Wir nehmen Abschied von Dr. phil. Annemarie Buchholz-Kaiser (1939–2014)

«Schwer ist es, die rechte Mitte zu treffen:
das Herz zu härten für das Leben,
es weich zu halten für das Lieben»


                                   Jeremias Gotthelf

«Die Würde des Menschen ist kein Automatismus, sie fällt nicht fertig vom Himmel, ist keine aussermenschliche Entität, sondern sie muss im menschlichen Zusammenleben gelegt, gestärkt, gefördert, stets erneuert und weitergetragen werden: Sie muss gelebt und so für die Kinder und Jugendlichen emotional fassbar werden. Damit sie als ein Essential des menschlichen Lebens geschützt ist, muss sie aber auch in der Verfassung der Länder und in internationalen Konventionen unumstösslich verankert sein.»

                                                                                                      Annemarie Buchholz-Kaiser. Die Menschen stärken, Zürich 2000

Mit grosser Dankbarkeit und Hochachtung nehmen wir Abschied von Frau Dr. Annemarie Buchholz-Kaiser. Mit grossem Weitblick und gelebter Mitmenschlichkeit begründete sie vor mehr als 20 Jahren die Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik», die sie seither über die gesamte Zeit hinaus weiterentwickelt hat.
Dieses internationale Forum regte sie 1993 angesichts der zunehmenden Wertezersetzung in fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens an. In der Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik» haben sich seither viele werterhaltende Organisationen, Initiativen und Persönlichkeiten aus der ganzen Welt zusammengefunden.
Wissenschaftler und Experten verschiedenster Disziplinen sowie Vertreter der christlichen Kirchen wirken mit, die Grundlagen einer humanen Ethik wiederzubeleben, zu stärken und fruchtbar zu machen. Annemarie Buchholz-Kaiser verstand es, Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, aus unterschiedlichsten politischen und weltanschaulichen Richtungen, an einem Tisch in einen echten Dialog zu bringen – eine anspruchsvolle Aufgabe, die überall in der Welt ansteht. Grundlegendes ethisches Prinzip war dabei, in den Gemeinsamkeiten zusammenzuarbeiten, sofern diese auf der Grundlage des freiheitlichen Rechtsstaates und der naturrechtlich begründeten Werte beruhen, sich aber in den kleinen bis mittleren Unterschieden leben zu lassen. Die Frucht dieser Gespräche kam in den verschiedenen Ländern durch konkrete Projekte vielen Menschen zugute. Unter der Anleitung von Annemarie Buchholz-Kaiser wurde jeder Kongress zu einem Baustein für mehr soziale Verbundenheit und ein freundschaftliches und friedliches Zusammenleben von Völkern und Kulturen. Auch das Wohl von Familie und Jugend zu sichern, war ihr ein Herzensanliegen. Jeder Teilnehmer kann – gestärkt durch die gemeinsame Arbeit und den Austausch über die Ländergrenzen hinweg – seinen Beitrag zum Gemeinwohl, dem Bonum commune, leisten: für den Schutz von Jugend und Familie, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für die Stärkung des Völkerrechts, für einen gerechten und sicheren Frieden.
Massstab ihres Handelns war immer die Würde des Menschen. So schrieb sie im Jahr 2000: «Die Würde des Menschen ist kein Automatismus, sie fällt nicht fertig vom Himmel, ist keine aussermenschliche Entität, sondern sie muss im menschlichen Zusammenleben gelegt, gestärkt, gefördert, stets erneuert und weitergetragen werden: Sie muss gelebt und so für die Kinder und Jugendlichen emotional fassbar werden. Damit sie als ein Essential des menschlichen Lebens geschützt ist, muss sie aber auch in der Verfassung der Länder und in internationalen Konventionen unumstösslich verankert sein.»
In diesem Sinne werden wir das Werk dieser grossen Humanistin in ehrender Erinnerung fortführen.

Für die Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik» Dr. Eva-Maria Föllmer-Müller

«Annemarie Buchholz lebt in unseren Herzen weiter»

