Unerschrocken unter Hitler und Stalin

Zum Tod von Erwin Jöris (1912–2013)

Erwin Jöris gründete gemeinsam mit Helmut Bärwald und einigen anderen im Jahre 2000 unseren Runden Tisch. Von da an waren seine Frau Gerda und er regelmässig an den Veranstaltungen. Erwin Jöris hielt Vorträge und prägte den Geist des Runden Tisches massgeblich mit. Wenn er  einmal nicht kommen konnte, wollte er stets einen ausführlichen Bericht.
Erwin Jöris wurde am 5. Oktober 1912 in Berlin geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern lebte er in einem Arbeiterviertel in Berlin.
Seinen ersten Kontakt mit aktiver ­Politik hatte er schon als Kind, da sich sein Vater häufig zu Hause mit seinen politischen Freunden traf. Diese Treffen fanden während der Revolutionstage von 1918/19 illegal statt. Erwin Jöris und seine  Brüder bekamen natürlich mit, wenn abends fremde Leute zu Hause ein- und ausgingen. Im Gegensatz zu seinen Brüdern jedoch, die sich auf die Seite legten, um zu schlafen, blieb er hellwach und spitzte die Ohren.
Als junger Mann schätzte er die Diskussionen in den sogenannten Berliner Jugendhäusern. Dort hatten die Jugendgruppen der verschiedenen Parteien Räumlichkeiten, um die Zeitung zu lesen, zu diskutieren und zu arbeiten. Das Schöne an diesen Einrichtungen bestand darin, dass sich die jungen Menschen der verschiedenen Parteien bei den Diskussionen gegenseitig besuchten. So entstand schon in jungen Jahren das freie Gespräch, das freie Kennenlernen der anderen Meinung, die Auseinandersetzung mit dem anderen Menschen. Es machte Erwin Jöris Freude, mit anderen zu sprechen und ihnen zuzuhören.
Gerade in dieser Zeit entwickelte Erwin Jöris die gefühlsmässig verankerte Überzeugung, dass die Freiheit höchstes Gut für den einzelnen Menschen sein muss. Politische Bevormundung, Redeverbot, aufkommende Diktatur bekämpfte er deshalb bereits als junger Mann mit beeindruckender Konsequenz. Diese Gradlinigkeit zeigte er auch in der eigenen Partei. Als zum Beispiel im November 1932 bei dem Streik der Berliner Verkehrsbetriebe die Kommunistische Partei gemeinsame Sache mit den Nationalsozialisten gegen die Streikenden machte, verurteilte er dies ebenso offen wie heftig.
Beeinflusst von vielen Diskussionen in den sogenannten Berliner Zimmern und vor allem geprägt durch seinen Vater, trat er mit 16 Jahren in die kommunistische Jugend ein und wurde schnell deren Unterbezirksleiter. Er nahm an Versammlungen und Strassenkämpfen teil und suchte sich, als bereits auf die Versammlungsorte der Kommunisten von aussen wahllos geschossen wurde, zum Glück und ganz bewusst immer die schuss­sicheren Stellen in einem Lokal.
Am 31. Januar 1933 fuhr Erwin Jöris mit anderen in einem Auto voller Flugblätter zu verschiedenen Betrieben. In den Flugblättern mit der Überschrift: «Hitler bedeutet den Zweiten Weltkrieg!» riefen sie zum Generalstreik gegen Hitler auf.
Kurz danach begann die Jagd auf ihn und seine Gesinnungsgenossen. Am 20. März 1933, also mit 21 Jahren, wurde er zum ersten Mal verhaftet. Danach war er zusammen mit Funktionären der KPD und der SPD im ersten KZ der Nazis (Sonnenburg) Terror und Folter ausgesetzt. Die Freilassung fand im Oktober 1933 statt.
Von 1934 bis 1937 war Erwin Jöris als Jungkommunist in der Sowjetunion, um das Land der «wahren Freiheit», wie er es damals sah, kennenzulernen.
