«Zu aller wissenschaftlichen Arbeit gehört Entsagung und geistige Redlichkeit»

Das Gesetz in der Geschichte

von J. R. von Salis*

Der Begriff des Gesetzes droht die Geistes- und Sozialwissenschaften vor sich selbst bloss­zustellen. Mit grosser Offenheit bekannte Jacob Burckhardt: «Die Geschichte ist ja überhaupt die unwissenschaftlichste aller Wissenschaften, nur dass sie viel Wissenswürdiges überliefert.»
Vielleicht lässt sich das Verhältnis der Geschichts- zur Naturwissenschaft am besten aus dem Gegensatz zur theoretischen Physik ableiten. Markus Fierz schreibt in seiner Abhandlung «Über das Wesen der Theoretischen Physik»: «Theoretische Physik können wir als eine Wissenschaft auffassen, deren Ziel es ist, in einer mathematischen Struktur ein Abbild der Welt zu entwerfen … Sicher ist die Physik eine Erfahrungswissenschaft, die sich auf Experimente stützt … Grundsätzlich handelt die Physik gerade von dem, was nicht einzigartig ist. Wir können auch sagen: die Physik betrachtet die Erscheinungen nur, insofern sie nicht einzigartig sind … Aber eben dies, was den Einzelvorgang auszeichnet, gilt als unwesentlich, und man nimmt an, es sei möglich, aus den einzelnen Experimenten einen allgemeinen reproduzierbaren Vorgang zu abstrahieren … Der zwingende Charakter der entscheidenden Schritte führt uns zum Glauben, die abstrakte und künstliche Welt, welche die Physik aufbaut, sei ein Spiegelbild von etwas Wirklichem. Es fehlt ihr freilich jener einmalige unwiederbringliche Zauber des wirklichen Lebens.»1
Und nun die Umkehrung. Die geschichtliche Wirklichkeit erträgt keine mathematische Struktur. Sie kann nicht im Experiment repro­duziert werden. Das Einzigartige und Besondere ist Gegenstand der Geschichtsforschung. Der Einzelvorgang wird als wesentlich be­trachtet, und er ist nicht wiederholbar. Die Welt der Geschichte setzt der reinen Begriffsbildung starken Widerstand entgegen. Die Wissen­schaft von der Geschichte handelt vom Einmalig-Wirklichen, das bereits geschehen ist. Ihre Objektivierung führt nicht zu einem ab­strakten und künstlichen, sondern zu einem konkreten und anschau­lichen Bild der Wirklichkeit. Daher die Frage nach der Wissenschaft­lichkeit der Geschichte. Es heisst: de particularibus non est scientia – es gibt keine Wissenschaft von den Besonderheiten. – Oder doch?
Wir wissen, dass sowohl von der theoretischen Physik als auch von der Geschichte Wege zur Philosophie, das heisst zum Weltverständnis, führen. Es ist wieder Burckhardt, der die Fragwürdigkeit der Geschichtsphilosophie behauptet hat. «Die Geschichtsphilosophen», sagt er, «betrachten das Vergangene als Gegensatz und Vorstufe zu uns; – wir betrachten das sich Wiederholende, Konstante, Typische als ein in uns Anklingendes und Verständliches.» Wer sind «wir»? Offenbar die Historiker oder doch solche, die mit einer philosophischen Fragestellung, mit der Frage nach dem Selbstverständnis der Geschichte, an die Geschichte herantreten. Es scheint, dass Burckhardt ein Geschichtsphilosoph wider Willen war, denn auch er hat, allerdings auf induktivem Weg, eine Geschichtsphilosophie entworfen. Wenn er fragt, was sich wiederhole, was konstant, was typisch sei, dringt er zur Abstraktion des historischen Weltbildes vor. Auf Grund eines enormen, von der Forschung beigetragenen, kritisch gesichteten Materials stellt sich also doch die Frage, wenn nicht nach «dem» Gesetz der Geschichte, so doch nach gesetzmässigen oder zumindest regulären Abläufen. Irgendwo, ahnt man, sind determinierende Faktoren am Werk, die uns zu diesen Fragen, was sich wiederhole, was konstant und was typisch sei, führen.
Wir erkennen zunächst drei Punkte, die ich thesenartig folgendermassen formulieren möchte:
I. Das geschichtliche Geschehen ist dem Gesetz der unaufhaltsamen und fortwährenden Veränderung unterworfen. Dieser Wandel der menschlichen Dinge ist das eigentliche Objekt der historischen Wahrheitsfindung.
II. Es sind geschichtsbildende Kräfte am Werk, die die typischen historischen Erscheinungen hervorbringen: Lebensformen, Gesellschaftsstrukturen, Staaten, Religionen, Kulturen, wirtschaftliche und soziale Mächte, Sitten, Rechtsinstitute. (Nach Punkt I sind diese Erscheinungen der fortwährenden Veränderung unterworfen.)
III. Wir vermuten Gesetze der Entwicklung oder zumindest der Veränderung der historisch gewordenen Erscheinungen, des Niedergangs und Zerfalls, auch des Einbruchs gewaltsamer Vorgänge wie Krieg und Revolution, die sowohl zerstören als auch Energien freilegen, ferner der Erneuerung und des Aufstiegs, die zur Ausbildung neuer Erscheinungsformen führen.