Liebe Trauerfamilie,
Liebe Trauergemeinde


Zuerst möchte ich persönlich und im Namen des Vorstandes der Genossenschaft Zeit-Fragen meine tiefste Anteilnahme ausdrücken.
Mit dem Tod von Frau Dr. Annemarie Buchholz-Kaiser ist eine grosse Lücke entstanden. Wir sind sehr traurig.
Annemarie Buchholz hinterlässt aber auch ein sehr kostbares Lebenswerk, zu dem wir Sorge tragen müssen.
Es wird nun unsere Aufgabe sein, ihren unermüdlichen Einsatz für mehr Menschlichkeit, soziale Verbundenheit und Frieden in der Welt fortzusetzen.
Ich denke, sie war uns Vorbild und hat uns auch auf diese Aufgabe sehr gut vorbereitet.  
Frau Annemarie Buchholz-Kaiser war für mich immer so etwas wie ein Kompass. Wenn notwendig, hat sie uns auch ein Stück weit auf unserem Weg begleitet – aber laufen mussten wir immer selber.
Der Kompass bleibt, den Weg aber müssen wir nun selbständig gehen – verbunden und in Eigenverantwortung.
Als Präsident der Genossenschaft Zeit-Fragen sage ich auch danke.
Und zwar danke, dass Frau Dr. Buchholz- Kaiser mit Blick auf die aktuellen und zukünftigen politischen Auseinandersetzungen im In- und Ausland die Herausgabe einer eigenen Zeitung massgeblich vorangetrieben hat.
Mit unseren Zeitungen: Zeit-Fragen, Horizons et débats, Current Concerns und Discorso libero können wir heute unseren Beitrag leisten:
–    für die freie Meinungsbildung
–    mehr soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden in der Welt.
Danke für alles, was wir gemeinsam erleben und entwickeln durften.
Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Äcker, die Annemarie Buchholz-Kaiser bestellt hat, Früchte bringen und die Felder weiter blühen werden.
Annemarie Buchholz lebt in unseren Herzen weiter – möge sie in Frieden ruhen.

Reinhard Koradi
Präsident Genossenschaft Zeit-Fragen

«Mit den Augen des andern sehen,
mit den Ohren des andern hören,
mit dem Herzen des anderen fühlen.»

                                      Alfred Adler

«Stärkere soziale Durchbildung der Persönlichkeit, mehr Anteilnahme als ureigenstes Anliegen zu ent-
wickeln, dazu ist nur ein eigenständiges und freies Individuum in der Lage. Freiheit ist dabei ‹conditio
sine qua non›, das heisst unerlässliche Voraussetzung, ohne die es nicht geht. Die Annäherung an dieses
Ziel der Persönlichkeitsbildung ist Inhalt des psychotherapeutischen Prozesses. Diese Persönlichkeits-
bildung entsteht aber nicht von selbst, sondern nur, indem wir sie entwickeln, sie leben, indem wir sie
tun: Das ist individualpsychologische Ethik und Moral.»

Annemarie Buchholz-Kaiser, Standortbestimmung zum Jahresbeginn 1989,
in: Jahresbericht des Vereins zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, 1988

Wir verlieren in Annemarie Buchholz-Kaiser ein langjähriges Mitglied des Stiftungsrates. Als Gründungsmitglied hat sie in den 40 Jahren des Bestehens unserer Stiftung stets mit Sorgfalt, Umsicht und Weitblick gewirkt und die Tätigkeit der Stiftung massgeblich mitgestaltet. Als international angesehene Psychologin, Psychotherapeutin und Historikerin hat sie die personalen Ansätze zum Verständnis des Menschen und des psychotherapeutischen Prozesses wegweisend weiterentwickelt und im Sinne des Stiftungszweckes Grosses geleistet. Ihre Mitmenschlichkeit, ihr Eintreten für die Würde des Menschen, verbunden mit ihrem grossen fachlichen Wissen, werden weiterhin Grundlage unseres Wirkens sein.

Stiftung Psychologische Lehr- und Beratungsstelle, Kirchberg SG
Für den Stiftungsrat
Dr. med. Jürg Aeschlimann, Präsident

«Indem [der einzelne Mensch] sich in diesen
Strom der Entwicklung einlebt und aktiv gestal-
tend zum Wohle der Allgemeinheit daran teil-
nimmt, gibt er seinem Leben einen über sein
persönliches Dasein hinausgreifenden Sinn und
ist durch seinen Beitrag für die Nachwelt von
Bedeutung.»

                                   Annemarie Kaiser, 1981

Als Psychologin besass sie die seltene Gabe eines Einfühlungsvermögens, das den einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit erfasste. Ihr Ziel dabei war stets, den Menschen zu stärken und die Sachen zu klären. Als Historikerin verknüpfte sie die Vergangenheit mit der Gegenwart, erhellte Zusammenhänge und bewies einen Weitblick, der Horizonte öffnete und das aktive Tun förderte. Ihr unermüdliches Wirken galt immer einer friedlichen und gerechten Welt wider alle Anfeindungen und Verleumdungen.
Wir verlieren einen wunderbaren Menschen und eine Freundin, die uns sehr fehlen wird. Die Gründung unseres Forschungsinstituts hat sie angeregt. Wir werden ihr Erbe weitertragen.

Elfy und René Roca,
Forschungsinstitut direkte Demokratie
Rüslerstrasse 37
5452 Oberrohrdorf-Staretschwil