Ihm genügten aber die Theorien der kommunistischen Lehre in den Kader-Schulungen nicht, weshalb er schon bald die Gesellschaft im russischen Volk suchte.
In den Familien, auf dem Land und in den Städten erfuhr er an langen Abenden, wie gefährlich es auch in der Sowjetunion war, eine eigene, von der Linie der Partei abweichende Meinung zu haben. In endlosen Zügen wurden die, die sich dem Totalitarismus nicht beugen wollten, in Lager gebracht, in denen die meisten bald starben. Erwin Jöris musste erkennen, dass seine Ideale aus der kommunistischen Jugend – Freiheit und Gleichheit – nicht verwirklicht waren. Begeistert war er in die Sowjetunion gezogen. Menschlich und politisch tief enttäuscht, kehrte er nach neunmonatiger Inhaftierung in der Lubjanka – denn auch in der Sowjetunion nahm er sich die Freiheit wie die Luft zum Atmen – Russ­land den Rücken.
Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er sofort inhaftiert. Die Anklage lautete auf Vorbereitung zum Hochverrat. Er blieb bis Februar 1939 in Haft. Im Mai 1940 erfolgte die Einberufung zur Wehrmacht. 1946 kehrte er aus russischer Gefangenschaft zurück und blieb bis 1950 in der sowjetischen Besatzungszone.
Bereits seit 1947 war er beschattet worden, und am 19.12.1950 wurde er verhaftet. Erwin Jöris wurde vom Obersten Sowjetischen ­Militärgericht zu 25 Jahren verurteilt – im Lager Workuta in Sibirien. Zum Tag seiner Verhaftung sagte er einmal: «Jetzt wusste ich, ich muss tapfer sein. Das war ich auch.»
Es folgten schwere Jahre in Workuta. Mitgefangene berichten aus dieser Zeit, wie Erwin Jöris sie ermutigt hat, durchzuhalten und stark zu bleiben.
1955 setzte Adenauer die Freilassung der deutschen Gefangenen durch.
So stand er wenig später in der Tür und sagte zu seiner Frau: «Da bin ich wieder!» Sie hatte in tiefer Verbundenheit auf ihn gewartet und war sich sicher, dass er wiederkommen würde.
Am 12.12.1955 war er in Ostberlin angekommen, wo er beheimatet war und wohin er zurückkehren musste – und am 14.12.1955 ging es in den Westen, weil Erwin Jöris wuss­te, dass man ihn nicht in Ruhe lassen und wieder abholen würde. Seine mutige Frau ging mit ihm.
In Köln wurde ihnen eine Wohnung vermittelt, in der sie blieben.
Im Jahr 2005 starb Gerda Jöris. Es war ein schwerer Schlag für ihn. Gerda Jöris war eine sehr warmherzige, zugewandte und menschenfreundliche Frau. Sie liebte ihren Mann über alles und stand ihm immer bei. Jeden Tag nahm sie aufs neue Anteil an seinen Erlebnissen.
Erwin Jöris ist ein bewundernswertes Beispiel dafür, dass der Mensch auch in schwierigsten Lebenslagen Freiheit und Würde wehrhaft verteidigen kann. Bei den zahlreichen und schweren Angriffen auf seine körperliche und geistige Unversehrtheit hat er den Kopf nicht eingezogen und keinen Millimeter innerer Substanz verloren.
Seine politischen Überzeugungen hat er als junger gebildeter Kommunist unter Hitler ebenso unerschrocken öffentlich vertreten wie seine Kritik an Russland unter Stalin. Keine Gelegenheit liess er aus, um diktatorische Macht und Ideologie aufzudecken.
Unvoreingenommene, offene und gleichwertige Dialoge zu führen, war ihm im politischen Berlin der Kriegs- und Vorkriegszeit ebenso selbstverständlich wie in der Sowjet­union.
Diesen gleichwertigen Dialog suchte und führte er auch hier am Runden Tisch wie überall.