Bei diesen drei Thesen handelt es sich nicht um Gesetze im Sinne der Naturwissenschaft, aber doch um objektiv feststellbare, typische Vorgänge, an denen wir den Gegenstand der wissenschaftlichen For­schung abwandeln können.
Die historische Wahrheitsfindung geschieht auf zwei Stufen:
1. Die Erforschung von Tatbeständen auf Grund des Quellen­materials. Das ist Geschichte als Dokumentensammlung und Quellen­kritik. Man könnte sie mit der Arbeit des Untersuchungsrichters ver­gleichen, der nicht zu urteilen, sondern lediglich dem Gericht den auf Fakten und Indizien beruhenden Ablauf der dem Prozess zugrunde liegenden Vorgänge aktenkundig zu machen hat. Es handelt sich um ein sauberes «exposé des faits», das sich auf Tatsachen und eine hinlänglich gesicherte Rekonstruktion der Vorgänge stützt, wobei die Indizien und die Vermutungen als solche zu kennzeichnen sind.
2. Der Versuch, durch methodisches Denken die Begriffe heraus­zuarbeiten, nach denen die erforschten und quellenmässig festgestellten Tatbestände beurteilt werden müssen. Erst durch diese Denkarbeit wird Geschichte als verstehende und urteilende Interpretation möglich.
Es sei zugegeben, dass die Fähigkeit, das Beobachtete und Fest­gestellte zu klassifizieren und zu systematisieren – eine Fähigkeit, die in den Naturwissenschaften hervorragend ausgebildet ist –, in der Geschichtswissenschaft nur geringe Fortschritte gemacht hat. Be­denken wir, dass am gleichen Baum keine zwei Blätter identisch sind; das verhinderte die Botaniker nicht, die Bäume als Arten zu klassifi­zieren. Mehrere ähnliche, aber nicht identische historische Fakten, dürfen wir theoretisch behaupten, gehören der gleichen Art histori­scher Vorgänge an. In neuerer Zeit sind denn auch unter dem etwas unbestimmten Kennwort «Soziologie» Fortschritte auf dem Wege zu einer methodisch vertretbaren Typisierung und Klassifizierung der gesellschaftlichen Erscheinungen erzielt worden. Jede gesell­schaftliche Erscheinung ist aber das Ergebnis eines historischen Vor­gangs und als solches ein Gegenstand historischer Wahrheitsfindung.
Warum erlangen aber die allgemeinverbindlichen Begriffe, Defini­tionen und Konventionen, ohne die in der Wissenschaft keine Klassi­fizierung und keine Systematik möglich ist, nicht den Consensus der Historiker? Zweifellos weil es ihnen schwerfällt, sich über die Qualität der Erscheinungen einig zu werden. Denn man hat es in der Geschichte mit qualitativen Erscheinungen, mit andern Worten mit Werten zu tun. Wir können die historischen Erscheinungen nicht wägen und nicht messen; die Statistik liefert nur Hilfsstellungen – das ist in der Nationalökonomie nicht anders –, und sobald es sich darum handelt, Statistiken zu interpretieren, scheiden sich die Geister von neuem an der verschiedenen Beurteilung des Qualitätsgehaltes des statistisch erfassten Materials.
Mit andern Worten kommen bei der qualitativen Einstufung und Beurteilung von geschichtlichen Tatbeständen, selbst bei grosser geistiger Selbstdisziplin, das Weltbild, die Gesinnung, das Gefühl des Betrachters mit ins Spiel. Wichtig ist, dass der Historiker nicht nur seinen Quellen, sondern auch sich selbst gegenüber stets kritisch bleibt; er muss trachten, Klarheit über die Beweggründe seines eigenen historischen Denkens und Urteilens zu erlangen; er muss lernen, über sein eigenes historisches Denken nachzudenken, denn er muss sich Gedanken nicht nur über die Geschichte, die er erforscht und darstellt, sondern auch über sich selbst machen; er muss sich bewusst werden über die Motive, die seinen historischen Interpreta­tionen (und das sind Ergebnisse seiner Qualitätsurteile, seiner Wertungen) zugrunde liegen.
Denn jede historische Forschung und Darstellung setzt bei dem, der sich ihr widmet, ein Weltbild voraus. Er muss bereits eine «Vor­stellung» von dem Gegenstand seiner Forschung haben. Darin unter­scheidet er sich übrigens nicht grundsätzlich vom Naturwissenschafter, der auch von einer Arbeitshypothese ausgehen muss. Nur im Blickfeld dieser Vorstellung, dieser Arbeitshypothese, die er von der geschicht­lichen Welt oder, enger gezogen, von dem Gegenstand seiner For­schung hat, kann der Forscher sein Material sammeln, sichten, ver­gleichen, klassifizieren. Dabei ist eine Auswahl unvermeidlich, und die Frage lautet, nach welchen Kriterien diese Auswahl von Wichtigem und weniger Wichtigem, von Wesentlichem und Unwesentlichem vorgenommen werden soll. Hier objektive, sachlich begründete Kri­terien herauszufinden, nach denen diese Auswahl getroffen werden muss, wäre die Aufgabe eines wissenschaftlichen Klassifizierungs­prinzips. Die Geschichtswerke über den gleichen Gegenstand, sofern sie sich allgemeine Urteile erlauben, sind so verschieden voneinander, weil auf Grund verschiedener Wertungen der geschichtlichen Vorgänge verschiedene Klassifizierungen des Materials vorgenommen worden sind. Der einzelne Historiker lässt seine Quellen, besser: die Auswahl, die er auf Grund seiner eigenen Werturteile getroffen hat, sprechen, solange es nicht gelingt, einen Consensus der Historiker über die Wertmassstäbe zu erreichen.
