Der Schacher um das Upstream- und das Downstream-Geschäft

Bundesrat Willy Spühler warnte 1965 vor dem Oligopol der Grosskonzerne

ts. Die grossen Erdölkonzerne unterscheiden zwei Geschäftsbereiche: Upstream und Downstream. Stream, zu deutsch Fluss, meint den virtuellen Erdölfluss vom Bohrloch zum Konsumenten. Upstream bedeutet «oben am Fluss» und beinhaltet die eigentliche Suche nach Erdölfeldern und die Förderung aus dem Bohrloch. Downstream, «unten am Fluss», umfasst das Verladen des Rohstoffs auf Tanker, den Transport durch Pipelines zu den Raffinerien, aber auch die Veredelung des Öls und den Endtransport zu den Kunden.

Erdölraffinerien – ein Privileg der Grosskonzerne

2010 gab es weltweit 660 Raffinerien, die zum Teil auf verschiedene Produkte spezialisiert sind. Die Verarbeitung vollzieht sich in 50 Meter hohen Behältern, welche mit dem angelieferten Rohöl gefüllt werden. Die Trennung des Öls zu verschiedenen Produkten wird durch Aufheizen der ganzen Masse erreicht, wobei es unten am heissesten ist. Die verschiedenen Siedepunkte führen dann zur Trennung der Produkte: Zuoberst im Behälter ist es am kältesten, hier werden noch 20 bis 150 Grad erreicht: Dabei entstehen Gas und Benzin. Bei 200 Grad lässt sich Kerosin entnehmen, bei 300 Grad Diesel und leichtes Heizöl, bei 370 Grad Schweröle, bei 400 Grad schwere Schmieröle und Bitumen. So lässt sich aus einem Fass Rohöl zu 25 Prozent Benzin, je zu 20 Prozent Diesel und leichtes Heizöl gewinnen, den Rest bilden dann die Schmierstoffe, Bitumen und Gas.
Die grossen oder sogenannt «integrierten» Erdölkonzerne wie Shell, BP, Exxon Mobil, Chevron Texaco und Total decken den Up- und Downstream-Bereich ab. John D. ­Rockefeller wusste schon, dass solche Monopole enormen Profit abwarfen. So kaufte er im 19. Jahrhundert in den USA fast alle Raffinerien auf. Verkaufsunwillige wurden mit Dumpingpreisen ruiniert.
In Deutschland wiederum waren bis Anfang der 1930er Jahre nur Raffinerien in Betrieb, die Zwischenprodukte verarbeiten konnten. Die Verarbeitung von Rohöl war das Privileg der Grosskonzerne.
In der EU bestehen heute etwa 100 Raffinerien, mindestens eine pro EU-Mitglied, mit der Ausnahme von Luxemburg. Die Mehrzahl befindet sich aber in Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Der grösste Teil wird nicht etwa von einheimischen Firmen, sondern von den internationalen Konzernen kontrolliert. Ein Sachverhalt, der die Souveränitätsfrage aufwirft – wenn man in der EU der Konzernherren und den Nato-Mitgliedstaaten überhaupt noch von nationaler Souveränität sprechen kann!

Collombey: «Schweizer» Raffinerie von ENI gegründet …

Wie kommt nun die Schweiz zu ihren diversen Rohölprodukten? Im Jahre 2010 wurden zwei Drittel des gesamten Erdölimports in Form von Fertigprodukten eingeführt, ein Drittel als Rohöl, welches in den beiden in der Schweiz beheimateten Raffinerien von Collombey (VS) und Cressier (NE) verarbeitet werden.
Im Jahre 1960 kontrollierten Esso, Shell und BP Switzerland je 17 Prozent des Importes in die Schweiz. Der Verband von Schweizer Importeuren, zusammengeschlossen im 1931 gegründeten Verband mit Namen AVIA, 11 Prozent, die französische Firma Total 5 Prozent und Migrol, die Migros-Tochter, 2 Prozent.
1963 baute der später wohl ermordete
Enrico Mattei von ENI in Collombey eine Raffinerie für seine Pipeline. Da für das Schweröl in der Schweiz kein Bedarf vorhanden war, liess er ein thermisches Kraftwerk zur Erzeugung von Strom errichten. Wegen Umweltbedenken auf 450 Metern über dem Talboden angelegt, wurde das Kraftwerk Chavalon mit einer Pipeline versorgt – 1999 dann muss­te es geschlossen werden, da die Ölpreise zu hoch waren und den Betrieb unrentabel werden liessen. Die grossen Konzerne Esso, BP und Shell gingen Mitte der 60er Jahre nach anfänglichem Murren zu einem offenen und harten Preiskampf gegen ENI über, um Collombey zu eliminieren. Der Hilferuf von ENI Richtung Bundesrat blieb aber ungehört.