Oft sagte er: «Mich interessiert nicht, ob einer rechts ist oder links. Mich interessiert, was er sagt.» Sein Interesse am anderen unterlag keinen Schranken.  
Wer Erwin Jöris persönlich kennengelernt hat, erlebte einen Menschen, der trotz der Verfolgungen und Inhaftierungen in totalitären Staaten ein unabhängiger freier Geist geblieben war. Frei und offen sprach er mit allen und war sich selbst und dem politisch Andersdenkenden gegenüber ehrlich. Die Fähigkeit zum offenen und ehrlichen Dialog – auch zu seinem Richter in der Nazi-Zeit – liess ihn schnell und sicher erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Pauschalurteile und oberflächliche Betrachtungen waren ihm fremd. Sein profundes historisches Wissen und die genaue Kenntnis der gegenwärtigen Lage waren Grundlage für die differenzierte politische Analyse – auch der Gegenwart.
In seinem Buch «Ein Leben als Verfolgter unter Hitler und Stalin» schreibt er auf der letzten Seite: «Da ich beide Diktaturen kennengelernt habe, trete ich auch heute noch überall und immer dafür ein, dass weder eine rote noch eine braune Diktatur wiederkehrt. Das ist meine Aufgabe bis zu meinem Ende.»
In Vorträgen und Veröffentlichungen, in Funk und Fernsehen, in persönlichen Gesprächen, in vielen Schulstunden und in seinem Buch kam er dieser Aufgabe nach und mahnte, die gesellschaftliche und politische Entwicklung zu beobachten und rechtzeitig zu handeln.
In den Schulstunden war es faszinierend, wie Schülerinnen und Schüler aller Schulformen ihm zuhörten und mit ihm diskutierten. Sie  waren dankbar dafür, einen Zeitzeugen zu erleben, der als Verfolgter unter Hitler und Stalin unerschrocken für seine Ideale eingetreten war, und sie spürten seinen festen Willen, der sich wie ein roter Faden durch sein Leben zog, in jeder Situation die eigene Freiheit zu verteidigen und für die der anderen zu kämpfen. Viele von ihnen kamen und kommen immer wieder auf Erwin Jöris zurück und erinnern sich.
In der Nähe von Siegen gestalteten Schülerinnen und Schüler, nachdem Erwin Jöris in ihrem Unterricht gewesen war, in Eigen­initiative und in Eigenregie einen Raum in ihrer Schule für Erwin Jöris und dokumentierten darin sein Leben.
Noch wenige Wochen vor seinem Tod besuchte ihn eine Abiturientin und interviewte ihn für ihre Arbeit zum Thema Konzentra­tionslager. Sie war tief beeindruckt von Erwin Jöris’ Lebenseinstellung, davon, wie er ihr trotz der heftigen Angriffe auf seine körperliche und geistige Unversehrtheit immer noch etwas Positives, etwas Ermutigendes schilderte, und sie war beeindruckt von seiner gesamten Verfassung.
Ja, er sah es als seine Aufgabe, bis zu seinem Ende dafür einzutreten, dass eine Diktatur nicht mehr wiederkehrt – und das hat er getan.
Erwin Jöris hinterliess bei der Jugend tiefe Spuren – und auch bei uns.
Wir verabschieden uns heute von unserem Freund Erwin Jöris. Er wird uns sehr fehlen. Sein Wirken, seine Offenheit, seine Gleichwertigkeit im Dialog, sein Einstehen für Freiheit und Demokratie, seine Liebe zur Wahrheit, seine Schärfe im Denken, sein Lebensmut und seine Lebenseinstellung waren und bleiben für uns Vorbild. Wir werden sein Erbe in Ehren halten.
Wir sind dankbar, ihn über viele Jahre erlebt und von ihm gelernt zu haben.