Das Kriterium für einen der Wahrheitsfindung – und nur ihr – verschriebenen Historiker ist darin zu erblicken, dass er fähig und gewillt ist, auf Grund seiner Untersuchungen oder der Untersuchun­gen anderer zu einer Darstellung und Interpretation der erforschten Tatbestände zu gelangen, die differenzierter, der Sache adäquater, vielleicht sogar anders ist als seine ursprüngliche Vorstellung. Es kommt vor, dass man von einer Arbeitshypothese ausgeht und zu einem andern Ergebnis gelangt. Zu aller wissenschaflichen Arbeit gehört Entsagung und geistige Redlichkeit. Die Wissenschaftlichkeit eines Gelehrten steht in einer engen Beziehung zu seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung. Nicht das Vor-Urteil, das Nach-Urteil ist wissenschaftlich relevant. Man weiss von einem Historiker, der aus Abneigung gegen den Jesuitenorden über diesen ein Buch schreiben wollte; das Ergebnis seiner Forschungen war ein durch grosse Achtung und Anerkennung für die Gesellschaft Jesu gekennzeichnetes historisches Werk.
Entsprechend dem Gegenstand der Geschichtswissenschaft dürften zwei Dinge unbestritten sein: das Auswahlprinzip und das Prinzip der Wertung, das die Voraussetzung für eine methodisch vertretbare Auswahl bildet. Ein älterer Geschichtsschreiber glaubte, die Schicksale der Völker und Staaten den Sternbahnen vergleichen zu können. Wir sehen wohl die Gestirne, die sich am Himmel der Geschichte be­wegen, aber wir kennen nicht oder wissen mindestens noch nicht genug über die Gesetze, nach denen sie sich bewegen. Es gibt kein Newtonsches Gravitationsgesetz für die Erklärung der Sternbahnen von Völkern und Staaten. Gewisse regelmässig wiederkehrende Erscheinun­gen in der allgemein herrschenden Veränderung des gesellschaftlichen und staat­lichen Lebens sind die einzigen, bloss approximativen «Gesetze», von denen man auf diesem Gebiete Kenntnis hat.
Dabei handelt es sich immer nur um Teil­erscheinungen innerhalb von ähnlich gelagerten Verhältnissen, nicht aber um ein umfassendes Gesetz der Menschheitsgeschichte schlechthin. Ist aber die Geschichtswissenschaft in dieser Hinsicht so viel schlechter dran als die Natur­wissenschaft? Beim Gesetz in der Naturwissenschaft wissen wir, dass auch dieses nur unter Voraussetzungen gilt und nur Teilgebiete er­fasst. Wir wissen überdies, dass das Problem der Objekt-Subjekt-Beziehung sich in allen Wissenschaften stellt, auch in der theoretischen Physik. Die Beobachtung einzelner Prozesse ist durch die Unschärferelation beschränkt – man kann zweifellos sagen: in den Geistes- und Sozialwissenschaften noch mehr als in den Naturwissenschaften. Aber weder in den einen noch in den andern gibt es eine Formel, die die Gesamterscheinung – hier der gesellschaftlichen Welt, dort der Natur – erklären kann. Für eine Weltformel der physikalischen Welt sind die Probleme zu kompliziert und die mathematischen Schwierigkeiten enorm; für eine Weltformel der gesellschaftlichen Welt sind die Probleme ebenfalls zu kompliziert, und in mathematische Strukturen lässt sie sich ohnehin nicht einfangen.
Vor einer Selbsttäuschung muss gewarnt werden: Geschichte ist nicht «ewige Wiederkehr», wie man manchmal redensartlich be­hauptet. Ihre Erscheinungen sind niemals identisch, nur Analogien lassen sich feststellen – wobei erst noch vor falschen Analogien gewarnt werden muss. Im Sinne der echten Analogie muss verstanden werden, was wir Wiederholung in der Geschichte nennen.
Was aber wiederholt sich? Was ist konstant, was typisch? Welches sind mit andern Worten die tieferen, unveränderlichen Seinsbedin­gungen der historischen Welt, ohne deren Kenntnis keine Selbst­erkenntnis des geschichtlichen Menschen möglich ist?
Halten wir zunächst fest: Geschichte handelt von den Verände­rungen innerhalb der menschlichen Kollektivitäten, an einem be­stimmten Ort, innerhalb einer abgelaufenen Zeit. Ihr Objekt sind die Erscheinungen, die wir Gesellschaft, Wirtschaft, Staat, Recht, Kultur, Sitte, Kirche usw. nennen. Die Erfahrungstatsache oder das Gesetz, dass diese Erscheinungen dem Wandel unterworfen sind, voraus­gesetzt, lautet die Frage, ob dieser Wandel gewisse Wiederholungen und Konstanten erkennen lässt, die für den Ablauf der Geschichte typisch sind. Zweifellos ja. Aber welche?
