Tiefenpsychologische Menschenkenntnis

von Friedrich Liebling

Die tiefenpsychologische Menschenkenntnis, hervorgewachsen aus der psychotherapeutischen Praxis, stellt sich grundsätzlich auf den Standpunkt, dass seelisches Fremdverstehen im wesentlichen auf Intuition beruhen muss. Alle mechanischen oder statistischen Hilfsmittel wie etwa Tests bringen die Gefahr mit sich, dass die Beurteilung des Menschen an Oberflächlichkeiten haften bleibt; das Verlockende jeder schematisierenden Menschenkenntnis besteht darin, dass der Beurteilende hierbei die eigene Persönlichkeit nicht in die Waagschale werfen muss, sondern mitunter mehr oder minder unbeteiligt «an der Tabelle» die Wesensart des Mitmenschen ablesen zu können glaubt. Menschenkenntnis im Sinne der Tiefenpsychologie wird als eine Form des Verstehens gedeutet, welches zur menschlichen Natur gehört und die eigentliche Grundlage von Freundschaft, Liebe, Zusammenarbeit, Miteinanderreden usw. ist. Die psychologische Forschung stellt dieser Intuition, die durch Lebenserfahrung, praktische Übung und Zuneigung zu den Menschen sehr verfeinert werden kann, ein wissenschaftlich gesichertes Fundament zur Verfügung. Neben dem Verhalten des Menschen in Mimik, Gestik, Sprechweise usw. wird vor allem auf das Lebensverhalten Bezug genommen, nämlich die Art und Weise, wie einer zu sich selbst (Selbsteinschätzung) und den Mitmenschen (Kontaktfähigkeit) steht. Dies lässt sich deutlich aus dem psychologisch interpretierten Lebenslauf ablesen – man kann hierbei die Frage nach der «Gangart» eines Menschen aufwerfen und dabei abklären, wie einer sein Leben im Rahmen der mitmenschlichen Welt aufgebaut hat und wo und an welchen Problemen er gescheitert ist. Sorgfältiges Studium derartiger Reaktionen basiert auf dem theoretischen Hintergrund des Postu­lates der Einheit der Persönlichkeit; oberflächliche Zwiespältigkeiten und Paradoxien erweisen sich häufig als Teilstücke eines einheitlichen (und unbewussten) Lebensplanes, welcher der Lebensgestaltung zugrunde liegt. In der tiefenpsychologischen Menschenkenntnis liegt immer auch ein ethischer Faktor, indem man andere Menschen nur so weit verstehen kann, als man sie liebt, und man liebt besser, je besser man versteht.    •

Quelle: Auszug aus: Friedrich Liebling. Tiefenpsychologische Menschenkenntnis. In: Menschenkenntnis. Die Anwendung der Tiefenpsychologie auf die Probleme des Alltagslebens. Schriftenreihe der Zeitschrift Psychologische Menschenkenntnis,
Bd. I. Zürich 1965