Heidrun Vogel, Teilnehmerin des Runden Tisches, Köln

Zum Tod von Erwin Jöris

Es gibt nicht viele Menschen, die das ganze vergangene Jahrhundert bewusst erlebt und durchlebt haben, die am eigenen Leib erfahren haben, was Krieg und Diktatur bedeuten, die von Hunger und Not und ­politischer Repression geprägt worden sind. Einer von ihnen ist Erwin Jöris, der am 17. November, nur wenige Wochen nach seinem 101. Geburtstag, in Köln verstorben ist.
Erwin Jöris entstammte einer «Proletarier-Familie» und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Unter den gegebenen Umständen ist es nur zu gut verständlich, dass sein Vater Kommunist war. Er glaubte, dass ein kommunistisches System die Lebensverhältnisse in Deutschland verbessern würde. Von seinem Vater beeinflusst, trat Erwin schon frühzeitig dem Kommunistischen Jugendverband bei, in dessen Reihen er in der Weimarer Republik gegen die aufkommenden Nationalsozialisten kämpfte. Als die Nazis die Macht übernommen hatten, wurde Jöris schon bald in ein Konzentrationslager verbracht. Von dort entlassen, schleusten ihn die Genossen in die Sowjet­union, wo er dann mehrere Jahre lebte. Er erkannte aber sehr schnell, dass das Sowjetsystem um keinen Grad besser war als der Nationalsozialismus, weswegen er in den Ural «entsorgt» wurde. Er arbeitete dort in einer Maschinenfabrik. Auf abenteuerlichen Wegen konnte er vor Kriegsbeginn nach Deutschland zurückkehren, wurde im Krieg Soldat, kam in russische Gefangenschaft, kehrte aber unversehrt nach Berlin zurück. 1950 geriet er dann in die Hände des russischen Geheimdienstes. Man beschuldigte ihn der antisowjetischen Propaganda und des «Verrats am Proletariat» und verurteilte ihn zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Wie viele andere Oppositionelle aus der DDR wurde er nach Workuta, 160 km nördlich des Polarkreises, deportiert. ­Andreas Petersen hat dies alles in seinem lesenswerten Buch «Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren» dokumentiert. Auch Zeit-Fragen hat mehrmals über ihn berichtet und noch vor wenigen Jahren hielt er im Rahmen von «Mut zur Ethik» einen mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag. Nach dem Besuch Konrad Adenauers in Moskau wurde er im Herbst 1955 nach Deutschland entlassen.
Wer Erwin im Lager begegnet ist, hat ihn in unvergesslicher Erinnerung. Er haderte nicht mit seinem Schicksal. Trotz der furchtbaren Belastung durch die harte Arbeit, den Hunger und die Trennung von der Heimat, mit der er, wie auch die anderen Deutschen im GULag, keine Verbindung haben durfte, und den Unbilden des Klimas war sein Humor nicht tot zu kriegen. Er behielt seine «Berliner Schnauze», mit der er auch vielen Kameraden trotz der herrschenden Aussichtslosigkeit Mut, Zuversicht und Durchhaltewillen vermittelt hat. Er war ein «guter Kamerad» im reinsten Sinne des Wortes. Da er in den Jahren seines ersten Aufenthaltes in der Sowjet­union russisch gelernt hatte, konnte er auch mit Russen, Ukrainern und den Menschen der vielen anderen Nationalitäten im Lager gut kommunizieren, wobei er jedoch stets standhaft seine Meinung vertreten hat. Er war ein aufrechter Mensch.
Nach der Heimkehr aus dem GULag lebte und arbeitete Erwin Jöris in Köln. Von dort aus blieb er bis zu seinem Tod in Verbindung mit vielen ehemaligen Lagerkameraden, die ihm noch zum 101. Geburtstag am 5. Oktober dieses Jahres gratulieren konnten. Sie alle trauern um ihn, um einen liebenswerten Menschen und einen grossen Zeitzeugen, mit dem zu sprechen stets ein Gewinn gewesen ist.

Prof. Dr. Werner Gumpel