Der Drang des Menschen nach Aktivität, sein Trieb zu Ent­schlüssen, seine Fähigkeit, diese Aktivität bewusst auszuüben und diese Entschlüsse nach rationalen Gesichtspunkten zu fassen, befähigen die strukturierte menschliche Gesellschaft zur Perfektibilität. Ein Tierrudel bleibt grosso modo immer ein Tierrudel. Eine menschliche Kollektivität besitzt die Fähigkeit, sich zu organisieren, zu verfeinern, zu zivilisieren. Sie kann zweifellos auch lange stillestehen, in dem Zustand, in dem sie sich befindet, verharren, und dann muss die Geschichte diese Beharrlichkeit in einem gleichsam statischen Zustand (der übrigens auch bereits ein Ergebnis der Geschichte der betreffenden Kollektivität ist) feststellen. Es gibt solche beharrlichen, scheinbar unbewegten Zustände bei primitiven Stämmen, es gibt auch ganze Kulturen, die die Beharrung in einem einmal erreichten Zustand als ihr durch Religion und Weisheitslehre geheiligtes Lebensgesetz anerkennen. Der Tatendrang, die das Vorhandene verändernde Aktivität, ist nicht an allen Orten, in allen Ländern und Kulturkreisen, zu allen Zeiten gleich stark. Aber in den zur Aktivität, zur Entfaltung des vom Verstand gelenkten Willens befähigten Gesellschaften und Kulturen ist jedoch die Fähigkeit zum Fortschritt nicht zu leugnen. In allen Dingen der materiellen Kultur (oder Zivilisation, denn der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen ist nicht leicht festzustellen), insbesondere in der Technik, bedarf diese Fähigkeit zum Fortschritt kaum eines Beweises. Die Erfindung des Rades zum Beispiel war einer jener entscheidenden technischen Fortschritte, aus dem viele andere abgeleitet worden sind. Selbstverständlich ist dieser Fortschritt weder universell noch absolut, wohl aber partiell und relativ.
Betrachten wir ihn an einigen summarischen Beispielen aus der Sphäre des Gesellschaftlichen und Politischen.
In der Antike im Orient sehen wir das Fortschreiten vom Klan zu Grossreichen, also von primitiven Formen der Sippen, Stämme und Klans zu organisierten Herrschaftsformen, die sich ausgedehnte Territorien unterwerfen und diese durch zentrale Lenkung despotisch regieren.
Für die Entwicklung der griechischen Stadtstaatenwelt im Altertum hat Aristoteles geglaubt, einen typischen Zyklus feststellen zu dürfen: Monarchie, Aristokratie, Demokratie, Ochlokratie, Tyrannis.
Im alten Rom sehen wir den Übergang vom Königtum zur Republik, von der Senatsherrschaft zu demokratischen Formen und von diesen zum Cäsarismus.
Im romanisch-germanischen Abendland folgt auf die Stämme und die Stammesfürsten der Feudalismus, von dem der Weg über fürst­liche Territorialstaaten und den fürstlichen Absolutismus, der sich in einigen Fällen zum nationalen Königtum wandelt, zu einer Nivellie­rung der Gesellschaft führt, aus der bürgerlich-nationale Revolutionen entstehen, die da und dort die Entwicklung zum Cäsarismus be­günstigen, während die soziale Frage im industriellen Zeitalter einen Zustand der latenten, an einigen Stellen offen ausbrechenden sozialen Unruhe mit sich bringt und der moderne Staat als rational organi­siertes, zentral verwaltetes Grossunternehmen seine Macht immer mehr ausbaut und sich zum Wohlfahrtsstaat ausbildet.
Daraus geht hervor, dass die Entwicklung fortschreitet, auf Ver­besserung sinnt, immer rationalere Formen des gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenlebens hervorbringt, so dass zwar eine unauf­haltsame Veränderung vorliegt, aber der Fortschritt manchmal durch Opferung von durchaus verteidigenswerten Zuständen erkauft wird und die Entstehung von Missbildungen keineswegs ausschliesst. Jeder Fortschritt kostet überdies seinen Preis; nichts wird umsonst erworben, was den Gedanken nahelegt, dass das Gesetz der Befähigung der menschlichen Kollektivitäten zur Perfektibilität durch ein Gesetz der Kompensation – im Sinne des: Wer gewinnen will, muss zahlen – ergänzt werden muss.
Dieses enorme Gebiet der historischen Wahrheitsfindung muss behandelt werden: a) nach soziologischen Gesichtspunkten für die Erforschung der Gesellschaftsstrukturen, wobei gewisse typische Gesellschaftsformen festgestellt werden können; b) nach juristischen Gesichtspunkten, wobei die Rechtsgeschichte das Entstehen und die Veränderung bestimmter Institute des öffentlichen und des privaten Rechts, ihre Begriffe und Typen herauszuarbeiten hat; c) nach Ge­sichtspunkten der Religions- und Kirchengeschichte sowie der Sitten- und Kulturgeschichte, die als Faktoren in einer Wechselbeziehung zur Gesellschaft und zum Staate stehen; d) nach politischen Gesichtspunkten, die das Verhalten des Staates und seiner Organe, die Vor­gänge der politischen Willensbildung, die Wirkung der spezifisch politischen Entscheidungen nach innen und nach aussen und die auf diesem Gebiete typischen Vorgänge erkennen lassen; e) nach wirt­schaftshistorischen Gesichtspunkten, die die konstante Einwirkung wirtschaftlicher Produktionsvorgänge auf die Entwicklung von Gesellschaft, Recht, Kultur, Sitte, Religion, Staat, Politik nachzuweisen erlauben; f) nach dem Gesichtspunkt der Rolle des Individuums innerhalb dieser kollektiven Vorgänge.
