Washington treibt die Welt in den Krieg

von Paul Craig Roberts

Während zwölf Jahren hielt Wa­shington die Vereinigten Staaten von Amerika im Krieg: in Afghanistan, im Irak, in Somalia, Libyen, Pakistan, im Jemen und beinahe in Syrien, was noch immer eintreten könnte, und auch ein Krieg gegen Iran befindet sich auf der Warteliste. Diese Kriege forderten hohe Kosten an Geld, Prestige sowie Toten und Verletzten auf Seiten sowohl der US-Soldaten als auch der angegriffenen Zivilbevölkerungen. Für keinen dieser Kriege scheint es einen zwingenden Grund oder eine vertretbare Erklärung zu geben. Die Kriege waren wichtig für die Profite des Militär- und Sicherheitskomplexes. Die Kriege schufen den Deckmantel für den Aufbau eines Stasi-Polizeistaats in Amerika, und die Kriege dienten Israels Interessen, indem sie Hindernisse für Israels Annektierung der gesamten West Bank und des südlichen Libanon beseitigten.
So teuer und zerstörerisch diese Kriege waren, sie liegen weit unter dem Niveau eines Weltkrieges, geschweige denn dem eines Weltkrieges gegen atomar bewaffnete Gegner.
Der für die Menschheit tödliche Krieg ist der Krieg gegen Russland und China, in den Washington die Vereinigten Staaten von Amerika und seine Marionettenstaaten in der Nato und unter den asiatischen Staaten treibt. Es sind eine Reihe von Faktoren, die zu Washingtons Streben in Richtung des finalen Krieges beitragen, der alles überragende Faktor aber ist die Doktrin der amerikanischen Einzigartigkeit.
Laut dieser selbstgerechten Doktrin ist Amerika das unentbehrliche Land. Das bedeutet soviel wie, dass die USA von der Geschichte dazu auserwählt worden sind, die Vorherrschaft des säkularen «demokratischen Kapitalismus» über die Welt zu errichten. Die Vorrangstellung dieses Ziels stellt die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika über traditionelle Moralvorstellungen und über alles Recht, das eigene wie das internationale.
Dementsprechend wurde niemand in der US-Regierung zur Verantwortung gezogen für grundlose Aggression gegen andere Länder und für den Angriff auf zivile Bevölkerungen – nach Völkerrecht und nach den Nürnberger Prinzipien eindeutige Kriegsverbrechen. Genauso wenig wurde jemand in der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zur Verantwortung gezogen für Folter, ein Verbrechen, das sowohl das US-Recht wie die Genfer Konventionen verbieten. Ebenso wenig  wurde jemand zur Verantwortung gezogen für zahlreiche Verstösse gegen verfassungsmässige Rechte – wie das Abhören ohne Gerichtsbeschluss, Durchsuchungen ohne richterliche Vollmacht, Verstösse gegen Habeas Corpus [dem Recht auf richterliche Haftprüfung], die Ermordung von Bürgern ohne rechtmässiges Verfahren, das Vorenthalten einer rechtlichen Vertretung, die Verurteilung auf Grund geheimgehaltener Beweise. Die Liste ist lang.
Vielleicht wundert sich jemand, was an einer Regierung aussergewöhnlich und unentbehrlich sein soll, die in jeder Beziehung eine Reinkarnation Nazideutschlands darstellt. Menschen, die durch Propaganda zum Glauben gebracht werden, sie seien die Auserkorenen der Welt, verlieren unweigerlich ihre Menschlichkeit. Entsprechend machen sich, wie das von Bradley Manning veröffentlichte Militärvideo zeigt, US-Soldaten ihren Spass daraus, unschuldige Menschen niederzumähen, die in einer Stadt eine Strasse entlanggehen.
