Die gegenwärtige Lage im Irak und in Syrien: Folgen geopolitischer Fehlentscheidungen

von Prof. Dr. Albert A. Stahel, Institut für Strategische Studien, Wädenswil

Am 20. März 2003 begann die Bush-Administration, unterstützt durch eine Koalition von willigen Alliierten, die Invasion des Irak. Der Entscheid für diese Invasion beruhte im wesentlichen auf drei Annahmen:

  1. Der Irak verfüge immer noch über Massenvernichtungswaffen. Diese sollten nach der Invasion zerstört werden;
  2. durch den Sturz des Diktators Saddam Hussein könnte ein Prozess der Demokratisierung im Irak und in der arabischen Welt eingeleitet werden;
  3. zwischen dem Regime von Saddam Hussein und al-Kaida von Osama bin Laden gebe es Beziehungen und Zusammenarbeit. Saddam Hussein sei für den Anschlag vom 11. September 2001 auf die USA mitverantwortlich.

Ob auch der Wunsch nach Kontrolle über die Erdölgebiete des Irak den Entscheid der Bush-Administration mitbestimmte, muss heute angesichts des fehlenden Einflusses der USA auf die Ereignisse im Irak hinterfragt werden.
Alle drei Annahmen erwiesen sich in der Folge als falsch. Der Irak hatte gar keine Massenvernichtungswaffen mehr. Diese waren unter Aufsicht von UN-Inspektoren vernichtet worden. Der Sturz von Saddam Hussein löste im Irak keine Demokratisierungswelle aus, sondern ein Chaos. Der Irak zerfiel sehr schnell in drei Teile:
1.    einen durch die schiitischen Araber dominierten Teil;
2.    einen Teil, der durch die sunnitischen Araber bewohnt ist;
3.    das Gebiet der sunnitischen Kurden.

Die irakische Zivilgesellschaft war durch den Krieg gegen Iran von 1980–88, den Krieg von 1991 gegen die USA und ihre Alliierten und die UN-Sanktionen pulverisiert worden. Anstatt diese Gesellschaft gezielt zu sanieren, entliess der amerikanische Prokonsul L. Paul Bremer III. von einem Tag auf den andern die gesamte irakische Armee. Damit wurden Hunderttausende sunnitische Soldaten und Offiziere arbeitslos, die sich sehr schnell in Widerstandsbewegungen organisierten. Sein nächster Akt war die Abschaffung der Baath-Partei. Dadurch wurden Hunderttausende von Arabern kriminalisiert und hatten infolge des Entbaathifizierungsprogramms keine Aussicht mehr auf eine Stelle. Die sogenannte Demokratisierung führte zur Machtübernahme der Schiiten über den Irak, der über tausend Jahre durch Sunniten beherrscht worden war. Unter den sunnitischen Arabern nahmen Frustrationen und Rachegefühle zu, die sich sehr bald in einen bewaffneten Widerstand gegen die US-Truppen und ihre Alliierten entluden.
Auch die Annahme, dass Beziehungen zwischen dem säkularen Regime von Saddam Hussein und den islamischen Fundamentalisten von al-Kaida bestünden, erwies sich als falsch. Erst nach der Invasion erhielt al-Kaida die Möglichkeit, sich im Irak festzusetzen und Anschläge auszuführen. Bis 2006 sah es ganz danach aus, als ob die Amerikaner militärisch im Irak eine Niederlage erleiden würden. Unter dem Einfluss des neuen US-Verteidigungsministers Robert M. Gates wurde für den Irak eine neue Besetzungsstrategie umgesetzt. Washington entschied über die Aufstockung der Besatzungstruppen durch weitere 5 Kampfbrigaden – dem sogenannten Surge – und unterstützte das Vorgehen des neuen US-Kommandierenden im Irak General David Petraeus. Diesem gelang es durch Geldzuwendungen und politische Versprechen, die sunnitischen Stammesführer der Provinz Anbar für die Seite der Amerikaner zu gewinnen.
2010 und 2011 war der Irak weitgehend befriedet. Die politische Zukunft des Irak beruhte aber nach wie vor auf der Präsenz von US-Truppen. Der Obama-Administration gelang es offenbar nicht, den irakischen Präsidenten al-Maliki von der Notwendigkeit eines Abkommens als Grundlage für die weitere Stationierung von US-Truppen zu überzeugen. Bis heute ist unklar, ob die Obama-Administration von vornherein nicht den notwendigen Druck auf al-Maliki für den Abschluss eines solchen Vertrages ausübte oder an einem solchen Abkommen gar nicht interessiert war. Tatsache ist, dass alle US-Streitkräfte beinahe fluchtartig Ende 2011 aus dem Land gingen und den Irak seinem Schicksal überliessen.
Der gegenwärtige Zusammenbruch der irakischen Armee dürfte die Folge des Fehlens von US-Truppen im Irak sein. Aber auch die miserable Motivation und unzweckmässige amerikanische Bewaffnung der irakischen Streitkräfte, denen Waffen für die Bekämpfung einer Guerillaarmee fehlen, dürften die Kontrolle weiter Teile des Irak durch Isis (ad- dawia al-islamiya fi I-iraq wa-sch-scham, Islamischer Staat im Irak und in der Levante) erleichtert haben. Die 15 000 Mann der Isis im Irak werden durch Abu Bakr al-Baghdadi und frühere Offiziere der Armee von Saddam Hussein militärisch straff geführt. Es ist deshalb falsch, Isis als eine Terrororganisation zu bezeichnen. Isis ist eine islamische Armee, die mit Erfolg den Guerillakrieg führt und insbesondere erfolgreich die Taktik der Stadtguerilla umsetzt.
Für den gegenwärtigen Erfolg von Isis im Irak sind zwei geopolitische Fehler mitverantwortlich:

  1. die geopolitisch unüberlegte Invasion des Irak durch die Bush-Administration und Bremers nicht durchdachte Entscheidungen;
  2. der fehlende Abschluss eines Vertrages zwischen der Obama-Administration und der Maliki-Regierung für die Stationierung von US-Truppen nach 2011.