Mit dieser summarischen Aufzählung sind die Gebiete skizziert, über die systematisch geforscht wird. Spezifisch geschichtswissen­schaftlich müsste die Herausarbeitung einer allgemeinverbindlichen Methode sein, nach der diese verschiedenen Gebiete und Faktoren des historischen Lebens miteinander in Verbindung gebracht werden; denn alles wirkt auf alles. Die Annahme, dass es sich hier um ein Ganzes handelt, innerhalb dessen die Teilerscheinungen in wechsel­seitiger Beziehung stehen, wobei jede im Ganzen der geschichtlichen Welt bestimmte Funktionen erfüllt, dürfte gerechtfertigt sein. Denn keine dieser Teilerscheinungen kommt isoliert vor; sie stehen zu­einander in einem Verhältnis wechselseitiger Wirkung. Diese Zu­sammenschau der Teile im Ganzen ist die Aufgabe einer nach beson­deren methodischen Gesichtspunkten verfahrenden Geschichtssynthese.
Vorgängig sind jedoch die Teilgebiete nach ihren Typen, ihren konstanten Verhaltensweisen, ihren zyklischen Wiederholungen von Vorgängen zu erforschen, und es darf behauptet werden, dass solche regelmässig in Erscheinung tretenden Vorgänge auf den Teilgebieten auch verhältnismässig leicht festgestellt werden können. Anders ver­hält es sich, wenn wir den Gesamtkomplex des historischen Lebens befragen; wir stehen dann vor ausserordentlich komplizierten Ver­hältnissen, die der Typisierung und der Feststellung von gesetzes­artigen Konstanten einen grösseren Widerstand entgegensetzen.
Es ist daher bezeichnend, dass systematisierende Betrachter und Geschichtsphilosophen ein Teilgebiet herausgreifen und dessen Strukturen, Wiederholungen, Gesetzlichkeiten als die Geschichte schlechthin ausgeben. Die Dogmatiker der Geschichtsphilosophie halten dann den Teil für das Ganze. Wir kennen mit Hegel den zum Träger des Weltgeistes erhobenen Staat, von diesem Philosophen für den höchsten Ausdruck der Geschichte gehalten; nach ihm hat sich der Weltgeist den Staat als Gehäuse erkoren, in dem er sich selbst verwirklicht, indem der Staat dazu berufen sei, das Recht und die Freiheit zu verwirklichen. Marx hat in den Produktionskräften das eigentliche Agens der Geschichte zu entdecken geglaubt; das gesell­schaftliche Grundphänomen der Ausbeutung der einen durch die andern lässt die Geschichte als eine ununterbrochene Kette von Klassenkämpfen erkennen, denen durch eine geeignete, das heisst sozialistische Produktionstechnik abgeholfen werden könne; der Sozialismus würde die Ungleichheit der Klassen und damit das Phä­nomen der Klassenkämpfe und der daraus entspringenden Konflikte und Kriege zum Verschwinden bringen. Neuere Geschichtsdenker wie Spengler und Toynbee glaubten, durch die Feststellung von historisch gewordenen und nach ihren typischen Strukturen erkenn­baren Kulturen die Geschichte durch eine Pluralität von Lebens­formen erklären zu können, die sich nach bestimmten Gesetzen ent­wickeln und benehmen; beide haben ein grosses Wissen in ein Schema von Kulturkreisen hineingezwängt; was nicht dazu passte, liessen sie draussen liegen. Die geschichtsphilosophischen Schlüsse, die sie aus ihren kulturhistorischen Feststellungen zogen, sind übrigens von­einander verschieden; aber beide haben mit denjenigen, die, sei es den Staat, sei es die Produktionskräfte, für das massgebende Ge­staltungsprinzip der Menschheitsgeschichte hielten, gemein, dass sie eine einzelne «Potenz» zur Leitidee der Geschichte gemacht haben. Nicht unerwähnt bleibe eine andere, metaphysische «Potenz», die Religion, die die Geschichte als den Plan der Vorsehung betrachtet; der Vorsehung wird von der christlichen Theologie die Rolle zu­geschrieben, sie wolle die Menschen zum ewigen Seelenheil führen, indem sie diese durch mancherlei Prüfungen und Leid läutert und reif zur Einkehr und zur Unterwerfung unter den Willen Gottes macht. Die Welt wird als Jammertal vorausgesetzt und das gottfällige Ver­halten der Menschen im Jammertal als Vorstufe zum Seelenfrieden erhoben. Die Erklärung der Geschichte durch den göttlichen Heils­plan bedeutet ein Transzendieren der Menschheitsgeschichte, das deren rationale Erklärung überflüssig macht.