Mit Ausnahme von ACLU [American Civil Liberties Union, einer amerikanischen Bürgerrechtsvereinigung], Gruppen für die verfassungsmässigen Rechte und unabhängigen Internetstimmen haben die Amerikaner einschliesslich der christlichen Kirchen die verbrecherische Natur und Unmoral ihrer Regierung mit kaum wahrnehmbarem Protest akzeptiert.
Das Ausbleiben moralischer Verurteilung ermutigt Washington, das nun Russland und China massiv zusetzt, da deren gegenwärtige Regierungen einer Weltherrschaft Washingtons im Wege stehen.
In den 22 Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 hat Washington immer gegen Russland gearbeitet. Unter Verletzung des Reagan-Gorbatschow-Abkommens erweiterte Washington die Nato nach Osteuropa und in die Baltischen Staaten und errichtete militärische Basen an Russlands Grenzen. Washington versucht auch, die Nato auf ehemalige Teile Russlands wie Georgien und die Ukraine auszuweiten.
Beweggrund für Washington, militärische Stützpunkte und Raketenbasen an Russlands Grenzen zu errichten, ist einzig, Russlands Fähigkeit zunichtezumachen, sich der Hegemonie Washingtons zu widersetzen. Russ­land hat keine Drohgebärden gegen seine Nachbarn gerichtet und ist, mit Ausnahme von Russlands Reaktion auf Georgiens Einmarsch in Südossetien, angesichts von US-Provokationen extrem zurückhaltend gewesen.
Das ändert sich jetzt. Angesichts der Änderung der US-Kriegsdoktrin durch das Regime von G.W. Bush, mit der Atomwaffen vom Verteidigungs- und Vergeltungseinsatz zum präemptiven Erstschlag-Einsatz erhoben wurden, verbunden mit dem Aufbau von US-Raketenabwehrbasen an Russlands Grenzen und Washingtons Entwicklung von Waffen mittels neuer Technologien ist der russischen Regierung klar geworden, dass Washington einen vernichtenden Erstschlag gegen Russ­land vorbereitet.
In seiner präsidialen Ansprache vor der Russischen Nationalversammlung (das heisst beide Kammern des Parlaments) vom 12. Dezember sprach Vladimir Putin die offensive militärische Drohung an, die Washington für Russland darstellt. Putin sagte, dass Washington sein Raketenabwehrsystem als defensiv bezeichne, dieses aber «in Wirklichkeit eine wesentliche Komponente des strategischen Offensivpotentials ist», darauf gerichtet, das Gleichgewicht der Kräfte zugunsten ­Washingtons zu verschieben. Nachdem er die Drohung zur Kenntnis genommen hatte, antwortete Putin auf die Drohung: «Niemand soll sich Illusionen machen, er könne die militärische Hoheit über Russland erringen; das werden wir niemals zulassen.»
Konfrontiert mit dem Abwürgen des Abkommens zur Reduktion von Atomwaffen durch das Obama-Regime sagte Putin: «Wir verstehen das alles sehr wohl und wissen genau, was wir zu tun haben.»
Wenn irgend jemand für die Geschichtsschreibung überlebt, dann wird das Obama-Regime als das Regime bekannt sein, das den Kalten Krieg, an dessen Beendigung Präsident Reagan so hart gearbeitet hatte, wieder auferstehen liess und in einen heissen Krieg trieb.
Das Obama-Regime begnügt sich nicht damit, Russland zum Feind zu machen, auch China hat es zum Feind gemacht. Das Obama-­Regime erklärte das Südchinesische Meer zu einem Gebiet «nationaler Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten». Das ist so, als würde China den Golf von Mexiko zu einer Zone des nationalen Sicherheitsinteresses Chinas erklären.
Um klar zu machen, dass der Anspruch auf das Südchinesische Meer nicht rhetorisch gemeint ist, gab das Obama-Regime die Verlagerung seines Schwerpunktes nach Asien bekannt, was eine Verschiebung von 60% der Flotte der Vereinigten Staaten von Amerika in die Einflusssphäre Chinas erforderlich macht. Washington ist fleissig dabei, sich Marine- und Luftwaffenstützpunkte auf den Philippinen, in Südkorea, Vietnam, Australien und Thailand zu sichern. Washington hat die Provokation weiter getrieben, indem es sich mit Chinas Nachbarn zusammenschloss, die Chinas Ansprüche auf einige Inseln und einen erweiterten Luftraum bestreiten.
