie so vieles andere wieder vergessen. Dann beginnt es. Wir zeigen, was wir heute machen wollen, und schon bald hört man es munter plaudern. Johanna arbeitet mit Frau Wintsch. Sie ist ein schüchternes Mädchen, hat in der Schule grosse Mühe und traut sich wenig zu. Hier ist plötzlich eine muntere junge Dame am Werk. «Welche Farbe sollen wir für die Kerzen nehmen?» «Wollen Sie schneiden? Probieren Sie es doch nur!» Johanna ist in der umgekehrten Rolle wie in der Schule: Nicht sie braucht Hilfe, sondern Frau Wintsch. Beide lachen und haben entspannte Gesichter. Jan sitzt neben Herrn Eisler. Dieser schaut missmutig drein. Jan zeigt ihm, was wir machen. «Ja, mach du nur, es ist schon recht!», bekommt er zur Antwort. Jan, der sonst schnell wütend wird und wenig Ausdauer und Sorgfalt hat, bleibt dran. Er beginnt zu arbeiten, bezieht Herrn Eisler hartnäckig immer in seine Überlegungen ein und nach einiger Zeit entsteht auch da ein Dialog. Herr Eisler war Ingenieur und kennt sich in vielen Fragen gut aus. Aber arbeiten will er heute nicht, das habe er in seinem Leben genug gemacht. Dafür berät er Jan in der Farbgebung und korrigiert ihn, wenn er zu wenig genau arbeitet. Jan schluckt leer und verbessert seinen Arbeitsstil.
Gianna sitzt neben Herrn Döbeli. Er freut sich immer auf die Kinder. Er hat keine Enkel und nur selten Besuch. Mit Gianna ist er ein gutes Gespann. Sie ist spontan und zugewandt. Giftige Bemerkungen, bei ihr sonst zu schnell auf der Zunge, fehlen. Beide sind engagiert am Werk, sie lachen oft. Neben ihnen sitzt Leila, sie arbeitet mit Frau Kuhn. Immer wieder hört man Frau Kuhn fragen: «Was hast du gesagt?» Leila spricht zu leise, auch in der Schule ein Problem. Gianna sagt leise zu ihr: «Du musst lauter sprechen. Frau Kuhn versteht dich nicht, ausserdem hat sie ein Hörgerät!» Sie will ihre Kollegin nicht blamieren, aber laut sprechen ist für alle angesagt. Nun überwindet sich auch Leila dazu. Auch so kann man eine Hürde nehmen!

Freude bereiten

So vergeht die Zeit im Nu. Ein entspanntes Geplauder ist zu hören. «Sie haben einen guten Farbgeschmack!» «Du kannst aber gut schneiden!» «Wollen Sie etwas zu trinken?» «Was haben Sie früher gearbeitet?» «Was willst Du werden?» Am Schluss des Morgens stehen lauter kleine leuchtende Laternen auf dem Tisch. Wir haben noch etwas Zeit und könnten noch ein Lied singen. «S’isch mer alles ei Ding!», ist der Vorschlag, das kennen die meisten. Kinderstimmen tönen neben zum Teil etwas brüchig gewordenen älteren Stimmen. Frau Rutishauser kann alle Strophen, sie ist 102 Jahre alt. Die Kinder staunen, es ist gut, wenn man die Lieder auswendig kann, das bleibt. Dann hat man auch im hohen Alter noch Freude daran.
Nun ist es elf Uhr, Zeit zum Mittagessen. Die Kinder sagen ihren Arbeitspartnern, dass sie ihnen das Windlicht schenken wollen. «Nein, das ist aber nett! Ja, darf ich das mitnehmen?» Das Leuchten in den Augen ist auf beiden Seiten. Vergessen, dass man es vielleicht gerne selber behalten hätte.

Auch an andere denken

Nun kommt der Abschluss, die Kinder dürfen ihre «Leute» auf die Abteilung zurückbringen. Das machen sie gerne. Sie schieben den Rollstuhl sorgfältig oder stützen sie. Aber wir gehen kein Risiko ein, es darf auf keinen Fall jemand hinfallen, im Zweifelsfall machen sie es zu zweit. Da gibt es keine falsch verstandene Eigenverantwortung, sondern nur eine klare Einschätzung der Fähigkeiten durch uns Erwachsene. Eine Laterne ist auf dem Tisch stehengeblieben. Wer soll sie bekommen? Frau Meierhans kommt seit einiger Zeit nicht mehr. Sie war lange Zeit beim Basteln dabei und hatte als ehemalige Kinderheimleiterin gerne mit den Kindern zu tun. «Wir bringen ihr das Windlicht auf die Abteilung!» Und schon sind Gianna und Jan weg. Bald kommen sie strahlend zurück. «Sie hat sich sehr gefreut», ist die Rückmeldung. Wir machen uns auf den Weg zurück zur Schule, die Stimmung unter den Kindern ist entspannt und fürsorglich. Das merkt man auch in den folgenden Stunden.

Sich an den Anforderungen des Lebens orientieren

Die Kinder lernen in diesem generationenübergreifenden Projekt viel. Manche von ihnen sind sich gewöhnt, sich durchzusetzen und ihre Bedürfnisse an oberste Stelle zu setzen. Einige haben noch wenig Ausdauer und geben manchmal schon bei kleinen Anforderungen auf. Andere schrecken davor zurück, Verantwortung zu übernehmen, ziehen sich auf zu wenig altersgemässe Haltungen zurück und stellen auf die Hilfe der anderen ab. Viele wiederum sind ausgesprochen ehrgeizig, ohne aber die nötige Ausdauer und Sorgfalt zu haben. Das behindert sie beim Lernen und in der Kooperation mit den Mitmenschen und war letztlich auch ein wichtiger Grund für ihre Einweisung in die Sonderschule. Im Zusammensein mit den älteren Menschen werden viele dieser Haltungen durch die realen Erfordernisse sachte korrigiert. Der Reichtum an Persönlichkeit und Lebensreife, dem die Kinder im Alters- und Pflegeheim begegnen, ist eine wichtige Erfahrung. Das verbindet die Generationen und führt die Kinder ins Zusammenleben mit ihren Mitmenschen hinein. Es gibt auch traurige Momente, zum Beispiel, als auf einem Tischlein eine Kerze und ein Foto verkünden, dass Frau Rutishauser gestorben ist. Ich beobachtete, wie die Augen des sonst so «coolen» Matteo feucht wurden. «Wir könnten doch der Familie von Frau Rutishauser eine Beileidskarte schreiben», schlug er später in der Schule vor und übernahm diese Aufgabe. Auch das sind Lebensrealitäten, die bewältigt werden müssen. Wir alle möchten darum die Besuche im Alters- und Pflegeheim nicht mehr missen, und das ist auch das Echo von dort. Die Senioren würden sich immer sehr freuen, wenn wir kommen, und auch von den Abteilungen her würde gemeldet, dass sie nachher «verändert» seien, fröhlicher gestimmt und zuversichtlicher. Meinerseits hoffe ich, dass die gefühlsmässige Verbindung meiner Schülerinnen und Schüler mit den älteren Menschen über die Schule hinaus trägt und bei ihnen den Kern legt, jegliche Form von Gewalt zu verabscheuen.    •

*    Solche Projekte können auch mit grösseren Klassen gemacht werden. Es braucht dann eine etwas andere Organisation, die dank kreativer Ideen und Erfahrung möglich ist.
**    Alle Namen sind geändert.