Alle diese Erklärungsmöglichkeiten oder geschichtsphilosophischen und theologischen Erklärungsversuche haben gemein, dass einem ein­zelnen Aspekt alle anderen Aspekte untergeordnet werden; die Geschichte bekommt dadurch eine Fahne, die national, rot, bunt oder kirchlich sein kann und unter der die Menschheit marschieren muss. Die Wissenschaft jedoch, die den methodischen Zweifel zu ihrer obersten Regel erhebt, kann sich solchen Rufen zur Fahne nicht unterwerfen.
Unsere Auffassung geht dahin, dass, sofern es Gesetzliches gibt, dieses am ehesten auf Teilgebiete zutrifft – eine Regel, die auch für die Naturwissenschaften gilt. Die sogenannten «Lehren der Geschichte» haben daher eine begrenzte Gültigkeit. Man will zum Beispiel aus vergangenen Fehlern in der Politik oder in der Wirtschaft lernen und trachtet daher, ganz bestimmte Verhaltensweisen, die zu Fehlleistungen geführt haben, zu vermeiden. Dagegen ist nichts einzuwenden. Es sind gesetzgeberische, organisatorische, wirtschaftspolitische, soziale, politische Massnahmen denkbar, die aus der Einsicht in frühere Fehler und zu ihrer Vermeidung ergriffen werden können. Eine hochentwickelte Gesellschaft ist fähig zu derartigen, bewusst der Bekämpfung von möglichen Fehlhandlungen und Fehlentwicklungen dienenden Entschlüssen. Es ist zweifellos möglich, historische Modellfälle zu entwerfen und sie im Sinne der Empfehlung oder des Ratschlags den politischen Behörden zu unterbreiten (ein Vorgang der Planung auf Grund von erworbener Erfahrung, der heute bereits in den meisten hochentwickelten Staaten zur Regel geworden ist). Die Gesellschafts- und Staatswissenschaften sind durchaus nicht unfähig zur praktischen Anwendung ihrer Einsichten auf die Politik im weitesten Sinne.
Wenn man aber versucht, historische Modellfälle im Sinne von allgemeinverbindlichen Entwürfen für die Zukunft der Menschheit – zum Beispiel die proletarische Weltrevolution oder die Gründung eines Weltstaates – zur Anwendung zu empfehlen, ist grösste Vorsicht am Platze. Denn solche Modellfälle entstehen meist nicht aus kritischer Durchdringung der Materie, sondern aus dem menschlichen Be­dürfnis nach Mythen; politischer Aktivismus strebt unbewusst nach der Verwirklichung von Mythen – und das ist etwas ganz anderes als die pragmatische, auf Teilgebiete der Politik, Wirtschaft und Gesetz­gebung zutreffende Anwendung von wissenschaftlich erworbenen und daher vertretbaren Lehren. Auch dabei darf nie die ausserordent­liche Fülle von Varianten aus den Augen gelassen werden, die die historische Wirklichkeit dem Menschen anbietet. Es können Störfak­toren auftreten, die die Anwendung eines Modells illusorisch machen.
Man nähert sich bei solchen Versuchen einer Mechanik der Ge­schichte, und als eine politische Mechanik ist beispielsweise Machiavellis «Principe» zu verstehen. Er ist in dem Jahrhundert entstanden, das mit Begeisterung seine Entdeckerfreude der Mechanik – der Mechanik der Himmelskörper wie der Mechanik der Maschine – zu­wandte; in dem (beschränkten) Masse, in dem Politik mechanischen Gesetzen gehorcht, haben Machiavellis politische Ratschläge ihre Gültigkeit. Die Dinge komplizieren sich aber beträchtlich, sobald man es mit der Dynamik der Geschichte und der Politik zu tun hat. Lord Acton hat es ein Gesetz genannt, dass Macht sich unbegrenzt auszudehnen bestrebt sei und alle Hindernisse überwinde, bis sie durch eine stärkere Macht aufgehalten werde. Eine solche Einsicht konnte in einer Zeit gedeihen, die sich der Erforschung der Dynamik und ihrer Gesetze zugewandt hatte, und Lord Acton hat zweifellos ein Gesetz oder zumindest eine Regel der politischen Dynamik formuliert.
Bedenken müssen wir vor allem, dass Geschichte nicht in ihrer konkreten Gestalt vorausgesagt werden kann. Die Zukunft ist zwar vorgeformt, die Kräfte der Vergangenheit und Gegenwart sind am Werk, man kann Entwicklungslinien erkennen, potentiell ist die Zu­kunft bereits vorhanden; dennoch bleibt die Zukunft geheimnisvoll offen. Wahrscheinlichkeitsrechnungen mag man anstellen; aber man weiss, welche riesigen Zahlen vorausgesetzt werden müssen, damit eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zutrifft. Mittlerweile spielt die geschichtliche Wirklichkeit ihre fast unbegrenzt scheinenden Varian­ten durch. In der Geschichte, wie in der Natur, kann ein Endzweck nicht abgesehen werden. Denn auch das Zweckgerichtete ist nur auf Teilgebieten, in bestimmten politischen, geographischen und zeitlichen Grenzen erkennbar und erreichbar. Der Mensch möchte zwar den Endzweck der Menschheits­geschichte kennen. Aber wird er ihn je kennen können? Die Rechnun­gen mancher Geschichtsphilosophen haben den Fehler, dass sie zu leicht aufgehen. Das Los des Menschen ist,, mit Problemen zu leben, deren endgültige Lösung er nicht kennt. Es bleibt immer ein Erdenrest, zu tragen peinlich.