China liess sich nicht einschüchtern. China forderte eine «Entamerikanisierung der Welt». Letzten Monat gab die chinesische Regierung bekannt, dass sie jetzt über ausreichend Atomwaffen und Trägersysteme verfüge, um die Vereinigten Staaten vom Angesicht der Erde zu fegen. Vor einigen Tagen bedrängte China in aggressiver Weise einen US-Raketenkreuzer im Südchinesischen Meer.
Die militärisch aggressive Haltung, die Washington gegenüber Russland und China eingenommen hat, ist Zeichen der extremen Selbstgewissheit, die üblicherweise im Krieg endet. Man sagt Washington, die technologische Überlegenheit der Vereinigten Staaten könne den Abschuss russischer und chinesischer Raketen verhindern oder diese abfangen, und stellt somit einen präemptiven Angriff der USA als eine todsichere Sache hin. Die potentielle Gefahr, dass Iran zu atomaren Waffen kommt, wird hingegen als so gross bezeichnet, dass ein präemptiver Krieg sofort erforderlich ist und dass ein gewaltiges Ministerium für Homeland Security nötig ist, mit der Begründung, die USA seien durch ein paar staatenlose Moslems gefährdet, die sich eine Atomwaffe aneignen könnten. Es ist eine abnorme Situation, dass russische und chinesische Vergeltungsmassnahmen auf einen Angriff der USA als belanglos betrachtet wird, nicht aber die atomare Bedrohung durch Iran und staatenlose Moslems.
Nicht zufrieden damit, Kriegssignale nach Russland und China zu schicken, hat sich Washington offensichtlich auch dazu entschieden, das Abkommen mit Iran zu torpedieren, indem es neue Sanktionen gegen Unternehmen angekündigt hat, die Geschäfte mit Iran betreiben. Die Iraner verstanden Washingtons Strich durch die Rechnung so wie von Washington wohl beabsichtigt, nämlich als fehlende Bereitschaft Washingtons, das Abkommen einzuhalten, verliessen Genf und kehrten zurück nach Iran. Man wird sehen, ob das Abkommen wiederbelebt werden kann oder ob die Israel-Lobby das Abkommen, das versprach, die Drohung eines Krieges mit Iran abzuwenden, erfolgreich zu Fall gebracht hat.
Amerikanische Bürger scheinen nur wenig – wenn überhaupt – Einfluss auf ihre Regierung zu haben oder auch nur Kenntnis von deren Absichten. Darüber hinaus gibt es keine organisierte Opposition, hinter der sich Amerikaner zusammenschliessen könnten, um Washingtons Drängen auf einen Weltkrieg zu stoppen. Sollte es überhaupt Hoffnung geben, scheint diese bei Washingtons europäischen und asiatischen Marionetten zu liegen. Welche Interessen haben diese Regierungen, die Existenz ihrer Länder für keinen anderen Zweck aufs Spiel zu setzen, als ­Washington zu helfen, die Herrschaft über die Welt zu erlangen? Können sie nicht sehen, dass Washingtons Spiel für sie nur tödlich ausgehen kann?
Schon Deutschland allein könnte die Welt vor Krieg bewahren und gleichzeitig seinen eigenen Interessen dienen. Alles, was Deutschland zu tun hat, ist aus EU und Nato auszutreten. Die Allianz würde in sich zusammenbrechen, und ihr Fall würde Washingtons Hegemoniestreben ein für allemal beenden.    •

Quelle: www.paulcraigroberts.org/2013/12/14/washington-drives-world-toward-war-paul-craig-roberts/print/.
(Übersetzung Zeit-Fragen)