Ob jetzt noch eine Chance besteht, den Erfolg von Isis im Irak durch Einsätze von amerikanischen Drohnen oder/und Einheiten der iranischen Pasdaran (Revolutionsgarde) rückgängig zu machen, muss angesichts der gegenwärtigen politischen und militärischen Lage im Irak bezweifelt werden. Mit ihren Fehlentscheidungen haben sowohl die Bush- als auch die Obama-Administration zur Destabilisierung des Irak und damit zur geopolitischen Destabilisierung der gesamten Region am Persischen Golf beigetragen.
Wo ist Isis entstanden, und wer hat Isis gefördert? Vor drei Jahren hat in Syrien der Krieg zwischen dem Regime von Assad und verschiedenen sunnitischen Gruppierungen eingesetzt. Sehr bald entstand eine Aufsplitterung der Sunniten in die sogenannte gemässigte Freie Syrische Armee und islamische Organisationen. Die letzteren vertraten den konservativen Islam der Salafisten. Zwei Organisationen dieser Richtung hatten immer grössere Erfolge gegen das Assad-Regime, al-Nusrah und Isis. Beide Organisationen wurden entsprechend ihrer Ideologie des Salafismus durch Saudi-Arabien gefördert und mit Waffen versorgt. Zu Beginn bekannten beide Organisationen ihre Allianz mit al-Kaida. Heute bekennt sich al-Nusrah wohl immer noch zu al-Kaida. Dagegen hat sich Isis verselbständigt und kontrolliert vermutlich mit bis zu 8000 gut ausgebildeten Kämpfern grosse Gebiete Syriens. Mit weiteren 15 000 Mann hat Isis mit Ausnahme der kurdischen Gebiete den gesamten nördlichen Irak überrannt. Ziel von Isis dürfte die Errichtung eines islamischen Emirates sein, das die sunnitischen Gebiete Syriens, des Irak und Libanons umfassen würde. Sollte Isis gar Bagdad oder Damaskus erobern, die in früheren Zeiten die Hauptstädte verschiedener Kalifen-Dynastien waren, dann könnte das Fernziel von Isis die Wiedererrichtung des Kalifats als Zentrum der islamischen und arabischen Welt sein. Dazu müsste allerdings auch Saudi-Arabien, das nach wie vor Isis fördert, mit den beiden Heiligen Städten Mekka und Medina erobert werden.
Die Förderung von Isis könnte sich für Saudi-Arabien damit als geopolitischer Bumerang erweisen. Die Destabilisierung wird sich nicht auf Syrien und den Irak beschränken, sondern könnte den gesamten Mittleren Osten erfassen. Die Verantwortung für eine solche Entwicklung läge sowohl bei den USA als auch beim saudischen Königshaus.    •

Islamistische Kampftruppen – Produkt aus «Devil's game»?

hhg. Wenn man den Artikel von Prof. Dr. Albert A. ­Stahel liest, lohnt es sich, als Hintergrundinformation «Devil’s Game» (2005) von Robert Dreyfuss zur Hand zu nehmen, ein hervorragendes historisches Nachschlagewerk. Es ist die erste vollständige Untersuchung eines geheimen Bereiches der amerikanischen Aussenpolitik: die Unterstützung des fundamentalistischen Islam seit dem Zweiten Weltkrieg bis in unsere Zeit. Bereits das British Empire hatte sich des fundamentalistischen Islam zur Durchsetzung imperialer Interessen bedient. Seine brisanten Ausführungen stützt Dreyfuss auf Recherchen in Archiven, Interviews mit Politikern, mit Mitarbeitern der Geheimdienste und des amerikanischen Verteidigungs- und Aussenministeriums. Damit legt Dreyfuss Grundlagen für ein wirkliches Verständnis des imperialen Zugriffes – zuerst des British Empire und dann der USA – auf die Geschicke des Nahen und Mittleren Ostens. Bezüglich des Krieges gegen Saddam Hussein von 2003 hält Dreyfuss folgendes fest: «Das Regime in Bagdad, so diktatorisch es war, war ein säkulares, dessen führende Baath-Partei ein überzeugter Feind der Islamisten war, sowohl der schiitischen wie auch der sunnitischen Richtung. Aber Bush ermutigte – bewusst und mit Bedacht – die irakischen Islamisten, nach der Macht zu greifen.» (S. 339f.) Heute weiss man, dass Bush damals unter dem Einfluss der Neocons handelte. Deren Pläne charakterisiert Dreyfuss wie folgt: «Die Neokonservativen wollen den Mittleren Osten kontrollieren, nicht reformieren, auch wenn dies bedeutet, Länder auseinanderzureissen und sie zu ersetzen durch kleine Rumpfstaaten entlang ethnischer und konfessioneller Linien. Die islamische Rechte, in diesem Zusammenhang, ist gerade (just) ein Werkzeug mehr, um existierende Regime niederzureissen.» (S. 337)
«Devil’s game» fand grosse Beachtung und Anerkennung bei Autoren wie Chalmers Johnson oder Seymour Hersh, der es als «brillantes Buch» charakterisiert. Auch Chas W. Freeman, der als US-Botschafter in Saudi-Arabien weilte und damit ein Kenner der hidden-agenda ist, bezeichnet die Untersuchung als «sorgfältig recherchiert».

Quelle: Robert Dreyfuss, Devil's game, New York 2005,
ISBN 978-805-081374