Indessen sind gewisse typische Vorgänge und konstante Ver­haltensweisen auf allen Gebieten, auf denen menschliche Kollektivitäten handelnd oder erleidend, sich konsolidierend oder sich auflösend in Erscheinung treten, fraglos feststellbar. Da diese Vorgänge jedoch irreversibel  und  experimentell  nicht  reproduzierbar  sind, müssen sie anhand eines enormen Materials vergleichend klassifiziert werden. Grundlage für eine solche Arbeit wäre eine historische Kasuistik, für die, wie in der Medizin und in der Jurisprudenz, ähnlich gelagerte Fälle gesammelt und verglichen werden müssten. Eine solche historische Kasuistik, die im organisierten Teamwork nach einem methodisch durchdachten Frageschema auszuarbeiten wäre, könnte die Grundlage für eine historische Klassifizierung ab­geben. Leider ist unsere Wissenschaft bisher kaum in diese Richtung vorgestossen.
Denn die Geschichte ist vor allem eine ungeheure Sammlung von Fällen. Die Klassifizierung dieser Fälle nach Art-Zusammenhängen ist schwer zu erreichen. Immerhin würde ihre systematische Sichtung und Vergleichung zum Zweck der Klassifizierung endlich gestatten, das Typische, Konstante, sich Wiederholende in der Geschichte mit mehr Sicherheit als bisher festzustellen. Wie in allen Wissenschaften, die vom Menschen handeln, sind diese Fälle zunächst einzigartig; nur durch eine methodisch gesicherte Klassifizierung werden sie typisch, und erst in diesem Stadium ist die Abstraktion möglich. Die Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung haben vielleicht zu lange in einem Stadium verharrt, das allerdings der theoretischen Physik vollständig abhanden gekommen ist und von dem Markus Fierz sagt, es habe «jenen einmaligen und unwiederbringlichen Zauber des wirklichen Lebens». Den Zauber zugegeben: aber eine gewisse Selbstgefälligkeit, mit der die Historiker sich an seinen Berauschungen ergötzten, hat bewirkt, dass die Geschichte als Wis­senschaft langsamere Fortschritte als andere Disziplinen gemacht hat.    •

Quelle: «Das Gesetz in der Geschichte». Vortrag in der Studentischen Arbeitsgemeinschaft beider Hochschulen Zürichs, Zyklus: «Das Gesetz in den verschiedenen Wissenschaften», am 26. Januar 1962. Aus: Kultur und Wirtschaft, Festschrift zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Eugen Böhler, Polygraphischer Verlag Zürich 1963, S. 67–78

Entnommen aus: J. R. von Salis. Geschichte und
Politik. Zürich 1971, S. 61–73

1    Markus Fierz. «Über das Wesen der Theoretischen Physik», in: Studia philosophica, Bd. 16, Basel 1956, S. 130ff.

«Geschichte auf personaler Grundlage verstehen als lebendiges Gestalten aller Länder und Völker»

J. R. von Salis’ und de Gaulles «Europa der Vaterländer» – eine andere Art des Denkens

von Dr. Annemarie Buchholz-Kaiser

Timothy Snyders bedrückendes Buch «Blood­lands – Europa zwischen Hitler und Stalin» ist wie kein zweites dazu angetan, um endlich mit der Aufarbeitung entscheidender Abschnitte des letzten Jahrhunderts zu beginnen. Wir in Westeuropa haben über beide Seiten nachzudenken, war die Sozialistische Internationale doch ein Resultat geistiger Auseinandersetzung in unseren Breitengraden. Die Fehler von Grossmachtpolitik, von grossflächiger Planung über die Menschen und die Völker hinweg haben so unsägliches Leid mit sich gebracht, dass wir heute dagegen immun sein müssten. Das wären wir vielleicht auch in einem höheren Grade, wenn die Zusammenhänge jener Zeit aufgearbeitet wären. Sind wir nun aber nicht wieder auf dem Weg in ähnliche Fehler mit unabsehbaren Folgen?
Schweizer Historiker wie ein Jean-Rodolphe von Salis, die in der Zwischenkriegszeit ihr Studium absolvierten und während des Krieges mit Verantwortung übernehmen muss­ten, hatten die verheerenden Folgen Monat für Monat vor Augen. Ihr Denken war vom gleichen Ernst gekennzeichnet, wie er in der Mehrheit der Bevölkerung spürbar war – und an den wir damalige Kindergarten- und Primarschulkinder uns noch erinnern, wie wenn es gestern gewesen wäre. Gotthard Frick führt diese Geisteshaltung in seinem Buch «Hitlers Krieg und die Selbstbehauptung der Schweiz 1933–1945» sehr präzis vor Augen.