… und von Grosskonzernen mittels Preiskrieg gekapert

In dieser schwierigen Situation suchte ENI Hilfe bei der Sowjetunion. Ein unerhörter Vorgang, befand sich die Welt doch mitten im Kalten Krieg. Mattei wurde erhört: 1965 gewährte Leonid Breschnew die Lieferung von billigem Öl, so dass die Preise den US- und britischen Konzerne unterboten werden konnten. Leider konnte die Chance nicht auch für ein politisches Tauwetter zur Aufweichung der starren Fronten zwischen Ost und West genutzt werden. In der Schweiz wuchs die Angst vor dem «roten Öl». Lediglich der «Vorwärts» hielt dagegen und zeigte auch die Abhängigkeit von West-Konzernen auf. Diese Position war aber im damaligen Umfeld nicht mehrheitsfähig. Und ENI? Am 1. Juni 1966 musste der italienische Konzern im Preiskampf kapitulieren. Die lachenden Sieger erbten nun die Raffinierie Collombey: Esso übernahm 35 Prozent, BP 22 Prozent, AGIP, eine Tochtergesellschaft von ENI, hielt nur noch 20 Prozent.
Zur Kritik von Seiten des «Vorwärts» gesellte sich nun auch die Migros mit ihrem Gründer Gottlieb Duttweiler: Richtig wiesen sie darauf hin, dass die Preise nach Ausschaltung der Konkurrenz wieder steigen würden!
Längerfristig erwies sich die Raffinerie in Collombey aber als unrentabel, weshalb sie von Esso an Total verkauft wurde, um von jener im Jahre 1990 wiederum an die staatliche libysche Erdölgesellschaft National Oil Corporation NOC veräussert zu werden. NOC schuf den Markennamen Tamoil Suisse und investierte etwa eine Milliarde Franken in Collombey. Gleichzeitig wurde ein Netz von 300 Tankstellen in der Schweiz und deren 400 in Deutschland aufgebaut.

