Europa erodiert nicht im Osten, sondern im Westen

von Prof. Dr. Klaus Hornung*

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat vor ein paar Wochen in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (21. Mai) das Projekt eines sich immer mehr einer Eigenstaatlichkeit nähernden Projektes EU-Europa mit leuchtenden Farben gemalt und dieses Projekt einem eher finsteren, rückwärts gewandten Russ­land gegenübergestellt. Er knüpft damit an ein Narrativ an, dass in der westlichen Kampagne gegen Russland eine grosse Rolle spielt. Gerne lässt man dabei auch russische Schriftsteller zu Wort kommen, so auch in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 26. Mai Viktor Jerofejew. Das soll dann besonders authentisch und überzeugend wirken und hat wohl auch den Sinn, das Denken des Lesers auszuschalten: «Wenn das ein Russe selbst sagt, dann muss es ja stimmen!» Indes ist Vorsicht geboten.
Ähnlich wie der deutsche Finanzminister versucht auch Jerofejew ein Doppelporträt: Dort die Russen, die sich wieder vom Westen abwenden und sich zurückwenden zu ihren «archaischen» Wurzeln, der Geschichte als Machtdurchsetzung; dort auch Vladimir Putin, der dabei ist, die Europäisierung Russ­lands «endgültig zu den Akten zu legen». Vor diesem dunklen Hintergrund lässt der russische Schriftsteller den heutigen «Westen» um so heller und kritikloser erstrahlen: politisch korrekt, also perfekt demokratisch, tolerant, dem Fortschritt und der Modernität zugewandt, die Russ­land besonders brauchen würde, um vollwertiger Teil der modernen Welt zu werden und nicht ein isoliertes, für die Welt bedrohliches Imperium zu bleiben, das nach China blickt.
Dieses Doppelporträt des russischen Schriftstellers ist allzu einfach gestrickt und voller – überflüssiger – Missverständnisse. Vor allem seine Elogen auf den heutigen «Westen» bedürfen der Korrektur aus selbstkritischer europäischer Sicht. Geschichtsbewusstsein und Patriotismus, nach Jerofjew obskurantistische Tugenden, sind den EU-Europäern zu ihrem nachhaltigen Schaden weitgehend verlorengegangen und wurden verdrängt durch die neuen Heilslehren der Globalisierung und des Multikulturalismus, die die Funktion haben, der Hegemonie der globalen Finanzmächte zu dienen, indessen jedoch die gesellschaftliche Auflösung und Kriminalitätsraten voranschreiten und die Demokratie zur Fassade einer finanzkapitalistischen Oligarchie entarten lassen. Dieser europäische Westen ist längst auf dem Weg zu einer geschichtslosen Weltregion als Teil der seit dem Ersten Weltkrieg jenseits des Atlantiks erstrebten One World.
Es ist wohl kein Zufall, dass das Entsetzen über die «Diktatur des Relativismus» (Benedikt XVI.) nicht im Westen, sondern vor allem unter den Russen ertönt, die «Europa» im Westen nicht mehr zu erkennen vermögen und sich ihre eigenen Gedanken über seinen Niedergang machen.    •

*    Klaus Hornung, Mitglied der CDU und Träger des Bundesverdienstkreuzes, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Sein besonderes Augenmerk galt und gilt der Analyse von und Warnung vor totalitären Tendenzen in Politik und Gesellschaft. Seine diesbezüglichen Forschungen flossen ein in sein 1993 in erster Auflage erschienenes Standardwerk «Das totalitäre Zeitalter. Bilanz des 20. Jahrhunderts», ISBN 978-3548332031. Sein neuestes Buch erschien 2012 und trägt den Titel «Vernunft im Zeitalter der Extreme. Die konservative Position», ISBN 978-3941750852