Von Salis hatte am 8. Februar 1940 vom Schweizer Bundespräsidenten Marcel Pilet-Golaz den Auftrag bekommen, für den Schweizerischen Radiosender Beromünster einen wöchentlichen Lagebericht, die «Weltchronik», zu verfassen. Er war sich seiner Verantwortung bewusst. Seine Berichte zeichneten sich durch grosse Verlässlichkeit und abwägende Sorgfalt aus, so dass Widerstandsbewegungen in verschiedenen europäischen Ländern sich daran orientieren konnten. «Worte im Kriege sind keine Literatur. Sie sind verbindlicher, verpflichtender als im Frieden, denn sie sind eine gefährliche Waffe. Ihre wöchentliche Wiederholung übt eine Wirkung auf die Stimmung und Meinungsbildung der Hörer aus. Diese Kriegsberichterstattung war ein geistiges Abenteuer. Ich wünsche jedem Historiker, dass er einmal Gelegenheit erhalte, die Geschichte im Werden öffentlich zu kommentieren.» Und er fügt bei: «Der Ausgang des Dramas war noch verborgen.»
Jean-Rodolphe von Salis fuhr am 10. Mai 1940 nach Paris, um im persönlichen Gespräch zu erfahren, wie die intellektuellen und politischen Eliten Frankreichs sich zur näher rückenden Bedrohung durch Deutschland stellen. «Am Morgen meiner Abreise nach Paris, dem 10. Mai 1940, erhielt ich einen Anruf, dass Holland, Belgien und Luxemburg von den Deutschen angegriffen worden seien.» Es war der Tag der Generalmobilmachung in der Schweiz.
Die Verbindungen zwischen der Schweiz und Frankreich sind nicht nur wegen der gemeinsamen Sprache eng. De Gaulle als Nordfranzose ist den Schweizern auch in seinem Wesen vertraut. «Innen- wie aussenpolitisch ist de Gaulles Haltung diejenige eines Nordfranzosen, eines in Lille, auf der Grenzscheide zwischen Frankreich und Flandern, geborenen Menschen, dessen Heimat seit Jahrhunderten Invasionen, Kriegen, Entscheidungsschlachten den Schauplatz geliefert hat; das hatte zur Folge, dass die nordfranzösischen Bevölkerungen nur durch ihre Beharrlichkeit, durch eisernen Fleiss und eine puritanische Selbstdisziplin und Arbeitsamkeit die Stürme der Geschichte überstehen konnten.» Mit hervorragendem Einfühlungsvermögen zeichnet von Salis die grundlegenden Linien für de Gaulles «Europa der Vaterländer» – ein Konzept, das heute erneut zu überdenken ist.
Für beide Persönlichkeiten sind «die Grenzen, die von der menschlichen Erfahrung, vom gesunden Verstand und vom Gesetz gezogen werden» eine zu bewahrende Grundlage. Beide misstrauten – wie unzählige andere – der «Masslosigkeit, Machtmissbrauch, Grenzenlosigkeit» der dreissiger Jahre und hielten an ihren Werten fest: historische Erfahrung, Vernunft, kluge Beschränkung und Masshalten.
Sind wir heute – erneut am Rande einer Weltwirtschaftskrise – nicht in einer ähnlichen Situation, wo der Ausgang des Dramas noch verborgen ist? Wo keine vorgefertigten Rezepte weiterhelfen? Wo geschichtliche Erfahrung, Vernunft, Masshalten und ethische Werte allgemeine Richtlinien sein müssen, um als gleichberechtigte Völker auf diesem Globus einen gangbaren Weg zu suchen? De Gaulles Konzept eines «Europas der Vaterländer» als Ausgangspunkt für ein Nachdenken zu nehmen, um aus einer Politik des gegenseitigen Bezwingens und Ausnützens, der Über- und Unterordnung herauszufinden, könnte sich lohnen. Auch der Ernst und der Verantwortungssinn jener Generation, die die Folgen von wahnhafter Grossmachtpolitik noch vor Augen hatte, könnte uns heute nicht schaden.
Von Salis hatte Paris am 17. Mai 1940 mit dem Nachtzug verlassen. Die Deutschen rückten gegen Paris vor, das starke Frankreich wurde besetzt. Nach einer unruhigen Nacht erreicht der Zug in Les Verrières die Schweizer Grenze. «Auf dem Bahnsteig erblicke ich zwei oder drei Schweizer Offiziere in feldgrauen Mänteln, den Kopf mit dem Stahlhelm bedeckt. Einer spricht mich zu meiner Überraschung an; es ist ein Zürcher Fachkollege.» Sie trinken rasch zusammen eine Tasse Kaffee und tauschen sich über das Nötigste aus. Diese beiden Fachkollegen haben nach dem Krieg bis zu ihrer Emeritierung in Zürich Studenten, Lizentian­den und Doktoranden mit gröss­ter Sorgfalt in das Fach Geschichte eingeführt und ihnen eine Orientierung gegeben für die Zukunft: Respekt für Menschen und Völker, für Länder und Kulturen, Mass­halten, sorgfältiges Sich-Abstimmen, Geschichte auf personaler Grundlage verstehen als lebendiges Gestalten aller Länder und Völker. Dafür sind ihnen beiden Unzählige, auch die Schreibende, bis heute dankbar.

Quelle: Zeit-Fragen, Nr. 41 vom 10.10.2011