Auch Migros muss vor Grosskonzernen kapitulieren

In den 1950er Jahren stieg die Migros von Gottlieb Duttweiler in den Downstreammarkt ein. Die Genossenschaft, welche fast eine «En-gros»-, eben eine «Mi-gros»-Preispolitik betrieb, verfügte bereits über einen reichen Schatz an Erfahrung im Unterbieten von Preisen.
Und so wurde 1954 unter dem Namen Migrol die erste Tankstelle der Migros gegründet. Ihre Tiefpreispolitik führte zu einem eigentlichen Benzin-Krieg, da die Konzerne ihre Preise ebenfalls zu senken begannen. Der Versuch der Migros, im Upstream-Geschäft Fuss zu fassen, scheiterte dann allerdings. Zwar war die nun gegründete Migros-Raffinerie in Emden weltweit die erste Raffinerie, die nicht Grosskonzernen gehörte. Das Öl wurde aus Iran mit eigenen Tankschiffen geholt, wobei das Gerücht die Runde machte, die Briten würden diese wohl versenken. Obwohl dies nicht geschah, musste die defizitäre Raffinerie in Emden 1965 verkauft werden. Im weiteren Verlauf beschränkte sich die Migros auf das Downstream-Geschäft, blieb aber bei ihrer Kritik an der Preispolitik der Grosskonzerne.
Die Raffinerie Cressier und die Warnung des Bundesrates vor Oligopolen
Am 24. Mai 1966 wurde die von Shell Switzerland und Gulf Oil Switzerland gebaute Raffinerie Cressier (NE) eingeweiht. Damit hatte die Schweiz eine zweite Raffinerie, die überdies über den grössten Privatbahnhof des Landes verfügte. Cressier wurde durch einen Abzweiger der SEPL-Pipeline erschlossen, den Oléduc du Jura, der von Besançon über die Vue des Alpes nach Cressier führte.
Durch den Betrieb der beiden Raffinerien erlebte die Schweiz einen wahren Erdölrausch. Wurden 1959 noch 3 Millionen Tonnen pro Jahr importiert und damit 47 Prozent des Energiekonsums der Schweiz abgedeckt, so waren es 1967 schon 9 Millionen Tonnen und eine Abdeckung von 72 Prozent, und 1970 dann bereits 13 Millionen Tonnen und 78 Prozent.
Doch die Freude hielt sich in Grenzen, wusste man doch um die Gefahr der Abhängigkeit. So warnte Bundesrat Spühler vor dem Oligopol der Grosskonzerne. Dagegen würden nur Importe von Fertigprodukten helfen, um die so entstandene Abhängigkeit zu diversifizieren.
Im Mai 2000 wurde dann Cressier wegen knappen Margen von Shell Switzerland verkauft. Die Firma Petroplus, die zum Teil von den Bermudas aus operierte, kaufte zu der Zeit in ganz Europa Raffinerien auf, bis sie schliesslich im Januar 2012 Konkurs ging. Abläufe, um die sich die Bevölkerung eines Landes, welches souverän bleiben will, vermehrt kümmern müsste. Wer will schon ener­getisch zentrale Produkte von dubiosen Finanzkonglomeraten beziehen müssen? Auch dies ein gewichtiges Argument für die Energiewende!     •

«Petro Suisse» hätte direkt mit ölproduzierenden Ländern handeln wollen

ts. Im Jahre 1931 schlossen sich die Schweizer Importeure von Erdöl in einem Verband zusammen, um gegen die «sieben Schwestern», die grossen sieben damals marktbeherrschenden multinationalen Ölkonzerne, besser aufgestellt zu sein. Sie nannten den Verband AVIA, in Anlehnung an den Begriff Aviatik, weil auch Flugpetrol gehandelt wurde. Bis heute hat AVIA 85 Mitglieder (KMU), 3 000 Tankstellen in 14 europäischen Ländern, 700 alleine in der Schweiz.
Da AVIA aber in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Gründung lediglich im Downstream-Geschäft tätig war, bestand eine klare Abhängigkeit von den Integrierten Erdölkonzernen. Was lag also näher, als eine eigene Schweizer Erdölgesellschaft zu gründen, die wie die grossen Konzerne auch den Upstream-Geschäftsbereich integrieren würde. Man hätte so direkte Verhandlungen mit den Produzentenländern führen und alles in eigenen Händen behalten können, vom Tanker bis zur Raffinerie und zur Tankstelle. So gab es 1972 Vorstösse im Parlament und erst recht nach der Krise von 1973. Auch der Name war schon gefunden worden: Die integrierte Schweizer Erdölfirma hätte «Petro Suisse» heissen sollen. Der Bundesrat stand dem Ansinnen positiv gegenüber, war er doch äusserst besorgt um die Energieautarkie des Landes. Bundesrat Ernst Brugger hielt fest, dass Erdöl zunehmend als politische Waffe eingesetzt werde. Doch nach gründlicher Auseinandersetzung mit der Materie muss­te er folgenden Schluss ziehen: Leider sei das Anliegen schlicht nicht finanzierbar. Und: Das Ölproblem sei eines der schwierigsten und heikelsten Geschäfte, welches man sich überhaupt vorstellen könne. (Vgl. Ganser, S. 163ff.)