Die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie allen zugänglich machen

Zum Wirken des Psychologen Friedrich Liebling

«Menschenliebe ist das Wesen der
Sittlichkeit, Menschenkenntnis das
Wesen der Weisheit.»
                                   Konfuzius

Friedrich Liebling (1893–1982) war ein Psychologe aus der Wiener Schule für Tiefenpsychologie. Er hatte in Zürich unter dem Namen «Psychologische Lehr- und Beratungsstelle» eine psychologische Praxis und tiefenpsychologische Schule aufgebaut, die er bis zu seinem Tod persönlich leitete. In seiner theoretischen Ausrichtung knüpfte Friedrich Liebling an das psychologisch Bewährte der Individualpsychologie Al­fred Adlers, der Neopsychoanalyse und der Entwicklungspsychologie an. Er entwickelte kein geschlossenes Lehrgebäude, sondern verfolgte die tiefenpsychologische Forschung seiner Zeit und bezog sie in seine Arbeit ein.
Friedrich Liebling ergänzte das tiefenpsychologische Einzelgespräch durch die Möglichkeit des therapeutischen Gruppengesprächs und begann zugleich, in Kursen und Seminarien psychologische Erkenntnisse zu vermitteln. Er schuf eine eigentliche Schule für Lebensfragen, die jedem Interessierten Gelegenheit bot, sich ein vertieftes Verständnis für das Wesen des Menschen und einen Einblick in psychologische Zusammenhänge zu verschaffen. Das Anliegen Friedrich Lieblings war, die Erkenntnisse der modernen Psychologie über den engen Kreis der Fachwelt hinaus einem breiteren Kreis von Menschen zugänglich zu machen.
So bot sich dem Einzelnen an der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle die Möglichkeit, entsprechend seinen Interessen oder seiner individuellen Lebensproblematik psychologische Einzelgespräche in Anspruch zu nehmen, an analytisch geführten Gruppengesprächen teilzunehmen oder Veranstaltungen zur allgemeinen psychologischen Weiterbildung zu besuchen. Es zeigte sich bald, dass diese Möglichkeit einem echten Bedürfnis vieler Menschen entsprach und sie die Gelegenheit zu psychologischer Weiterbildung, die ihnen einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenssituation erlaubt, sehr schätzten: Der Einzelne kommt so in die Lage, psychologische Sachverhalte anhand der konkreten Lebensrealität selbst nachzuvollziehen und zu überprüfen.
Die Verbindung von psychologischer Beratung und psychologischer Weiterbildung – bei der dem Einzelnen stets freigestellt ist, was er wann und wie oft in Anspruch nehmen möchte – entspricht der individualpsychologischen Auffassung vom Menschen: Der Mensch ist ein Wesen, das im zwischenmenschlichen Bezug steht; er ist grundsätzlich fähig zu Vernunft und in der Lage, Werte zu setzen; er vermag, eine Ethik zu entwickeln und sowohl für sein eigenes Leben wie auch für das Zusammenleben zu unterscheiden zwischen bekömmlichen und abträglichen, gesunden und kranken, positiven und negativen Werten und Tendenzen im Leben. Der Mensch ist daher grundsätzlich auch in der Lage, Wissen und Erkenntnisse über sich selbst und seine Mitmenschen für sein eigenes Leben sinnvoll einzubeziehen.    •

Quelle: Gestatten … VPM. Herausgeber: Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis Zürich, Zürich 1993, S. 25f.